Erstmals Menschen geklont

Wolfgang B. Lindemann, Erstmals Menschen geklont, Der Fels 9/1999, p. 257f. (September 1999)

 

Im Dezember 1998 machte eine südkoreanische Forschergruppe von sich reden, als sie auf einem Fachkongress angab, weltweit erstmals einen Menschen geklont zu haben 1, 2 .

Als "Klonen" wird im wissenschaftlichen Sprachgebrauch die künstliche Vermehrung von Erbgut verstanden. Jede lebende Zelle trägt in sich eine Kopie ihres eigenen Bauplans, der bei der Zellteilung an die Tochterzellen weitergegeben wird. Der Bauplan oder das Erbgut ist in der Desoxyribonucleinsäure (DNS) niedergelegt, welche sich im Zellkern befindet. Die einzelnen "Informationseinheiten" der DNS, die z.B. den Aufbau eines einzelnen Eiweißes bestimmen, heißen Gene.  Bei der geschlechtlichen Fortpflanzung paaren sich jeweils eine mütterliche Eizelle und eine väterliche Samenzelle, die beide nur jeweils die Hälfte des für ein Lebewesen erforderlichen Erbgutes enthalten. Nach der Befruchtung der Eizelle durch die Samenzelle ensteht ein neues Lebewesen, das genau die Hälfte aller Gene von jedem Elternteil geerbt hat.

Seit längerer Zeit schon ist der Mensch dazu in der Lage, einzelne Gene zu isolieren und beispielsweise in Bakterien einzuführen. Solche gentechnisch veränderten Bakterien können dann auf natürlichem Wege leicht beliebig vermehrt werden und produzieren bei geeigneten Bediungen die von den eingeführten Genen kodierten Genprodukte. Ein Großteil des heute bei der Behandlung von Diabetikern verwendeten Insulins wird etwa auf diese Weise hergestellt.

Etwas völlig anderes ist es, nicht ein einziges Gen, sondern einen ganzen Organismus zu klonen, ihn künstlich und ungeschlechtlich zu vermehren. 1997 ist dies erstmals mit dem berühmten Schaf "Dolly" gelungen, welches eine genaue Kopie eines anderen Schafes ist. Zu seiner Erzeugung wurde der Zellkern einer Zelle eines erwachsenen Schafes in die befruchtete Eizelle eines anderen übertragen, deren urspünglicher Kern entfernt worden war. Die entstehende künstliche Zelle teilte sich anschließend wie jede andere befruchtete Zelle. Sie wurde einem weiblichen Schaf in die Gebärmutter übertragen und führte zu einer normalen Schwangerschaft und Geburt.

Aufgrund der großen Ähnlichkeit zwischen menschlicher und tierischer Biologie war es zu erwarten, daß früher oder später diese Technik auch beim Menschen erprobt werden würde.

Dies ist vor einigen Monaten geschehen. Im Dezember 1998 berichteten südkoreanische Wissenschaftler, sie hät-ten einer Frau eine Eizelle entnommen, deren Zellkern entfernt, und durch einen anderen Zellkern einer Körper-zelle derselben Frau ersetzt. Die entstandene neue Zelle wurde von ihnen anschließend dazu angeregt, sich wieder zu teilen, so daß ein Embryo entstand. Nach 2 Teilungen, als der Embryo 4 Zellen besaß, wurde das Experiment abgebrochen und der Embryo abgetötet.

Die Forscher geben als ihre Motivation an, sie hätten grundsätzlich erproben wollen, ob die bisher nur bei Tieren wie Schafen und Mäusen beschriebenen Klonierungstechniken auch beim Menschen anwendbar seien. Eine künstliche Erzeugung eines geklonten Menschen -was die Wiedereinführung in die Gebärmutter einer Frau und die Austragung der Schwangerschaft bis zur Geburt erfordert hätte- sei von ihnen nicht beabsichtigt worden.

In Südkorea erhob sich auf diese Nachricht ein Sturm der Entrüstung. Bürgerbewegungen formierten sich und verlangten das gesetzliche Verbot solcher Experimente, das Parlament wurde aufmerksam.

Zusätzlich wurden von Fachwissenschaftlern Zweifel an diesem Experiment geäußert. Die Forscher hatten angegeben, überprüfen zu wollen, ob die bei Tieren erprobten Klonierungstechniken auch bei Menschen funktionieren und schlossen aus dem Ausgang dieses Experimentes, daß dies der Fall sei. Ohne auf Einzelheiten einzugehen, sei gesagt, daß das Experiment als ungenügend angesehen wurde, da der Embryo schon nach 2 Teilungen abgetötet wurde. Er hätte nach Aussage von Experten vielmehr längere Zeit am Leben erhalten und beobachtet werden müssen.

Das Klonierungsexperiment wurde von einem  Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Kim Bo Sung und Lee Bo Yeon am Zentrum für künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation) am Kyunghee Universitätskrankenhaus in Seoul durchgeführt. In Südkorea existieren landesweit etwa 80, miteinander in scharfer wirtschaftlicher Konkur-renz stehende Zentren für künstliche Befruchtung. Es wurde daher verschiedentlich der Verdacht geäußert1, das Zentrum wolle in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken, um mehr Kundinnen anzuziehen. (Bei der künstlichen Befruchtung wird eine Eizelle künstlich im Reagenzglas befruchtet und dann in die Gebärmutter zurückgeführt. Dies ist für einige kinderlose Paare die einzige medizinische Möglichkeit, Kinder zu bekommen. Da die Methode nicht sehr gut funktioniert, müssen pro geborenes Baby ungefähr 20 Eizellen befruchtet werden. Diese überzähligen befruchteten Eizellen - Embryos oder, besser gesagt, Menschen - kommen dabei auf verschiedene Weisen ums Leben, ehe ein Baby geboren wird).

Auf erschreckende Weise zeigt sich, wie weit verbreitet die Ansichten sind, die der Vizepräsident des Verbandes Deutscher Biologen, Dr. Rüdiger Marquardt, in der Vereinszeitschrift "Biologen heute" 1997 damals in Bezug auf "Dolly" ausgesprochen hat:

"Leider gingen in der kollektiven Empörung über Horden geklonter Mindermenschen die nachdenklichen Töne völlig unter. Erst Wochen später wurde die Frage diskutiert, ob das Klonen nicht dann in Erwägung gezogen werden müsse, wenn es die einzige Möglichkeit für kinderlose Ehepaare darstellt, Kinder mit ihrem Erbgut zu haben. Eine Frage, deren Beantwortung gar nicht so einfach ist" 3.

Als Biologe müßte Herr Marquardt wissen, daß durch Klonen nur die Kopie eines Ehepartners erzeugt werden kann - aber nicht Nachkommen mit dem Erbgut des Ehepaares, d.h. von Vater und Mutter. Das ist ein qualitativer Unterschied. Koreanische Befürworter des Klonen gingen noch einen Schritt weiter und sprachen hoffnungsvoll davon, daß durch diese Technik lesbische Paare Kinder haben könnten2.

Neben dem Unheil, das diese verwerflichen Experimente direkt anrichten, sollte nicht vergessen werden, daß dadurch die Gentechnik als ganze in Verruf gerrät. Es verwundert nicht, daß letzten Sommer eine Volksabstimmung in der Schweiz beinahe jede Form von Gentechnik landesweit untersagt hätte - mit den verhängnisvollen Folgen, die das beispielsweise für Diabetiker haben könnte, wie der Autor dieses aus seiner eigenen ärztlichen Tätigkeit sagen kann.

Es ist zu hoffen, daß dieses Experiment einmalig bleiben und weltweit keine Nachahmer finden wird, dafür aber wachsame Gesetzgeber, die die Gebote Gottes 4 respektieren und derartige Aktivitäten einem raschen Ende zuführen.

 

Wolfgang B. Lindemann, Straßburg

 

 

(1) "Korean report sparks anger and inquiry", Science 283, S. 16f (1. 1.1999)

(2) "Reports casts doubt on korean experiment", Science 283, S. 618f (29. 1.1999)

(3) Biologen heute, Mitteilungen des Verbandes Deutscher Biologen e.V. und biowissenschaftlicher Fachgesellschaften,  3/97, S. 2

(4) Katechismus der katholischen Kirche Nr. 2275

C) Homepage von Wolfgang Lindemann aus Hamburg

[Arzt in France] [Arzt in Frankreich] [Français] [Aktuell] [Impressum]