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Der Fels 2/2002, p. 48-50 (Februar 2002)
Die Diskussion um die Verwendung sogenannter „embryonaler Stammzellen“ in Forschung und Heilkunde beschäftigt seit einiger Zeit die Öffentlichkeit. Hier soll erläutert werden, worum es dabei geht und was aus Sicht der katholischen Religion dazu zu sagen ist.
Menschen und Säugetiere entwickeln sich wie alle mehrzelligen Lebewesen aus einer befruchteten Eizelle. Die Eizelle teilt sich in Tochterzellen, aus denen im Laufe vieler weiterer Teilungen die einzelnen Organe des Menschen entstehen. Während der ersten drei Monate nach der Befruchtung wird der heranwachsende Mensch „Embryo“ genannt, danach heißt er Fetus. Bei ausgewachsenen Lebewesen bestehen die Organe aus spezialisierten Zellen, die eine genau bestimmte Funktion ausüben. Diese spezialisierten Zellen sind aus weniger spezialisierten Vorläuferzellen entstanden, die auf noch frühere Vorläuferzellen zurückgehen, die schließlich alle aus ersten Tochterzellen der Eizelle hervorgegangen sind. Ganz „frühe“ Tochterzellen oder embryonale Stammzellen haben noch die Möglichkeit, sich in alle Zellen zu entwickeln. Dadurch werden sie interessant für Grundlagenforschung und Medizin.
Biomediziner versprechen sich von der Verwendung menschlicher embyonaler oder fetaler Stammzellen enorme Möglichkeiten. Grundsätzlich geht es darum, Stammzellen zu verwenden, um durch Krankheit oder Unfall zerstörte Organe beim Menschen zu ersetzen, denn Stammzellen können dazu gebracht werden, sich zu teilen, so daß sie immer in großer Menge zur Verfügung stehen. Unter geeigneten Bedingungen (Zusammensetzung der Nährlösung u.a.) spezialisieren sie sich kontrolliert in jeden gewünschten Zelltyp. Dazu einige Beispiele:
Ratten wurde das Rückenmark durchtrennt, was eine Querschnittslähmung bewirkte. Solche Verletzungen sind beim Menschen häufig (Autounfälle) und bisher nicht behandelbar. Sie verurteilen den Betroffenen zu einem Leben im Rollstuhl. Die querschnittsgelähmten Ratten erhielten in die Verletzungsstelle eine Injektion von Nervenzell-Vorläuferzellen, die aus embryonalen Stammzellen gezüchtet worden waren. Die Querschnittslähmung besserte sich daraufhin deutlich 1, unter dem Mikroskop war sichtbar, daß die injizierten Zellen die „Lücke“ ausgefüllt hatten.
Die Parkinson-Erkrankung ist eine häufige Erkrankung des zentralen Nervensystems, die erst zu Bewegungsarmut, Zittern und Muskelsteife, dann zu geistigem Abbau, Siechtum und Tod führt. Ursache ist der Untergang einer bestimmten Zellgruppe im Gehirn, der aus ungeklärter Ursache erfolgt und nicht behandelt werden kann. Durch Medikamente kann der Verlauf verlangsamt, aber nicht aufgehalten werden. Bereits seit einem Jahrzehnt gibt es die Möglichkeit, abgetriebenen menschlichen Kindern Nervenzellen zu entnehmen und Parkinson-Kranken ins Gehirn zu injizieren. Dies führt zu beeindruckenden Besserungen, ja sogar Heilungen der Krankheit 2. Da die Zellen unmittelbar nach der Abtreibung zu entnehmen sind, ist diese Technik praktisch nur experimentell anwendbar. Dagegen könnte unter Verwendung von menschlichen embryonalen Stammzellen der Engpaß „Abtreibung“ umgangen werden: menschliche embryonale Stammzellen, einmal einem Embryo entnommen, können im Labor gezüchtet und grundsätzlich beliebig vermehrt werden., so daß Parkinson-Patienten in großem Umfang behandelbar wären.
Andere Krankheiten, deren Therapie mit Stammzellen vielleicht möglicht wird, sind die Alzheimer-Erkrankung, AIDS, die Zuckerkrankheit, Osteoporose oder Knochenbrüche. Allerdings ist es insgesamt sehr fraglich, ob sich diese Hoffnungen jemals erfüllen werden.
Idealerweise werden Stammzellen in frühen Stadien der Entwicklung entnommen, das heißt während der Embryonalzeit. Eine solche Entnahme ist schädigend für den Embryo, dem die Zellen entnommen werden und endet mit dessen Tod. Es ist nicht einfach, die entnommenen Stammzellen in einer Zellkultur längere Zeit überleben und sich vermehren zu lassen, aber in den letzten Jahren erfolgten biotechnologische Durchbrüche3.
Embryonale Stammzellen werden meist aus „überzähligen“ Embryonen der sogenannten „künstlichen Befruchtung“ gewonnen: Bei der 1979 erstmals gelungenen künstlichen Befruchtung werden einer Frau in einer kleinen Operation Eizellen entnommen, im Reagenzglas mit dem Samen eines Mannes befruchtet–meist, aber nicht immer, ihres Ehemannes- und ihr anschließend wieder eingepflanzt. Da die Technik nur mäßig gut funktioniert –man rechnet 20-25 im Reagenzglas erzeugte Embryonen für ein geborenes Baby - werden immer mehr Embryonen erzeugt als nötig und zum Teil als „Reserve“ tiefgefroren zurückbehalten. In Europa derzeit etwa 250 000 ! Embryonale Stammzellen werden aus solchen „überzähligen“ Embryonen gewonnen, die dabei getötet werden. Fetale Stammzellen dagegen entstammen abgetriebenen Feten. Die Kirche hat diese Praktiken stets verurteilt. Die „überzähligen“ Embryonen werden nach einiger Zeit der Aufbewahrung getötet, daher das Argument, sie doch wenigstens „nützlich“ zu verwenden. Im Sommer 2001 stellten Forscher in Virginia/USA erstmals menschliche Embryonen speziell für Forschungszwecke her: gegen Entschädigung „spendeten“ anonym bleibende Frauen Eizellen und Männer Spermien zu deren Befruchtung4.
Die Öffentlichkeit ist sensibilisiert und in den USA stehen katholische Bischöfe in der ersten Linie der Lebensschützer, wobei Befürworter sich neben dem angestrebten Ziel, der Therapie von Krankheiten, auf die „akademische Freiheit“5 berufen . Bisher ist jede Art dieser Forschung in den USA vollständig legal, und nach den politischen Kräfteverhältnissen wird dies auch auf absehbare Zeit so bleiben, obgleich es in der Führungsmacht der Welt wesentlich mehr und engagiertere Lebensschützer 6 mit einem weit besserem Rückhalt in Kirche und nichtkatholischen kirchlichen Gemeinschaften gibt als in Deutschland oder Frankreich7. Der Kampf geht vor allem darum, ob entsprechende Forschungsprogramme staatlich finanziert werden sollen. Diesen Sommer hat U.S. Präsident Bush Richtlinien für die Verwendung von embryonalen Stammzellen in Forschung und Heilkunde vorgelegt. Diese erlauben staatliche Förderung von Forschung an allen Stammzellinien, die zu einem bestimmten Stichtag bereits bestanden und nach bestimmten Richtlinien hergestellten wurden, untersagen aber die staatliche Finanzierung der Herstellung neuer Stammzellinien oder die Finanzierung von Forschung an nach diesem Stichtag hergestellten Zellinien. Zu dem angegebenen Stichtag benannte die zuständige US-Behörde insgesamt etwa 60 Zellinien, an denen Forschung staatlich förderbar 8 ist.
Das Lehramt hat sich bereits geäußert, die wichtigsten Dokumente sind die Erklärung „Donum vitae“ der Glaubenskongregation von 1987 (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen übel beleumundeten Verein) und eine Erklärung der Päpstlichen Akademie für das Leben vom 25. 8. 2000, sowie die Enzyklika „Evangelium vitae“ 9 10 11 . Die Lektüre dieser Dokumente sei jedem dringend empfohlen, der sich näher in die Materie einarbeiten möchte 12. Hier sollen sie zusammengefaßt dargestellt werden:
Von der Empfängnis an ist der Embryo als ein menschliches Wesen anzusehen und besitzt alle Rechte, die jeder andere Mensch auch besitzt. Dazu gehört auch das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Da die Entnahme von Zellen den Embryo schädigt, ja tötet, ist sie als schwer unmoralisch anzusehen und ein völlig unerlaubter Akt. Da auch ein guter Zweck (Therapie von Krankheiten) einen schlechten Akt nicht rechtfertigen könne (vgl. Röm 3,8), können weder abgetriebene, sonstwie beschaffte oder gar ausdrücklich zur Entnahme von Stammzellen erzeugte Embryonen in Forschung und Heilkunde verwendet werden. Zellinien, die aus embryonalen Stammzellen erzeugt und im Labor längere Zeit kultiviert wurden, dürfen ebenfalls nicht verwendet werden, da diese Verwendung eine Teilhabe an der ursprünglichen (zutiefst unmoralischen) Intention des Herstellers beeinhalten würde und eine materiel sehr nahe Mitwirkung an der Erzeugung dieser Zellinien vorliegt, etwa indem durch die Bezahlung von Gebühren die Kosten mitgetragen würden.
Die Dokumente bekräftigen den menschlichen Charakter auch schon der befruchteten Eizelle, ohne ausdrücklich auf die Frage des Augenblickes der Beseelung einzugehen, der unter scholastischen Theologen strittig war: Albertus Magnus trat für die Beseelung mit der unsterblichen Geistseele im Momente der Empfängnis ein, während Thomas von Aquin diese erst am 40. Tag nach der Empfängnis geschehen lassen wollte 13 . Auch wenn die Dokumente über den Beseelungszeitpunkt nicht sprechen, scheint doch dieser mit dem Moment der Empfängnis gleichgesetz zu werden, da das Menschsein des Embryos bestätigt wird und zu einem Menschen notwendig seine Geistseele gehört.
Glücklicherweise gibt es eine denkbare technische Alternative zur Verwendung embryonaler oder fetaler Stammzellen: auch im Körper des Erwachsenen existieren noch wenig spezialisierte „adulte“ Stammzellen (die freilich gegenüber embryonalen und fetalen Zellen doch schon wesentlich „spezialisierter“ sind). Mit der Verbesserung der biotechnologischen Kenntnisse scheint es grundsätzlich möglich, solche Zellen –die ohne ethische Probleme entnommen und verwendet werden können- so zu manipulieren, daß sie eine vergleichbare Verwendbarkeit erlangen 14. Das heißt, daß die genannten Krankheiten mit adulten Stammzellen behandelt werden könnten, wahrscheinlich mit vergleichbaren Resultaten. Das Lehramt bezeichnet dies als den „vernünftigsten und menschlichsten Weg, den es zu beschreiten gelte, wolle man einen rechten und wahren Fortschritt erzielen“10 .
Wenn Jesus Christus durch Seine Kirche in der Stammzellverwendung dem Zeitgeist entgegensteht, so ist in Bereich Gentechnik und Gentherapie der Widerspruch bei weitem nicht so scharf, wie im nächsten Artikel dieser Serie gezeigt werden soll.
Literaturverzeichnis
1 Wickelgren I, Rat spinal cord function partially restored, Science 286, p.1826f ( 3. 12. 1999)
2 Barinaga M, Fetal neuron grafts pave the way for stem cell therapies, Science 287, p. 1421f. (25. 2. 2000); Dunnett SB, Repair of the damaged brain.The Alfred Meyer Memorial Lecture 1998, Neuropathology and applied neurobiology, 25, 5,351-362, 1999
3 Solter D, Gearhart J, Putting stem cells tu work, Science 283, p. 1468-1470 (5. 3. 1999)
4 Brigitte Richter, Embryonen- und Stammzellforschung. In den USA längst ein patentiertes Geschäft, Deutsches Ärzteblatt , Jg. 98, Heft 30 (27. 7. 2001) p. 1543f
5 Marshall E, Antiabortion groups target neuroscience study at Nebraska, Science 287, p. 202f. (14. 1. 2000)
6 Anonymus I, NIH Sets Rules for Funding Embryonic Stem Cell Research, Science 286, p.2050 (10.12.1999)
7 Stone R, U.K. backs use of embryos, sets vote, Science 289, p. 289f (25. 8. 2000)
8 Gretchen Vogel, Bush squeezes between the lines on stem cells, Science 291, p. 1242-1245 (17. 8. 2001)
9 Kongregation für die Glaubenslehre, Donum vitae, Rom 1987
10 Academia Pontifica pro vita, Erklärung über die Herstellung sowie die wissenschaftliche und therapeutische Verwendung von menschlichen embryonalen Stammzellen, Rom 25. 8. 2000
11 Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, Vatikan 1994.
12 alle beziehbar online über www.vatican.va
13 siehe Niedermeyer, Handbuch der Speziellen Pastoralmedizin, Band III, „Schwangerschaft, Abortus, Geburt“, Wien 1950, p. 101-138
14 Pittenger M F, Mackay A M et al, Multilineage potential of adult human mesenchymal stem cells, Science 284, p. 143-147 (2. 4. 1999)
Der Folgeartikel sollte eigentlich im nächsten Heft erscheinen ... ist es aber trotz Zusage der Redaktion nicht. Ich füge ihn hier an:
Gentechnik und Gentherapie
„Gentechnik“ und „Gentherapie“ sind oft diskutierte Anwendungen moderner Biotechnologie. Gentechnik ermöglicht, das Erbgut von Lebewesen zu verändern. Alle Lebewesen bestehen aus lebenden Zellen. Jede Zelle trägt eine Kopie ihres eigenen Bauplans, der bei der Zellteilung an die Tochterzellen weitergegeben wird. Der Bauplan oder das Erbgut ist in der Desoxyribonucleinsäure (DNS) niedergelegt. Die einzelnen "Informationseinheiten" der DNS, die z.B. den Aufbau eines einzelnen Eiweißes bestimmen, heißen Gene. Ein Gen ist ein großes Molekül, zehntausendfach kleiner als das kleinste Bakterium. Bei der geschlechtlichen Fortpflanzung paaren sich eine mütterliche Eizelle und eine väterliche Samenzelle, die beide je die Hälfte des Erbgutes enthalten.
Man kann heute einzelne Gene isolieren, verändern und in Zellen wie Hefe oder Bakterien einführen. Die Veränderung von Genen direkt auf molekularer Ebene wäre unmöglich, gäbe uns nicht die Natur selber die "Werkzeuge" : Aus Bakterien sind molekulare "Scheren" isolierbar (sogenannte Restriktionsenzyme), die die DNS schneiden; gleichfalls gibt es "Kleber" (sogenannte Ligasen), welche geschnittene DNS wieder zusammenfügen... und weitere solcher molekularer Werkzeuge, die man mit anderen Chemikalien mischt und reagieren läßt. Es wird mit Mengen von einigen tausendstel Liter Lösung gearbeitet, erhitzt oder eingefroren, zentrifugiert und dergleichen. Die technischen Einzelheiten sind hier unwichtig, außer eines Punktes: Gentechnik verwendet natürliche Werkzeuge. Das ist im Prinzip dasselbe wie einen scharfen Stein zum Schneiden oder mit Weidenästen zusammengebundene Holzbalken als Floß zu benutzen1. Dies ist wichtig, weil die Gentechnik namentlich in Deutschland unter dem Einfluß der Ökologiebewegung und den "Nachwehen" von „1968“ sehr verteufelt worden ist. Dagegen sei hier gesagt, daß moraltheologisch die Gentechnik nicht als ein malum in se, als in sich schlecht, gelten kann, da sie nur die Ausnutzung natürlicher Vorgänge ist. Veränderungen des Erbgutes mit einer anderen Technik -der klassischen Züchtung- wurden immer schon vom Menschen betrieben, auch von den Patriarchen und Juden des Alten Bundes ... mit offenbarer Billigung Gottes.
Gentechnik ermöglicht die Produktion von Arzneimitteln: So haben Menschen, die an Zuckerkrankheit leiden, zuwenig Insulin. Um menschliches Insulin in den erforderlichen Mengen zu erhalten, führt man das Insulingen in Bakterien ein und bringt diese so dazu, Insulin herzustellen. Es gibt viele gentechnisch hergestellte Medikamente, in deren Produktion auch Christen arbeiten und die von vielen Christen -darunter auch katholische Priester und Bischöfe als die Träger des kirchlichen Lehramtes- dankbar verwendet werden. Für die Zukunft ist mit Ausweitung solcher Therapien zu rechnen. Die Dokumente der 1994 gegründeten „Päpstlichen Akademie für das Leben“, deren erster Präsident der zu früh verstorbene französische Professor Jerôme Lejeune war, dessen Grab unser Papst Johannes Paul II. 1998 besuchte, billigen explizit2 oder implizit3 die gentechnische Veränderung nichtmenschlicher Lebewesen. Offenbar ist die Aussage "Gentechnik = schlecht" sinnlos. Die katholische Kirche war in früheren Jahrhunderten oft Aufklärer und Volksbilder. Sei es durch die kirchlichen Schulen, sei es durch den Dienst hochgebildeter Pfarrer in einer ungebildeten Bevölkerung, besonders auf dem Land. Die Kirche sollte auch heute in dieser Tradition stehen.
Anwendungsgebiet moderner Gentechnik ist auch die sogenannte Gentherapie. Krankheiten, die auf einem angeborenen genetischen Defekt beruhen, führen oft zu lebenslangem Siechtum und frühem Tod. Könnte man das defekte Gen in den Patienten einzubringen, wäre die Erkrankung geheilt. Es gibt bereits Erfolge: Eine französische Forschergruppe behandelte zwei Kinder, die an einem schweren angeborenen Immundefekt litten, erfolgreich mit Gentherapie4.
Aufregung verursachte ein anderer Gentherapieversuch, welcher mit dem Tod einer Versuchsperson endete: Ein 18-jähriger Patient namens Jesse Gelsinger, der an einer leichten Form einer angeborenen Stoffwechselstörung litt, erhielt in einer Klinik der Universität von Pennsylvania / USA eine gentherapeutische Behandlung (mittels eines umgewandelten Virus als "Transporter" wurde das fehlende Gen in seinen Körper eingebracht). Einige Tage später verstarb er überraschend. Man vermutet eine Überreaktion des körpereigenen Immunsystems auf den eingebrachten Virus. Die US- Aufsichtsbehörde schritt ein und stoppte alle weiteren derartigen Therapieversuche, der Fall ging an die Presse5. Ärztliche Kreise wiesen darauf hin, daß ebendiese Aufsichtsbehörde die Behandlung eines Patienten verlangt habe, der nur an einer leichten Form der Störung litt, während Patienten der schweren, im Säuglingsalter zum Tode führenden Form, als Therapiekandidaten ausgeschlossen wurden, mit einer interessanten Begründung: Damit ein solches Experiment „ethisch“ sei, müssten die Betroffenen –hier die Eltern- eine „freie Entscheidung“ für oder dagegen treffen können. Eltern in solcher Lage könnten dies nicht, da sie nach jedem Strohhalm griffen, der Rettung bringen könnte, folglich dürfe an diesen Kindern die neue Therapie nicht erprobt werden6. Man kann die Freiheit solange schützen, bis von ihr nichts mehr übrig ist.
Hoffnungen bietet auch die vorgeburtliche Gentherapie: Viele angeborene Krankheiten oder Mißbildungen können schon in der Schwangerschaft festgestellt werden. Bisher ist die einzige mögliche Konsequenz eine Abtreibung. Durch Gentherapie könnte dies anders werden7.
Gentherapie wird auch bei Nicht-Erbkrankheiten eingesetzt, namentlich in der Krebsbehandlung. Die genetische Ausstattung von Tumorzellen soll so verändert werden, daß sie mit Medikamenten, sogenannten Chemotherapeutika, getötet werden können. Im Prinzip modifiziert man ein Virus so, daß es ein entsprechendes Gen enthält. Dieses Virus wird dann entweder direkt in den Tumor oder in die Blutbahn injiziert. Die Tumorzellen nehmen das Virus auf, das Gen wird aktiv und ermöglicht die anschließende Vernichtung der Zellen durch Chemotherapeutika. In der Nervenheilkunde wird diese Therapie an einem bösartigen Hirntumor versucht8. Andere Versuche betreffen Lungenkrebs. Die Schwierigkeiten sind sehr groß, bis auf weiteres wird Gentherapie nicht das "Wunderheilmittel" werden.
Nach Einschätzung des Autors stellen sich für einen Katholiken keine grundsätzlichen ethischen Probleme, und das Fehlen von lehramtlichen Dokumenten bestätigt dies indirekt. Es müssen lediglich die üblichen für wissenschaftliche Forschung geltenden Richtlinien beachtet werden: die neue Therapie muß die begründete Hoffnung geben, wirksamer als die bisherige zu sein, es darf kein unverhältnismäßiges Risiko eingegangen werden, die Versuchspersonen müssen korrekt informiert werden, frei einwilligen oder ablehnen können. So wäre es unethisch, Kriminellen Straferlaß anzubieten, wenn sie sich einem gefährlichen Experiment unterziehen. In der Realität wird dies sichergestellt, indem alle Experimente an Menschen einer „Ethikkommision“ zu unterbreiten sind, in der neben Forschern auch Vertreter von Patientenorganisationen, Juristen und oft Theologen sitzen. Neben Kontrolle und Reglementierung etwa durch die Mitgliedschaft des Krankenhauspfarrers in einer Ethikkomission kann die katholische Religion auch einen konstruktiven Beitrag leisten: Probleme bereiten etwa Gentherapie an Lungenkrebspatienten, wie sie am Universitätsspital Straßburg unternommen werden: Bevor ein echter Therapieversuch unternommen werden kann, muß die Technik der „Einschleusung“ eines Virus in den Tumor getestet werden. Einige Patienten werden dafür nur mit dem Virus, ohne therapeutisch wirksames Gen, behandelt. Sie selber haben keinen Vorteil von diesem Experiment und werden an dem Krebs versterben, ehe die neue Therapie anwendbar ist. Ein unheilbar kranker katholischer Patient könnte sich einem solchen Experiment zur Verfügung stellen, um anderen Menschen Hoffnung auf Heilung zu geben. Er würde so ein wenig die Handlung Jesu nachahmen, der Sich am Kreuz als Opfer für das Heil der Menschheit hingab. Natürlich muß dies freiwillig sein, ein karriereeifriger Forscher darf nicht mit frommen Sprüchen Schwerkranke manipulieren. Auch der katholische Polizist darf Gesundheit und Leben bei der Verfolgung Krimineller riskieren, ebenso der katholische Soldat. Frühchristliche Apologetiken nennen immer wieder die staatserhaltende Funktion des Christentums.
Ähnlich sieht die moraltheologische Beurteilung gentechnisch veränderter Lebensmittel aus:
In den USA wurden 1999 29 von 79 Millionen Hektar gesamter Anbaufläche mit gentechnisch veränderten Sojapflanzen bebaut, welche resistenter sind und daher die Einsparung erheblicher Mengen (ca. 30%) von Pflanzenschutzmitteln ermöglichen 9 10 . Dies bedeutet einen Gewinn für die Umwelt. Ein Fünftel allen in den USA angebauten Mais und Baumwolle enthalten ein Bakterien-Gen, das ein Pflanzenschädling-abtötendes Toxin namens „Bt“ herstellt 11: dadurch müssen die Pflanzen weniger mit Insektiziden behandelt werden: bei der Baumwolle wurden 1996 auf 13% der Gesamtanbaufläche 1000 Tonnen Insektizidlösung weniger benötigt. Es laufen Forschungsprojekte, für Entwicklungsländer gentechnisch veränderte Nutzpflanzen herzustellen: Durchfallerkrankungen sind eine der Haupttodesursachen von Kindern in Entwicklungsländern. Man versucht, in Bananen das Gen eines Oberflächeneiweiß von Escherichia coli einzuführen (ein wichtiger Erreger von Darmkrankheiten in Dritt-Welt-Ländern)12. Dies würde bei Konsumenten schützende Immunreaktionen stimulieren, vergleichbar einer Impfung. Andere Versuche laufen, Bananen, Reis, Kartoffeln oder Palmöle protein-und vitaminreicher zu machen (Eiweiß- und Vitaminmangelerkrankungen sind häufig in Drittweltländern). Es geht hier vor allem um technische Fragen.
Anwendungen der Gentechnik und Medizin und Landwirtschaft sind moraltheologisch wenig kritisch, während die Verwendung der Gentechnik zum „Klonen“ von Tieren oder Menschen weit problematischer ist. Sie soll in der letzten Folge dieser Serie besprochen werden.
Literaturverzeichnis
1 vgl. den evangelikalen Autor Binder H., Gentechnik, Klonen ... Moderne Biotechnologie und ethische Herausforderung, Wort und Wissen Diskussionsbeitrag 2/98 online unter www.wort-und-wissen.de
2 Academia pontifica pro vita „Reflexionen über Klonierung“ Nr. 4 , Rom 1997
3 „Academie pontifica pro vita „Erklärung über die Herstellung sowie die wissenschaftliche und therapeutische Verwendung von menschlichen embryonalen Stammzellen“, Rom 25. 8.2000
4 Cavazzana-Calvo M., Hacein-Bey S. et.al., Gene therapy of human severe combined immunodeficiency (SCID)-X1 disease, Science 288, p.669-672 (28. 4.2000)
5 Marshall E, FDA halts all gene therapy trials at Penn, Science 287, p. 565f. (28. 1.2000)
6 Miller H.I., Gene Therapy Trial, Science 287, p.591f. (28. 1.2000)
7 Zanjani E.D., French Anderson W., Prospects for in utero human gene therapy, Science 285, p.2084-8 (24. 9.1999)
8 C. A. Valéry, Thérapie génique des gliomes: où en sommes-nous ?, La lettre du neurologue, n° 2, vol. IV, avril 2000, p. 79-83
9 Anonymus, The plant revolution, Science, 285, p. 367 (16. 7.1999)
10 Marquardt R., Standpunkt zur Anwendung der Gentechnik, Biologen heute, Mitteilungen des Verbandes Deutscher Biologen und biowissenschaftlicher Fachgesellschaften, 3/97, p. 1-3
11 Kaiser J, Transgenic crops report fuels debate, Science 288, p. 245f (14. 4. 2000)
12 Moffat A S, Crop engineering goes south, Science 285, p. 370f (16. 7. 1999)
Der dritte Artikel in dieser Reihe ist ebenfalls trotz Zusage der Redaktion nicht erschienen - ein Jahr später habe ich ihn dann, leicht verändert, unter dem neuen Titel “Klonen” in Theologisches erscheinen lassen.
C) Homepage von Wolfgang Lindemann aus Hamburg
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