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Kardinal Ratzinger hielt im September 1999 einen Vortrag an der Universität Sorbonne in Paris über die geistigen Ursachen der Krise des Christentums in Europa. Er führte aus „Diese ganze generelle Skepsis gegenüber dem Wahrheitsanspruch in Sachen Religion ist dann zusätzlich untermauert durch die Fragen, die die moderne Wissenschaft den Ursprüngen und Inhalten des Christlichen gegenüber aufgerichtet hat: Durch die Evolutionstheorie scheint die Schöpfungslehre überholt, durch die Erkenntnisse über den Ursprung des Menschen die Erbsündenlehre; die kritische Exegese relativiert die Gestalt Jesu und setzt Fragezeichen gegenüber seinem Sohnesbewußtsein; der Ursprung der Kirche in Jesus erscheint zweifelhaft und so fort.“1 Später im Vortrag fährt er fort2: „Jedenfalls führt an dem Disput über die Reichweite der Evolutionslehre (...) kein Weg vorbei. (...) Niemand wird die wissenschaftlichen Beweise für die mikroevolutiven Prozesse ernstlich in Zweifel ziehen können. Reinhard Junker und Siegfried Scherer sagen dazu in ihrem kritischen Lehrbuch über die Evolution: ‚Solche Vorgänge (mikroevolutive Prozesse) sind vielfach aus natürlichen Variations- und Ausbildungsprozessen bekannt. (...)’ Sie sagen dementsprechend, man könne Ursprungsforschung mit Fug und Recht als die Königsdisziplin der Biologie bezeichnen (...) Innerhalb der Evolutionslehre selbst deutet sich das Problem an beim Übergang von der Mikro- zur Makroevolution, zu dem Szathmáry und Maynard Smith, beide überzeugte Anhänger einer umfassenden Evolutionstheorie, immerhin erklären: ‚Es gibt keinen theoretischen Grund, der erwarten lassen würde, daß evolutionäre Linien mit der Zeit an Komplexität zunehmen; es gibt auch keine empirischen Belege, daß dies geschieht’. “ Soweit der Kardinal.
Die im Herbst 1998 erschienene bereits 4. Auflage des Buches "Evolution- Ein kritisches Lehrbuch" hat also schon seinen Weg nach Rom gefunden. In den Vorauflagen trug das Buch den Titel "Entstehung und Geschichte der Lebewesen".
Dieses Buch wurde von Prof. Dr. Siegfried Scherer, Mikrobiologe an der Universität München und zugleich 1. Vorsitzender der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, und Dr. Reinhard Junker, hauptamtlicher Mitarbeiter bei der Studiengemeinschaft Wort und Wissen unterstützt durch 9 weitere Naturwissenschaftler verschiedenster Fachdisziplinen verfaßt. Es setzt sich aus naturwissenschaftlicher Sicht kritisch auseinander mit den gängigen Vorstellungen zur Entstehung der Lebewesen durch Evolution.
Nach der Evolutionstheorie sollen die ersten lebenden Zellen "von selbst" vor Milliarden Jahren in der "Ursuppe" durch Zusammenlagerung und Interaktion zwischen einfachen organischen Molekülen entstanden sein. In einem anschließenden, Äonen währenden Prozeß, sollen sich im blinden Spiel von zufälligen Erbgutänderungen und anschließender Selektion durch "survival of the fittest" allmählich alle heute vorhandenen Lebewesen "entwickelt" haben - einschließlich des Menschen.
Papst Pius XII. hat in seiner Enzyklika Humani Generis festgestellt, daß trotz des offenbaren Widerspruchs zwischen der Evolutionstheorie und dem Schöpfungsbericht der Genesis der Katholik die Evolutionstheorie für wahr halten könne, wenn nur bestimmte Mindestannahmen bezüglich der Erschaffung des Menschen gewahrt blieben. Zwar hat die katholische Kirche die Mission, bis ans Ende der Zeiten für die Wahrheit einzutreten, in erster Linie jedoch im Bereich des Glaubens und der Moral. Die Naturwissenschaften sind nicht das eigentliche Feld, auf dem das kirchliche Lehramt tätig werden soll.
Es mag überraschen, aber aus Sicht des Rezensenten sollte katholische Skepsis gegenüber der Evolutionstheorie sich primär gar nicht einmal am richtig- oder falsch verstandenen Wortsinn einiger Zeilen im Alten Testament festmachen, mögen sie auch an einer so zentralen Stelle wie dem Schöpfungsbericht stehen3. Vielmehr ist es so, daß in Jesus Christus Gott selber uns Sein Wesen offenbart hat. Im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu sehen wir, daß Gott barmherzig, gütig, gerecht ist, daß sein Wesen die Liebe ist. Wiederholt berichten die heiligen Evangelien, daß Christus alle Kranken und Leidenden heilte. In der Bergpredigt sagt Er, daß nicht ein kleiner Spatz vom Himmel fiele, ohne daß Gott davon wisse. Es scheint nur schlecht vorstellbar, daß ein solcher Gott bei der Erschaffung der Geschöpfe sich einer Jahrmilliarden währenden Evolution bedient haben sollte, denn Evolution geht notwendig einher mit Gewalt, Schmerz und Tod.
Bei konsequent evolutionistischem Denken wird auch das menschliche Verhalten als evolutionär entstanden angesehen. Beispielsweise erscheint dann die Neigung besonders des Mannes, Ehebruch zu begehen, als "Erhöhung der sexuellen Fitneß" und "evolutionär sinnvoll" (wer mit mehreren Frauen Kinder zeugt, hat eine größere Chance, seine Gene an spätere Generationen weiterzugeben) . Die traditionelle Lehre vom ursprünglich guten Menschen, der erst seit dem Sündenfall dem Hang zum Bösen unterliegt, der Konkupiszenz, ist damit unvereinbar, wie es der Präfekt der Glaubenskongregation andeutet.
Die so oft gehörte Behauptung, es sei für den katholischen Glauben gleichgültig, ob Gott die Lebewesen direkt oder durch die Evolution indirekt geschaffen habe, kann daher leider nur als eine oberflächliche Ausflucht angesehen werden. Daß ein Katholik die Evolution für wahr halten kann, ändert nichts daran, daß sie mit dem Glauben nur schlecht vereinbar ist. Eine Analogie vermag das vielleicht zu verdeutlichen: Ein Katholik kann als Soldat an einem Krieg teilnehmen. Das ändert aber nichts daran, daß insgesamt ein Krieg nur schlecht mit dem christlichen Glauben vereinbar ist.
Das Anliegen von Scherer und Junker läßt sich mit ihren eigenen Worten so beschreiben: "Das Denken in evolutionären Kategorien hat sich so fest etabliert, daß man grundsätzliche Einwände gar nicht mehr erwartet.... Evolutionskritische Befunde sind, wenn überhaupt, meist nur in spezieller Fachliteratur festgehalten, und erreichen den nicht spezialisierten Leser selten. Daraus ergibt sich ein Hauptanliegen dieses Buches: Weithin unbekannte Deutungsprobleme und offene Fragen der Evolutionslehre werden systematisch und umfassend thematisiert.".
Es werden sämtliche wichtigen Argumente gegen die Evolutionstheorie angeführt. Darüber hinaus legen die Autoren Wert auf die Erarbeitung von Alternativmodellen, die die vorhandenen Daten z.B. bzgl. der Fossilüberlieferung in einem schöpfungstheoretischen Kontext erklären können.
Im 1. Abschnitt wird besprochen, was Naturwissenschaft ist, wie sie methodisch vorgeht und welche Ergebnisse sie liefern kann. Dann folgt eine historische Einführung in die Entwicklung des Evolutionsgedankens.
Der folgende Abschnitt behandelt Artdefinition und Taxonomie. Es wird das für eine schöpfungstheoretische Biologie grundlegende Grundtyp-Konzept eingeführt sowie der Unterschied zwischen Mikro- und Makroevolution erläutert: Ein Grundtyp ist identisch mit einer geschaffenen Art. Er umfaßt alle biologischen Arten, die untereinander direkt oder indirekt durch Kreuzung verbunden sind, z.B. gehören Wolf und Hund zum selben Grundtyp.
Mikroevolution ist Spezialisierung innerhalb eines Grundtyps ohne Entstehung qualitativ neuer Eigenschaften. Züchtung ist ein Beispiel dafür. Solche Spezialisierung ist sinnvoll, damit sich Lebewesen an ändernde Umweltbedingungen anpassen können. Sie ist begründet im vorhandenen genetischen "Bauplan" einer Art: Innerhalb gewisser Grenzen können Beine länger oder kürzer sein, das Fell dichter oder lockerer, der Lauf schneller oder langsamer oder anderes. Mikroevolution ist streng zu scheiden von Makroevolution, das ist die Entstehung qualitativ neuer Strukturen, z.B. eines Flügels mit Federn anstelle eines Beines. Makroevolution geht einher mit Entstehung neuer Gene - bis heute ist kein Beispiel für echte Makroevolution bekannt.
In den folgenden 4 Abschnitten werden die gängigen evolutionistischen Theorien einer Prüfung unterzogen.
2 Abschnitte sind der "Kausalen Evolutionsforschung" gewidmet, das heißt den molekulargenetischen Mechanismen, die Evolution zugrundeliegen sollen. Diese scheinen Evolution nicht zu ermöglichen.
Ein weiterer Abschnitt befaßt sich mit "Ähnlichkeiten". Die Ähnlichkeit von Lebewesen untereinander ist offensichtlich; im evolutionistischen Kontext wird sie als Folge gemeinsamer Vorfahren interpretiert. Die meisten heute angenommenen evolutionären Stammbäume beruhen fast völlig auf Ähnlichkeiten, nicht auf Fossilien. Im schöpfungstheoretischen Rahmen wird angenommen, daß die Ähnlichkeit der Lebewesen untereinander auf denselben Schöpfer hinweist - wie z.B. in der Technik Produkte desselben Herstellers untereinander ähnlich sind.
Der letzte dieser 4 Abschnitte, die sich mit den gängigen evolutionären Theorien befassen, behandelt die Fossilien. Nach einer knappen Einführung in die Grundlagen der Paläontologie, der Wissenschaft von den Fossilien, wird untersucht, inwieweit fossile Arten als Vorstufen und Zwischenglieder für heute lebende Arten belegt sind. Der Entstehung der Menschheit ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Schlußfolgerung ist, daß Fossilien bei weitem nicht als Belege für eine Evolution dienen können, weder im Tier- und Pflanzenreich noch bei Menschen.
Ein letzter Abschnitt ist mit "Grenzüberschreitungen" betitelt. Er geht auf das Leib-Seele Problem ein und versucht eine Interpretation der bekannten Daten, besonders der Fossilien, in schöpfungstheoretischem Kontext.
Gegenüber den 3 Vorauflagen ist das Buch insgesamt erweitert und verbessert. Geologische Fragestellungen werden nur noch insoweit besprochen, als sie für das Verständnis der Fossilüberlieferung notwendig sind. Von seinem Niveau her ist das Buch auf Personen mit einem gewissen Kenntnisstand und Interesse für Biologie zugeschnitten, beispielsweise Abiturienten oder Studenten und Absolventen naturwissenschaftlicher Studiengänge.
Es sei erwähnt, daß die Studiengemeinschaft Wort und Wissen zwei andere Publikationsreihen herausbringt, eine für fachliche Laien, eine andere für Fachleute. Dieses Werk steht gewissermaßen in der Mitte zwischen beiden.
Rezensent hält "Evolution - Ein kritisches Lehrbuch" bzgl. Aufbau, Gliederung, Formulierung und Abbildungen für didaktische "Spitzenklasse".
Das Autorenteam setzt sich aus Fachleuten verschiedener Disziplinen zusammen. Das Buch enthält bewußt nur sehr wenige eigentlich religiöse Aussagen, da es auf rein naturwissenschaftlicher Ebene argumentieren will, keine von diesen ist für einen Katholiken nicht akzeptabel (das ist bei den Positionen der evangelikal ausgerichteten Studiengemeinschaft Wort und Wissen nicht unbedingt der Fall, was aber hier nicht thematisiert werden soll). Bis auf eine Ausnahme sind alle Autoren evangelischer Konfession: Prof. Dr. Roland Süssmuth - nicht verwandt oder verschwägert mit der gleichnamigen Politikerin-, der die Unterkapitel über "Mikroevolution bei Bakterien" und "Fossile Mikroorganismen" geschrieben hat, ist Sprecher des „Initiativkreises“ der Diözese Stuttgart und lehrt u.a. an der Gustav-Sieverth-Akademie. Die Aufnahme am Büchermarkt war so gut, daß die 10 000 Exemplare umfassende 4. Auflage fast erschöpft ist und für den Herbst 2001 eine 5., weiter verbesserte Auflage vorbereitet wird. Weniger gut war die Aufnahme in der Fachwelt: es ist eher erschütternd, wie wenig sachlich biologische Fachzeitschriften das Buch rezensieren4, da werden den Autoren (abstruse) theologische Vorstellungen unterstellt, die sie im Buch ausdrücklich ablehnen, es wird als „Wolf im Schafspelz“ diskreditiert, Sachargumente werden gar nicht zur Kenntnis genommen oder Argumentationsmuster unterstellt, die gar nicht vertreten werden ...
Dem Buch "Evolution - Ein kritisches Lehrbuch" ist auch unter Katholiken eine weite Verbreitung zu wünschen, auch wenn seit neuester Zeit eine deutschsprachige Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie aus katholischer Sicht vorliegt, die auch in extenso auf philosophische und theologische Aspekte eingeht5. Es ist zu hoffen, daß vermehrt Katholiken sensibilisiert werden, daß die Evolutionstheorie weder gleichgültig für die katholische Religion ist –und folglich im Umkehrschluß andere als rein naturwissenschaftliche Motive zu ihrer breiten Akzeptanz beitragen könnten !- noch ein Zweifel an ihr absolut undenkbar ist. Vielmehr sind gerade katholische Naturwissenschaftler aufgerufen, sich kritisch mit Schwachpunkten der Evolutionstheorie zu befassen – denn wer soll diese, sollte sie wirklich falsch sein, jemals falsifizieren wenn nicht Christen ?
Wolfgang B. Lindemann
Straßburg
Reinhard Junker, Siegfried Scherer "Evolution - Ein kritisches Lehrbuch", 4. völlig neu bearb. Aufl., Weyel Lehrmittelverlag Gießen 1998, 328 Seiten, 425 Abb. Preis DM 39.80, ISBN 3-921046-10-6
Weitere Literatur von katholischen Autoren zum Thema Evolutionskritik:
Walter Hoeres "Evolution und Geist. Der Neodarwinismus als Weltanschauung", Respondeo, Eine theologische Schriftenreihe, herausgegeben von Johannes Bökmann, Nr. 4
Daniel Raffard de Brienne "Pour en finir avec l'évolution", Paris 1998, Perrin & Perrin
Gerard J. Keane « Creation rediscovered. Evolution and The Importance of The Origins Debate, Mit einem Vorwort von Professor Maciej Giertych (Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften), Tan Books and Publishers INC, Rockfort Illinois USA, 2. erweiterte Auflage 1999, ISBN 0-89555-607-3
Micheal J. Behe, Darwins Black Box, The Biochemical Challenge to Evolution, Touchstone New York USA 1998, ISBN 0-684-82754-9
Anmerkungen
1 Kardinal Joseph Ratzinger, Christentum. Der Sieg der Einsicht über die Welt der Religionen, 30 Tage Nr. 1/ 2000, p. 33-44, p.34
2 ibidem p. 43
3 für eine ausführlichere Darlegung der nachfolgenden Gedanken siehe Wolfgang B. Lindemann, Ist die Evolutionstheorie gleichgültig für die katholische Religion ?, Theologisches, Jahrgang 30, Nr. 5/6, p. 175-186 (Mai/ Juni 2000)
4 Übersicht bei Reinhard Junker, Evolution – Ein Phantom ?, Wort und Wissen Info 3/ 2000, p.2f
5 Johannes Grün: Die Schöpfung – Ein göttlicher Plan. Die Evolution im Lichte naturwissenschaftlicher Fakten und philosophisch-theologischer Grundlagen. Mit einem philosophischen Essay von Hermann Weinzierl. Verax Verlag/ Müstair/ Graubünden, Schweiz 2000, 543 Seiten, ISBN 3-9090665-05-8 Rezensiert hier
C) Homepage von Wolfgang Lindemann aus Hamburg
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