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Am Samstag war die Vertretung in Lauterburg beendet, und am Sonntag befand ich mich schon wieder auf der Autobahn: es waren Schulferien, und da findet man immer Vertretungen wie Sand am Meer. Ich hatte mir eine weit weg gesucht - in Fontgombault im Département Indre bei Poitiers. Warum dort ? Weil genau dort ein großes französisches Benediktinierkloster liegt, das den traditionellen katholischen Messritus pflegt, und einige km weiter noch eine weitere traditionell- katholische Gemeinschaft, die “Fraternité de la Transfiguation”. Durch einen glücklichen Zufall hatte ich über die Agentur “Média- Santé”, die ich damals neu kennengelernt hatte, dieses Angebot gefunden, 700 km von Straßburg entfernt.
Ich kam am Sonntag- Abend spät an, gegen 22:00, nachdem ich über mein noch fast brandneues Handy mehrfach angerufen hatte, ich wäre auf dem Wege, keine Sorge. Vor Ort war dann erstmal Schluß mit dem Handy - hier funktionierte das Netz noch nicht.
Ich wurde in die Praxis eingewiesen, erhielt meine Schlafräume gezeigt und während ich noch mein Automobil auspackte, erwartete mich schon die erste Überraschung: um Mitternacht gingen alle Straßen- laternen aus ... man saß im Dorf komplett im Dunkeln, wie man es nur auf dem Lande sein kann. Nur gestört vom Rauschen des Flusses Creuse, der dicht bei der Praxis vorbeifloß. Ich fühlte mich ziemlich am Ende der Welt ... Aber der Reihe nach:
Die Praxis
Es war eine Gemeinschaftspraxis eines Ehepaares (das bedeutete: sehr viele Patienten und damit auch sehr viele Einnahmen, aber das wußte ich damals noch nicht). Beide hielten Sprechstunde, allerdings hatte der Ehemann deutlich mehr Patienten als seine Gattin - das entspricht dem französischen Durchschnitt, es gibt zahllose Studien, daß Ärztinnen im Durchschnitt 1/3 weniger Patienten sehen als ihre männlichen Kollegen. Hier kam hinzu, daß der Mann für das Bürgermeisteramt kandidierte, die landesweiten Kommunahlen waren einige Tage nachdem ich wieder abgefahren war. Bis einige Tage vor meiner Ankunft hatte es nur eine ein- zige Liste mit ihm als Spitzenkandidaten gegeben - schließlich hatte sich noch eine zweite Liste gebildet, die aber chancenlos war und von dem Bruder eines seiner eigenen Listenmitglieder angeführt wurde. Ein paar Wochen später war er Bürgermeister und heute ist er sogar zusätzlich Abgeordneter im Conseil Régional, eine Art Länderparlament, leider für die französischen Sozialisten. Er wurde mir verschiedentlich als kirchen- und christenfeindlich beschrieben, persönlich habe ich davon nichts gemerkt. Das Ehepaar hatte bald nach dem Studium die Praxis eröffnet, in einem recht großen Haus im Dorfzentrum, in dem sie zunächst zur Miete gewohnt und das sie dann gekauft hatten. Vor kurzem hatten sie ein weiteres, größeres Haus am Dorfrand erworben, mit Garten, so daß dieses Haus jetzt nur noch als Praxis diente (im Erdgeschoß) bzw. als Büro (1. Stock) und -voll intakte- Wohnung für die Vertreter (1. und 2. Stock). Ich habe mich sehr wohl gefühlt !
Die Praxis war noch in anderer Hinsicht außergewöhnlich: es ist die einzige Allgemeinmedizinpraxis, die ich jemals gesehen habe, in der ein Ultraschallgerät stand. Der Kollege hatte in einer halbjährlichen Vollzeit- ausbildung in der Radiologie die nötige fachliche und juristische (Abrechnung !) Kompetenz für den Gebrauch eines solchen Gerätes erworben.
Ansonsten das übliche: ein anderes Computerprogramm -Églantine statt Axilog in Lauterburg-das ich wieder schnellstens lernen mußte, auch wenn es eine weniger große Rolle spielte und die Ehefrau das Programm sowieso nicht verwendete. Vor allem mußte ich mich nicht mit dem Buchhaltungsmodul herumschlagen -das machte die Sekretärin !- und hier hatte ich als Vertreter gar nicht das Recht, ein feuille de soins électronique an die Kassen zu senden. Trotzdem war es noch schwierig genug. Es gab ein EKG- Gerät, und Blut wurde auch von mir morgens abgenommen, aber in diesem Fall wurden die gefüllten Röhrchen in ihrem Karton auf einen Schemel im Flur gestellt, wo sie der Bote des Labors täglich gegen 10:00 abholte.
Bis auf Dienstag- Vormittag waren alle Sprechstunden nur mit Termin: das ist nur mit einer Sekretärin zu schaffen, denn man erhält ja dann notgedrungen zusätzlich zu den normalen Telephonanrufen soviele Anrufe wie man Patienten sehen wird - und da klingelt schon das Telephon alle paar Minuten, das stört doch sehr während der Sprechstunde.
Die Sekretärin
Den Beruf “Arzthelferin” gibt es in Frankreich nicht (nur Zahnarzthelferin) - die meisten Praxen sind Ein- Mann- Betriebe, aber für größere Praxen -ein Kollege mit sehr vielen Patienten, oder 2 oder mehr in derselben Praxis- lohnt sich eine Angestellte, so auch hier. Sie hatten eine Frau aus dem Volk angestellt und selber angelernt, und macht alles, was so anfällt. Die tüchtige Frau verwaltete den Terminkalender und die Hausbesuche, machte die Buchhaltung ... hütete aber auch die Kinder und für mich bereitete sie das Mittagessen ! Es ist von unschätzbarem Wert, vor Ort eine erfahrene Kraft vorzufinden - wenn man etwas sucht und nicht findet, wenn man etwas mehr über einen Patienten wissen will, oder besonders wenn man mit dem Auto irgendwo hinfahren will zum Hausbesuch und nicht weiß, wo das ist. Wir waren in Innerfrankreich, wo es keine Straßennamen oder gar Hausnummern hat - man muß sich den Weg immer beschreiben lassen. Da sie selber aus der Gegend war, kannte sie natürlich alles und jeden (einmal fragte ich sie “sind Sie von hier ?” “Ihr Antwort “Nein” erstaunte mich sehr, aber sie wollte sagen, daß sie aus dem Nachbardorf einige km entfernt kam ...).. Ihr Sohn war in der Freiwilligen Feuerwehr tätig und als es einmal einen Alarm gab und ein Privatauto vorbeisauste, sagte sie nicht ohne Stolz “das ist mein Sohn, er ist immer der erste”.
Eine richtige Ausbildung hatte sie nicht - und brauchte sie eigentlich auch nicht. Volksschule, Motivation und Ehrlichkeit genügten. Sie war vor zig Jahren von dem Arztehepaar angestellt worden und hatte im “training on the job” die nötigen Kenntnisse erworben. Sie machte aber nur Verwaltung, keinerlei medizinische Handlungen, nicht einmal Handreichungen.
Sie gab mir auch ein wertvolles Feedback; innerlich zitterte ich bald noch mehr als in Lauterburg und daher fragte ich sie, ob die Patienten zufrieden seien. Es ist für mich noch immer eine Erleichterung, daß sie mir sagte “Aber jah ! Aber sicher ! Einen Tag waren Sie bei meiner Tante (oder einer anderen Verwandten) da und da - hatte ich gar nicht gewußt- und die war auch zufrieden”.
Die Umgebung
Die Gegend ist sehr schön: eine hügelige Landschaft, Felder und Flüsse wechseln mit endlosen Wäldern, Dörfer und kleine Städte mit uralten Burgen oder Abteien im Zentrum, von denen nicht alle Ruinen sind, wie die Bilder rechts zeigen ... Ich habe mich sehr wohl gefühlt ! Viele Franzosen aus Paris und auch Ausländer, besonders Engländer -habe ein paar als Patienten gehabt- siedeln sich dort für den Lebensabend an - und als Praxisvertreter gehörte ich fast mit “dazu”, jedenfalls für eine oder zwei Wochen, ich war kein Tourist, sah und hörte, was kein Tourist sehen wird ! Das ist wirklich das tiefste Frankreich, la France profonde ... mein Handy funktionierte nicht mehr und ich habe kosten dürfen, was noch vor 5 Jahren Realität war: Dienste mit Anrufbeantworter bzw. Sekretärin machen, die die Anrufe entgegennimmt und mir hinterhertelephoniert, zu den Patienten, bei denen ich vermutlich gerade bin.
Insgesamt habe ich zweimal je eine Woche dort vertreten: Frühjahr 2001 und Winter 2001/2002
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