Die Lauter, die der Stadt ihren Namen gab. Sie wird übri- gens erst westlich der Stadt der Grenzfluß; die Grenze ist vielleicht 50m weiter links = nördlich. Auf deutscher Seite liegt das viele kleinere Neu-Lauterburg.

Die Stadt Lauterburg liegt 15 km südwestlich von Karlsruhe, im äußersten Nordostende des Elsaß, 60 km nördlich von Straßburg.

Die Praxis

bestand aus 5 Räumen im Erdgeschoß eines alten Hauses im Stadtzentrum, fast in Sichtweite der Grenze. Die Eingangstür knarrte fürchterlich (sehr praktisch, so konnte ich immer jemanden in den Flur treten hören) und der Wind pfiff unter der recht simplen Tür durch. Aus dem Flur ging es nach rechts ins Wartezimmer, nach links in das geräumige Sprechzimmer und geradeaus über einen Flur, in dem Schränke mit Medizinmaterial standen, in ein weiteres Sprechzimmer, das z.B. für Laser- Lichtbestrahlungen diente.

Ansicht der Stadt Lauterburg im Winter - ein Schwarm Möwen startet von verschneiten Rheinwiesen vor der Stadt.

Im Flur gab es ein Fenster in den Innenhof, das man öffnete um auf das äußere Fensterbrett eventuelle Blutproben oder anderes Material zu stellen (ohne Kühlung etc; allerdings war dort morgens immer Schatten): zweimal am Vormittag kam der Wagen eines örtlichen Labors vorbei und brachte die Befunde bzw. holte das Material ab. (Ich dachte erst, ich träume - aber das ist in Frankreich in vielen Praxen usus).
Angestellte gab es nicht, außer einer Reinmachefrau, die auch das Wohnhaus des Kollegen versorgte; allerdings stand im Wartezimmer ein Schreibtisch, an dem die Ehefrau des Kollegen gelegentlich als Sekretärin schaltete.
Es war zu weit, um jeden Tag fahren zu können, und so hat mir der Kollege -auch das ist üblich- sein Haus überlassen, samt Wohnzimmer und Kühlschrank. Für Vertreter hatte er ein eigenes - sehr schönes, wie das ganze Haus- Gästezimmer.
Abends waren in der Praxis sehr sorgfältig die Fensterläden zu schließen und die inneren Türen zu verschließen - das machte einen Einbruch in der Tat fast unmöglich, trotz der alten Türen und Fenster.
Es gab ein EKG-Gerät (habe es nicht benutzt) und die besagte Laserlampe, ansonsten aber keine besondere apparative Ausstattung: KEIN Ultraschallgerät (habe ich nur in einer einzigen Praxis jemals erlebt, und der Inhaber hatte eine halbjährige Vollzeit- Zusatzausbildung: Ultraschalluntersuchungen machen in Frankreich NUR die Radiologen, wer z.B. in der chirurgischen Ambulanz ein akutes Abdomen hat, muss einen Konsilschein ausfüllen und einige Stunden warten, bis der Radiologe Zeit hat).
Es gab auch KEIN Röntgengerät, keine Ergometrie, keine Lungenfunktion (außer einem Peak-Flow-Meter) und was der technischen Geräte mehr sind. Sie können sich vorstellen, dass dann eine Praxis keine hohen Investitionskosten hat !
 

                                                      Die Übergabe

Ich hatte die Vertretung am Schwarzen Brett der Ärztekammer des Unterelsass gefunden und war einige Tage vor Beginn zwecks Vertragsunterzeichnung und Einführung hingefahren. Der jeweilige Ordre des médecins des Département hat meist ein solches Schwarzes Brett das einzusehen sich lohnt - viele haben sogar schon eine Homepage mit Vertretungen offres - demandes. Ansonsten finden man eine Vertretung über Agenturen wie Média Santé.

Zunächst habe ich einen Haufen Fragen gestellt, die verrieten, dass es meine allererste Tätigkeit überhaupt in einer französischen Praxis war (die angehenden französischen Allgemeinmediziner arbeiten 6 Monate in einer Praxis, ehe sie selber vertreten dürfen, hatten also mir gegenüber einen enormen Wissensvorsprung). Er hat mich aber trotzdem angeheuert - Lauterburg liegt so weit weg von Straßburg, dass es für ihn schwierig war, jemand anders zu finden.

Ich habe ihn gefragt:
Wie verschreibt und macht man Laboruntersuchungen (entweder in der Praxis -s.o.- oder einfach auf ein normales Rezept die gewünschte Untersuchung verschreiben und der Patient geht zum Labor seiner Wahl, z.B. zum Laboratoire des remparts in Weißenburg).
Wie verschreibt man Krankengymnastik und wieviele Stunden darf man maximal verschreiben ? (Ebenfalls auf einem normalen Rezept; ein Maximum gibt es nicht).
Wie mache ich ein Röntgenbild ? (Ebenfalls auf einem normalen Rezept verschreiben; der Patient geht damit zum Radiologen seiner Wahl und kommt mit Bild und dessen Auswertung zurück).
Und natürlich haufenweise Fragen nach der Funktion des Praxiscomputers (essentiell ! Alle Akten waren computerisiert !), nach Telephon und Anrufbeantworter, Öffnungszeiten, wo ist welches Material ... weniger systematisch und umfassend als ich es heute mache, aber im wesentlichen dasselbe. Er hat viel Geduld mit mir gehabt - zumal ich zwar mit der Buchhaltung zurecht- gekommen bin (d.h. die Kasse stimmte), aber nicht mit dem Eintrag der entsprechenden Summen und Zahlungsweisen in das Menu “Buchhaltung” des Praxisprogrammes: mir sind mehrere Fehler unterlaufen, was mir spitze Bemerkungen eintrug.

Insgesamt jedoch nahm der Kollege meine Unerfahrenheit mit der philosophischen Weisheit des Alters - er stand dicht vor der Pensionierung und war ein ehrwürdiger Greis mit einem beeindruckenden grau-schwarzen Rauschebart. Später habe ich gehört, dass einer meiner Bekannten, den ich von meiner Gemeinde in Straßburg kannte, der Sohn seines ehemaligen Partners war. Leider war er kaum 40-jährig im Schwimmbad an plötzlichem Herztod verstorben; sein Sohn, mein Bekannter gleichalt wie ich aber bereits Familienvater von 7 Kindern, hatte ihn als damals Jugendlicher selber aus dem Wasser gezogen. Einmal habe ich ihn in seinem schönen Elternhaus in Lauterburg besucht, das seitdem seine Mutter alleine bewohnte. Bei anderer Gelegenheit habe ich in einer Gebetsgruppe eine Vinzenzschwester kennengelernt die vor ihrer Versetzung nach Straßburg jahrelang mit ihm zusammengearbeitet hat (Das gehört auch zur Allgemeinmedizin: jeder kennt jeden ... jedenfalls auf dem Land.)

Wie in jeder Vertretung gab es eine Einweisung in die Abläufe und Funktionsweise der Praxis:

Die Sprechzeiten waren auf dem Rezeptblock aufgedruckt; jeden Dienstag war Nachtdienst und die übrigen Tage mußte ich zwischen 8 und 20:00 erreichbar sein, eben außerhalb der Nachtdienstzeiten. (Das verbot eine Rückkehr nach Straßburg, außer am Mittwoch-Nachmittag, wenn die Praxis regulär geschlossen war). Abends stellte ich dann den Anrufbeantworter an - es galt damals noch, den jeweils den richtigen Namen des diensthabenden Kollegen auf Band zu sprechen. (Seit 2006 rufen die Patienten nicht mehr direkt bei dem Diensthabenden an, sondern bei einer Leitstelle, wo ein Arzt den Anruf empfängt und, nach den Berichten meiner Patienten, alles tut, um ihn abzuwimmeln und nicht an den Diensthabenden weiterzugeben,

Die Praxis hatte einen reservierten Parkplatz “médecin” direkt vor der Türe ... aber der Kollege empfahl mir, mein Auto nicht dort zu parken, da die Patienten sonst merken würden “ah, ein Vertreter” und lieber noch warteten bis er zurück sei. Er selber käme auch oft zu Fuß, so dass die Patienten einen leeren Parkplatz gewöhnt seien.

Verbrauchsmaterial wie Spritzen und Kanülen fanden sich in einem Schrank unter dem Waschbecken und wanderten nach Gebrauch in einen provisorischen Container im Hof. Der Sterilisator brauchte 30- 40 Minuten um sicher zu sterilisieren.
Die Medikamente in den Räumen der Praxis (erhebliche Mengen!) waren Geschenke von Pharmavertretern und durften frei verwendet werden. Seit Etwa 2005 ist es übrigens den Pharmareferenten ausdrücklich untersagt worden, außer auf besondere schriftliche Anfrage einfach ein Muster des Medikamentes in der Praxis liegen zu lassen).

Jeden Tag war das Postfach der Praxis auf der örtlichen Post zu leeren (“boîte postale n° 10”) und, wenn mir möglich, waren die Arztbriefe einzuscannen und der elektronischen Patientenakte hinzuzufügen - die Laborergebnisse wurden ohnehin elektronisch übertragen, per Telephon und Modem -nicht per eMail- direkt vom Labor (ich musste das entsprechende Programmfenster täglich öffnen, und obwohl ich dem ganzen nie recht getraut habe, klappte das ganz vorzüglich - die Räumlichkeiten und Möbel waren alt, aber die Praxis war eine der modernsten, die ich gesehen habe). Zusätzlich kamen noch die Laborresultate in einen Aktenordner, nach Namen geordnet, und die Arztbriefe etc. in eine klassische Patientenakte.

Die Einnahmen, namentlich die Cheques waren alle paar Tage auf das Bankkonto beim Crédit Agricole einzuzahlen. Schwierig war die Buchführung - er mutete mir, wie gesagt, zu, die  Einnahmen in das Buchhaltungsmodul des Praxisprogramms einzutragen. Das schwierige war, zu wissen, welche Codenummer die einzelne Handlung hatte. Es gab zwar nur knapp ein Dutzend wirklich relevante, aber es war nicht immer evident, welche gerade vorlag, da das auch vom Patienten abhing, ob er an einer chronischen Krankheit litt oder meinen Kollegen als “médecin référent” (“Hausarzt”) gewählt hatte oder nicht. Am Freitag waren die entsprechenden Daten ebenfalls per Modem an die Krankenkasse zu übertragen, die dann den Patienten die Kosten erstattete oder, in Einzelfällen, direkt an den Arzt zahlte. Dabei durften natürlich keine Fehler auftreten und der Teufel steckte im Detail der französischen Bezeichnungen des Buchführungsmoduls, z.B. “tiers payant sur la part obligatoire seulement”. In den meisten Praxen gab es aber damals noch keine Télétransmission, wie das heißt, der Patient bezahlt den Arzt, erhält ein “feuille des soins” (eine Art Quittung), die er der Kasse CPAM einreicht und daraufhin die Kosten erstattet bekommt. Seitdem hat sich die Lage gewandelt: Die Kassen müssen sparen, und Ärzte, die ab 2011 nicht wenigstens 80% ihrer feuilles de soins per Teletransmission übertragen, eine Strafe in Höhe einiger Tausend Euro zahlen.
 

Jedenfalls habe ich insgesamt in Lauterburg 4 Vertretungen gemacht, über die ich auf den folgenden Seiten weiter berichte:

1. Vertretung

2. Vertretung

3. und 4. Vertretung

 

Zwar kommt der berühmte Lügenbaron von Münchhausen aus einem Dorf dieses Namens einige km südlich von Lauterburg ... aber deswegen sind doch meine Berichte wahr !!   

Die Stadt Lauterburg hat 2300 Einwohner, mit dem umliegenden Landbezirk etwa 5000 und blickt auf eine sehr lange Geschichte zurück. Wiederholt wurde sie zerstört, so im 30-jährigen Krieg durch die Schweden oder im 2. Weltkrieg, als sie zwischen Siegfried- und Maginot- Linie lag. Mitte Dezember 1944 wurde sie von der 79. US-Infanteriedivision besetzt, konnte einige Wochen darauf bei der Gegenoffensive “Nordwind” noch einmal zurückgewonnen werden und wurde am 19 . 3. 1945 mit der Besetzung durch die 1.französische Armee unter Maréchal de Lattre de Tassigny von der Naziherrschaft endgültig befreit. . Der Marschall stammt übrigens aus der Vendée südlich von Nantes und war zeitlebens ein guter Katholik, so legte er Wert auf den täglichen Besuch der Hl. Messe- genauso wie sein Kamerad General Philippe Leclerc de Hautecloque, der Kommandeur der mit amerikanischen Sherman- Panzern ausgestatteten 2. französischen Panzerdivision. Es gibt wohl kein Dorf und keine Stadt in Frankreich, wo nicht eine Straße nach wenigstens einem der beiden benannt wurde. Maréchal (posthum) Leclerc ist 1947 von dem von Mao’s China gesteuertem Vietminh heimtückisch ermordet worden, als er das französische Expeditionskorps befehligte, das das heutige Vietnam bis 1954 vor einer kommunistischen Diktatur geschützt hat. Ich habe einmal einen alten Herren als Patienten gehabt, der als Fallschirmjäger dort gedient hatte und einmal einen anderen, einen Deutschen, der als Fremdenlegionär dort war!
 

 

Die Stadt besteht seit römischer Zeit, gehörte im Mittel- alter zum Fürstbistum Speyer und hatte eine Stadtmauer mit 15 Türmen. Sie war dann in der Zeit nach der völkerrechtswiedrigen Annexion durch Ludwig XIV. eine wichtige Grenzfestung mit entsprechenden Wehranlagen.

Der größte Platz der Stadt, vor der Kirche “Heilige Dreifaltigkeit” (Sainte Trinité).

Sogar hier gibt es einen “sozialen Brennpunkt” ... Sozialwohnungen; das entsprechende Viertel ist aber sehr klein, es umfaßt eigentlich nur die hier sichtbaren Häuser. Natürlich habe ich auch hier bei Hausbesuchen die Wohnungen von innen kennengelernt. Es wohnen hier überwiegend Araber und andere Ausländer.

Die Bürgermeisterei (ganz rechts) ”Hotel de ville”, daneben die öffentliche Bücherei: Besuchen Sie die Stadt Lauterburg im Internet !

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