Wenn man öfters und längere Zeit am selben Ort vertritt, lernt man die Patienten näher kennen, man geht oft mehrfach zum selben Patienten, sieht den Verlauf, wird schon ein bisschen zum Lebensbegleiter: kurz, erfährt all die guten Seiten der Allgemeinmedizin, die dieses Gebiet jedenfalls für mich so anziehend machen - nicht eine endlose Reihe im Grunde anonymer Gesichter wie im Krankenhaus oder bestenfalls oberflächliche Kontakte als Facharzt (es ist schon viel, wenn ein Kardiologe oder Neurologe einen Patienten zweimal im Jahr sieht).

So ergab es sich, dass ich die Patientin, die ich in der 2. Vertretung mit Blaulicht ins Krankenhaus verfrachtet hatte in meiner 3. Vertretung wieder sah ... frisch und munter, sie war gerade entlassen worden. Es ging ihr gut - leider habe ich vergessen, was sie eigentlich mit einem OAP (oedème aigue du poumon = akutes Lungenödem) hatte dekompensieren lassen, vielleicht habe ich es auch nie gewusst, da der Arztbrief noch nicht da war und sie keinen Kurzbrief mithatte ... Immerhin hatte sie ein Rezept -Krankenhausärzte dürfen und sollen in Frankreich Rezepte für entlassene Patienten ausstellen, so dass diese eben nicht sofort zum Hausarzt eilen müssen um noch die Abendmedikation einnehmen zu können; Krankenhäuser dürfen auch Medikamente mitgeben. Ich war trotzdem am Tag ihrer Entlassung -oder einen Tag später, ich weiß nicht mehr- gerufen worden, ‘halt sozusagen sicherheitshalber. Und sie war wie verwandelt.

Man lernt auch weniger schöne Geschichten kennen. So dass der Sohn einer Patientin, die ich schon einige Male gesehen hatte, rauschgiftsüchtig war und eine Substitutionstherapie erhielt. Er kam nämlich zu mir in die Sprechstunde, um das entsprechende Rezept für Subutex ((Buprénorphine) für eine weitere Woche zu erhalten. Das ist hier recht informell - zu informell. Das Rezept ist zwar auf einem besonderen Block -verhältnismäßig fälschungs- sicher, aber nicht so scharf kontrolliert wie ein BtM- Rezept-, aber ansonsten marschiert Junkie damit in die Apotheke und kriegt die Schachtel mit den Tabletten für eine Woche in die Hand gedrückt, da er üblicherweise keine eigenen legalen Einkünfte hat auch noch gratis aufgrund einer Sonderregelung für Einkommensschwache, für die die Einheitskrankenkasse CPAM 100% statt nur 90% (im Elsaß) oder 70% (Innerfrankreich) zahlt. Und nimmt ein, wann, wie und wieviel er will. Es gibt einen schwunghaften Schwarzmarkthandel mit diesen Tabletten und viele injizieren sich das Zeug auch, aufgelöst in Wasser, unsteril ... als ich als AiPler davon erstmalig hörte, habe ich abso- lut nicht begriffen, warum, bis mir ein Kundiger erklärte, dass es per Injektion einen besseren “Kick” gibt. (Die meis- ten Rauschgiftsüchtigen, die ich kennen gelernt habe, sind zugleich im kleinen Rahmen auch als Dealer tätig geworden, um ihre eigene Sucht zu finanzieren - sie sind also nicht nur Opfer, sondern auch kriminelle Täter, die andere zu demselben schrecklichen Los verführen. Nicht zu reden von der Beschaffungskriminalität). 
Und es gibt keine noch so kleine Stadt in Frankreich, kein Dorf, kein Weiler, wo es nicht eine Drogenszene gibt. In Lauterburg ebenso wie in La-Roche-sur-Yonsüdlich Nantes  - dort habe ich in der Psychiatrie gearbeitet, und die Dealer kamen sogar auf das Krankenhausgelände, um die Ware anzubieten. Geschäftsleute wissen normalerweise, wo ihr “Markt” ist ... und das schlimmste war, dass die Polizei aus juristischen Gründen nicht die Möglichkeit hatte, auf dem Gelände Kontrollen vorzunehmen. Und Kontrollen an den Zugängen waren aus praktischen Gründen kaum möglich - auch hätte es bedeutet, das psychiatrische Krankenhaus, eine parkähnliche Anlage mit Pavillons, in eine Festung zu verwandeln, was auch niemand wollte, da es der Psychiatrie genau den schlechten Ruf einer Mischung aus Gefängnis und Krankenhaus = Irrenhaus oder Klapsmühle wiedergegeben hätte, den man ja seit Jahrzehnten korrigieren will, weil er immer noch viele Menschen abhält, kompetente Hilfe zu suchen statt z.B. Selbstmord zu versuchen.
Einigen Patienten tut Subutex aber auch gut - so hatte ich in Lauterburg einen etwa 30-jährigen Mann, verheiratet, berufstätig, der eine zeitlang drogenabhängig gewesen war und dank des Subutex -das er per os einnahm und nicht weiterverhökerte!- sich wieder “fangen” konnte. Er erzählte mir, dass die Dosis, die er einnimmt, langsam aber sicher gesenkt wird, so dass das Ende der Substitutionstherapie absehbar. Aber das ist leider nicht immer der Fall - und es muß ja auch gar nicht erst soweit kommen. In französischen Schulen ist jedenfalls Rauschgift mittlerweile ein immenses Problem, 10% oder so der Schüler haben es mit 16 schon probiert, an jeder staatlichen Schule gibt es viele Abhängige und eine entsprechende “Szene”. Ich habe Patienten gesehen, die als Jugendliche heroin- oder auch “nur” haschischabhängig geworden waren - es hat erhebliche Folgen für das noch unausgereifte Nervensystem und macht klinisch irreversible Amotivationssyndrome (allgemeiner Energieverlust, Antriebslosigkeit) und Intelligenzstörungen - wohl das schlimmte, was einem jungen Menschen, der sich Beruf und Existenz aufbauen muß, passieren kann. Am schlimmsten ist es in Nordfrankreich, Lille und Umgebung: nur 2 Autostunden bis nach Holland, wo jeder sich Haschisch frei kaufen kann. Ich warte immer auf den Tag, an dem gegen einen der dort legalen Händler ein Schadensersatzprozeß angestrengt wird wegen des Verkaufs gesundheitsschädigender Konsumgüter: das Lebensmittelrecht kennt normalerweise keinen Spaß; sehr oft müssen aufgrund eines bloßen Verdachtes ganze Chargen von Konserven oder Bierdosen zurückgerufen werden - und ein sicher um ein vielfaches schädlicheres Produkt wie Rauschgift kann frei verkauft werden. Aber wahrscheinlich werden die Sozialisten das verhindern.

Zurück nach Lauterburg. Ein Frau, etwa 50-jährige Algerierin, sah ich einige Male wegen einer psychotischen Symptomatik aus dem schizophrenen Formenkreis, zuerst nachdem sie wieder einmal aus der stationären psychiatrischen  Behandlung entlassen worden war. Es war Gelegenheit, ihr Schicksal kennenzu lernen; sie hatte eine Tochter von ihrem ersten Mann, die in Algerien lebte; sie hatte nach Scheidung erneut geheiratet, das Paar lebte in einer Wohnung des “sozialen Brennpunktes” (siehe Photo auf der übergeordneten Seite). Es hieß im Arztbrief “mari est musulman intégriste (récemment sorti du prison), ne bats plus sa femme” “der Ehemann ist fundamentalistischer Moslems (kürzlich aus dem Gefängnis entlassen), schlägt seine Frau jetzt nicht mehr”. Die Psychose war erst vor einigen Jahren offenbar auch unter Einfluss der Umwelt ausgebrochen.

Selbst bei solchen traurigen Fällen kann man angenehm, sogar heiter überrascht werden: der Kollege legte mir einen Patienten besonders ans Herz, den ich bei einem Hausbesuch zwecks Erneuerung des Rezeptes (aus keinem anderen Grund !) zu sehen hatte “là, vous partez dans la troisième dimension” “da begegnen Sie der dritten Dimension”, sollte heißen, wie er mir erklärte, dass der Patient mit seiner vor einigen Jahren verstorbenen Frau spricht, als wäre sie noch da; sie pflegt, nach Patientbeschreibung, meist auf einem der Stühle zu sitzen. Der Kollege  empfahl mir sehr, so zu tun, als sähe ich die Frau auch und jedenfalls nicht dagegen anzureden. Was ich auch brav  tat - der Patient dagegen, der in der Tat mit seiner nicht vorhandenen Gattin sprach, fuhr mich plötzlich an, was ich für einen Unsinn reden würde, da wäre doch niemand. Ein lucidum intervallum kann auch sehr rasch eintreten ... seitdem gehe ich nie mehr aktiv auf Halluzinationen ein.

Die Patientenzahl

Freitag 30. 11. 2001:  7 Konsultationen und 5 Hausbesuche
Samstag 1. 12. 2001: 6 Konsultationen

Freitag 5. 4. 2002:     4 Konsultationen und 6 Hausbesuche
Samstag 6. 4. 2002:   6 Konsultationen

Es fällt auf die große Zahl der Hausbesuche - die in der Tat für diese Praxis und generell für das Elsaß typisch ist. Das Unterelsaß hat die selbe im landesweiten Vergleich stark erhöhte Arztdichte wie die Mittelmeerregion und die Kollegen müssen sich nach der Decke strecken. Daher der Eifer, Hausbesuche zu machen - in der Tat handelte es sich bei den meisten Besuchen um die regelmäßigen, schon vor meinem Eintreffen geplanten Hausbesuche.

Ich habe Freitag und Samstag vertreten - der Kollege war auf einer Fortbildung, die meist Freitag und Samstag statt- findet, außerordentlich lehrreich ist (didaktisch gut gemacht, für die Bedürfnisse von Allgemeinmedizinern) ... und, man höre und staune BEZAHLT !  Die CPAM ersetzt den Verdienstausfall in Höhe von 15 Konsultationen pro Tag. Man geht hin, hört zu und macht ein intelligentes Gesicht, isst gut, kommt am nächsten Tag wieder und hat das Anrecht auf die Kostenerstattung ... Praxisvertreter haben auch das Recht, solche bezahlten Fortbildungen zu machen sofern sie wenigstens 30 Tage im Jahr vertreten, und ich habe das auch getan, alle 4 im Jahr, die man maximal bezahlt bekommt.

 

 

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Am letzten Tag der 3. Vertretung war ich gepflegt in Deutschland essen ... zu diesem Zeitpunkt funktionierte meine Buchhaltung schon, und darum habe ich die Rechnung aufbewahrt und abgesetzt (wenn ich 1.- Euro absetze zahle ich etwa 50 Cent weniger Sozial- abgaben und Steuern).

Bei Mahlzeiten gibt es ein Maximum, und pro Mahlzeit wird ein Minimal- betrag von etwa 5.- Euro als nicht- absetzbar angesehen - da man ja sowieso essen müsse und nur insofern höhere Kosten hat, weil man nicht zu Hause essen kann. Die konkreten Be- träge werden jedes Jahr entsprechend der Inflation angehoben.

Das Jugend- und Kulturzentrum Lauterburg.
Bürgerhaus aus dem 18. Jahrhundert.