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Hinweis: Ich freue mich sehr über die am 24. 1. 2009 verfügte Aufhebung des Exkommunikationsdekretes gegenüber den 4 von S.Ex. Erzbischof Lefebvre am 30.6. 1988 geweihten Weihbischöfen. Zugleich schließe ich mich vollständig der Erklärung an, die der deutsche Distriktobere der Priesterbruderschaft St. Pius X., H.H. P. Schmidberger, am 25.1. 2009 in allen deutschen Gemeinden der Bruderschaft verlesen ließ und die vollständig der hier nachlesbaren Position des Generaloberen der Bruderschaft entspricht, nämlich daß es sich bei den Äußerungen eines des 4 Weihbischöfe, Msgr. Richard Williamson, bezüglich der Zahl der Opfer der Shoa oder “Holokaust”, um dessen Privatmeinung handelt und nicht um die offizielle Position der Priesterbruderschaft St. Pius X. Weitere klare Distanzierungen finden sich auf der Webseite der dt. Piusbruderschaft www.fsspx.info Ich persönlich kann diese Äußerungen in keiner Weise akzeptieren und erkläre ausdrücklich, daß ich weder einen Grund habe, an der meiner Wissens von der historischen Forschung allgemein angenommenen Zahl von 6 Millionen durch die Nationalsozialisten ermordeten Menschen jüdischen Glaubens zu zweifeln (die genaue Zahl kennt nur Gott der Richter alleine) noch an der Tatsache der Existenz u.a. der Gaskammern in Ausschwitz, in denen ein großer Teil dieser Morde geschah. Es gibt genügend überlebende Augenzeugen für diese Gaskammern. Auch verurteile ich jede Form von Antisemitismus; die Gründer der katholischen Kirche entstammten dem Judentum bzw. - im Falle des Heiligen Joseph, des Nährvaters Jesu - verbrachten ihr gesamtes Leben als gläubige Juden.
Was ist falsch an der “Charismatischen Erneuerung“ ?
Wolfgang B. Lindemann in: Mitteilungsblatt der Priesterbruderschaft St. Pius X. für den deutschen Sprachraum, Nr. 225 September 1997, p.18-27 und Nr. 226 Oktober 1997 p.20-27.
Hinweis: zur selben Thematik ist in derselben Zeitschrift im Januar 2006 ein weiterer, lesenswerter Artikel erschienen, verfaßt von H.H. P. Gaudron: Download hier (pdf, 1694 KB)
In unserer Zeit des nachkonziliaren kirchlichen Niederganges sind wir es gewohnt, Meldungen zu hören wie die folgenden: “Die Gottesdienstbesucher in der Pfarre X gingen in den letzten 10 Jahren um 15% zurück", “Die Kirchenaustritte in der Diözese Y. betragen konstant 3000 jährlich" oder “die Ordensgemeinschaft Z. hat seit 20 Jahren fast keinen Nachwuchs mehr, die Hälfte ihrer Mitglieder ist älter als 50 Jahre".
Um so erstaunlicher und zunächst auch erfreulicher klingen uns vereinzelte Töne wie folgt: “Bei dem charismatischen Gebetstreffen in A. versammelten sich über 2000 Menschen" oder “Die charismatische Gemeinschaft B. hat unter großer Beteiligung von Gläubigen ihr 5. deutsches Haus eingeweiht".
Erfüllt sich vielleicht endlich,was Johannes XXIII. ankündigte, das "Neue Pfingsten der Liebe", hören wir doch aus charismatischen Kreisen von “Ausgießungen des Heiligen Geistes, Taufe im Geist, Gebet in unbekannten Sprachen“, von Wunderheilungen und Prophetien ? Tritt endlich die Ankündigung des Papstes ein, der nach eigener Aussage vom "Heiligen Geist erhielt", was seine Umgebung bereits vor seiner Papstwahl von ihm erwartet hatte (1), ein ökumenisches Konzil einzuberufen und der dadurch de facto Auslöser wurde der schlimmsten Kirchenkrise seit der Reformation, vielleicht, besonders in Westeuropa, seit Bestehen der Kirche überhaupt ? Wie sollen sich traditionsverbundene Katholiken dazu stellen ? Darauf möchte ich versuchen, hier eine Antwort zu geben.
Methodische Vorbemerkungen
Die Untersuchung der "Charismatischen Erneuerung" (kurz: CE) möchte ich schwerpunktmäßig von der empirischen Seite her beginnen, d.h. die reale CE betrachten und über sie ein Urteil zu fällen versuchen. Zu dieser Vorgehensweise fühle ich mich aufgrund meiner naturwissenschaftlichen Ausbildung am kompetentesten. Dennoch ist und bleibt die Theologie Königin aller Wissenschaften - die Bibel, das Lehramt und die Kirchenlehrer zu befragen ist daher unverzichtbar und ich werde auch nicht versäumen, es zu tun. Trotz meiner relativ geringen Kenntnisse insbesondere in Dogmatik und Exegese werde ich mich bemühen, brauchbare Ergebnisse zu liefern - aber ich bitte trotzdem um Verzeihung, wenn ich nicht alles zur CE sagen werde,was sich dogmatisch oder exegetisch zu ihr sagen ließe. Den Schwerpunkt auf die Empirie zu legen erscheint mir auch daher gerechtfertigt, weil die Charismatiker selber es tun - und sie hier am leichtesten zu wiederlegen sind (2).
Persönlich habe ich die CE kennengelernt während 2 Jahren Mitgliedschaft in der sog. "Gemeinschaft der Seligpreisungen" (GdS) sowie etwa 1/2 Jahr vorher und nachher. Die GdS ist 1974 in Südfrankreich aus der CE entstanden. Ihre Mitglieder leben in klösterlichen Gemeinschaften, mit einer buntgemischten Spiritualität bestehend aus Elementen der CE, der Orthodoxie, der katholischen Klostertradition und des Judentums. Obgleich die GdS eine (vorläufige !) kirchliche Anerkennung besitzt als Pia unio (Statuten approbiert ad experimentum) - weswegen ich naiverweise keine Bedenken hatte in sie einzutreten - sehe ich mich doch nach meinem heutigen Kenntnisstand gezwungen, sie mit dem Terminus "eine halbe Sekte" zu belegen, wegen der internen Vorgänge, die ich miterlebt habe (3). Das ist ein anderes Thema. In diesem Kontext ist nur interessant, daß die GdS innerhalb der CE allgemein anerkannter Teil der CE ist, eines ihrer Mitglieder sitzt im Rat der Charismatischen Erneuerung in Deutschland und H.H. Pater Baumert S.J., einer der führenden Köpfe der deutschen CE, hat Vorworte zu ihren Büchern geschrieben.
Ich war nicht "wegen" der CE in die GdS eingetreten sondern eher trotz ihr, aber da die CE kirchlich anerkannt ist -z.B. gibt es in jeder Diözese einen Diözesansprecher und in Rom einen zentralen Rat- schien mir, klar zu sein "entweder die CE vorbehaltlos als‘von Gott' akzeptieren - oder nach dem Tod in der Hölle enden wegen der Weigerung, alles zu glauben, was die Kirche zu glauben vorlegt". In die Hölle wollte ich nicht, so habe ich mich dann nach Kräften und ehrlichen Herzens bemüht, ein Charismatiker zu werden. Gelungen ist es mir glücklicherweise nicht. Zu dieser Anerkennung der GdS durch die deutsche CE kommt hinzu, daß in dem Haus in Rees, in dem ich die meiste Zeit lebte, im Laufe der Zeit Hunderte von Gästen waren, die anderswo die CE kennengelernt hatten und in der GdS die ihnen vertrauten Formen wiederfanden, ebenso wie auch ein Teil der neuen Mitglieder bereits früher charismatisch gewesen war. Mir selber fielen umgekehrt bei den Veranstaltungen der charismatischen Gemeinschaften "Brot des Lebens" und "Emmanuel“ und “Nathanael“ in punkto "Charismen" keine Unterschiede auf (in anderer Hinsicht schon - sie sind nämlich keine Sekten).
Ich werde daher in großem Umfang meine Erfahrungen und halbsystematischen Beobachtungen innerhalb der GdS verwenden als typisch für "die" Charismatische Erneuerung (ein etwas schwieriger Begriff) (4).
Was ist die „Charismatische Erneuerung“ ?
Die “Charismatische Erneuerung“ zu beschreiben ist nicht einfach. Ursache ist, daß die CE nicht juristisch oder sonstwie organisiert ist mit einer zentralen Leitung und einer Peripherie.Im Gegegenteil, die CE ist sehr stark desorganisiert. Um zu verstehen,was die CE ist, muß man zunächst die “Charismen“ und deren Ausübung betrachten.
In Anlehnung an den biblischen Sprachgebrauch (1 Kor 12 u.a.) definiert die CE mehrere sogenannte Charismen. Diese sind nach einer gebräuchlichen Einteilung das Zungenreden, die Prophetie und die Heilungsgabe. Viele Autoren rechnen noch die “Taufe im Geist“ dazu. Als “typisch charismatisch“ werden des weiteren noch freies Gebet und Lobpreis angesehen, aber da beides keine übernatürlichen Phänomene sind, möchte ich sie nicht als “Charismen“ bezeichnen.
Ein Charismatiker ist definitionsgemäß, wer wenigstens eines dieser Charismen ausübt oder sich einer Gruppierung zugehörig fühlt, in der wenigstens eines dieser Charismen ausgeübt wird.
Diese Definition ist sehr unscharf - aber es ist die einzige, die wirklich alle Charismatiker erfaßt. Man beachte, daß nach dieser Definition die Konfession oder sonstige religiöse Grundhaltung keine Rolle spielt: Ein Protestant, der in Zungen redet, ist Charismatiker - unabhängig von den Ansichten, die er sonst haben mag - und würde unser H.H. Pater Heggenberger plötzlich Prophetien von sich geben oder in Zungen reden, wäre auch er Charismatiker.
Was sind diese Charismen nun im einzelnen ?
Zungenrede: In Anlehnung vor allem an das erste Pfingsten in Jerusalem und unter Verweis auf viele andere Bibelstellen wird Zungenreden (Synonyme: Gebet in Sprachen, Gebet in Zungen, Sprachengabe) als ein Reden in fremden oder in unbekannten Sprachen angesehen. Für den Hl. Apostel Paulus war beispielsweise das Reden in Zungen ein elementarer Teil seines privaten Gebetes (1Kor 14,18). Fremde Sprache meint eine Sprache, die kein Anwesender versteht, die aber irgendwo oder irgendwann von Menschen gesprochen wurde, unbekannte Sprache meint eine Sprache, die von keinem Menschen jemals gesprochen wurde. Beides kam am ersten Pfingsten in Jerusalem vor - es war geradezu der Beweis, daß der Heilige Geist gekommen war.
Prophetie: In den Gemeinden der frühen Kirche hatten Propheten -echte und leider auch, zum Ärger der Apostel, nicht wenige falsche - ihren festen Platz, wie sie ihn auch schon im alten Israel gehabt hatten bis einschließlich Johannes, dem größten Propheten. Ein Prophet spricht Prophetien aus, d.h. Aussagen über die Zukunft, die er selber nicht auf menschliche Weise erfahren haben kann. Diese Prophetien (Synonyme: Prophezeiung, Wort der Erkenntnis, aber auch Eindruck oder Bild u.a.) wollen, so sie echt sind, immer in irgendeiner Weise den Leib Christi auferbauen, zum Wohl der Christen beitragen. (Eine Prophetie wäre z.B. keine Anleitung zur Autoreparatur).
Heilungen: Einzelne Katholiken, unter ihnen Apostel wie Petrus (Apg 3,6f; 5,15)und Paulus (Apg 19,11f; 20,10) hatten das Charisma der Heilungen: Sie konnten für einen Menschen um Heilung beten - und dieser wurde gesund. Im Unterschied zu einem Arzt wendeten sie keine Heilmittel an und, was wichtiger ist, es stand nicht in ihrem Ermessen, wer gesund wurde und wer nicht. Sie waren in dieser Hinsicht nichts weiter als Kanäle, durch die Gott wirkte. Diese Heilungen hatten einen enormen evangelistischen Effekt, da sie die Menschen stark erschütterten und sie fragen ließen “woher haben Katholiken diese Macht ?“ Für die bereits Glaubenden war dies DIE Bestätigung, daß Gott wirklich mit den Christen war, daß Jesus wirklich auferstanden und mit ihnen war. In Nachahmung davon behaupten heute auch Charismatiker wie Emiliano Tardif, das “Charisma der Heilung“ zu haben. Es werden in allen Ländern der Erde große Treffen mit vielen tausend Menschen veranstaltet, zu denen diese Charismatiker eingeladen werden in der Hoffnung, zum einen möge Gott durch ihren Dienst wenigstens einige Kranke gesund machen und zum anderen mögen sich viele Nichtchristen - die dazu von charismatischen Freunden in großer Zahl mitgebracht werden - unter diesen Einflüssen bekehren.
Taufe im Geist: Die Taufe im Geist wird definiert in Anlehnung an Pfingsten und andere biblische Ereignisse. Eine Taufe im Geist ist ein Ereignis im Leben eines Menschen, bei dem dieser in Zusammenhang mit charismatischen Gebeten, mit Zungenreden und Handauflegung plötzlich eine sehr tiefe Erfahrung von der Nähe Gottes macht, von Seiner Liebe zu ihm und von seiner eigenen Sündhaftigkeit. Es entspricht etwa einigen der Erfahrungen, die z.B. Theresa v. Avila in ihrer "Seelenburg" oder Ignatius in seinen Exerzitien beschreiben.
Freies Gebet und Lobpreis werden ebenfalls als typisch für die CE angesehen. Freies Gebet meint, zu beten, ohne einen geschriebenen Text vor sich zu haben, aber mit lauter Stimme und oft vor vielen Leuten. Lobpreis meint, Gott um seiner selbst willen zu loben, ihm zu danken weil er IST, weil er uns liebt... Dies geschieht dann nicht mit etwas verstaubten Kirchenliedern im gemächlichen Takt einer Orgel, sondern mit Gitarre, Trompeten,Trommeln und allem was Krach machen kann zu modernen Melodien idealerweise mit biblischen Texten wie Psalmen.
Biblisch unbelegte Phänomene: Unter Charismatikern sind auch Phänomene verbreitet, die keine ausdrücklichen biblischen Belege haben aber dennoch als Werk des Hl. Geistes angesehen werden. Beispielsweise “Lachen im Geist“ oder “Ruhen im Geist“: Der Charismatiker soll dabei plötzlich eine übergroße Freude spüren, die ihn laut lachen läßt oder eine übergroße Ruhe, daß er zu Boden sinkt und einige Zeit “ruht“ d.h. nicht ansprechbar ist. Hier sind der Phantasie prinzipiell keine Grenzen gesetzt - alle nur denkbaren Faxen können mit dem Label “geistgewirkt“ gekennzeichnet werden.
All diese Phänomene sollen einem zentralen Ziel dienen: Den Menschen von heute zu zeigen “Jesus lebt“. Jesus Christus sei nicht eine Angelegenheit der Geschichte, ein Mensch früherer Zeiten, sondern jemand, der heute unter uns lebe und mit dem jeder eine persönliche Erfahrung machen müsse, der Christ sein wolle. Der Charismatiker Tardif führt aus: “Anläßlich einer Predigttour in Ägypten besuchten wir auch die eindrucksvollen, gewaltigen Pyramiden. Dort erzählte man uns, daß man dem Verstorbenen für die Jenseitsreise auserlesene Gerichte mit ins Grab gab. Leider vergeudete man auf diese Weise köstliche Speisen, da der Tote nicht einmal ihren Geschmack feststellen konnte. Dasselbe geschieht, wenn wir die köstliche Speise der Doktrin, der Moral oder der Orthodoxie denen, die noch tot sind, reichen; jenen Menschen, die noch nicht die Erfahrung des Lebens in Fülle gemacht haben; jenes Lebens, das uns Jesus mit seinem Kommen auf die Erde gebracht hat.“ (5)
Der eigentliche Ursprung -besser gesagt: Neuanfang- der CE ist nicht mehr aufzuklären. Jedenfalls entstand die CE Ende des letzten Jahrhundertes bei nordamerikanischen Protestanten. Sullivan gibt als Ursprung eine Bibelschule an, in der die Schüler, junge Erwachsene, mehrere Tage intensiv um eine Erfahrung des Heiligen Geistes gebetet hätten und es dann zu Phänomenen wie an Pfingsten gekommen sei (6). Dies, von ihnen als die bereits erwähnte “Taufe im Geist“ bezeichnet, verbreitete sich dann rasch in den zahllosen nordamerikanischen evangelischen Denominationen (“Kirchen“), von denen einige diese neue Gebetsweise integrierten, andere sie ablehnten. Eine wichtige Rolle spielte die Übertragung durch “Handauflegung“: Jemand, der bereits diese Taufe im Geist erfahren hatte oder in Zungen reden konnte, hatte die Möglichkeit, einem anderen dies zu vermitteln indem er ihm die Hände auflegte und für ihn betete, am wirksamsten war es dies laut zu tun und gleichzeitig die Augen zu schließen. Gelegentlich war der “be-Betete“ ein Katholik, der dann auch diese Gaben empfing. Zunächst reagierte die katholische Hierarchie eindeutig ablehnend und unterband das Eindringen der CE in die katholische Kirche. Nach dem Konzil, als plötzlich alles erlaubt war außer so weiterzumachen wie bisher, öffnete die Kirche im Angesicht der Sturmflut vor den Deichen dennoch die Schleusen - so kam es, daß ab 1968 die ersten katholischen Charismatiker sich organisierten. Sehr wichtig ist zu sehen, daß die CE bereits von ihrer Entstehungsweise her keinerlei zentrale Leitung haben k a n n . Die kirchenoffiziellen charismatischen Gremien wie die Diözesansprecher oder der Rat der CE in Deutschland haben keine juristische Autorität und sind auch nicht repräsentativ für die katholische CE (sie bemühen sich aber, es möglichst zu sein) und stellen einen Versuch dar, wenigstens einigermaßene Ordnung in die CE zu bringen.
Was ist richtig an der „Charismatischen Erneuerung“ ?
Getreu dem Apostelwort "prüft alles und behaltet das Gute" (1 Thess 5,21) möchte ich zuerst fragen “was ist richtig an der CE ?" .
1. Der Lobpreis. Es ist wirklich sehr wichtig, GOTT zu loben um Seiner selbst will, weil ER ist, weil ER existiert und unser Schöpfer ist... Dafür gibt es prinzipiell je nach Temperament und kultureller Prägung unterschiedliche Möglichkeiten. Eine davon ist die Gregorianik. Eine andere ist der Lobpreis, wie er in der CE praktiziert wird. Wichtig ist, daß es eine hinreichende Ehrfurcht und Würde in den Formen gibt, daß Liedtexte theologisch korrekt sind und daß, vor allem,der Lobpreis wirklich aus dem Herzen kommt(7). Besonders letzteres betonen die Charismatiker außerordentlich. Ihnen liegt wenig daran, Klamauk oder Spektakel zu machen, sondern sie wollen Gott mit modernen, schwungvollen Liedern, eventuell auch mit Klatschen oder Tanzen loben und preisen. Das sollte nicht unbedingt in der Messe sein, sondern besser in eigenen Lobpreisgottesdiensten und manchmal -z.B. bei Klatschen und Tanzen- auch nicht in einer Kirche sondern besser im Pfarrsaal oder im Freien. Aber ich glaube, daß dieser Lobpreis eine sehr tiefe und befreiende Wirkung auf den Menschen haben kann. Der Lobpreis zählt mit zu meinen besten Erlebnissen in der CE. Wichtig ist mir an dieser Stelle zu sagen, daß manchmal Menschen gewisse emotionale Hemmungen haben, Gott auch mit dem Leib, mit Bewegungen etc. zu loben und anzubeten. Das ist zu respektieren, aber es sollte nicht von den Betroffenen selber auf eine theologische Ebene gehoben werden mit dem Ziel, Lobpreis als grundsätzlich nichtkatholisch abzutun. Fehlformen sind freilich etwas anderes.
2. Freies Gebet. Vielleicht überrascht es viele, aber Jesus selber und die Apostel haben sehr viel frei gebetet (8). Frei beten heißt, laut zu Gott zu sprechen, ohne einen geschriebenen Text vorzutragen, z.B. eine Fürbitte am Bett eines kranken Freundes. Eventuell auch unter Handauflegung o.ä. All dies kann für alle Beteiligten eine sehr tiefe Erfahrung sein . Natürlich ist auf theologische Korrektheit zu achten wie auf Würde und Ehrfurcht und man sollte nicht versuchen, Sakramente nachzuahmen oder sich übernatürliche Fähigkeiten anzumaßen (z.B. “Charisma der Heilung").
3. “Jesus lebt". Der oben zitierte Charismatiker Tardif hat zu einem guten Teil Recht mit seinem Ansatz (die Gefahr und der Irrtum dabei wird weiter unten behandelt werden): Nur der ist wirklich ein Christ, der eine persönliche unmittelbare Beziehung zu Jesus Christus als Seinem Freund, Bruder und Herrn hat. Es gibt wirklich die Gefahr, vor lauter Weihrauch, theologischer Literatur, Kirchenmusik und christlicher Kunst den Einen nicht zu sehen, der dahintersteht. Entscheidend ist vor allem diese Unterscheidung: Wir glauben nicht, daß Jesus auferstanden ist (glauben hier im Sinne von "meinen"). Das ist falsch. Wir glauben an die Person Jesu, von dem wir wissen, daß Er auferstanden ist. Dieses Wissen scheidet den Christen vom Nichtchristen. Woher wissen wir das ? Das Lehramt ist eindeutig:
"Damit nichtsdestoweniger der Gehorsam unseres Glaubens mit der Vernunft übereinstimmend sei, wollte Gott, daß mit den inneren Hilfen des Heiligen Geistes äußere Beweise seiner Offenbarung verbunden werden" (9) "Welches aber die wahre Religion sei, dies zu erkennen ist nicht schwer für den, der aufrichtigen Herzens und nach reiflicher Überlegung urteilt. So viele und so lichtvolle Beweisgründe, die Wahrheit der Weissagungen, die häufigen Wunder... und so manches andere geben Klarheit darüber." (10)
Daß Gott die katholische Kirche will, bestätigen die Wunder, die Er in ihr getan hat und - das ist das Entscheidende - auch heute tut. Wie könnte Jesu Mutter in Lourdes oder Fatima erscheinen, wenn Er selber tot im Grab geblieben wäre ? Wie konnte Therese Neuman fast 50 Jahre nur von der Eucharistie leben, wenn diese nur gewöhnliches Brot ist ? Diese Wunder zwingen niemanden zu glauben, das heißt sein ganzes Leben nach Jesus Willen auszurichten. Aber wer bereits glaubt, findet hier die Bestätigung, die er braucht um sicher sein zu können, nicht "irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten" (2 Petr 1,16) gefolgt zu sein. Wenn ein Mensch durch eine Bekehrung vom Nichtchristen zum Christen wird, ist dieser Erkenntnisprozeß wesentlicher Teil der inneren Umwandlung, die er zu durchlaufen hat.
Was ist falsch an der “Charismatischen Erneuerung" ?
Für den Katholiken ist es unzweifelhaft, daß Gott Wunder aller Art tun kann und gelegentlich auch tut. Das Problem liegt für die Kirche mehr darin, festzustellen, ob in einem konkreten Falle ein göttliches oder ein teuflisches Wunder oder ein natürlicher Vorgang anzunehmen ist. Wie verhält sich dies in der CE ?
Das Ergebnis meiner 2-jährigen Mitgliedschaft in der charismatischen GdS und meines 3-jährigen Aufenthaltes in "charismatischem Milieu" ist leider niederschmetternd: Echte übernatürliche Ereignisse sind dort sehr sehr selten - obgleich ihr Eintreten von den Charismatikern in größtem Ausmaß behauptet wird. Ich betone, daß dies keine dogmatische oder sonstwie aus theoretischen theologischen Prinzipien abgeleitete Aussage ist, sondern Ergebnis langer, intensiver, und wohlwollender Beobachtung. Zu den einzelnen Charismen:
Zungenreden: In der GdS bestand das Zungenreden durchweg aus einem Singen mit konsonantischen Modulationen alle 0.3-2 Sekunden. Es trat niemals, auch nicht an Pfingsten, "Zungenreden" in einer Fremdsprache auf, die der Betreffende nie gelernt hatte, die aber von anderen Anwesenden verstanden worden wäre. Dabei hätte sich dies angeboten, denn im Haus von Rees waren ständig 10-15 Nationalitäten vertreten - wie am ersten Pfingsten in Jerusalem. Nur leider ohne Zungenreden. Charismatiker weisen oft daraufhin, daß an Pfingsten viele Jünger in gänzlich unbekannten Sprachen gesprochen hätten, die kein lebender Mensch verstanden hätte. Eine Sprache besitzt aber immer eine gewisse Struktur, die sie als Sprache z.B. vom Lallen des Kleinkindes, Bellen des Hundes oder Kreischen des Schimpansen klar unterscheidet und als solche erkannt werden kann, ohne sie selber zu verstehen. Ich bin kein Linguist, beherrsche aber dank Gottes Gnade mehrere Fremdsprachen. Daher meine ich zumindest ein linguistisches Grundwissen zu haben, um eine Sprache von Lallen, Bellen oder Kreischen unterscheiden zu können. Weder in der GdS noch anderswo habe ich jemals ein solches Reden in "unbekannten Sprachen" erlebt. Mit echtem Zungenreden in einer Fremdsprache bin ich nur ein einziges Mal und nur indirekt in Berührung gekommen: Ein Brasilianer, Theologe, der in die GdS eingetreten war, berichtete mir von einem brasilianischen Freund, der jemand kannte, der bei einem charismatischen Treffen plötzlich in einer Sprache der Amazonas-Indianer geredet hatte, die er nie gelernt hatte. Ich halte diesen Bericht auch für wahr - aber anbetracht der Tatsache, daß in der GdS mehrmals täglich ausgiebig "in Zungen geredet" wurde (in der Messe nach der Wandlung, in der Vesper und gelegentlich vor oder nach den Mahlzeiten) bestätigt dies nur meine oben erwähnte Beobachtung: Echte übernatürliche Ereignisse sind sehr sehr selten.
In der GdS wurde behauptet, der "Heilige Geist" könne auch das "Zungenreden" zu einer wundervollen Melodie formen, die wie stundenlang geprobt klänge. Auch dies habe ich niemals erlebt, weder bei großen Treffen mit tausenden Teilnehmern noch bei Gottesdiensten in ganz kleinen Häusern mit nur einem halben Dutzend Anwesenden.
Interessant ist noch anzumerken, daß Analysen von echten (?) Reden in unbekannten Sprachen (d.h. kein "Lallen") nach Aussage charismatischer Autoren ergeben hat, daß diese einer wirklichen Sprache nur ähnlich sind ohne eine Sprache zu sein (11).
Die Charismatiker wissen teilweise um diese Problematik. In einem Flugblatt der CE heißt es dazu “...diese Hinwendung zu Gott drückt sich unmittelbar in Silben und Worten aus, die wir nicht verstehen und die im allgemeinen auch keine tatsächliche Sprache bilden“ (12)
Thomas v. Aquin weiß nichts von einer solchen Sprachengabe - in voller Übereinstimmung mit der Bibel geht er davon aus, daß Gebet in unbekannten Sprachen dennoch Gebet in einer Sprache ist (13). Abbé Coiffet weißt daraufhin, daß es das Spezifikum des Menschen ist, sich in einer rationalen und verständlichen Sprache auszudrücken - so sind wir von Gott geschaffen worden. Ein solches angeblich “geistgewirktes“ Lallen steht widerspricht dieser Natur des Menschen. Darum betont der Hl. Paulus die Notwendigkeit der Übersetzung des Sprachengebetes. Das Wunder zerstört nicht die Natur, sondern es erhebt sie (14).
Prophetien: Sowohl in der GdS als auch auf Versammlungen anderer Charismatiker, an denen ich teilgenommen habe, herrschte an "prophetischen" Worten/Weissagungen/Bildern etc. kein Mangel. Bei genauerer und langdauernder Beobachtung ergaben sich aber Ergebnisse, die die Übernatürlichkeit dieser Ereignisse in Frage stellen:
Zum einen die Personen, die "Prophetien" empfingen: Im Haus in Rees habe ich den Eintritt von 70 Brüdern und Schwestern erlebt (von denen knapp 2/3 wieder gegangen ist) und diese 70 dann gut kennengelernt. Ich konnte u.a. beobachten, wer Prophetien erhielt: Typischerweise, d.h. zu über 85%, waren es Schwestern, die recht lebhaft, forsch und intelligent waren, aber kein Studium o.ä. absolviert hatten. Schüchterne und einfache Schwestern hatten hatten ebenso wie Brüder nur selten Worte, “studierte“ Brüder oder Schwestern praktisch nie. Zudem "entwickelte" sich dieses "Prophezeien" üblicherweise innerhalb der ersten 2 Monate nach Eintritt oder gar nicht. Manchmal kam es mir wie ein Statussymbol vor. Aufenthalte in anderen Häusern ließen grob ein ähnliches Bild erkennen,aber da ich die Mitglieder dort nicht so intensiv kennenlernte und zudem das Haus von Rees eines der “charismatischsten“ der ganzen GdS war, beschränke ich mich hier auf "Rees". Die Prophetien selber besaßen fast immer die folgenden Eigenschaften: Sie waren relativ unbestimmt (eine der präzisesten Formulierungen war schon die folgende: "Es ist ein Mann zwischen 30 und 40 unter uns, der am Magen leidet. Jesus sagt ihm..."), gaben meist keine konkreten, nachprüfbaren Aussagen (z.B. Versprechen einer Heilung) sondern sprachen allgemein von Rat,Hilfe etc.Der “Hirte“ ( = Hausobere) in Rees täuschte auch schon mal eine Prophetie vor, wenn es ihm taktisch günstig schien. Oft gab es bei Gottesdiensten rechnerisch für jeden 2. - 3. Anwesenden ein "Wort". Oder es gab 5 Prophetien für Männer zwischen 30 und 40, obwohl nur 3 dieses Alters anwesend waren. Sofern ein solcher Widerspruch überhaupt registriert wurde (ihn zu artikulieren wurde in der “Gemeinschaft der Seligpreisungen“ als ein Zeichen von “Ungehorsam“ oder “Hochmut“ angesehen, denn man sollte “einfach sein wie ein Kind“), hieß es dann "der Hl.Geist sagt oft auch Worte, die auf Menschen anderswo zutreffen". Mir scheint aber das Kriterium des Paulus "Charismen werden gegeben, damit sie der Gemeinde nützen" (1Kor 12,7) zu meinen, daß Prophetien der physisch anwesenden Gemeinde oder bestenfalls Personen, die mit ihr in direktem Bezug (Familienangehörige) stehen, nützen müssen, wenn sie den Anspruch erheben, ausgesprochen zu werden. Während aller derartiger Gottesdienste wurde dazu ermuntert, daß Personen, die eine Prophetie als auf sich zutreffend erkannten, hiervon sofort Zeugnis gaben. Derartige Zeugnisse waren selten, selbst wenn man berücksichtigt, daß die meisten Menschen zu ängstlich sind, um vor einer größeren Gruppe ein solches Zeugnis zu geben. Die Zeugnisse, die gegeben wurden, berichteten wiederum zum Großteil von relativ unspezifischen "Prophetien", d.h. von solchen, die auf viele gepaßt hätten. Um ein klares Urteil zu wagen: Dies waren keine Prophetien, sondern Erzeugnisse der Phantasie.
(Ende Teil 1)
Anmerkungen Teil 1
1 Marcel Lefebvre,“Sie haben Ihn entthront“, Stuttgart 1988, S.159
2 Zu einer eingehenden theologischen Auseinandersetzung sei auf das Buch “Le Renouveau Charismatique - est-il d’Eglise“ von Abbé Denis Coiffet FSSP verwiesen, Nouvelles Éditions Latines,Paris 1988. Diese Studie liefert viele gute Einsichten, krankt aber m.E. daran, daß der Autor von vorneherein die Existenz übernatürlicher “Charismen“ innerhalb der CE vorraussetzt und sich so selber der besten Argumente beraubt. Zugleich behandelt er die CE zu sehr anhand abstrakter theologischer Überlegungen, die dann leider oft den Kern verfehlen.
3 Wie wenig die Konzilskirche überhaupt noch daran interessiert ist, ihre Schutz- und Überwachungsfunktion wahrzunehmen -man denke nur an die völlige Passivität kirchlicher Behörden wie der Glaubenskongregation gegenüber häretischen deutschen Theologieprofessoren-, machte mir eine Begegnung mit Heinrich Janssen klar, Regionalbischof für den Niederrhein mit Sitz in Xanten und zuständig für Rees, wo die „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ihr erstes deutsches Haus gegründet hatte. Ausgerüstet mit einem Brief an ihn, der die Zustände in der Sekte beschrieb, und mit 2 Schreiben ihr nahestehender Personen (ein Theologieprofessor, der beteiligt war, sie nach Deutschland zu holen, und ein Pfarrer, in dessen Pfarrei die GdS ein Haus hat), die den Inhalt meines Briefes an ihn als korrekt bestätigten, begab ich mich nach Xanten. Herr Janssen weigerte sich, Brief und Bestätigungsschreiben auch nur entgegenzunehmen und kanzelte mich stattdessen grob ab. Als ich ihn auf die Irrationalität seines Verhaltens aufmerksam machen wollte, wies er mir augenblicklich die Tür. Die Kirchenkrise ist eben zuerst eine Krise der Bischöfe und Priester.
4 Ich möchte den interessierten Leser über meinen Weg zur “Tradition“ nicht im unklaren lassen: Während eines einjährigen Intermezzos im Umfeld des Opus Dei habe ich begonnen, Sonntags in eine Indultmesse zu gehen.
5 Emiliano Tardif, “Jesus ist der Messias“,4-Türme-Verlag Münsterschwarzach 1990, S.126f
6 F.A. Sullivan, “Die Charismatische Erneuerung“, 2.überarbeitete Auflage, Graz 1986, S.55-60
7 Thomas v.Aquin, Summa Theologica Nr. 83,12 oder Nr.91 bestätigt dies vollständig
8 Mt 26,39 Joh 17,1-26 Apg 1,24 Apg 4,24-30 Apg 16, 25 1Kor 14 u.a.
9 DS3009, I.Vaticanum, Dei filius
10 Leo XIII. Immortale Dei
11 C. P. Wagner, Die Gaben des Geistes für den Gemeindeaufbau, 4. Auflage Neukirchen-Vluyn 1990, S.139
12 Flugblatt „Verständliche Fragen - biblische Antworten“ hg. v. Sekretariat der Charismatischen Erneuerung in der katholischen Kirche
13 Summa Theologica I IIae q.176
14 ebenda (Nr.2) S.92
Teil 2
Heilungen: Auch hier zeichnet sich empirisch ein ähnliches Bild ab wie bei den anderen Phänomenen: Echte übernatürliche Heilungen sind nach meiner Beobachtung sehr sehr selten. Dennoch habe ich einige Personen kennengelernt, die von einer schweren Krankheit plötzlich und vollständig in Zusammenhang mit charismatischen Gebeten geheilt wurden. Das Versprechen körperlicher oder psychischer ("innerer") Heilung nimmt in der CE breitesten Raum ein, ebenso wie konkretes Gebet um Heilung oder Heilungsgottesdienste, häufig unter Leitung eines Charismatikers wie Emiliano Tardif, der angeblich das "Charisma der Heilung" hat und in dessen Gottesdiensten infolgedessen besonders viele Menschen von Gott geheilt werden sollen. In der GdS wurde über Hunderte von Personen um Heilung gebetet, hunderte von "Prophetien" versprachen Heilung. Ich kann nur abschätzen, wieviele Personen geheilt wurden: Anhand der Anzahl Heilungen, von denen ich erfahren habe und der Annahme,daß ich nur etwa von der Hälfte Kenntnis bekam. Demnach blieben 99.6% aller Gebete um Heilung, Heilungsprophetien etc. unwirksam, in 0.4% gab es Heilungen.
Bei großen charismatischen Treffen mit tausenden Teilnehmern ergab sich anhand der "Zeugnisse" ein ähnlicher Prozentwert, d.h. bei 2000 Teilnehmern gaben etwa 20 Personen irgendeine Heilung an, von denen 1/5 = 4 medizinisch leidlich valide klangen (dazu s.u.) und ich wieder davon ausgehe, daß sich nur jeder 2."Geheilte" meldete. Da jede Heilung für den Betroffenen ein sehr starkes Erlebnis war und zudem massiv aufgefordert wurde, "Zeugnis" zu geben, glaube ich, daß sich wirklich mindestens jeder 2. auch meldete. Aus diesen Überlegungen halte ich den Wert "0.4% Heilungen" für annähernd korrekt.
Bei "Charismatischen Heilungen" besteht ein schwerwiegendes methodisches Problem: Die Feststellung der Heilung. Bei einem großen Treffen sammeln sich für einige Stunden tausende Menschen, die sich danach sofort wieder in alle Winde zerstreuen und vielleicht nie wieder zusammenkommen. Eine "Heilung" muß also, um einen evangelistischen Effekt zu haben, sofort bekanntgegeben werden. Auch bei Gemeinschaften wie der GdS, die wöchentlich Heilungsgottesdienste veranstalten, kommt nur eine kleine Zahl (pro Haus weniger als 10) mehrfach im Quartal. Auch hier gibt es also den Druck, Heilungen möglichst sofort verkünden zu müssen, die ohnehin seltener sind, da sich viel kleinere Gruppen versammeln. Genau hier liegt das medizinische Problem: Von den 884 661 Sterbefällen in Deutschland im Jahre 1994 entfielen auf die Krankheiten Krebs, Arteriosklerose (mit Folgen Herzinfarkt, Schlaganfall) und Diabetes etwa 50% (1).Die genannten Krankheiten können also als schwer und häufig bezeichnet werden - eine Heilung von ihnen wäre aus Sicht der Betroffenen sehr wünschenswert. Leider ist es bei ihnen auch einem Arzt nicht möglich, nur anhand einer klinischen Untersuchung ohne eingehende apparative Diagnostik und (bei Krebs) Verlaufsbeobachtung eine Heilung zu diagnostizieren. Erst recht ist dies einem Betroffenen unmöglich - der aber zugleich häufig sehr suggestibel ist und nur zu gerne bereit, eine Heilung anzunehmen, wenn eine "Prohetie" ausgesprochen wird, die auf ihn paßt und er zudem gerade eine "Wärme" o.ä. im Körper spürt. Als ein gutes Schaf wird er dann "Zeugnis" geben - und einige Zeit später doch versterben.
Ich gebe zu, daß es Menschen gibt, die sehr intensiv mit Gott leben, Erfahrung mit Seinem Wirken haben und daher mit hoher Sicherheit sagen können, ob Gott etwas an ihnen getan hat oder nicht. Die Propheten des alten Israel gehörten dazu oder Heilige wie Theresa von Avila. Theresa gibt auch Kriterien an, woran ein solches Eingreifen Gottes subjektiv festgestellt werden kann (2). Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer an charismatischen Heilungsgottesdiensten besitzt jedoch diese Erfahrung nicht - viele sind ohnehin Nichtchristen, die von charismatischen Freunden mitgebracht wurden.
Die Praxis des "Charismas der Heilung" ist also unredlich und beinhaltet die Gefahr, Kranke in Wechselbäder aus Hoffnung und Enttäuschung zu stürzen. Dies ist keine Kleinigkeit: Ein Stationsarzt, der z.B. Krebskranken fälschlich ihre Genesung verkündigt, muß mit Entlassung rechnen.
Nun gibt es nicht nur schwere Erkrankunge wie die oben erwähnten, sondern auch leichte: 1994 fand sich bei den männlichen Pflichtmitgliedern der AOK-West folgende Diagnosenverteilung zur Begründung einer Arbeitsunfähigkeit: Rückenerkrankungen 28%, Atemwegsinfekte 24%, Grippe und Lungenentzündung 20%, Asthma u.ä. 18%, Rheuma (ohne Rücken) 10%, Darmerkrankungen 8%, Gelenkerkrankungen 6%. Davon haben die erste und die 4 letzten Gruppen (zusammen 70%) meistens eine multifaktorielle Genese und sind oft ätiologisch unklar mit starker psychischer Komponente (3).
Ein ähnliches Bild bietet sich bei Patienten in einer Allgemeinarztpraxis: Nach verschiedenen Studien weisen zwischen 15 und 35% als primären Behandlungsanlaß funktionelle Störungen auf (4), die bei 25-70% dieser Patienten durch psychische Störungen bedingt sind - d.h. sie sprechen besonders gut auf psychische Heilverfahren an, wie sie auch Heilungsgebete mit all ihrer Suggestion, ihrem emotionalen Klima etc. darstellen - "Gott" wird nicht zwingend zur Erklärung einer Heilung benötigt.
Das bedeutet, daß die Abgrenzung einer echten übernatürlichen Heilung gegenüber Effekten von Homöopathie, Anthroposophischer Medizin, Suggestion, Außenseitermethoden, Esoterik oder Heilpraktikern schwierig oder unmöglich wird. Jede Therapie hilft bei diesen Krankheiten letztlich irgendwie. Die Kirche weiß um dieses Problem und hat darum für ihre Kanonisationen oder für Wallfahrtsorte wie Lourdes eigene Kriterien aufgestellt, nach denen die meisten der obigen leichteren Krankheiten von vorneherein keine Chance auf Anerkennung hätten, weil z.B. eine eindeutig definierte organische Veränderung fehlt (5). Auch bei leichteren Erkrankungen erweist sich die Praxis des "Charismas der Heilung" also als unredlich.
Der deutsche Wissenschaftler F. Reckinger hat in aller Deutlichkeit auf die zumindest in freikirchlichen Kreisen verbreiteten plumpen Betrügereien bei evangelischen Charismatikern hingewiesen, denen nach seiner Erfahrung auch offizielle Vertreter der katholischen CE erschütternd naiv gegenüberstehen (6).
Der US-amerikanische Wissenschaftlerin D.C. Glik findet bei einer Untersuchung an 13 esoterischen und 17 charismatischen Gebetsgruppen (letztere zur Hälfte katholisch, meist durch einen Priester geleitet) in Baltimore, Maryland zwischen beiden starke Parallelen bzgl. Struktur, Ideologie und Heilerfolgen, die hier hauptsächlich psychosomatische Effekte vermuten lassen. Ein Beispiel: “In esoterischen Gebetsgruppen wurde Erschöpfung oder Angst manchmal einer Blockade des Energieflusses zugeschrieben, die eine physische oder spirituelle Reinigung erforderte um eine Heilung eintreten zu lassen. Dies basierte auf dem Glauben, daß alle Lebewesen eine elektromagnetische Dimension haben, die erschöpft werden oder aus dem Gleichgewicht geraten kann. Mitglieder esoterischer Gebetsgruppen glaubten manchmal auch, daß solch ein krankhafter Zustand durch fehlerhaftes Denken oder negative Einstellung verursacht war. In diesem Fall war die Heilungsübung in Richtung auf eine geistige Transformation des inneren Zustandes gerichtet. Da ein Aspekt von Gott innerhalb des Ego wahrgenommen wird, konnte eine Veränderung zum und eine Wahrnehmung des Ego die Tür zum Heilen öffnen. Mitglieder charismatischer Gebetsgruppen wiederrum erklärten emotionale Erschöpfung oder Beeinträchtigung als Folge eines “Verlustes des Vertrauens in Gott“ oder als ein Resultat sich zu gestatten “vom Teufel betrogen zu werden“. In solchen Fällen war das geeignete Gegenmittel verstärkte Bindung an Gott, Gebet und Hingabe an Gottes Willen.“ (7)
Beiden Theorien gemeinsam ist neben ihrer Struktur auch ihre völlig fehlende biblische und lehramtliche Begründung.
Abbé Coiffet weist daraufhin, daß in der CE sehr oft Heilungen “schrittweise“ eintreten und viel Gebet benötigen, bis sie endlich vollendet sind. Die Heilungen Jesu dagegen traten durchweg augenblicklich und vollständig ein (8).
Mit ihrer fixen Idee, immer und überall zu beweisen "Jesus lebt" begeben sich die Charismatiker in eine Grauzone, in der es nicht mehr möglich ist, mit wenigstens leidlicher Sicherheit (die Lourdes-Kriterien sind zugegeben für den christlichen Alltag zu streng) zwischen übernatürlichen Vorgängen, psychologischen, esoterischen, homöopathischen oder sonstwelchen Effekten zu unterscheiden. Dadurch wird langfristig der katholische Glaube gegenüber Außenstehenden entwertet werden ("alles Quatsch"). Jedes falsche "Wunder" ist Munition für die Geschütze der glaubensfeindlichen Presse (z.B.des Spiegels) und bedeutet immer auch Leid für die getäuschten Betroffenen.
Biblisch unbelegte Phänomene: "Ruhen im Geist" kam in der GdS vor, auf Wallfahrten, die sie betreute, sogar recht häufig. Außerhalb der GdS habe ich es zweimal als Gast in einem Hauskreis einer freikirchlichen Gemeinde beobachtet und einmal am eigenen Leibe erlebt. Hier ist aber das Problem, daß eine Abgrenzung von bloßen psychologischen Vorgängen unmöglich ist, auch nicht näherungsweise.
Diese Unmöglichkeit der Abgrenzung gilt auch für "Lachen im Geist" (kam gelegentlich auf GdS-Wallfahrten vor) und "Schütteln im Geist". Die beiden letztgenannten Phänomene treten besonders im Rahmen des sog. Toronto-Segens auf: 1993 gab es in einer freikirchlichen Gemeinde in Toronto / Kanada eine angebliche "Ausgießung des Hl.Geistes" die besonders diese und noch bizarrere Phänomene wie -kein Witz- "wie ein Hase hoppeln" erzeugte und per Handauflegung übertragen in der ganzen Welt einschließlich Deutschland Verbreitung fand (9).
Noch schwerwiegender sprechen gegen die CE theoretisch-theologische Überlegungen, die jetzt erörtert werden sollen:
Das II.Gebot Gottes "Du sollst meinen Namen nicht mißbrauchen" beinhaltet zusammen mit der Mahnung Jesu “seid einfach wie die Kinder" die Weisung, nur solche Ereignisse als direkt gottgewirkt zu bezeichnen, die es auch sind. Auch wenn wir keinem Menschen schaden würden, indem wir ein Ereignis, bei dem wir nicht sicher sein können, ob es ein göttliches Wunder ist, als Wunder bezeichnen, so sollen wir das dennoch nicht tun, da hier die Person Gottes ins Spiel kommt, dessen heiligem Namen wir Ehrfurcht schulden "GEHEILIGT WERDE DEIN NAME".
Zudem ist es unkatholisch, Wunder, die durch einen Menschen als Kanal Gottes gewirkt werden, von dessen geistlicher und moralischer Qualifikation d.h. Integrität zu trennen.Das hängt mit der Autorität zusammen, die derjenige dadurch erhält und damit, daß ihn persönliche Integrität überhaupt erst glaubwürdig macht, z.B. kein Betrüger zu sein. Die Kirche erkennt niemals ein Wunder (z.B. eine Marienerscheinung) an,wenn die als Kanäle der Gnade dienenden Personen nicht persönlich integre, gläubige, ja heiligmäßige Katholiken waren (10). Die CE kommt historisch aus der Häresie und dem Schisma. Die Protestanten wissen nichts von solchen Kontrollen. Dementsprechend gibt es sie in der CE nicht - alle möglichen Leute behaupten von sich, Prophetien, Zungenreden etc. empfangen zu haben und äußern diese nicht nur im privaten Binnenraum, sondern vor allem öffentlich in Kirchen. Es sind oft Leute, die elementare Glaubenswahrheiten nicht kennen oder sogar leugnen, die vielleicht ohne Trauschein zusammenleben, die nur ein sehr oberflächliches Gebetsleben führen... In Deutschland beispielsweise, anders als etwa in Frankreich, stehen die meisten Charismatiker mit der Heiligen Jungfrau entweder gänzlich auf Kriegsfuß oder reduzieren sie in Unkenntnis oder Unverständnis der Lehre der Päpste (11) einschließlich des jetzigen von Maria als “Mittlerin aller Gnaden“ auf eine “Schwester im Glauben“ oder ein “Vorbild“ und halten obendrein wenig vom päpstlichen Lehramt, weder dem der Gegenwart noch der Vergangenheit. Man besuche nur einmal das große jährliche Deutschlandtreffen der CE. Ich kann nicht akzeptieren, daß Gott diesen Leuten in dem ausgiebigen Maß, wie es von ihnen behauptet wird, den "Heiligen Geist" geben soll. Hier besteht auch eine Verbindung zum zutiefst unbiblichen Ökumenismus: Wenn man heutzutage pauschal zuerkennt, daß der Heilige Geist auch unter Christen wirke, die zahllose Glaubenswahrheiten ablehnen, in vielem entgegen der katholischem Moral leben (wie die Protestanten), erschwert man es sich sehr, an Katholiken die traditionellen strengen Maßstäbe in punkto Rechtgläubigkeit und Heiligmäßigkeit anlegen zu können.
Die US-amerikanischen Protestanten, unter denen Ende des letzten Jahrhundertes die CE entstand, wußten nichts von den Sakramenten Firmung und Ordination. Sie lasen in der Bibel von den charismatischen Geschehnissen an Pfingsten und in den ersten Gemeinden. Die CE entstand dann in einer gewissen Nachahmung hiervon. Jedenfalls ist das Verhältnis zwischen der CE und Firmung und Bischofsweihe, um es vorsichtig zu sagen, völlig ungeklärt. Ist die Firmung nicht ausreichend oder gar nicht echt ? Ist die Bischofsweihe -nach kath.Lehre die Vollmacht des Heiligen Geistes- unzureichend, so daß der Weltepiskopat dem Beispiel des Erzbischofs von Perpignon Msgr. Chabbert folgen sollte, die "Taufe im Heiligen Geist" durch Handauflegung einiger charismatischer Frauen zu empfangen? Wieviel Arroganz steckt doch in dem folgenden Bericht von Pater Tardif: "Nachdem 2 Seminaristen an einem Freizeittreffen der Charismatischen Erneuerungsbewegung teilgenommen hatten, kehrten sie so glücklich ins Seminar zurück, daß sie sofort den Seminarleiter aufsuchten und ihm alles, was sie erlebt hatten, erzählten. Den nötigen Respekt außer acht lassend, wandte sich plötzlich einer der Seminaristen an den Rektor: 'Monsignore, möchten sie nicht, daß wir jetzt gleich für sie beten, damit sie den Heiligen Geist empfangen ?' Ein wenig verärgert antwortete ihnen der Rektor: 'Den Heiligen Geist habe ich schon bei der Taufe empfangen; dann am Tag meiner Firmung und schließlich am Tag meiner Priesterweihe außerdem noch...'Nach einigen Augenblicken spannungsvollen Schweigens mischte sich der andere Seminarist in das Gespräch ein: 'Könnten wir dann, Monsignore, nicht darum beten, daß man es Ihnen auch anmerkt ?' (12)"
Der schlimmste Fehler der CE aber ist nach meiner Ansicht, Gott als ein Medikament zu verkünden, je nach ihren Vertretern unterschiedlich stark: "glaube, und du wirst geheilt". Das stellt die Botschaft vom Kreuz als DEM Zentrum des christlichen Lebens an die Seite. Offensichtlich kann auch die CE den Menschen das Leiden durch Krankheit, Schicksalsschläge etc. nicht nehmen. Aber die CE schneidet den Menschen ab von der einzigen Möglichkeit, bereits hier in der Zeit unserer Verbannung das Leiden fruchtbar werden zu lassen, einen vorläufigen Sinn des Leidens zu erkennen: Durch die freiwillige Aufopferung des Leidens aus Liebe zum Mitmenschen und zu Gott beizutragen zur Erlösung der Welt, Jesus durch den Engel in Gethsemani auf mystische Weise zu trösten, mit Simon von Zyrene Jesus Sein Kreuz tragen zu helfen. Stattdessen fixiert die CE auf unrealistische Gesundheitshoffnungen. Mir scheint hier zwischen dem raschen Wachstum der CE unter Katholiken nach dem Konzil und der zeitgleichen Einführung einer Messliturgie, die bewußt den Opfercharakter der Messe fast völlig verschweigt (13), ein ganz enger Zusammenhang zu bestehen. Die Katholiken wissen nicht mehr -oder sollen nicht mehr wissen-, daß die Messe zuerst ein Opfer ist,daß der Adel des Leidenden darin besteht, mit Jesus am Kreuz die Welt zu erlösen (Kol 1,24). Stattdessen fallen sie der charismatischen Verkürzung "glaube - und du wirst geheilt" in die Hände (14).
Weiterhin ist die starke Betonung "Jesus lebt - mache eine persönliche Erfahrung mit ihm" eine Übertreibung (den richtigen Teil haben wir oben behandelt). Der Christ der Urkirche war nicht zuerst einer der 500 Jünger, die Jesus nach der Auferstehung gesehen hatten (1Kor 15,6), sondern jemand, der einen dieser 500 kannte und wußte, daß er die Wahrheit sagte. Ich kann die Erfahrungen anderer Menschen zu den meinen machen, wenn ich sie von ihnen mitgeteilt bekomme. Vorausgesetzt ich weiß, daß der Berichtende die Wahrheit sagt (also weder täuschen will noch getäuscht ist), so besteht z.B. zwischen der Hl. Bernadette und mir bzgl. Marienerscheinungen kein prinzipieller Unterschied mehr, sondern nur ein Unterschied in der Intensität des Erlebens, der es mir erlaubt,auf die wirklich persönliche Erfahrung eines übernatürlichen Geschehens entspannt zu verzichten,so daß ich nicht alle möglichen Anstrengungen machen muß,dahin zu gelangen.
Die Charismatiker berufen sich ausgiebig auf das Neue Testament: In der Urkirche wären die "Charismen" in allen Gemeinden anzutreffen gewesen, also müßten wir ihnen auch heute großen Raum geben. Das Argument der Konservativen, "weil die Charismen nur etwas für die Anfangszeit der Kirche gewesen seien, bräuchten wir sie heute nicht" sei unbiblisch und falsch (16). Zum einen sei dazu gesagt, daß es einen großen Unterschied macht, ob Apostel und Apostelschüler echte Charismen ausüben oder irgendwelche Leute falsche. Zum anderen kann man wohl von den Charismatikern nicht erwarten, daß sie die Argumentation der glaubenstreuen Katholiken korrekt wiedergeben. Richtig ist es zu sagen "weil es offenbar heute und seit Jahrhunderten die „Charismen“ nicht mehr in dem Maße wie in der frühen Kirche gibt, waren sie wohl nur für die Anfangszeit gedacht". Es stimmt, daß alle Gottesdienste der Urkirche charismatisch waren. Aber die Berufung auf die Urkirche ist immer eine schwierige Sache. Z.B. feierten die ersten Christen kein Weihnachten und hielten sich Sklaven (Philemon).
Wie ist der eindeutige biblische Befund zu erklären ? Anders gesagt, läßt sich aus dem biblischen Befund zugunsten der Charismen zugleich herauslesen, daß es sich nur um die Momentaufnahme eines Übergangszustandes handelte - und nicht um immer gültige Normierung wie bei anderen Aussagen der Bibel ? Meiner Ansicht nach "Ja", aufgrund folgender Überlegungen: Es gibt 3 Stellen,an denen das NT Listen von Geistesgaben gibt (Röm 12, 1 Kor 12, Eph 4). Die verwendete Terminologie ist dort zum einen nicht einheitlich, griechisch ist von "Charismata" "Pneumatika" und "Domata" die Rede. Zum anderen fällt auf, daß diese Listen nicht unterscheiden zwischen natürlichen Begabungen wie z.B. "Lehrer", die im Heiligen Geist für Gott verwendet werden, und übernatürlichen Gaben wie Prophetie, Zungenrede etc. Eine Lehrer hat seine Begabung natürlich wie alles was er hat von Gott. Er könnte sie jedoch auch als Moslem oder einsetzen, es gibt keine zwingende Koppelung an Gott. Anders dagegen eine Prophetie: Solche Worte, sofern sie wirklich von Gott sind, können natürlich nur dem Evangelium dienen. Offensichtlich ist die Theologie der Apostel, die diese Briefe verfaßten, noch nicht so weit ausdifferenziert, wie sie es heute ist. Wir müssen uns also hüten, diese Texte kurzerhand als absolute Norm für spätere Zeiten zu nehmen, sondern sollten sie als eine "Momentaufnahme" einer Entwicklung ansehen. Vor dem Konzil war in konsequenter Übernahme der Unterscheidung natürlich - übernatürlich der Begriff "Charisma" für auschließlich echte übernatürliche Gaben -die der Kirche nie gefehlt haben- reserviert. (Wir sehen hier die Unschärfe und praktische Unbrauchbarkeit der konziliaren Charisma-Definition).
Last not least sei auf den inherenten Ökumenismus schlimmster Form der CE hingewiesen: In praxi wurden und werden neben den angeblichen “Charismen“ auch Irrlehren en masse von den Protestanten auf Katholiken übertragen: Man vereint sich zum Gebet, zum anschließenden “Austausch“ (wobei die Katholiken schon aus Höflichkeit nicht mehr zu sagen wagen, daß sie die Wahrheit haben - und außerdem haben sie ja gerade den “Hl. Geist“ von Protestanten erhalten, so schlecht können diese also nicht sein ...), ersinnt konfessionell gemischte Berufvereinigungen wie “Christen im Gesundheitswesen“, ja sogar ebensolche Ordensgemeinschaften (in Frankreich u.a. Chemin Neuf und Taizé, in Deutschland u.a. Koinonia-Gemeinschaft und Jesus Bruderschaft Gnadenthal) um endlich womöglich bei der Welteinheitsreligion zu landen. Die Verwirrung, die die CE unter gutgläubigen Katholiken stiftet, ist kaum noch zu quantifizieren (15).
Schlußfolgerungen
Wie sollten wir persönlich reagieren und welche Reaktion sollten wir von der hoffentlich schon bald wieder intakten kirchlichen Autorität erwarten ?
Persönlich sollten wir viel Verständnis aufbringen für die Einzelnen, die in die CE hineingeraten sind und sich - getäuscht durch die kirchliche Anerkennung der CE - oft in einem unüberwindlichen Irrtum befinden.Man stelle sich einen Pfarrer vor, dessen Gemeinde seit 20 Jahren beständig schrumpft,keine Berufungen hervor-bringt und der die Messe werktags vor leeren Bänken zelebriert - und bei dem plötzlich einige Charismatiker eine Gebetsgruppe aufmachen, in der sie einmal wöchentlich 3 Stunden mit Feuereifer beten. Dieser Pfarrer wird ihnen sehr wohlwollend gegenüber stehen. Msgr. Lefebvre hat diesen Sachverhalt klar erkannt, als er sagte "die Krise der Kirche treibt die Gläubigen dem Charismatismus in die Arme" (16). In Frankreich sind die charismatischen Gemeinschaften weithin neben der Tradition der einzige noch intakte Teil der Kirche. Bei ihnen sammelten sich die glaubenstreuen Katholiken, die sich nicht trauten, zur Tradition zu stoßen und doch den "richtigen" Modernismus nicht mitmachen wollten. Demzufolge sind "Brot des Lebens" und "Emmanuel" so katholisch, wie man als konzilskirchlicher Charismatiker nur sein kann - und das reicht immerhin aus, um von unberufener Seite (17) zusammen mit der “Tradition“ als fundamentalistisch, psychisch gestört und schlimmeres beschimpft zu werden. Bei den deutschen Charismatikern -soweit nicht bereits im Umkreis dieser Gemeinschaften- ist das Leugnen oder Verkürzen von Glaubenswahrheiten alltäglich, die Priester tragen selbstverständlich Zivil... Gegenüber ihnen (18) sollten wir uns stärker abgrenzen als von den französischen Gemeinschaften.
Erwarten sollten wir von der kirchlichen Autorität zum einen eine tiefgehende Aufarbeitung der theologischen Irrtümer in der CE, eine Arbeit, die das Lehramt im Zuge seiner Rückkehr zur katholischen Tradition zu leisten haben wird, zum anderen eine Korrektur der real existierenden katholischen CE im folgenden Sinne:
1. Lobpreis, freies Gebet: "Ja".
2. "Charismen" der Zungenrede, Prophetie, Heilung etc. nur bei echten Phänomenen und nur öffentliche Ausübung durch geistlich und moralisch besonders integre Katholiken.
Gebetsgruppenleiter bzw. Pfarrer mit Gebetsgruppen in ihrer Pfarrei, Verantwortliche der CE etc. sollten von der Kirche entsprechend geschult werden - wozu die Kirche leider derzeit nicht mehr fähig ist.
Ein "Verbot" aller "charismatischen" Gemeinschaften zu erhoffen erscheint mir wenig realistisch ("Brot des Lebens" alleine hat fast so viele klösterlich lebende Mitglieder wie die Piusbruderschaft und "Emmanuel" hat fast so viele in der Welt lebende Mitglieder wie die Piusbruderschaft in Deutschland Gottesdienstbesucher) und auch nicht wirklich wünschenswert: Nach der nötigen, oben skizzierten Korrektur werden sie für die Ausbreitung des katholischen Glaubens, die Freiheit und Erhöhung unserer heiligen Mutter der Kirche von größtem Nutzen sein. Die derzeit existierende "Charismatische Erneuerung" jedoch ist offenbar kein Werk Gottes sondern eine große Lüge und eine dumme Ideologie, die sich - zum Schaden all jener, die diesen Irrweg noch einschlagen werden, und wie es bereits von einigen Charismatikern selber erkannt wird (19) - binnen einiger Jahrzehnte totlaufen wird.
Anmerkung: der “kursiv” gedruckte Textblock betreffend die Schlußfolgerungen konnte im Mitteilungsblatt nicht erscheinen - laut Begründung des damaligen Distriktoberen weil ”die Schlußfolgerungen persönlich gehalten waren”. Ich vermute eher, daß sie für die Leserschaft des Mitteilungsblattes zu “positiv” erschienen wären.
Anmerkungen Teil 2
1 Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland 1996,S.432f
2 Theresa v.Avila, “Seelenburg“, 6.Wohnung
3 Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland 1996,S.427
4 Die Angaben in den Studien schwanken. Dies kann nur als Richtwert gelten. Zitiert nach: “Allgemeinmedizin“ hg. v. Michael M.Kochen Stuttgart 1992 S.325.
5 “Questionnaire proposé par le Comité Médical International“, nachzulesen z.B. auf S.321f im Buch von Alphonse Oliviéri u. Dom Bernhard Billet “Y a-t-il encore des miracles à Lourdes“ Paris 1989
6 Forum katholische Theologie 1/1993, S.48-65.
7 Deborah C. Glik “Symbolic, ritual and social dynamics of spiritual healing“ Social Sciences in Medicine Volume 27 No 11 pp. 1197-1206 1988, Seite 1201. Es sei erwähnt, daß Glik offenbar Atheistin ist und von der prinzipiellen Unmöglichkeit von Wundern ausgeht. Dennoch halte ich ihre Beobachtungen für korrekt recherchiert und daher verwendbar.
8 Abbé Denis Coiffet, “Le Renouveau Charismatique - est-il d’Eglise ?“, Nouvelles Editions Latines, Paris 1988, S.93-95
9 vgl. C-Magazin Nr.33 3/1995 S.20
10 vgl. dazu den Historiker Prof.Berglar in "Das Opus Dei" S.62f
11 u.a. Leo XIII. Enzyklika “Fidentem piumque“ 20. 9.1896 DS 3320-1
12 Emiliano Tardif, Jesus ist der Messias, S.125
13 Kardinal Ottaviani/Kardinal Bacci “Kurze kritische Untersuchung des Novus Ordo Missae“, Rom 1969
14 vgl. dazu die Ausführungen in dem Buch von Francis MacNutt “Die Kraft zu heilen“ Graz Wien Köln 1976
15 ebenda (Nr.8) S.97-111
16 Ich zitiere aus dem Gedächtnis
17 vgl. dazu H.G. Stobbe, “Katholischer Fundamentalismus“ in: Wort und Antwort, 32.Jg., Düsseldorf 1991, 6-9. Siehe auch das Buch des Regensburger Dogmatikers Prof. Dr. Wolfgang Beinert, “Katholischer Fundamentalismus“, Regensburg 1991
18 als “deutsche Charismatiker“würde ich den Rat der CE in Deutschland mit dazugehörigem Sekretariat und Diözesansprechern sowie die Gemeinschaften Immanuel (mit“i“) in Ravensburg, Koinonia in Augsburg, das katholische Evangelisationszentrum Maihingen und die Nathanael-Gemeinschaft in Hamburg bezeichnen wollen.
19 Herbert Lüdtke in: C-Magazin Nr.33 3/1995 S.10f
C) Homepage von Wolfgang Lindemann aus Hamburg
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