Bisher habe ich in 5 französischen Krankenhäusern gearbeitet - und in allen bin ich entweder Zeuge von Schikanen, destruktivem Sozialverhalten oder Machtkämpfen innerhalb der jeweiligen Ärzteschaft geworden oder habe sogar die zweifelhafte Ehre gehabt, selber daran beteiligt zu werden; und zwar in der Rolle des angegriffenen Schwächeren.

Darüber möchte ich hier berichten. Frankreich ist auch für Ärzte nicht das Land der Seligkeiten; wenn Sie noch Student sind, kann Sie das nachfolgende auf den Berufsalltag vorbereiten. Und denken Sie vor allem eines nicht: “Das werde ich niemals tun”. Im Arbeitsleben verändern sich die eigenen Werte gründlich; man unterliegt Motivationen und Einflüssen, von denen man als Student zwar wusste, aber deren Gewalt man sich nicht vorstellen konnte. So wenn es um die Verlängerung des Vertrages geht, die nur für einen von zwei Konkurrenten möglich ist. Oder um eine Publikation von Forschungsergebnissen. Oder wenn Studien- kollegen -oder die Ehefrau!- bereits in ihrem Fachgebiet Oberarzt sind und man selber nicht.

Damit ich mir nicht noch nachträglich eine Klage vor Gericht oder bei der Ärztekammer einhandele, bleiben die folgenden Informationen strikt anonym.

In einem Spital, in dem ich tätig war, ging der bisherige langjährige Chefarzt mit 65 in den Ruhestand. Die Nachfolgefrage war schon entschieden -während meiner Tätigkeit wechselte der Chefarzt- allerdings merkte man noch die “Nachbeben” des Machtkampfes, den es zwischen den zwei Konkurrenten um die Chefarztposition gegeben hatte, obwohl ein Chefarzt hierzulande weit weniger zu melden hat als in Deutschland. Täglich war Abteilungsbesprechung, und wenn der designierte Chefarzt etwas sagte, widersprach nach Möglichkeit der unterlegene Kollege. Glücklicherweise hatten sie verschiedene Fachgebiete, so dass sie in ihrer jeweiligen Station unabhängig arbeiteten (aber doch zur selben Abteilung gehörten). Von einer Kollegin, die in der “heißen” Phase des Kampfes dort Assistentin gewesen war, hörte ich später, wie die Frage definitiv entschieden worden war: der unterlegene Kandidat war zu einem Kongress gefahren und hatte, wie es in solchen Fällen üblich war, die Sorge um die Station dem bisherigen Chefarzt überlassen und war zudem stets per Handy erreichbar. Es gab auf der Station einen Notfall, per Handy angerufen instruierte er den Assistenten, sich an den Chefarzt zu wenden; der kam aber nicht rechtzeitig, und es kam zum Tode eines Patienten. Der Chefarzt beschuldigte nun ihn, durch seine Abwesenheit am Tode des Patienten schuld zu sein und damit war die Nachfolgefrage entschieden, auch wenn sich der andere Arzt schriftlich gegenüber der Krankenhausleitung zu rechtfertigen suchte. Die Kollegin, die mir davon berichtete, sagte mir -der ich mit dem scheidenden Chefarzt gut ausgekommen und nur gute Erfahrungen gemacht hatte- “von diesem Augenblick an habe ich vor ihm keine Achtung mehr haben können”. Spielte aber keine Rolle, denn alle 6 Monate wechseln die Assistenten ... allerdings spielte es rascher eine Rolle für ihn, was Gott von ihm dachte, als er wohl selber erwartet hatte: 5 Jahre nach seiner Pensionierung verunglückte er überraschend tödlich beim Fahrradfahren.

Ich habe  6 verschiedenen Vorgesetzte gehabt. In 3 Fällen waren meine Vorgesetzten wirklich hervorragend; in einem Fall ging es mir gut und ich hatte keine Probleme, aber ich denke, dass ich einer fachlich unfähigen Person unterstellt war.
In einer Anstellung hatte mich der Chefarzt beim Einstellungsgespräch erst hochgelobt; er hätte mir eine Anstellung mit längerem Vertrag und besserem Einkommen gegeben als als “FFI” für 6 Monate, wenn ich auch nur eine Woche früher gekommen wäre, aber so sei eine andere Kandidatin dazwischengekommen usw. usf. Jedoch begann er nach kaum 4 Wochen, mir alle möglichen Vorwürfe zu machen, er wurde unangenehm, sobald es irgendeine Möglichkeit zum Kritisieren gab, außerordentlich unangenehm. Schließlich wollte er in mein Arbeitszeugnis eine Reihe von “K.O.”- Bemerkungen schreiben, ich sei charakterlich nicht zum Arzt geeignet oder so ähnlich. Als ich dagegen protestierte, rächte er sich, indem er dafür sorgte, dass ich eine andere Stelle, die ich im selben Krankenhaus in einem anderen Fachgebiet hatte, nicht bekam trotz bereits erfolgter Zusage.  Ich frage mich heute noch, was sein Motiv war, das einzige, was mir einfiel, war, dass er aus meinen Unterlagen ersehen hatte, dass ich praktizierender Katholik bin und daher verhindern wollte, dass ich in diesem Krankenhaus Fuß fassen konnte. (Das mag Ihnen absurd vorkommen, ist aber beileibe kein Einzelfall, die sind hierzulande für solche Manöver berüchtigt und haben gewaltigen Einfluss, einer der anderen Chefärzte der Abteilung war sogar öffentlich als deren Mitglied bekannt). Es ist ihm auch gelungen, zumal er noch einen Fehler im Nachtdienst ausnützen konnte, den ich leider gemacht habe (ich habe bei einem Notfall nicht schnell genug reagiert).
In einer anderen Anstellung  hatte ich 10 Betten auf der einen und 13 Betten auf einer anderen Station, ich hatte freiwillig akzeptiert “à cheval” zu sein, wie man hier dazu sagt. Das bedeutete, dass ich auch zwei Vorgesetzte hatte ... und der eine von beiden fing an, auf mich “Jagd” zu machen. Mir gegenüber sagte er nie etwas, aber hinter meinem Rücken beklagte er sich bei dem Chefarzt der Abteilung fast täglich über meine vorgebliche Unfähigkeit. Ich glaube nicht, dass ich weniger kompetent war, als meine Kollegen, aber finden lässt sich immer etwas - ich war ja dort, um zu lernen. Der Chefarzt glaubte übrigens das alles nicht, wie er mir sagte, aber jedenfalls wurde mein Vertrag nach 6 Monaten nicht verlängert. Damit die Lektion saß, telephonierte irgendwer an ein Krankenhaus in der nächsten Stadt, wo ich eine Stelle in Aussicht hatte und sorgte dafür, dass ich sie nicht bekam.

Ich bin immer wieder froh, dass ich in freier Praxis aus dieser Mühle heraus bin. Ich werde keinen Vorgesetzten und keine Untergebenen und keine Aufstiegsmöglichkeiten haben. Meine “Karriere” ist, wenn man so will, in meiner dörflichen Umgebung gut angesehen und geschätzt zu sein, weil ich mich nach dem Urteil der Leute kompetent und engagiert um meine Patienten kümmere, was sich finanziell durch eine florierende Praxis auszahlen wird. Und das ist alles.
Ich muss nicht treten und buckeln, um vielleicht in 5 Jahren doch noch einen -objektiv gesehen- kleinen Schritt höherkommen zu können. Ich muss nicht morgens mit einem Eisklotz im Magen zur Arbeit gehen “was passiert heute?”, mit Leuten freundlich reden, von denen ich weiß, dass sie hinter meinem Rücken gegen mich hetzen. Oder irgendwann, wenn endlich eine gewisse “Position” erreicht ist, plötzlich wieder alles verlieren, weil ich  Sündenbock für Dinge werden kann, für die ich höchstens teilweise verantwortlich bin, z.B. ein Budgetdefizit oder -wenn man wirklich Pech hat- z.B. einen Pflegeskandal mitverantworten zu müssen. Und was der Dinge mehr sind. Wie mag das erst in multinationalen Konzernen sein, in denen man wirklich Karriere machen kann? Chef über 10 000, 100 000 und mehr Angestellte, eine erheblich größere Perspektive als das Maximum im Spital “habilitierter Chefarzt”, vielleicht, für eine Minderheit, noch zusätzlich “C4- Ordinarius” oder “ärztlicher Direktor”?  Ich will es gar nicht wissen. Was ich bisher gesehen habe, langt mir voll und ganz.

 

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Das Leben ist ein Kampf.

Karriere machen ist härter als ein Boxkampf

Und einer muss dabei verlieren ...