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Pflanzliche Wiederbesiedlung in der Polarregion
Studium Integrale Journal 15 (2008), p. 52- 54
Die Polarregionen bieten unwirtliche Lebensbedingungen und sind daher artenarm. Infolge der Klimaerwärmung und daraus resultierenden besseren Lebensbedingungen wird die Einwanderung von neuen Pflanzen- und Tierarten erwartet. Welche Faktoren bestimmen die Geschwindigkeit der Einwanderung?
Der Svalbard-Archipel – auch nach seiner Hauptinsel Spitzbergen benannt – eignet sich gut für die Untersuchung der Geschwindigkeit von Migrationsvorgängen (Wanderungen), da er während der letzten Eiszeit vor 20 000 Jahren konventioneller Zeitrechnung vollständig von Eis bedeckt war und sehr wahrscheinlich die gesamte Flora seitdem neu einwanderte. Svalbard liegt nördlich des Polarkreises und weit entfernt von eventuellen Ausgangsregionen der Wiederbesiedelung (Grönland, Russland, Nordskandinavien).
Seine Tundrenvegetation zählt nur etwa 130 verschiedene Blütenpflanzenarten. Eine Forschergruppe (Alsos et al. 2007) sammelte 4439 Exemplare von neun arktischen Blütenpflanzenarten auf Svalbard und den genannten möglichen Quellregionen. Die neun Arten aus sechs Familien wurden so ausgewählt, dass sie hinsichtlich ihrer ökologischen Ansprüche für die Flora Svalbards repräsentativ sind. Drei Arten haben gefiederte Samen für die Windverbreitung, weitere drei fleischige Früchte für die Verbreitung durch Vögel und Säugetiere und restlichen drei sind hinsichtlich der Verbreitung nicht spezialisiert. Durch Vergleich des „genetischen Fingerabdruckes“ aller 4439 Exemplare wurde für jede Art ermittelt, aus welcher Ausgangsregion sie den Svalbard-Archipel kolonisierte.
Außerdem wurde abgeschätzt, wieviele verschiedene Samen jeder Art mindestens nach Svalbard gelangt sein mussten, um die dort vorgefundene genetische Vielfalt zu erklären.
8 der 9 Arten entstammen Nordrussland: Die Schwarze Krähenbeere (Empetrum nigrum), die Rauschbeere (Vaccinium uliginosum), die Moltebeere (Rubus chamaemorus), die Zwergbirke (Betula nana), die Silberwurz (Dryas octopetala), die Vierkantige Cassiope (Cassiope tetragona), die Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina) und der Bach-Steinbrech (Saxifraga rivularis). Eine Art, die Krautweide (Salix herbacea), kam wahrscheinlich aus Nordskandinavien, aber da die in Nordskandinavien weitverbreiteten Salix herbacea-Pflanzen zur selben genetischen Gruppe wie die einzige nicht dort, sondern in Russland vorkommende Population gehörten, war keine sichere Entscheidung über die Ausgangsregion möglich.
Außer für Arabis alpina, die genetisch nur wenig variierte, wurde für die übrigen 8 Arten ein Minimum von 6 verschiedenen Samen bei Rubus chamaemorus bis zum Maximum 38 bei Dryas octopetala abgeschätzt, die sich erfolgreich auf dem Archipel etablieren mussten, um die dort beobachtete genetische Vielfalt zu erklären. Bei 6 Arten legte der genetische Befund neben der hauptsächlichen Quellregion noch eine zweite Ausgangsregion nahe: Für die vier kälteresistentesten Arten D. octopetala, S. herbacea, C. tetragona und S. rivularis sowie für die beiden am meisten wärmeliebenden (und folglich seltensten) Arten B. und V. uliginosum.
Die genetische Variabilität der untersuchten Pflanzen auf Svalbard korrelierte negativ mit ihrer Anpassung an das gegenwärtige dortige Klima: je besser eine Pflanzenart das Klima vertrug, desto größer war ihre genetische Vielfalt und umgekehrt (Bild 1).
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