Sprunghafte Sprachevolution

Wolfgang B. Lindemann, Sprunghafte Sprachevolution, Studium Integrale Journal 15 (2008), p. 119-120

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Sprunghafte Sprachevolution

Nicht nur biologische, sondern auch kulturelle menschliche Merkmale wie die Sprache sollen durch Evolution entstanden sein (Hauser et al. 2002). In einer kürzlich veröffentlichten Studie wollen Atkinson et al. (2008) entscheiden, ob die Evolution der Sprache(n) vornehmlich graduell oder punktuell erfolgt, d.h. ob sich Sprachen im wesentlichen unabhängig von äußeren Ereignissen mit der Zeit allmählich verändern oder ob Sprachen bei entsprechenden Ereignissen („Knoten“) sich rasch verändern, um anschließend längere Zeiträume nur wenig zu evolvieren. Ein solches äußeres, „punktuelles“ Ereignisse könnten  z. B. die Kolonisierung eines bisher unbewohnten Gebietes sein, wobei die Gründungspopulation den Kontakt mit ihrer Ursprungspopulation verliert, z.B. etwa bei der  Neubesiedelung einer Insel. Ein anderes Beispiel wäre die Einwanderung eines anderssprachigen Volkes in ein bereits besiedeltes Gebiet mit anschließender Vermischung beider Populationen (Bild 1).

Atkinson et al.  verwenden zur Entscheidung dieser Frage dieselbe Methodik (Webster et al. 2003), die auch in der Molekularbiologie zum Korrelieren der Raten der genetischen Evolution Mutationsrate und der Entstehung neuer Arten verwendet wird.

Sie untersuchten das Vokabular von 490 Sprachen aus drei großen Sprachfamilien; ein Drittel der Menschheit spricht eine dieser Sprachen: 95 afrikanische Bantusprachen, 65 indogermanische Sprachen und 330 pazifische austronesische Sprachen. Für jede Sprachfamilie griffen sie auf ein „Basisvokabular“ zurück, von dem linguistisch bekannt ist, daß es nur sehr selten aus einer anderen Sprache übernommen wird. Dieses Basisvokabular umfaßte 100 Begriffe in den Bantusprachen, 200 in den indogermanischen Sprachen und 210 in den austronesischen. (Detaillierte Beschreibung der Sprachen und verwendeten Begriffe im Online- Support der Publikation von Atkinson et al.).

Es ergab sich in allen untersuchten Sprachfamilien, daß die lexikalische Veränderung mit der Anzahl der Trennungsereignisse signifikant zunahm (Bild 2).

Statistische Verfahren ergaben weiter, daß etwa 31% des Vokabulars der Bantusprachen während der Trennungen neu entstand, 21% bei den indogermanischen und 9,.5% bei den austronesischen Sprachen., n deren Untergruppe der polynesischen Sprachen – die typischerweise von nur kleinen, voneinander isolierten auf Inseln im Pazifik lebenden Menschengruppen gesprochen werden – war sogar 33% des Vokabulars bei Trennungsereignissen entstanden

Atkinson et al. folgern, daß in der Sprachevolution lange Perioden relativer Konstanz unterbrochen werden durch rasche Veränderung. Sie vermuten, dass dasselbe für die Morphologie und die Syntax gilt. Nach Liebi (2003) zeigen jedoch alle bekannten Sprachen während der gesamten verfügbaren Beobachtungszeit einen ständigen Abbau von morphologischen Strukturen („Grammatik“ oder besser „Formenlehre“), die durch Veränderungen der Syntax zum Teil kompensiert werden. Dieser Befund, der einer von mehreren von  Liebi dargelegten Belegen gegen eine Evolution der menschlichen Sprache aus Tierlauten über primitive Vorsprachen bis zu den bekannten Hochsprachen ist, wird von Atkinson et al. schlichtweg nicht berücksichtigt, seine ganze Arbeit suggeriert indirekt, daß die Evolution der Sprache grundsätzlich fachlich unbestritten sei.

Es ist bemerkenswert, daß eine der beiden führenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften ihre schon vor 122 Jahren publizierten Richtlinien bezüglich korrekter Methodik zur Sprachevolution nicht beherzigt: „Die gegenwärtige fortgeschrittene Kenntnis unserer Kenntnis der Sprache reflektiert (…) die Vorteile der modernen Forschungsmethodik. Ein herausragendes Kennzeichen dieser Methode ist, einen weiten Übersichtsstandpunkt einzunehmen, von dem aus fast alle relevanten Fakten Interesse und Bedeutung gewinnen:  Die moderne Forschunsgmethodik sagt nicht eng und pedantisch, dies und das ist mein Arbeitsgebiet und was außerhalb steht, betrifft mich nicht.” (Jastrow 1886).

Dr. Wolfgang B. Lindemann

Literatur

Atkinson QD, Meade A, Venditti C, Greenhill SJ, & Pagel M (2008), Languages evolve in punctional bursts, Science 319, 588.

Hauser MD, Chomsky N, & Fitch WT (2002), The faculty of language: what is it, who has it, and how did it evolve ?, Science 298, 1569- 1579.

Jastrow J (1886), The evolution of language, Science Vol. ns-7,  555- 557.

Liebi R (2003), Herkunft und Entwicklung der Sprachen. Linguistik contra Evolution, Hänssler- Verlag . Holzgerlingen.

Webster AJ, Payne RJH, Pagel M (2003), Molecular phylogenies link rates of evolution and speciation, Science 301, 478.

 

Charles Darwin

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(erstellt von Mitarbeitern der Studi- engemeinschaft Wort und Wissen)

Bild 1: Punktuelle und graduelle Evolution in Sprachstammbäumen. Punktuelle Evolution (A) postuliert, daß lexikalische Veränderungen sprunghaft bei Auftrennung einer Muttersprache in 2 Tochtersprachen geschehen, so daß die gesamte „Pfadlänge“ und damit das Ausmaß der lexikalischen Veränderungen um so länger ist, je mehr solcher Sprachtrennungsereignisse („Knoten“) in der Geschichte einer Sprache auftraten (ansteigende Kurve in C).  Graduelle Evolution (B) postuliert, daß es keine Beziehung zwischen der Anzahl der Sprachauftrennungen in der Geschichte einer Sprache und dem Ausmaß der lexikalischen Veränderung gibt (gerade Kurve in C ).

Bild 2: Pfadlänge aufgetragen gegen die Anzahl der Trennungsereignisse oder „Knoten“: Bantusprachen orange, indogermanische Sprachen blau, austronesische Sprachen grün und deren Untergruppe polynesische Sprachen violett. Die eingezeichneten gemittelten und statistisch korreigierten Graden zeigen durch ihre positive Steigung, daß  punktuelle und nicht graduelle Evolution bei Sprachen entscheidend ist.

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