Saurier:

Wolfgang B. Lindemann, Saurier: “modern” und “altertümlich” zugleich,Studium Integrale Journal 16 (2009), p.60- 61

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Saurier: “modern” und “altertümlich” zugleich

Die Echsenbeckensaurier (Saurischia) bilden neben den Vogelbeckensauriern (Ornithischia) in der klassischen Systematik eine der beiden Ordnungen der Dinosaurier.

Die Saurischier werden in die sich auf zwei Beinen fortbewegenden, überwiegend fleischfressenden Theropoden und die vierfüßigen, pflanzenfressenden Sauropodomorpha oder Sauropoden eingeteilt. Letztere brachten die größten Landtiere hervor, die jemals die Erde bewohnten. Ihre ersten Fossilfunde stammen aus der späten Trias vor 230 Millionen Jahren (nach radiometrischen Datierungen) und sie beherrschten die Erde 100 Millionen Jahre lang – und damit doppelt solange wie pflanzenfressende Säugetiere, die vom mittleren Jura bis zum Ende der Kreidezeit fossil überliefert sind.

Diese lange Zeit der Vorherrschaft ist um so erstaunlicher, als die ökologischen Bedingungen im Mesozoikum (Erdmittelalter, 250 bis 65 Millionen Jahre vor heute) sehr wahrscheinlich ungünstiger waren als heute: So enthielt die Atmosphäre weniger Sauerstoff, die Temperatur, die Größe der Landmassen und die atmosphärische CO2-Konzentration variierten wesentlich stärker als im Känozoikum (Erdneuzeit). Während ihrer Existenz erscheinen die bedecktsamigen Blütenpflanzen (Angiospermen) im Fossilbericht. Trotzdem zeigen die Fossilien keine Größenveränderungen der riesenhaften Sauropoden-Arten: Sie erreichten Körpermassen von 40 bis 100 Tonnen, Körperlängen von mehr als 40m und Körperhöhen von mehr als 17m – im Tierreich einzigartige Werte, die die nächstgrößten Landsäugetiere um eine Größenordnung übertreffen.

Sauropoden wie Brachiosaurus oder Argentinosaurus (Bild 1) besaßen einen elefantenartigen Körper mit vier Säulenbeinen und einem langem Schwanz und Hals, der in einem kleinen Schädel endete.

Charles Darwin

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(erstellt von Mitarbeitern der Studi- engemeinschaft Wort und Wissen)

Bild 1

Sander & Clauss (2008) von der Universität Bonn untersuchten, was diesen Gigantismus ermöglichte.

Sie fanden eine Kombination aus „altertümlichen“ und „modernen“ Merkmalen (Bild 2). Im Gegensatz zu Säugetieren und „fortschrittlicheren“ Ornithischia zerkauten sie ihre Nahrung nicht. Dies ermöglichte die geringe Schädelgröße und den langen Hals. Da die Darmkapazität mit der Körpermasse ansteigt, genügte die enorme Darmlänge zum Verdauen der Nahrung selbst bei Aufnahme großer Mengen an Pflanzennahrung, ohne vorheriges Zerkauen durch einen entsprechend gewichtigen Schädel. Ihr langer Hals erlaubte ihnen in Höhen zu fressen, die Konkurrenten unzugänglich waren und ohne sich viel energieaufwändig bewegen zu müssen. Ihr großer Körper glich zugleich die Verwundbarkeit des langen Halses aus.

Ein langer Hals vergrößert allerdings den ventilatorischen Totraum jedes Atemzuges; die Sauropoden besaßen als Ausgleich eine „moderne“ vogelartige Lunge mit doppeltem Gasaustausch und Luftsäcken in Hals und Lunge. Die Lunge ermöglichte auch die Abfuhr überschüssiger Körperwärme

Bild 2

Damit die gewaltige Körpergröße einen Selektionsvorteil bot (übrigens auch bei Klimaschwankungen), musste sie rasch erreicht werden. Die viele Eier legenden Saurier wogen beim Schlüpfen etwa 10 kg. (Zahlreiche Eier pro Gelege gelten als weiteres „Primitivmerkmal“.) Knochengewebsuntersuchungen zeigten, dass dieses Wachstum mit einer den Säugetieren vergleichbaren Geschwindigkeit und damit auch vergleichbaren Stoffwechselrate einherging. Bei ausgewachsenen Sauropoden hätte eine solch hohe Stoffwechselaktivität zu Nahrungs- und Überhitzungsproblemen geführt, weswegen Sander & Clauss - gestützt auf weitere Fachliteratur - annehmen, dass diese Aktivität mit zunehmendem Alter abnahm. Das Legen vieler Eier ermöglicht anders als bei Säugetieren die rasche Erneuerung einer Population nach größeren Sterbeereignissen und soll damit zu ihrer langen Vorherrschaft beigetragen haben. Die ausgeprägte Kombination von sogenannten “altertümlichen” und “modernen” Merkmalen dieser Gruppe (Bild 2) ist für eine evolutionstheoretische Rekonstruktion eine Herausforderung.

                                                                                                                                     Dr.Wolfgang B. Lindemann

Literatur

 

Sander PM , Clauss M (2008), Sauropod Gigantism, Science 322, 200-201.

Forschungseinheit 533 der DFG (online support): www.sauropod-dinosaurs.uni-bonn.de  

Zusatzinformation

In obigem Artikel wird die im Originalartikel von Sander & Clauss (2008) angenommene Ansicht übernommen, dass die Sauropoden mit langen Hälsen diese dazu verwendeten, ähnlich heutigen Giraffen ihren kleinen, leichten Kopf meterhoch ins hohe, anderen Pflanzenfressern unzugängliche Blattwerk zu zu bewegen und zugleich größere Bereiche abzuweiden, ohne energieaufwändig den massigen Rumpf bewegen zu müssen. Seymour (2009) stellte dies einige Monate nach erscheinen des Artikels von Sander & Clauss in einem Brief an die Zeitschrift Science in Frage: Um das Blut bis zu neun Meter hoch zu pumpen, müßte das Herz des Sauriers knapp die Hälfte seiner metabolischen Gesamtenergie dem Herzen zur Verfügung stellen und zwar in Ruhe und in Bewegung - viel zu viel, um überlebensfähig zu sein. Dies legt es nahe, dass der hohe Kopf nur auf maximal etwa Herzhöhe gesenkt wurde und  die in dieser und tiefer vorhandene Vegetation abzuweiden.

Seymur RS (2009), Sauropods kept their heads down, Science 323, 1671

Sander et al. antworten in derselben Ausgabe und -Seite, daß ihnen die Kontroverse, ob Saur- opoden mit langen Hälsen ihren Kopf hoch oder niedrig trugen, bekannt sei, aber nicht relevant für die eigentlichen Schlußfolgerungen ihres Artikels. Sie hätten nicht behauptet, dass Saurier systematisch erhöhte Pflanzen abweiden, obwohl eines ihrer Bilder dies suggeriert hätte. Sie hätten lediglich sagen wollen, daß aufgrund des langen Halses Sauropoden Futter erreichen konnten, dass anderen, kleineren Tieren unerreichbar blieb. z.B. Seeufern oder Flußsandbänken. Seymur schließt in seine Berechnung nicht kurzzeitige Erhebungen des Kopfes ein. Die Fähigkeit zum Anheben des Kopfes wird auch durch die starke postmortale Rückwärtsbeugung des Halses einiger Sauropodenskelette und die relative Größe der semicircularen Kanäle bei Brachiosaurus. Die Tiere weideten wahrscheinlich überwiegend in horizontaler Position die umliegende Vegetation ab und hoben den Kopf nur gelegentlich und kurz an, insbesondere bei Nahrungsmangel.

Ich selber möchte auf zwei Punkte hinweisen: Bereits beim Menschen ist es für das Herz außerordentlich schwierig das in diesem Falle venöse Blut aus dem nur etwa maximal 1 1/2 Meter niedrigeren Fuß- und Unterschenkelbereich wieder ins Herz zurückzuholen. Es ist nur möglich durch den Einsatz einer speziellen “schwammartigen” Organisation der Fußvenen und der Muskeln der Beine, die bei jedem physiologisch durchgeführten Schritt (wozu z.B. das Gehen auf Stöckel- schuhen nicht gehört) das Blut den Druckunterschied überwinden lassen. Entsprechend häufig sind innere und äußere Krampfadern beim Menschen bis hin zur venösen Insuffizienz und Ernährungs- störungen mit trophischen Störungen der unteren Extremität.
Außerdem ist die klassische, immer wieder zitierte Annahme, dass Giraffen überwiegend in den Baumgipfeln weiden, meines Wissens falsch: Giraffen weiden genausolange auf dem Boden wie andere Pflanzenfressern auch, vermutlich aus analogen Motiven wie von Seymur (2009) genannt.

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