Wolfgang B. Lindemann, Gößenabnahme bei Fischen, Studium Integrale Journal 16 (2009), p. 124  Der erschienene Printext

Bereits vor nach konventioneller Zeitrechnung 40 000 Jahre lebende „moderne“ Menschen (Homo sapiens sapiens) verzehrten neben Fleisch regelmäßig Fische (Hua Y et al.).

Die Überfischung der Fanggründe aufgrund technisch perfektionierter Methoden wurde in der 2. Hälfte des 20. Jahrhundertes zum Problem: 1852 wurden in der Ostsee etwa 1.26 Millionen Tonnen Kabeljau (Gadus morhua Bild 1) gefangen gegenüber nur noch 650 000 Tonnen in den frühen 1980er Jahren und 50 000 Tonnen im Jahre 2005. Im Jahr 1993 war der Tiefstand der letzten 15 Jahre, 2003 der Höchststand. 

Bild 1 Gadus morhua         

Die Überfischung erreicht ein Stadium, dass sogar das Aussterben des Kabeljaus in der Ostsee möglich erscheinen lässt. Limburg et al (2008) verglichen die heutigen Fänge mit denen der Jungsteinzeit (2500 v. Christus) anhand der Fischabfälle der Siedlung Ajvide an der Südwestküste von Gotland.

Otolithen (griechisch „Ohrsteine“) sind Kalkgebilde im Gleichgewichtsorgan des Innenohr. Sie helfen bei der Wahrnehmung von Gravitations- und Zentrifugalkräften und damit bei der räumlichen Orientierung. Wie die knöchernen Wirbelkörper bilden die Otolithen Jahresringe, an denen sich Alter und –wie auch aus den Wirbelkörpern- die Größe eines Fisches ablesen lässt. In der Neusteinzeit gefangene Kabeljaus waren signifikant größer  als heutige  (Bild 2).

Bild 2                        

Hinzu kommt, dass die Steinzeitmenschen nicht die technischen Möglichkeiten besaßen, große, einen Meter und mehr lange Kabeljaus zu fangen, da diese sich meist auf hoher See aufhalten und damit unerreichbar für die damaligen Birkenrindenflöße waren: Der beobachtete Befund unterschätzt also wahrscheinlich noch den Unterschied der durchschnittlichen Größe des Kabeljaus in der Jungsteinzeit. Damals wurden also die größten und ältesten Fische zwangsläufig geschont und sicherte Nachwuchs und Fangmenge: Kleine Kabeljauweibchen produzieren nur wenige hunderttausend Eier, große dagegen viele Millionen mit besserer Qualität, so dass die geschlüpften Larven eine größere Überlebenschance haben. Starke Befischung gerade der fruchtbarsten Altersklassen, wie sie derzeit geschieht, lässt die Fangmengen wie beobachtet stark abnehmen und begünstigt frühreife Kabeljaus, die bereits Nachwuchs produziert haben, ehe sie gefangen werden.

Das gleiche galt für das Alter der gefangenen Kabeljaus: Die in der Neusteinzeit gefangenen Fische waren signifikant älter als die derzeitigen: Mittleres Alter 4.7 Jahre Standardabweichung σ 0.11 versus 3.1 σ 0.02 (1993) bzw. 3.6 σ 0.02 (2003).

Außerdem wuchsen junge Kabeljaus in den ersten beiden Lebensjahren signifikant rascher als heute, wo kleine Fische eine größere Chance haben, durch die Fischnetzmaschen zu schlüpfen (kleiner als 35cm 1993, 38cm 2003).

Eine andere Studie (Purnell et al 2008) untersuchte den Zusammenhang zwischen Ernährungsweise und Zahnabnutzung bei fossilen (ca. 15000 Jahre v. Chr.) und heutigen dreistachligen Stichlingen (Gasterosteus aculeatus, Bild 3), die sich jeweils entweder von Plankton oder von Beute auf dem Gewässergrund (Benthal) ernährten. Bei fossilen wie heutigen Stichlingen war die Abnutzung vergleichbar in Abhängigkeit vom Ort der Beutesuche: Eine benthale Lebensweise ging mit einer signifikant stärkeren dachziegelartig überlappenden Knochenplatten- Panzerung einher und mit einem rascheren Größenwachstum.

Bild 3: Gasterosteus aculeatus        

Die Körpergröße der rund 5500 heute lebenden Säugetierarten variiert zwischen 10 Tonnen (107 Gramm) und 2 Gramm (2* 100 ). Die meisten Säugetiere finden sich im breiten„rechten“ Bereich einer entsprechenden Kurve (Bild 4), nur wenige im schmalen „linken“ der kleinen Körpergrößen.

Bild 4               

Clauset & Erwin (2008) entwickelten ein mathematisches Modell, dass unter Einbeziehung von nur drei Faktoren diese Verteilung bei Landsäugern erklären kann: Das notwendige Größenminimum für den komplex gebauten Säugetierkörper, das Langzeitrisiko des Aussterbens, das mit zunehmender Körpergröße zunimmt und Kurzzeit-Selektionseffekte, darunter die sog. Cope-Regel, nach der große Arten noch größer werden und kleinere aussterben, bessere Thermoregulation, verringerte Gefahr Raubtieren zum Opfer zu fallen sowie besseres Überstehen   von   Fluktuationen    der Nahrungsquellen (z.B. durch größere Fettreserven).  Das Modell beschrieb die reale Körpergrößenverteilung von 1106 ausgestorbenen und 3294 lebenden nordamerikanischen Landsäugern (Bild 4). Die Autoren gehen davon aus, dass auch für andere taxonomische Gruppen (wie etwa Knochenfische) eine vergleichbare Kurve besteht.

Auch wenn Clauset & Erwin ihr Modell als „makroevolutionäre Körpergrößenveränderungen über evolutionäre Zeiträume“ bezeichnen, lassen sich diese Veränderungen plausibel als mikroevolutionäre Vorgänge bis auf die genetische Ebene hinab erklären: Bei Hunden etwa steuert ein einziges Gen die Körpergröße (Heilig 2007). Bei den Stichlingen steuert ebenfalls ein einziges Gen namens Ectodyplasin- A die Zahl der Knochenplatten (Rowan et al. 2008).

Dr. Wolfgang B. Lindemann

 

Literatur

Clauset A, Erwin DH (2008), The Evolution and Distribution of Species Body Size,Science 321, 399- 401

Heilig C (2007), Groß oder Klein, Studium Integrale Journal, 14, 1, S. 50

Hua Y, Shang H, Tong H, Nehlicha O, Liuc W, Zhaoe C, Yuf J, Wang C, Trinkaus E,  Richard MP (2009), Stable isotope dietary analysis of the Tianyuan 1 early modern human, PNAS 106, 27, 10971-10974

Kaustuv R (2008), Dynamics of Body Size Evolution, Science 321, 1451f

Limburg KE, Walther Y, Hong B, Olson C, Storå J (2008), Prehistoric versus modern Baltic Sea cod fisheries: selectivity across the millennia, Proc. R. Soc. B  275, 2659-2665

Purnell MA,. Bell MA,. Baines DC,. Hart PJB, Travis MP (2008), Correlated Evolution and Dietary Change in Fossil Stickleback, Science 317, 1887

Rowan DHB, Sean MR, Schluter D (2008), Natural Selection on a Major Armor Gene in Threespine Stickleback, Science 322, 255-257

 

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