Rasche Mikroevolution

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Wolfgang B. Lindemann, Rasche Mikroevolution bei Drosophila und Gasterosteus, Studium Integrale Journal 7 (2000), p. 43 (April 2000)

Rasche Mikroevolution bei Drosophila und Gasterosteus

 

Eine aktuelle Ausgabe des Zeitschrift Science berichtet über die Beobachtung rascher Evolution bei der Fruchtfliege Drosophila subobscura und bei der Fischart Gasterosteus aculeatus spp.

D. subobscura ist ursprünglich in Europa beheimatet und wurde vor 20 Jahren akzidentiell nach Nordamerika eingebracht, wo sie sich rasch über den gesamten Kontinent verbreitete. In Europa zeigt die Fliege eine geringe, aber signifikante Längenzunahme der Flügel -ein Marker für die Gesamtkörpermasse- von Süden nach Norden. Vor 10 Jahren wurde bei Fliegen, die auf verschiedenen Breiten Nordamerikas eingefangen wurden, noch keine solche Zunahme festgestellt. Kürzlich, 20 Jahre nach der Erschließung des neuen Habitates, wurden Fliegenindividuen von 11 jeweils auf verschiedenen, zwischen 35 und 55 Grad geographischer Breite liegenden Orten Nordamerikas und 10 solchen Orten Europas eingefangen. Die Fliegen jedes Fundortes wurden unter identischen Bedingungen 6 Generationen lang im Labor gehalten. Dann wurde die Flügellänge vermessen. Es fand sich, daß die nordamerikanischen Fliegen eine vergleichbare Längenzunahme der Flügel zeigten wie die europäischen, allerdings aufgrund unterschiedlicher Veränderungen: bei den nordamerikanischen Fliegen war das distale Flügelsegment verlängert, bei den europäischen das proximale. Die Größenzunahme ist etwa 0.1 mm oder 4% 1,2.

Am Ende der letzten Glacialperiode vor 10 000 Jahren wurden in drei Seen der kanadischen Provinz British-Columbia Individuen der marinen Fischart Gasterosteus aculeatus isoliert. Heute finden sich in jedem dieser drei Seen jeweils eine größere, benthisch lebende, sich von kleinen Invertebraten ernährende und eine kleinere, limnisch lebende, sich von Plankton ernährende G. a. subspecies. Die beiden Arten eines jeden Sees paaren sich üblicherweise untereinander unter natürlichen und Laborbedingungen nicht, aber es verpaarten sich jeweils die benthische und die limnischen Unterart verschiedener Seen miteinander 1,3

Eine geringe, aber konstante Vergrößerung der Flügellänge eines Insektes oder die Vergrößerung der Körperproportionen eines Fisches, die zudem in Relation zu den angenommenen evolutionären "langen Zeiträumen" sehr kurzer Zeit aufgetreten ist, läßt sich als ein typisches Beispiel von Mikroevolution innerhalb eines Grundtypes verstehen. Das veränderte Nahrungssuchverhalten der beiden Gasterosteus - Subspecies kann als eine Spezialisierung einer polyvalenten Ausgangsform angesehen werden. Die kritiklose Interpretation dieser Ergebnisse als eines weiteren Beweises für die Richtigkeit des Darwinismus1 kann nur mit Bedauern zur Kenntnis genommen werden.

 

 

 

1 Elizabeth Pennisi, Nature steers a predictable course, Science 287, S. 207f  (14. 1.2000)

2 Raymond B. Huey et al., Rapid evolution of a geographic cline in size in an introduced fly, Science 287, S. 308f   (14. 1.2000)

3 Howard D. Rundle et al., Natural selection and parallel speciation in sympatric sticklebacks, Science 287, S. 306f (14. 1.2000)

C) Homepage von Wolfgang Lindemann

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