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Das Studium

Das französische Medizinstudium ist zwar grundsätzlich dem deutschen vergleichbar, es gibt jedoch eine Reihe von recht deutlichen Unterschieden.

Identisch ist die Aufteilung in Vorklinik (premier cycle) und Klinik (deuxième cycle) sowie die Gesamtdauer von 6 Jahren.
Hier möchte ich vor allem auf die Unterschiede hinweisen, namentlich auf die, die uns Deutschen, sollten wir in Frankreich Medizin studieren oder als Arzt arbeiten wollen, das Leben schwermachen oder schlicht unverständlich sein können.
 

Die Zulassung zum Medizinstudium

erfolgt nicht nach Abinote und evtl. “Medizinertest” bzw. Auswahlgespräch oder Wartesemestern, sondern gänzlich anders: Jeder kann sich nach bestandenem “bac” (baccalauréat = französisches Abitur) zum Medizinstudium einschreiben. An Universitäten wie Nantes oder Straßburg fangen jedes Jahr um die 1000 Studenten im ersten Jahr an (Bemerkung: alle französischen Studiengänge sind nach Jahren organisiert, unsere Einteilung in Semester kennt man nicht, es gibt auch keine längere vorlesungsfreie Zeit im Frühjahr, sondern nur eine im Sommer). Am Ende des ersten Jahres findet eine Prüfung statt ... und die etwa hundert Besten (abhängig von der Zahl der Plätze im 2. Studienjahr) können das Studium fortsetzen ... die anderen haben ein Jahr in den Sand gesetzt. Man kann dieses erste Jahr und die Prüfung einmal wiederholen, wer es dann nicht geschafft hat, ist definitiv eliminiert. In der Realität schafft es kaum jemand im ersten Anlauf, sondern auch die, die schließlich durchkommen, haben das erste Jahr zweimal gemacht.
Eine weitere Eigentümlichkeit: dieses erste Jahr findet gemeinsam mit angehenden Studenten der Zahnmedizin und angehenden Hebammen statt. Das heißt, wer Zahnarzt werden will oder Hebamme, muß auch das erste Studienjahr Humanmedizin durchmachen -das ist sicherlich die beste Bezeichnung- und an der Prüfung “concours d’entrée” teilnehmen. Die Prüfer erstellen eine Rangliste aller Prüflinge, vom 1. über den 50. bis zum 1000. Der 1. kann aus allen freien Plätzen wählen, d.h. er kann frei wählen, ob er Arzt, Zahnarzt oder Hebamme werden will. Der zweite wählt, nachdem der erste seine Wahl getroffen hat; natürlich gibt es mehr als einen Platz im 2. Studienjahr Medizin, Zahnmedizin oder in der Hebammenschule. Beim 80. oder so wird dann die Lage kritisch: es kann vorkommen, daß es nur 79 Plätze im zweiten Studienjahr Medizin hat, die alle schon gewählt sind. Er kann dann noch einen Platz in Zahnmedizin oder an der Hebammenschule bekommen - oder sein Glück nochmal versuchen (falls er nicht schon das zweite Mal “dabei” ist). Oder eben einen anderen Beruf wählen. Damit keine Mißverständnisse entstehen: wer es an einer französischen Universität zweimal nicht geschafft hat, darf es auch an keiner anderen mehr versuchen.
Das gemeinsame erste Jahr mit den Zahnmedizinern leuchtet uns ja noch ein, aber warum zusammen mit den Hebammen ? Diese Regelung ist neu, sie gilt erst seit dem Studienjahr 2003/2004. Grund ist reiner Pragmatismus: Die Hebammenschulen haben natürlich auch einen concours d’entrée (genauso wie die Krankenpflegeschulen, Polizei, Lehrer, Militär und ich weiß nicht was noch alles). Und man hatte festgestellt, daß fast alle Hebammenanwärterinnen, die schließlich angenommen wurden, das erste Studienjahr Medizin absolviert hatten, oft sogar zweimal, ohne allerdings es ins zweite Studienjahr zu schaffen. Und dann ist man auf die Idee gekommen, das doch gleich offizell zu machen.

Ein Deutscher, der in Frankreich Medizin studieren will, muß genauso wie seine französischen Kommilitonen das erste Jahr samt concours d’entrée bestehen. Nebenbei bemerkt, halte ich das wegen der sprachlichen Hürden für ein fast aussichtsloses Unterfangen, es sei denn, Sie sind zweisprachig aufgewachsen. Die einzige realistische Möglichkeit für einen Deutschen, in Frankreich Medizin zu studieren, ist als Austauschstudent von einer deutschen Fakultät nach Frankreich zu gehen.

 

Das Medizinstudium

Nachdem die große Hürde concours d’entrée genommen ist, geht es in kleineren Gruppen und entspannter weiter. Im allgemeinen beendet das Studium auch, wer ins zweite Jahr gekommen ist.
Zwei Unterschiede fallen besonders auf: das französische Medizinstudium ist erheblich praxisorientierter als das deutsche. Der zweite Unterschied: ab dem 4. Studienjahr erhalten die Studenten für ihre Tätigkeit im Krankenhaus ein kleines Gehalt (von etwa 500.- Francs (75.- Euro) im 4. bis zu etwa 2000.- Francs (300.- Euro) im 6. Jahr) und sind auch sozialversichert.
Konkret sieht das so aus, daß während des 4., 5. und 6. Studienjahres die Studenten alle Vormittage -alle Vormittage ausgenommen 6 Wochen Tarifurlaub pro Jahr- im Universitätskrankenhaus verbringen, wo sie der Reihe nach alle Fachabteilungen durchlaufen, im allgemeinen 3 Monate pro Fachgebiet. Sie werden mit einer Reihe von Hilfs- und ärztlichen Tätigkeiten beschäftigt (Befunde einsortieren oder telephonisch erfragen, Akten im Archiv suchen, arterielle Blutabnahmen, Punktionen, Schellongtest, EKG-schreiben ...) , nehmen an den Visiten und Besprechungen teil, untersuchen Patienten und erhalten auch ein wenig bedside- Ausbildung durch die Fach- und Oberärzte ihrer Station. Die Vorlesungen und Kurse sind am Nachmittag; es kommt oft vor, daß Studenten ihr “stage” in einem Fachgebiet machen, ehe sie die entsprechende theoretische Vorlesung gehabt haben. Außerdem müssen sie in den drei Jahren 36 Nächte in der Notaufnahme verbringen, wo sie den Assistenzärzten zur Hand gehen.
Sicherlich ist dieses System erheblich praxisnäher als das deutsche. Über drei Jahre werden die Studenten mit klinischen Gewohnheiten, Medikamenten (ganz wichtig: den wirklich verschriebenen Präparaten, nicht nur den Wirkstoffklassen und -namen wie wir) und wichtigen klinischen Tätigkeiten vertraut. Ich mußte in PJ- und AiP-Zeit die bittere Erfahrung machen, daß meine französischen Kollegen mehr Ahnung haben als ich. In der Tat habe ich während meines ersten Jahres als AiP keine Nachtdienste gemacht. Nun ja, es lernt sich alles. Ich weiß noch, wie ich gleich in der zweiten Woche meines PJ in Frankreich an einem Samstag-Vormittag losgeschickt wurde, ein EKG bei einem Patienten zu schreiben. (Ach ja, ein weiterer riesiger Unterschied: der Samstag-Vormittag ist in allen Krankenhäusern und allen Arztpraxen völlig reguläre Arbeitszeit. Es ist als Deutscher schwer, das zu akzeptieren. Bestenfalls organisiert man sich, daß immer nur einer der Studenten bzw. Assistenzärzte dasein muß, so daß man nur jeden zweiten oder dritten Samstagvormittag arbeitet). Nun ja, es lernt sich alles, aber man stelle es sich nicht so leicht vor.
Die Franzosen haben mehr Ahnung von der Praxis, aber ob sie wirklich so viel mehr von Medizin verstehen, ist dann eine andere Frage. Die meiste Zeit sitzen die Studenten während dieser 3 Jahre doch nur herum oder stehen daneben, wenn andere etwas tun, z.B. Visite machen oder Besprechungen abhalten. Das hängt auch sehr von der Station ab. Auch französische Universitätskrankenhäuser kochen nur mit Wasser. Hinderlich ist auch, daß die Studenten immer nur am Vormittag da sind, und ihnen so sehr viel entgeht, vor allem die Neuaufnahmen. Als deutscher PJler kam ich manchmal freiwillig am Nachmittag und wurde dann angeguckt wie der Mann im Mond. Außerdem erhalten Studenten und junge Ärzte oft Verantwortungen, denen sie fachlich nicht gewachsen sind. So war ich in meinem dritten AiP-Halbjahr im Nachtdienst u.a. für eine kardiologische Intensivstation verantwortlich, obwohl ich selbst heute nicht so viel von Kardiologie verstehe, daß ich mir das zutrauen würde. Ich war AiP in der Gastroenterologie, aber im Nachtdienst mußte auch die Kardiologie mitbetreut werden, da es dort zuwenig Assistenten gab. Auch wenn ein Kardiologe in Rufbereitschaft war und auch bei jeder Kleinigkeit sich ohne irgendein Widerstreben in Bewegung setzte, war es eigentlich zuviel für mich.

 

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