Das französische Medizinstudium ist zwar grundsätzlich dem deutschen  vergleichbar, es gibt jedoch eine Reihe von recht deutlichen Unterschieden.

Identisch ist die Aufteilung in Vorklinik (premier cycle) und Klinik (deuxième cycle) sowie die Gesamtdauer von 6 Jahren.
Hier möchte ich vor allem auf die Unterschiede hinweisen, namentlich auf die, die uns Deutschen, sollten wir in Frankreich Medizin studieren oder als Arzt arbeiten wollen, das Leben schwermachen oder schlicht unverständlich sein können.
 

Die Zulassung zum Medizinstudium

erfolgt ganz einfach: Jeder kann sich nach bestandenem “bac” (baccalauréat = französisches Abitur) zum Medizinstudium einschreiben. An Universitäten wie Nantes oder Straßburg fangen jedes Jahr um die 1000 Studenten im ersten Jahr an (Bemerkung: alle französischen Studiengänge sind nach Jahren organisiert, unsere Einteilung in Semester kennt man normalerweise nicht, es gibt auch keine längere vorlesungsfreie Zeit im Frühjahr, sondern nur eine im Sommer). Vereinfacht gesagt: Am Ende des ersten Jahres findet eine Prüfung statt, ein sogenannter “concours dt. ungefähr “Wettbewerb” ... und die etwa hundert Besten (abhängig von der Zahl der Plätze im 2. Studienjahr) können das Studium fortsetzen ... die anderen haben ein Jahr in den Sand gesetzt. Man kann dieses erste Jahr und die Prüfung einmal wiederholen, wer es dann nicht geschafft hat, ist definitiv eliminiert. In der Realität schafft es kaum jemand im ersten Anlauf, sondern auch die, die schließlich durchkommen, haben das erste Jahr zweimal gemacht. So einfach war es während Jahrzehnten, aber ab dem Studienjahr 2010 ist das System noch komplizierter:
Angehende Studenten für Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie und zukünftige Hebammen  im 1. Semester -hier spielen wirklich ausnahmsweise einmal die Semester eine Rolle- werden alle gemeinsam unterrichtet, erhalten alle gemeinsam Informationen über die 4 verschiedenen Berufe und am Ende des Semesters gibt es einen ersten concours. Bis zu 15% der Studenten kann nach diesem concours empfohlen werden, eine andere Ausbildung zu wählen (also weder Arzt, Zahnarzt, Apotheker noch Hebamme). Dieser erste Filter -den es früher nicht gab- verhindert also weiteren Zeitverlust und senkt nebenbei die Ausbildungskosten.
Im 2. Semester ist der größere Teil des Unterrichtes nach wie vor gemeinsam, aber es gibt eine eigene spezielle Lehrveranstaltung für jeden der 4 angestrebten Studiengänge. Ein bisschen wird also schon spezialisiert. Der große, entscheidende concours ist dann nach Ende des 2. Semesters, und zwar für alle gemeinsam, aber es wird für jedes der 4 Fächer eine eigene Rangliste erstellt; je nach Zahl der Studien- bzw. Ausbildungsplätze im 2. Studienjahr des jeweiligen Faches werden dann die 50 oder 100 oder Besten zugelassen. Es kann also passieren, dass eine Studentin zwar Ärztin werden möchte, aber nur auf der Rangliste für Hebammen einen Platz bekommt.
Wer es nicht geschafft hat, kann dann wie gesagt sein Glück noch mal versuchen (falls er nicht schon das zweite Mal “dabei” ist). Oder eben einen anderen Beruf wählen. Damit keine Missverständnisse entstehen: wer es an einer französischen Universität zweimal nicht geschafft hat, darf es auch an keiner anderen mehr versuchen.
Das gemeinsame erste Jahr mit den Zahnmedizinern und vielleicht auch den Pharmazeuten (seit 2010) leuchtet uns ja noch ein, aber warum zusammen mit den Hebammen? Diese Regelung gilt erst seit dem Studienjahr 2003/2004 (und wurde dann noch einmal wie oben geschildert überarbeitet). Grund ist reiner Pragmatismus: Die Hebammenschulen hatten natürlich auch einen concours d’entrée (genauso wie die Krankenpflegeschulen, Polizei, Lehrer, Militär und ich weiß nicht was noch alles). Und man hatte festgestellt, dass fast alle Hebammenanwärterinnen, die schließlich angenommen wurden, das erste Studienjahr Medizin absolviert hatten, oft sogar zweimal, ohne allerdings es ins zweite Studienjahr zu schaffen. Und dann ist man auf die Idee gekommen, das doch gleich offiziell zu machen.

Ein Deutscher, der in Frankreich Medizin studieren will, muss genauso wie seine französischen Kommilitonen das erste Jahr samt concours d’entrée bestehen. Nebenbei bemerkt, halte ich das wegen der sprachlichen Hürden für ein fast aussichtsloses Unterfangen, es sei denn, Sie sind zweisprachig aufgewachsen. Die einzige realistische Möglichkeit für einen Deutschen, in Frankreich Medizin zu studieren, ist als Austauschstudent von einer deutschen Fakultät nach Frankreich zu gehen.

 

Das Medizinstudium

Nachdem die große Hürde concours d’entrée genommen ist, geht es in kleineren Gruppen und entspannter weiter. Im allgemeinen beendet das Studium auch, wer ins zweite Jahr gekommen ist.
Zwei Unterschiede fallen besonders auf: das französische Medizinstudium ist erheblich praxisorientierter als das deutsche. Der zweite Unterschied: ab dem 4. Studienjahr erhalten die Studenten für ihre Tätigkeit im Krankenhaus ein kleines Gehalt  und sind auch sozialversichert.
Konkret sieht das so aus, dass während des 4., 5. und 6. Studienjahres die Studenten alle Vormittage -alle Vormittage ausgenommen 6 Wochen Tarifurlaub pro Jahr- im Universitätskrankenhaus verbringen, wo sie der Reihe nach alle Fachabteilungen durchlaufen, im allgemeinen 3 Monate pro Fachgebiet. Sie werden mit einer Reihe von Hilfs- und ärztlichen Tätigkeiten beschäftigt (Befunde einsortieren oder telephonisch erfragen, Akten im Archiv suchen, arterielle Blutabnahmen, Punktionen, Schellongtest, EKG-schreiben ...) , nehmen an den Visiten und Besprechungen teil, untersuchen Patienten und erhalten auch ein wenig bedside-Ausbildung durch die Fach- und Oberärzte ihrer Station. Die Vorlesungen und Kurse sind am Nachmittag; es kommt oft vor, dass Studenten ihr “stage” in einem Fachgebiet machen, ehe sie die entsprechende theoretische Vorlesung gehabt haben. Außerdem müssen sie in den drei Jahren 36 Nächte in der Notaufnahme verbringen, wo sie den Assistenzärzten zur Hand gehen.
Sicherlich ist dieses System erheblich praxisnäher als das deutsche. Über drei Jahre werden die Studenten mit klinischen Gewohnheiten, Medikamenten (ganz wichtig: den wirklich verschriebenen Präparaten, nicht nur den Wirkstoffklassen und -namen wie wir) und wichtigen klinischen Tätigkeiten vertraut. Ich musste in PJ- und AiP-Zeit die bittere Erfahrung machen, dass meine französischen Kollegen mehr Ahnung hatten als ich. In der Tat habe ich während meines ersten Jahres als AiP keine Nachtdienste gemacht. Nun ja, es lernt sich alles. Ich weiß noch, wie ich gleich in der zweiten Woche meines PJ in Frankreich an einem Samstag-Vormittag losgeschickt wurde, ein EKG bei einem Patienten zu schreiben. (Ach ja, ein weiterer riesiger Unterschied: der Samstag-Vormittag ist in allen Krankenhäusern und allen Arztpraxen völlig reguläre Arbeitszeit. Es ist als Deutscher schwer, das zu akzeptieren. Bestenfalls organisiert man sich, dass immer nur einer der Studenten bzw. Assistenzärzte da sein muss, so dass man nur jeden zweiten oder dritten Samstagvormittag arbeitet). Nun ja, es lernt sich alles, aber man stelle es sich nicht so leicht vor.
Die Franzosen haben mehr Ahnung von der Praxis, aber ob sie wirklich so viel mehr von Medizin verstehen, ist dann eine andere Frage. Die meiste Zeit sitzen die Studenten während dieser 3 Jahre doch nur herum oder stehen daneben, wenn andere etwas tun, z.B. Visite machen oder Besprechungen abhalten. Das hängt auch sehr von der Station ab. Auch französische Universitätskrankenhäuser kochen nur mit Wasser. Hinderlich ist auch, dass die Studenten immer nur am Vormittag da sind, und ihnen so sehr viel entgeht, vor allem die Neuaufnahmen. Als deutscher PJler kam ich manchmal freiwillig am Nachmittag und wurde dann angeguckt wie der Mann im Mond. Außerdem erhalten Studenten und junge Ärzte oft Verantwortungen, denen sie fachlich nicht gewachsen sind. So war ich in meinem dritten AiP-Halbjahr im Nachtdienst u.a. für eine kardiologische Intensivstation verantwortlich, obwohl ich selbst heute nicht so viel von Kardiologie verstehe, dass ich mir das zutrauen würde. Ich war AiP in der Gastroenterologie, aber im Nachtdienst musste auch die Kardiologie mit betreut werden, da es dort zu wenig Assistenten gab. Auch wenn ein Kardiologe in Rufbereitschaft war und auch bei jeder Kleinigkeit sich ohne irgendein Widerstreben in Bewegung setzte, war es eigentlich zu viel für mich.

 

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