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Wolfgang B. Lindemann, Evolutionäre Psychologie und Psychiatrie, Tagungsband der 17. Fachtagung für Biologie der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, 17.-19. März 2000, p.45-49
Ein weiterer Artikel von mir im Studium Integrale Journal zur Evolutionsmedizin hier
Evolutionäre Psychologie und Psychiatrie
Bei Annahme der Evolutionstheorie ist zu erwarten, daß nicht nur die Anatomie und Physiologie von Lebewesen, Tieren wie Menschen, im Wechselspiel von Mutation und Selektion geformt wurden, sondern auch das tierische und menschliche Fühlen, Empfinden und Verhalten. Konsequenterweise gibt es Ansätze in der evolutionistisch ausgerichteten Forschung, die menschliche Psychologie und Psychiatrie auf evolutionärem Hintergrund zu erklären.
Mit "evolutionärer Psychologie", das ist die Erklärung aller psychologischen Eigenschaften des Menschen befaßt sich eine Fülle populärwissenschaftlicher Publikationen 1 2 . In jedem größeren Buchladen finden sich Bücher mit diesem Gedankengut, die menschliches Sozialverhalten, Sexual- und Paarbindungsverhalten, Familienleben, Aggression und selbst Kunst und Religion evolutionsbiologisch zu erklären versuchen.
Die aktuelle Psychologie soll um die Dimension der "evolutionsbiologischen Erklärungen" erweitert werden. Abstrakt gesprochen, ein bestimmtes psychologisches Merkmal hat eine unmittelbare Erklärung (physiologisch, anatomisch, lerntheoretisch etc.) und eine evolutionsbiologische, das ist der Zweck, der Sinn oder die Funktion, die dieses Merkmal für den Gesamtorganismus zu erfüllen hat. Beispielsweise haben viele Frauen den Wunsch, zu heiraten und Kinder zu bekommen, weil (unmittelbare Erklärung) durch hormonale Umstellung in der Pubertät selbstreproduktives Verhalten getriggert wird. Der Zweck oder die Funktion -die evolutionsbiologische Erklärung- hierfür ist, daß solche Gene besser in die folgende Generation gelangten, die den sie tragenden Gesamtorganismus zu einem solchen Verhalten bestimmen konnten. Mit der Zeit reicherten sich solche Gene in der Population an, während umgekehrt ein Individuum, dessen Gene sein Verhalten nicht zur Selbstreproduktion bewegen, eine geringere Wahrscheinlichkeit für Nachkommen hat. Menschliche Psychologie wird nun als der Ausdruck aller Einzelmechanismen, Anpassungen und Programmierungen verstanden, die das Gehirn von Homo sapiens im Laufe der Evolution erworben hat. Es handelt sich eher um ein Bündel einzelner Anpassungen als um einen durchdachten, in sich harmonisch geplanten Gesamtmechanismus, da in der Evolution immer wieder auf neue, unvorhergesehene und nicht miteinander in Beziehung stehende Herausforderungen reagiert werden mußte3.
Ein weiteres grundlegendes Postulat ist, daß unser Gehirn für eine andere Umgebung als die heutige geformt wurde: die der afrikanischen Savanne, in der der Mensch den Großteil seiner hypothetischen Evolution verbracht haben soll - und nicht die Industriegesellschaft des 3. nachchristlichen Jahrtausends. Dementsprechend erweist sich unsere psychologische Ausstattung in mancher Hinsicht heute als inadequat, und manche vermeintliche Fehler lassen sich so erklären. Dazu einige Zitate aus einem der am weitesten verbreitetsten Bücher zu diesem Thema 1:
"Was wir fürchten, ist tief in unserem Unterbewußtsein verwurzelt, und noch heute schleppen wir die Urängste unserer Vorfahren mit uns herum. Unsere von der Evolution geprägte Psyche ist darauf eingestellt, auf ganz bestimmte Gefahren in unserer Umwelt zu reagieren. (...) Alle Eltern machen die frustrierende Erfahrung, daß ihre lieben Kleinen bedenkenlos auf vielbefahrene Straßen laufen oder mit der Gabel in einer Steckdose herumstochern, während sie gleichzeitig eine Heidenangst vor großen Hunden, Spinnen oder finsteren Kellern haben. Man braucht keine gewaltige Phantasie, um sich vostellen zu können, daß große Raubtiere, giftige Spinnen und dunkle Höhlen auch unseren Altvorderen (aus gutem Grund) große Angst bereiteten: Hauptverkehrsstraßen und Steckdosen hingegen gibt es noch nicht so lange, als daß sie einen Evolutionsdruck auf unsere Psyche hätten ausüben können." (p. 130f).
"Die verborgene Empfängnisbereitschaft der Frauen entstand möglicherweise als ein Schachzug im subtilen Machtkampf, der das soziale Miteinander von Männern und Frauen im Verlauf der Urgeschichte charakterisierte. Da Frauen am meisten in Kinder investieren, wollen sie sicherstellen (soll heißen: es werden Gene selektiert, die ein solches Verhalten von Frauen fördern - die Frauen handeln dann so, ohne sich der tieferen Ursachen bewußt zu sein WL), daß der Vater auch bei deren Aufzucht hilft; gleichzeitig wollen die Väter (die Gene der Väter usw. WL) natürlich die Garantie, daß die Kinder, die sie großziehen, auch die eigenen sind. Vom Standpunkt des Mannes wäre es daher besser, wenn die Frau deutlich zu erkennen gäbe, wann sie empfängnisbereit ist, da er sich dadurch leichter seiner Vaterschaft versichern könnte. Während dieser kurzen fruchtbaren Phase würde er die Konkurrenz abwehren - und sie in der übrigen Zeit sich selbst überlassen." (p. 165)
"Mit zunehmender wirtschaftlicher Unabhängigkeit kehrt die moderne Frau zu einer Art Beziehung zum Mann zurück, die unsere früheren Vorfahren jahrtausendelang gelebt haben (...) In Jäger- Sammler- Gruppen beispielsweise schließen sich Paare nur für vier bis fünf Jahre zusammen, was zur Aufzucht eines Kleinkindes ausreicht; anschließend gehen sie - wenn sie wollen - getrennte Wege und suchen einen neuen Partner. Die Frühmenschen, die jahrtausendelang als Jäger und Sammler lebten, könn-ten ein ähnliches "Paarbildungsverhalten" gehabt haben. Die Anthropologien Helen Fisher vom Amerikanischen Museum für Naturgeschichte glaubt, daß das "verflixte 7. Jahr" heutiger Ehen ein Rudiment der seriellen Monogamie darstellt, wie sie unsere Vorfahren gelebt haben könnten" (p. 170).
"Eines der offensichtlichsten und besonders ärgerlichen Beispiele dafür, wie evolutionäre Mechanismen "ungebremst" auf die heutige Gesellschaft wirken, ist das Eifersuchtsverhalten von Männern und Frauen. Die evolutionäre Logik für Eifersucht ist leicht nachzuvollziehen: Ein Mann, der in ein Kind investiert, das ein anderer gezeugt hat, erleidet - aus dem Blickwinkel der Evolution heraus- hohen materiellen Schaden; schließlich hat er sich um den Nachwuchs eines anderen bemüht" (p. 176).
"Traurig, aber leider wahr: Evolutionspsychologisch gesehen ist die hohe Gewaltbereitschaft in Banden keineswegs abnormal, wenn die Voraussetzungen Armut, mangelnde Ausbildung und ein passender Anlaß zusammenkommen. Wenn man etwas besitzt, dann ist es nicht wert, das Leben dafür zu verlieren, sagt Wilson. Aber wenn jemand nichts hat, sind für ihn die Aussichten, tot zu sein, ein Leben lang keine Frau beziehungs-weise keinen sozialen Status zu besitzen, im Grunde genommen völlig gleichwertig. Entwicklungsgeschichtlich muß jemand sein eigenes Leben als wertlos betrachten, wenn er keine Aussicht auf Nachwuchs hat. Und je weniger Chancen er in der Zukunft sieht, um so größere Risiken nimmt er bereitwillig auf sich." (p. 197).
Als treibende Kraft für die Evolution des Primatengehirnes zu seiner bei Homo einmaligen Größe wird der Selek-tionsdruck eines hochkomplexen Sozialverhaltens angenommen: in Horden lebende Primaten besaßen abhängig von ihrer sozialen Position unterschiedliche Zugänge zu nutritiven und sexuellen Gruppenresourcen. Individuen mit gesteigerter Fähigkeit, durch Täuschung, Drohung, Allianzen, Nutzen günstiger Augenblicke und nicht zuletzt physischer Gewalt ihre Position zu verbessern, hatten eine größere Chance, Nachkommen mit ihrem Erbgut zu hinterlassen, ein Erbgut, das ihnen eben diese Fähigkeiten verliehen hatte. Dabei werden ethologische Forschungsergebnisse an afrikanischen Menschenaffen auf die hypothetischen menschlichen Vorfahren extrapoliert.
Kritisch ist zu solchen Ansätzen zu sagen, daß sie zum einen außerordentlich spekulativ sind: das Verhalten der angenommenen menschlichen Vorfahren und des Evolution ist a priori nicht beobachtbar, Fossilien als einzige Zeugen der Vergangenheit geben hierfür keine Auskunft. Gewonnen werden solche Erkenntnisse durch Übertragung an heute lebenden Tieren beobachteter Daten auf behauptete menschliche Vorfahren - und durch die phantasievolle Konstruktion von "Selektionsdrücken", die ein bestimmtes Verhalten oder ein bestimmtes psychologisches Merkmal erklären sollen. Letztlich wird hier von der sinnvollen Funktion auf stattgehabte Evolution geschlossen - was logisch nicht möglich ist. Lediglich bei Voraussetzung der Evolutionstheorie ist so ein Schluß erlaubt (der zudem noch dadurch kompliziert wird, daß genausogut unsinnige Konstruktionen "evolutionär" erklärt werden können !).
Im Bereich der Psychiatrie wird diese konsequent funktionale Sichtweise von den beiden Pionieren der "darwinistischen" oder "evolutionären" Psychiatrie Michael McGuire, Professor für Psychiatrie an der University of California und Alfonso Troisi, Psychiater an der Medizinischen Fakultät der Universität Rom, auf krankhafte Zustände der menschlichen Psyche ausgedehnt3 : Zunächst entwickeln sie eine Theorie des menschlichen Verhaltens, der menschlichen Ethologie, welches sie als verursacht durch die gleichzeitige Wirkung und Interaktion vier verschiedener, evolutionär entstandener Subsysteme begreifen4. Diese vier Subsysteme sind:
1. Das Überlebens-Subsystem 2. Das Selbstreproduktions-Subsystem 3. Das Verwandten-Hilfs-Subsystem und 4. Das Wechselseitige-Hilfe-Subsystem.
In Abhängigkeit von der konkreten Situation kann das eine oder andere Subsystem momentan verhaltensbestimmend werden - beispielsweise werden in lebensgefährlichen Situationen Bemühungen, einen Sexualpartner zu finden, zunächst zurückgestellt. Umgekehrt ist der einzelne bereit, sein eigenes Überleben zu gefährden, um Kindern oder Verwandten (mit denen er Gene teilt) oder Freunden (von denen er gegebenenfalls analogen Beistand zu erwarten hat) beizustehen.
Jedes der vier Subsysteme kann weiter in 4 Schlüsselkomponenten aufgeteilt werden, die miteinander interagieren, um ein bestimmtes, situationsadäquates Verhalten hervorzubringen:
-Automatische Systeme -Motivationen und Ziele -Algorithmen -Verhaltensstrategien.
Automatische Systeme sind evolutionär entstandene anatomisch-physiologisch-psychologische Systeme, die externe und interne Information filtern, selektieren und nach Priorität klassifizieren. Beispielsweise Sehen und Hören, Lernen oder das Erkennen von Personen und deren emotionellen Zuständen und Wünschen.
Motivationen und Ziele sind evolutionär entstanden und beinhalten beispielsweise, die Nähe zu vertrauten Personen und Umgebungen zu suchen, physische Gesundheit aufrechtzuerhalten oder Ressourcen zu finden und zu gebrauchen (Subsystem 1) oder einen Sexualpartner zu erkennen und zu binden, Nachkommen zu haben und zu schützen (2. Subsystem). Subsystem 3 hat u.a. die Motivationen und Ziele, sichere Umgebungen für Verwandte zu suchen oder Verwandte vor Angriffen zu schützen, Subsystem 4 beinhaltet "gute" und "schlechte" Freunde zu identifizieren und zu suchen bzw. zu meiden ("gute" sind solche, die Hilfe ebenso vergelten, "schlechte" solche, die dies nicht tun), sie vor Angriffen zu schützen u.a.
Algorithmen benützen die von Automatischen System bereitgestellten Informationen und entwickeln daraus ein adäquates Verhalten, während Verhaltensstrategien das von Algorithmen entwickelte Verhalten praktisch umsetzen.
Diese Theorie des menschlichen Verhaltens wird nun auf psychiatrische Krankheitsbilder angewendet: Bei einem bestimmten Krankheitsbild wie einer Depression, einer Schizophrenie, einer Anorexia nervosa oder einer Phobie werden die Subsysteme und deren Komponenten ermittelt, die im Einzelfall wahrscheinlich gestört sind. In einem zweiten Schritt wird ein Therapieplan erstellt, der unter Verwendung der vier wesentlichen psychiatrischen Therapieverfahren Psychoanalyse, Verhaltens- und kognitiver Therapie, Medikamenten und Soziotherapie eine Verbesserung oder Heilung der Beeinträchtigungen des Patienten anstrebt. Die so verstandene Therapie geht über die klassischerweise als medizinische Therapie begriffenen Interventionen und Ziele gelegentlich hinaus, da sie eine Normalisierung des Gesamtverhaltens, des gesamten Lebenskontextes eines Individuums anstrebt. Beispielsweise kann im Rahmen einer solchen "evolutionären" Therapie eine ledige Patienten mittleren Alters, die an einer Depression im Kontext biologischer Sterilität leidet, dazu geführt werden, den Wohnort zu wechseln um als Tante eine Schwester bei der Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen. (Kompensation fehlender Erreichung von Motivationen und Zielen im Subsystem 2 durch vermehrtes Engagement im Subsystem 3). Solche Therapieansätze sind tatsächlich klinisch erfolgreicher als die isolierte Behandlung der Symptome der Depression durch Medikamente oder den alleinigen Versuch, durch Psychotherapie eine Relativierung der unereichbaren Motivationen und Ziele im Bereich des Subsystem 2 zu bewirken.
Eines der Grundanliegen evolutionärer Psychologie und Psychiatrie, nämlich die (Wieder-)einführung einer funktionalen Sichtweise in Psychologie und Psychiatrie kann freilich nur begrüßt werden5 . Ein Mensch und sein Fühlen, Empfinden und Verhalten geht nicht aus dem luftleeren Raum hervor und ist nicht beliebig formbar oder lediglich "umweltbedingt" oder "anerzogen". Es gibt dem Menschen "mitgegebene" psychologische Merkmale, die sein Verhalten prägen. Gott hat Seinen Geschöpfen eine gewisse Ausstattung an Verhaltensweisen mitgegeben, die diesen helfen sollten, sich in der Welt zu bewähren. An dieser Stelle ist es wichtig, den Begriff der "natura vulnerata"6 7 einzuführen : Nach biblischer Überzeugung und kirchlicher Lehre ist der Mensch, wie wir ihn heute vorfinden, nicht so von Gott geschaffen worden, sondern nach einem anfänglichen Zustand der Freundschaft mit Gott, im Besitze der Urstandsgnaden des donum scientiae, des donum immortalitatis und der Freiheit von der Konkupiszenz, ist der Mensch durch eigene Schuld in Sünde gefallen, was den Verlust der übernatürlichen Gaben Gottes an den Menschen und die Schwächung der natürlichen Gaben bedeutete. Als Erbsünde überträgt sich dies auf jeden gezeugten Menschen. Die Taufe tilgt die Erbsünde und setzt den Menschen in die ursprüngliche Freundschaft mit Gott wieder ein, aber die Folgen des Falles, die schon erwähnte Schwächung der natürlichen Kräfte und der Verlust der übernatürlichen bestehen fort8. Die Neigung des Menschen zu sündigen, z.B. die Ehe zu brechen, seine Frau und Kinder im Stich zu lassen, seinen Mitmenschen zu bestehlen, zu verletzen oder zu töten ist zwar psychologisch beschreibbar, aber weniger ein Ausdruck einer gestörten -oder evolutionär so entstandenen- Gehirnfunktion, sondern ein Ausdruck der Sündhaftigkeit. Warum erscheinen dennoch viele dieser Schwächen funktionell sinnvoll ? Eine Erklärung mag sich vielleicht in folgender Überlegung finden: Die Bibel sagt, daß Gott dem Menschen bei der Vertreibung aus dem Paradies "Kleider machte" (Genesis 3,21). Im weiteren Sinne kann dies so verstanden werden, daß Er dem Menschen eine Ausrüstung mitgab, die ihm das Überleben in der nun für ihn feindlich gewordenen Welt ermöglichen sollte. Zu dieser "Ausrüstung" könnte auch ein ganzes Bündel an Instinkten, psychologischen Mechanismen und Merkmalen gerechnet werden, die dem unwissenden Menschen das Leben erleichtern sollten, z.B. die Vorliebe für bestimmte Nahrungsmittel, die Angst vor spezifischen gefährlichen Situationen, die Präferenz des Mannes für jung aussehende Frauen (die sich wahrscheinlich noch vor der Menopause befinden und damit reproduktionsfähig sind) und von Frauen für sozial gutgestellte Männer als Partner (solche geben eine größere Gewißheit für Versorgung und Sicherheit während der Schwangerschaft und der Kindesbetreuung) usw. All diese Mechanismen und Merkmale sind aber nicht so stark, daß sie den Menschen unüberwindbar determinieren - sie orientieren sein Verhalten in eine bestimmte Richtung, erzwingen es aber nicht. Der Mensch bleibt ein eigenverantwortliches, einsichts- und vor allem liebesfähiges und damit letztlich menschliches und gottfähiges Wesen.
Wir können auch in unserer Psychologie die Spuren unseres gütigen Schöpfers erkennen - das ist ein Gedanke, der keinesfalls neu ist: Der griechische General und Philosoph Xenophon, der nach Ausscheiden aus dem aktiven Dienst auch naturwissenschaftliche Schriften verfaßte, berichtet ein Gespräch seines Ausbilders Sokrates mit dem Athener Aristodemos9 : "Scheinen dir nun die bewunderwungswürdiger zu sein, welche seelenlose und unbewegliche Bilder schaffen, oder die, welche beseelte und selbsttätige Lebewesen schaffen ? Natürlich, beim Zeus, die Schöpfer lebender Wesen, wenn diese nicht überhaupt irgendeinem Zufall ihre Entstehung verdanken, sondern einer schöpferischen Vernunft. Von den Gegenständen, bei denen unsicher ist, wozu sie da sind, und denen, die offensichtliche einem nützlichen Zweck dienen, welche hältst du da für Werke des Zufalls und welche für Werke einer schöpferischen Vernunft ? Natürlich sind die einem nützlichen Zweck dienenden Gegenstände die Werke einer schöpferischen Vernunft. Scheint dir nun nicht derjenige, der von Anfang an die Menschen schuf, ihnen zum Nutzen mitgegeben zu haben, wodurch sie alles wahrnehmen können, nämlich die Augen, um das Sichtbare zu sehen, und die Ohren, um das Hörbare zu hören ? Und was hätten wir wohl von den Düften für einen Gewinn, wenn uns keine Nasen gegeben wären ? ... Scheint dir das nicht überdies auch einem Werk der Vorsehung zu gleichen, daß sie das Auge, da es verletzlich ist, durch die Augenlieder geschützt hat, welche im Gebrauchsfalle sich öffnen, im Schlaf aber sich schließen; und daß sie, damit die Winde nicht schaden, die Augenwimpern als Sieb eingefügt hat ? ... obwohl dies so vorsorglich eingerichtet ist, bist du darüber im Zweifel, ob dies das Werk des Zufalls oder einer schöpferischen Vernunft ist ? Doch nein, beim Zeus, erwiederte Aristodemos, wenn man es so betrachtet, gleicht dies allerdings ganz dem Werk eines weisen und freundlichen Werkmeisters."
Zusammenfassend ist zu sagen, daß die evolutionäre Psychologie und Psychiatrie unter einer anderen Bezeichnung, nämlich der der funktionellen Psychologie und Psychiatrie, durchaus eine wesentliche Verbesserung unserer Kenntnisse darstellen kann, und es wünschenswert ist, daß sich auch Christen mit dieser Materie befassen. Unanehmbar für Christen -und wissenschaftlich fragwürdig- ist freilich der Schluß von "sinnvoller Konstruktion" auf stattgehabte Evolution sowie die Ignorierung der biblischen Aussagen über die Herkunft von Unvollkommenheit, Leid und Tod in der Schöpfung.
1 z.B. William F. Allman, Mammutjäger in der Metro, Wie das Erbe der Evolution unser Denken und Verhalten prägt, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg Berlin 2 1999 (amerikanische Erstauflage 1994) (an diesem Autor orientieren sich die nachfolgenden Ausführungen)
2 Luigi Luca Cavalli-Sforza, Gene Völker und Sprachen: Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation, aus dem Italienischen übersetzt, München 1999
Andreas Paul, Von Affen und Menschen, Verhaltensbiologie der Primaten, 1998
Klaus Richter, Die Herkunft des Schönen, Grundzüge der evolutionären Ästhetik, 1999
Bernhard Derck, Das universale Weltbild, Evolution und Naturphilosophie, 2 1991
3 Michael McGuire, Alfonso Troisi, Darwinian Psychiatry, Oxford New York u.a. 1998, Oxford University Press
4 "evolutionär entstanden" heißt hier und im folgenden zunächst einmal nichts anderes als "funktionell sinnvoll", was für die Autoren identisch ist mit "von der Evolution konstruiert".
5 ohne nähere Belege zu geben, sei daran erinnert, daß für Naturforscher des christlich geprägten Mittelalters und der frühen Neuzeit vor Darwin selbstverständlich in allen Lebewesen eine Teleologie zu finden war.
6 ich bitte nichtkatholische Teilnehmer um Verständnis, daß ich im nachfolgenden den traditionell-katholischen Standpunkt referiere. Dies geschieht nicht aus dem Wunsche nach interkonfessioneller Polemik, sondern schlicht weil es mir bereits aus Gründen der Sachkenntnis nicht anders möglich ist.
7 vgl. Alfred Niedermeyer: "Der Mensch ist (...) ein vom ursprünglichen Schöpfungsstande abgewichenes gefallenes Geschöpf (Prinzip der natura vulnerata). Durch diesen Fall erklärt sich allein die Herkunft des Übels in der Welt" in: idem, Allgemeine Pastoralmedizin, Band I: Philosophische Propädeutik der Medizin, Wien 1955, p. 163
8 "Durch die Ausstrahlung dieser Gnade (der ursprünglichen Heiligkeit WL) wurde das menschliche Leben in jeder Hinsicht gestärkt. Solange der Mensch in der engen Verbindung mit Gott blieb, mußte er weder sterben noch leiden. Die innere Harmonie der menschlichen Person, die Harmonie zwischen Mann und Frau und die Harmonie zwischen dem ersten Menschenpaar und der gesamten Schöpfung bildete den Zustand der sogenannten "Urgerechtigkeit"." Katechismus der katholischen Kirche, Vatikan 1993, Nr. 376 "Außer der Unschuld und der heiligmachenden Gnade verlieh Gott unseren Stammeltern noch andere Gaben, welche sie zugleich mit der heiligmachenden Gnade auf ihre Nachkommen vererben sollten, nämlich: die Unversehrtheit, das heißt die vollständige Unterwerfung der Sinne unter die Vernunft, die Unsterblichkeit, die Freiheit von jedem Schmerz und Elend und das ihrem Zustand angemessene Wissen". Papst Pius X., Kompendium der christlichen Lehre, Vatikan 1906, 3. Abschnitt, Frage 57
9 Xenophon, Erinnerungen an Sokrates, I, 4, 4-7 4. Jahrhundert vor ChristusC) Homepage von Wolfgang Lindemann aus Hamb
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