Herkunft und Entwicklung der Sprachen

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Rezension von Roger Liebi, Herkunft und Entwicklung  der Sprachen", herausgegeben von der Studiengemeinschaft Wort und Wissen e.V., 1. Auflage 2003, Hänssler-Verlag Holzgerlingen, 304 Seiten ISBN 3-7751-4030-1

(=> beachten Sie auch die Leserzuschrift von Dipl. Ing. Wilhelm Overhoff aus dem Münsterland.). Der gedruckte Printtext ist hier

 

Alle Theologen und viele katholische Akademiker haben einmal Latein und Griechisch gelernt. Ein Eindruck ist sicher allen erinnerlich: der vom Deutschen über das Latein zum Griechisch und innerhalb des Griechischen von der Koiné zu Homer zunehmende Umfang der Grammatik. Latein hat mehr Kasus, Modi und Tempora als das Deutsche, Griechisch mehr als Latein und Homer verwendet Formen wie den Dual, den Paulus nicht mehr gebraucht. Neugriechisch ist weiter reduziert, z.B. ist der Dativ weggefallen und die romanischen Sprachen wie Französisch haben eine "einfachere" Grammatik als Latein. In diesen indogermanischen Sprachen fällt also ein Verlust von grammatikalischem Reichtum und damit Ausdrucksmöglichkeiten mit der Zeit auf. Der Aorist, das Medium oder der Optativ des Griechischen können im Deutschen nur durch umständliche Konstruktionen mit Hilfsverben wiedergegeben werden, was beispielsweise bei Bibelübersetzungen, die textlich "ansprechen" müssen, meist nicht geschieht und so zu einer Nivellierung der ursprünglichen Aussagen führt.

Die Evolutionstheorie ist zweifellos die Grundlage des gegenwärtigen säkularen Weltbildes. An anderer Stelle wurde in Theologisches dargelegt, daß sie keinesfalls "gleichgültig" für die katholische Religion ist[1], und zwar weniger wegen der Frage der Historizität der ersten 11 Kapitel der Genesis, sondern vor allem wegen ihrer Konsequenzen etwa für Sündenfall und Erbsünde –von denen im evolutionären Kontext zu sprechen wenig Sinn macht-, der Entstehung des Menschen (kann ein Tier zu einem menschlichen Körper evolvieren, ohne einen menschlichen Verstand und damit eine unsterbliche Geistseele zu haben ? ) und last not least ob der Christus der Evangelien, durch den "alles geschaffen ist"[2], mittels eines Mechanismus von brutalem "survival of the fittest" schaffen kann.

Nach der Evolutionstheorie ist zu erwarten, daß die menschliche Sprache sich allmählich und in Schritten aus tierischen Kommunikationsformen entwickelt hat: aus primitiven Anfängen zu ihrer heutigen Komplexizität. Natürlich kann diese hypothetische Sprachentwicklung als vergangenes Ereignis nicht mehr beobachtet werden. Es können nur die in historischer Zeit aufgetretenen Sprachen und deren Veränderungen untersucht werden. Dieser durch schriftliche Aufzeichnungen von Sprache zugängliche Zeitraum beträgt etwa 5000 Jahre und ist damit klein gegenüber der postulierten jahrhunderttausende währenden Evolution des Menschen, da die Sprachentstehung von evolutionärer Seite auf vor etwa 40000 Jahren angesetzt wird, ist aber immerhin 1/8 dieser Zeit erfaßt
. Freilich imponiert auf den ersten Blick, wie oben erläutert, ein genau gegenteiliger Effekt: in historischen Zeiträumen scheinen Sprachen an grammatikalischer Komplexizität zu verlieren statt zu gewinnen. 

Der Schweizer evangelikale Bibellehrer und Linguist Dr. Robert Liebi untersucht nun dieses Phänomen in seinem Buch "Herkunft und Entwicklung der Sprachen", das im Rahmen der
Studiengemeinschaft "Wort und Wissen" entstanden ist[3].

Nach einer allgemeinverständlichen Einführung in die Grundlagen der Linguistik und einem Überblick über die Sprachstämme der Welt legt Liebi die grundsätzlichen evolutionären Theorien zur Sprachentstehung dar, deren es eine sehr große Anzahl gibt. Einige sehen beispielsweise den Ursprung der Sprache in Alarm- und Schmerzrufen ("Aua-Theorie"), andere in koordinierenden und rhythmusgebenden Ausrufen bei gemeinsamer körperlicher Arbeit ("Hauruck-Theorie"), wieder andere in Nachahmungen von Tierlauten ("Wau-Wau-Theorie"). Man streitet sich, ob die Sprache allmählich oder plötzlich entstand, ob die Interaktion von Mutter und Kind entscheidender Faktor war.  Die vielen Theorien zur Sprachentstehung haben vor allem den Fehler, daß sie nicht nachprüfbar sind und daher der Phantasie freien Lauf lassen. Schon 1866 verbot daher die Pariser Sprachgesellschaft in ihren Statuten die Annahme von Sprachentstehungstheorien (p. 104).

Die meisten Evolutionisten gehen davon aus, daß die menschliche Sprache erst in der Altsteinzeit parallel und in Wechselwirkung mit der sich entwickelnden Kultur entstand. Demnach ist es zumindest    wahrscheinlich,  daß 1. die ältesten menschlichen Sprachen am primitivsten sind, daß 2. Eingeborene heutiger Steinzeitkulturen eine primitivere Sprache haben als Menschen der "1. Welt" und daß 3. Sprachen mit der Zeit an Komplexizität gewinnen.

Die ältesten erhaltenen und entzifferten schriftlichen Sprachzeugnisse sind auf Sumerisch abgefaßt und nach allgemeiner Annahme um 3100 v.Chr. entstanden. Sumerisch ist mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt – also ein eigener Sprachstamm – und alles andere als primitiv: Es besitzt wenigstens 10 Kasus –neben den "bekannten" noch den Äquitiv (Vergleichsfall: "wie Wasser"), den Lokativ (Ortsfall "im Haus"), den Komitativ (Gemeinschaftsfall "mit Peter") u.a. Das Verbalsystem ist schwindelerregend komplex. Mittels einer Fülle von Präfixen, Infixen und Suffixen können Verbalinhalte äußerst präzise formuliert werden. Es gibt alleine 7 Modi: Indikativ, Optativ, Prohibitif (Verbotsform), Prekativ (Wunschform), Kohortativ (Ermahnungsform), Prospektiv (mögliche Verwirklichung) und Imperativ. Zu Tempora wie dem Permansiv (Zustandsausdruck) oder Aspekten wie Punktual und Durativ und einer Fülle weiterer Möglichkeiten, Intensität, Richtung, Relation und Objektbeziehung der Handlung auszudrücken gibt es in heutigen Sprachen keine Entsprechung – gegenüber Sumerisch ist vielmehr Deutsch primitiv.

Ähnlich liegen die Verhältnisse in Altägyptisch (2600 – 2100 v. Chr.). Das Verbalsystem eignet sich dank seiner Komplexizität vorzüglich zum Ausdruck großer Präzision und feiner Nuancierungen. Es hat 6 Modi, Handlungen können mit Zeitbezug (Vergangenheit,Gegenwart, Zukunft) oder ohne Zeitbezug beschrieben werden, die Aspekte Durativ, Punktual und Resultativ werden unterschieden und es gibt in der Konjugation 8 Personen, indem die 2. und 3. Person Singular in männlich und weiblich geschieden werden. Danken wir Gott, daß Er Moses den Pentateuch nicht auf Altägyptisch abfassen ließ – Bibelübersetzer würden zur Verzweiflung getrieben.

Die vom Evolutionskonzept zu erwartende "Primitivität" in den Eingeborenen-Sprachen existiert ebenfalls nicht, wie Liebi an Beispielen u.a. der Feuerländer oder nordamerikanischer Indianersprachen zeigt. So haben die Wintu-Indianer in Kalifornien z.B. spezielle Formen, die unterscheiden, ob eine Aussage eine Übernahme vom Hören-Sagen ist, Resultat einer persönlichen Beobachtung oder einer logischen Schlußfolgerung. Für letztere werden zudem 3 Plausibilitätgrade unterschieden. Militärisch wurden Indianersprachen in den Weltkriegen wichtig: als Funker verwendete Comanche-Indianer übermittelten Meldungen in ihrer Muttersprache, die für die feindlichen B-Dienste praktisch nicht zu entschlüsseln waren.

"Die Sprachen der Eingeborenen in aller Welt sind vielmehr hochkomplex. Es gibt nicht einmal ein einziges Ausnahmebeispiel unter den Tausenden von heute bekannten Sprachen, das der evolutionistischen Deduktion bezüglich der Eingeborenen-Sprachen in etwa entgegenkommen würde" (p. 201).

Sind schließlich bei den bekannten Sprachen im Laufe ihrer Geschichte Höherentwicklungen oder Zerfallserscheinungen zu beobachten ? Es ist erschütternd, fast beängstigend
[4], in welchem Maß die oben skizzierten Beispiele des Verlustes grammatikalischer Komplexizität generalisierbar sind. Alle bekannten Sprachen zeigen dieses Phänomen. Ohne Ausnahme. Akkadisch, Ägyptisch, Hebräisch, Arabisch, Ethiopisch, Sanskrit – alle Sprachen in allen Sprachstämmen.

Psychologisch ist dies begründet in einer weltweit und zu allen Zeiten beobachteten "Trägheit der Sprechenden": der Mensch tendiert, den mentalen und physischen Aufwand seiner Bemühungen allgemein und so auch beim Sprechen zu minimisieren. Dies führt zum Abschleifen phonologischer Elemente ("Wörter") und Eliminierung morphologischer Strukturen ("Grammatik") und wurde als Gesetzmäßigkeit schon im 19. Jahrhundert erkannt. Teilkompensiert wird dies durch die angelegte Kreativität des Menschen in Syntax und Lexik: der Mensch kann leicht neue Wörter erfinden (Lexik) oder neue Wortstellungen im Satz schaffen (Syntax), das heißt z.B. ein Tempus oder ein Modus durch Hilfsverben kennzeichnen statt durch eine Form des Verbums. Sprachen bleiben so immer funktionell. Englisch und besonders Chinesisch sind Sprachen nahe am "Endpunkt" dieser Entwicklung. Bemerkung am Rande: aus sprachpsychologischer Sicht kann also mit Sicherheit vorhergesagt werden, daß die neue politisch korrekte Sprechweise, stets die männliche und die weibliche Form in der Anrede zu benutzen ("Liebe Schülerinnen und Schüler ...”) sich nicht halten wird. Für den besseren Weg halte ich die in unserer Kultur seit dem Rittertum tief verwurzelte Sitte, einer "Kompensierung" des "nur- mit- gemeint- Sein" durch besondere Höflichkeit der "Dame" gegenüber z.B. indem der Herr ihr die Autotür aufhält oder in den Mantel hilft.

Gibt es Belege, daß Menschen Sprachen kreativ schaffen oder nicht schaffen können ?  "Wolfskinder", das sind Kinder, die ohne oder mit sehr wenig sprachlicher Zuwendung aufwuchsen, lernten nicht sprechen und konnten als Erwachsene dies nicht nachholen. ( Und eine "private" Sprache "entwickelten" sie schon gar nicht !). Offenbar gibt es eine "sensible Phase", während derer ein Kind leicht Sprechen lernt und die, einmal verpaßt, nicht nachgeholt werden kann. Ähnlich liegen die Verhältnisse –das Fehlen kreativen Schaffens grammatischer Formen- bei Pidgin- und den daraus entstandenen Kreolensprachen. 

Unerwartet, aber nicht unwillkommen, ist ein Kapitel über das "Sprachenreden" im heutigen "Charismatismus". Liebi bezieht Position: das in "charismatischen" Gruppen allerorten beobachtete sogenannte Sprachenreden sei üblicherweise ein Lallen ohne syntaktische Struktur und daher nicht die im Neuen Testament beschriebene –und von Liebi selbstverständlich für möglich angenommene- Sprachengabe. Er lehnt dieses Lallen als Äußerungsform christlichen Gebetes ab, da Paulus die Christen vor jeder Art von Ekstase warne, in die die Heiden vor ihren toten Götzen gerieten. Der Christ solle besonnen und nüchtern sein und vor allem seinen Verstand als die höchste Gabe Gottes an ihn nicht beim Gebet "abzuschalten" suchen. Ob Liebi wohl Thomas von Aquin kennt, der –ohne den heutigen Charismatismus mangels Kenntnis explizit abzulehnen- das Sprachenreden implizit genau wie er definiert
[5] ? Über das Ziel hinauszuschießen scheint Liebi, wenn er auch das "Autogene Training" als Art von Trance oder Ekstase ablehnt (p. 256). Autogenes Training scheint mir als ein Entspannungsverfahren beileibe nicht so negativ zu sein. Hier schlägt wohl sein evangelikaler Hintergrund durch.

Das Buch ist einfach und verständlich geschrieben, obgleich es eine komplexe Materie behandelt und nicht über Gebühr vereinfacht (wie es diese Rezension leider tut !). Wohltuend sind die klaren logischen Schlußfolgerungen. Es bietet noch wesentlich mehr Informationen, als hier umrissen wurde; so scheut sich Liebi nicht, seine linguistischen Ergebnisse im Kontext der biblischen Urgeschichte zu diskutieren. Man merkt allerorten, daß sein Anliegen nicht nur Sprachwissenschaft ist, sondern mehr: er möchte Menschen zu Christus führen.

Generelles Ergebnis des Buches: Der Mensch kann von sich aus Vokabeln schaffen, aber keine Grammatik. Existierende Neuschaffung in der Syntax (Satzbau) z.B. Dichtung arbeitet mit vorhandenem Sprachmaterial.

Der größte Mangel des Buches ist mehr ein Aufruf zur weiteren Forschung als eine Nachlässigkeit: Liebi konstatiert an mehreren Stellen
[6], daß das menschliche Gehirn zwar Vokabular, aber keine neuen grammatikalischen Strukturen schaffen könne. Sein linguistisches Material unterstützt diesen Schluß; allerdings sollte diese Aussage, gerade weil sie so fundamental ist, unbedingt mit neurobiologischen und psychologischen Daten über "Hardware" und Funktion des menschlichen Geistes abgesichert werden, dazu findet sich im Buch fast nichts[7]. Nun, Liebi ist auch kein Neurowissenschaftler und dies wäre zweifellos ein größeres Forschungsprojekt. Ließe sich aber dies naturwissenschaftlich nachweisen, wäre die Evolutionstheorie zumindest was die Evolution des Menschen angeht, am Ende: um sie zu falsifizieren, genügt es zu zeigen, daß ein Teil des Menschen und seiner Fähigkeiten nicht von selbst durch Evolution entstanden sein kann. Wenn sich Christen für die Wahrheit einsetzen sollen, so meint dies nicht nur die religiöse Wahrheit, deren Hüterin die katholische Kirche ist, sondern auch die Wahrheit in allen Bereichen des Lebens.

 

 
[1] Wolfgang B. Lindemann, Ist die Evolutionstheorie gleichgültig für die katholische Religion ?, Theologisches, Jahrgang 30, Nr. 5/6, p. 175-186 (Mai/ Juni 2000)[2] Joh 1,3 – bezeichnenderweise das Schlußevangelium der Hl. Messe [3]  www.wort-und-wissen.de. Kontakt: sg@wort-und-wissen.de. Zur grundsätzlichen Information siehe das "Hauptwerk" von "Wort und Wissen": "Evolution – Ein kritisches Lehrbuch", rezensiert von Wolfgang B. Lindemann in Forum Katholische Theologie, 17. Jahrgang Heft 2/2001 , p.155-157. Für katholische Leser besonders geeignet: Johannes Grün: "Die Schöpfung – Ein göttlicher Plan. Die Evolution im Lichte naturwissenschaftlicher Fakten und philosophisch-theologischer Grundlagen. Mit einem philosophischen Essay von Hermann Weinzierl". Verax Verlag/ Müstair/ Graubünden, Schweiz 2000, 543 Seiten, ISBN 3-9090665-05-8, rezensiert von Wolfgang B. Lindemann in Theologisches, Jahrgang 31, Nr. 11, p. 558- 562 (November/ Dezember 2001)[4] man denkt unwillkürlich "wo soll das noch hinführen ?" [5] Summa theologiae II IIae, q. 176. Denselben Standpunkt habe ich schon 1997 vertreten in Wolfgang B. Lindemann, Was ist falsch an der Charismatischen Erneuerung, erschienen im Mitteilungsblatt der Priesterbruderschaft St. Pius X. für den deutschen Sprachraum, Nr. 225 September 1997, p.18-27  und Nr. 226 Oktober 1997 p.20-27 [6] p. 61, p. 97,p. 112, p. 159, p. 161, p. 185, p. 273[7] einzige Aussage zur "Hardware" ist p. 106 "Aus neurologischer Sicht ist es eigentlich absurd, wenn man meint, daß der häufige Gebrach der linken Gehirnhälfte zur Entstehung einer völlig neuen und anderen Struktur, nämlich zur Entstehung eines motorischen Sprachzentrums führen soll", auf p. 276 wiederholt, sollte sie viel weiter ausgeführt werden.
C) Homepage von Wolfgang Lindemann aus Hamburg

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(erstellt von Mitarbeitern der Studi- engemeinschaft Wort und Wissen)

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