Theologisches 13

In der Februarausgabe der Zeitschrift “Theologisches” ist folgender Artikel erschienen:

Ein Schulungskit, möchte Ihnen das Wissen vermitteln, das für die richtige Verwendung des im Artikel vorgestellten Fragebogen nötig ist

(Theologisches, Jahrgang 35, Nr. 2, p. 71- 92).

Das gesamte Heft steht hier zum Download zur Verfügung (731 KB).

Marienerscheinung oder psychische Krankheit ?1

Der praktisch tätige Priester begegnet gelegentlich Gläubigen, die behaupten, übernatürliche Phänomene zu erfahren wie Erscheinungen von Christus, Maria oder Heiligen, prophetische Eingebungen und Beauftragungen.
Das Eindringen des Charismatismus in die Konzilskirche hat dieses verschärft: "charismatische" Gebetsgruppen leben vom -angeblich- Übernatürlichen, sie sind ein sozialer Raum, in dem es nicht nur toleriert, sondern erwünscht ist, wenn Gläubige von übernatürlichen Phänomenen berichten, die sie erfahren haben wollen2.

Zugleich geben aber viele dieser Gläubigen auch dem medizinisch nicht vorgebildeten Seelsorger den Eindruck, psychisch nicht gesund zu sein, und/ oder es wecken deren Auftreten und Lebensführung sowie der Inhalt der behaupteten Phänomene Zweifel an ihrer göttlichen Herkunft.
In der Gegenwart wird bei Privatoffenbarungen oft ein Psychiater eingeschaltet; so wurde die Sehergruppe in Medjugorje psychiatrisch untersucht, die wichtigsten psychiatrischen Differentialdiagnosen ausgeschlossen und sogar während der Erscheinung apparative Diagnostik (EEG, EKG u.a.) durchgeführt, die den Ausschluß weiterer organischer Erkrankungen ermöglichte3.

Ziel dieser Publikation soll es sein, dem Geistlichen eine leicht anwendbare Arbeitshilfe an die Hand zu geben, mittels derer er auch ohne medizinische Fachausbildung mit ausreichender Sicherheit ein behauptetes übernatürliches Phänomen als begründet in einer psychischen Erkrankung identifizieren kann.
Die hier vorgeschlagene Arbeitshilfe wurde von dem Autor anhand eigener klinischer Erfahrung als Assistenzarzt in der Psychiatrie unter Verwendung der einschlägigen Literatur erstellt und liegt in einer ersten "Studienversion" vor. Eine Langversion dieses Artikels mit einem allgemeinverständlichen Schulungskit sowie ausführlicherer wissenschaftlicher Begründung ist auf der Homepage des Autors www.wolfganglindemann.net unter "Aktuell" online verfügbar bzw kann bei ihm gratis angefordert werden.
Grundsätzlich können die folgenden Krankheitsgruppen "übernatürlich" oder "mystisch" anmutende Symptome erzeugen (in Klammern –und eher für ärztliche Leser gedacht- die entsprechenden Nummern der International Classification of Diseases ICD10 der Weltgesundheitsorganisation):
Organische, einschließlich symptomatische psychische Störungen, z.B. gehen dementielle Erkrankungen (F00 – F03) oder exogene Schädigungen des Gehirns (F07) oft mit Halluzinationen und Wahn einher. Es gibt organische Halluzinosen (F06.1) und organische wahnhafte Störungen (F06.2), Beispiele sind etwa das "Fabulieren" von Alzheimerkranken oder Hirnverunfallten.
Allgemein bekannt ist die Wirkung von Drogen wie Kokain, Haschisch oder Heroin (F1x) – ihre Einnahme erfolgt gerade wegen ihrer vielfältigen zentralnervösen Effekte, die einen "mystischen" Charakter tragen können.
Klassisch sind "mystisch" anmutende Phänomene bei Schizophrenien (F3x), worauf die von Emil Kraepelin, einer der Begründer der modernen Psychiatrie, um 1900 ursprünglich verwendeten Krankheitsbezeichnungen "Wahnsinn" und "Verrücktheit" besser als der moderne und durch andere umgangssprachliche Verwendung belastete Terminus hinweisen.
Weniger typisch, aber gelegentlich treten auch bei neurotischen Störungen (F4x, z.B. F48.1) "mystische" Phänomene auf, die ICD-10 hält sogar eine eigene Kategorie "Trance- und Besessenheitszustände" (F44.3) vor: zeitweiliger Verlust der persönlichen Identität und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung. Diese Diagnose ist nur bei Trancezuständen zu stellen, die außerhalb etwa religiöser Aktivitäten auftreten4.
Zwangsstörungen (F 42.x) können sich als Vorstellungen von Besessenheit präsentieren, werden aufgrund ihres imponierenden Leidensdruckes normalerweise rasch vom Priester als krankhaft erkannt; jedenfalls stellt sich nicht das dem nachfolgenden zugrundeliegende zentrale Problem "könnte es sich um eine echte göttliche Privatoffenbarung handeln".
Persönlichkeitsstörungen (F6x), namentlich die histrionische Persönlichkeitsstörung (F60.4) und Intelligenzminderungen (F7x) können ebenfalls an übernatürliche Phänomene erinnern, wobei bei Persönlichkeitsstörungen der Patient –oft unbewußt- fabuliert bzw. schauspielert, während eine Intelligenzminderung als solche nicht kausal ist, sondern die sie verursachende Hirnschädigung.

Diese Erkrankungen sind häufige Erkrankungen; für die Schizophrenien alleine ist mit einer Punktprävalenz von 0.2-1% und einer Lebenszeitprävalenz von 0.5- 1% zu rechnen, d.h. daß zu einem bestimmten Zeitpunkt 0.2-1% der Gesamtbevölkerung an einer Schizophrenie erkrankt sind und daß während des Lebens 0.5-1% der Gesamtbevölkerung einmal an einer Schizophrenie erkranken werden (vgl. Lehrbücher der Psychiatrie).

Grundsätzlich sind die Inhalte von Halluzinationen oder Wahn –unabhängig davon, welche der oben skizzierten Krankheiten ursächlich ist- immer dem kulturellen Kontext des Betroffenen entnommen – diese Aussage ist trivial und analog zu der Feststellung von Jean B. Lestrade "man lügt mit Worten, die man kennt" als Bernadette die Selbstbezeichnung der Erscheinung "Qué soy era Immaculada Councepciou. Ich bin die Unbefleckte Empfängnis" wiederholte, ohne deren Sinn zu verstehen5.
Nach meiner klinischen Erfahrung6 haben praktizierend katholische Patienten fast immer religiös "gefärbte" entsprechende Symptome. Da zudem echte übernatürliche Phänomene sehr selten sind, kann also näherungsweise die Inzidenz der in Frage kommenden psychiatrischen Erkrankungen unter Katholiken mit der Inzidenz von übernatürlich anmutenden Phänomenen gleichgesetzt werden.
Alleine auf die Häufigkeit der schizophrenen Psychosen bezogen ist demnach in  einer Gemeinde von 200 Gläubigen –eine mittelgroße Gemeinde der katholischen Tradition- mit 1 bis 4 Betroffenen zu rechnen.

Umgekehrt wurden echte Begnadete meist zunächst für geisteskrank gehalten: Bernadette Soubirous wurde einem Psychiater vorgestellt und entging nur durch die Redlichkeit und den Mut ihres Pfarrers –der zu diesem Zeitpunkt keinesfalls von der Echtheit der Erscheinung überzeugt war- der Zwangseinweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus.
Als Paulus dem römischen Statthalter Judäas Festus von dem auferstandenen Jesus Christus berichtete, der ihm erschienen war, "rief Festus laut: 'Du bist wahnsinnig, Paulus !' " und gab die kausale Erklärung eines medizinischen Laien: "Das viele Studieren hat dich zum Wahnsinn getrieben" (Apg 26, 24).
Ein Jahrtausend früher konnte David, vor König Saul in die Philisterstadt Gat geflohen und dort erkannt, eine hinreichende Häufigkeit und infolgedessen die Vertrautheit von Achisch, dem König der Stadt, mit entsprechenden Krankheitsbildern voraussetzen, so daß er sein Leben rettete indem "(er sich) vor ihnen verstellte und tat in ihrer Gegenwart so, als sei er wahnsinnig; er kritzelte auf die Flügel des Tores und ließ sich den Speichel in den Bart laufen. Achisch sagte zu seinen Dienern: Seht ihr nicht, daß der Mann verrückt ist ? Warum bringt ihr ihn zu mir ? Gibt es bei mir nicht schon genug Verrückte, so daß ihr auch noch diesen Mann zu mir herbringt, damit er bei mir verrückt spielt ? Soll der etwa auch noch in mein Haus kommen ?" (1 Sam 21, 14-16).

Es ist illusorisch zu hoffen, daß in der Seelsorge tätige Priester hinreichende Psychopathologiekenntnisse erwerben könnten, um die verschiedenen, oben umrissenen Krankheitsgruppen diagnostizieren zu können, denn dies verlangte mindestens eine mehrmonatige theoretische und praktische Zusatzausbildung – und der Prieser soll  keine Art Hilfspsychiater zu werden, auch wenn alte und neue Modernismen wie der Josephinismus Seelsorge zu einer Art psychologischer Betreuung machen wollen, während sie doch in Wahrheit "die Führung der Seelen zum ewigen Heile mittels der zumeist menschlichen Mittel"7 ist.
Hier soll nun eine Arbeitshilfe vorgelegt werden, die die medizinischen Kriterien, eine der Krankheiten zu diagnostizieren, die mit übernatürlichen Phänomenen einhergehen, soweit vereinfacht und zusammenfaßt, daß sie ein medizinisch nicht vorgebildeter Seelsorger mit großer Sicherheit als Krankheit erkennen kann:
Wenn von allen behaupteten übernatürlichen Phänomenen (Privatoffenbarungen) in der Größenordnung 99% krankhaften Ursprunges sind8, und mit der nachfolgenden Arbeitshilfe in etwa 10- 15 Minuten über 95% von diesen mit hinreichender Sicherheit als krank erkannt werden, ist der Priester der eigenen Unsicherheit und der Notwendigkeit einer weiteren –arbeitsintensiven !- Prüfung nur noch in höchstens 1/16 der Fälle ausgesetzt. Für die überwältigende Mehrheit verfügt er dann über eine klare Einschätzung, die sein weiteres pastorales Verhalten festlegt, zu dem auch die Zuführung zu einer medizinischen Behandlung gehören wird.

Hier soll der nicht der ohnehin völlig überlastete traditionell-katholische Klerus kritisiert werden; aber es sei doch erwähnt, daß nach meinem Eindruck die Kompetenz traditionell-katholischer Geistlicher eher in anderen, vornehmlich dogmatischen Sachgebieten besteht.  Ich habe einen Patienten, traditioneller Katholik, der Geräusche und Stimmen hörte, über deren göttlichen Ursprung er unsicher war. Er sprach davon im Beichstuhl zu einem Priester der FSSPX, der jetzt der FSSP angehört9.  Dieser sagte "das kann übernatürlich sein" – er fragte nicht "waren Sie schon einmal in einer psychiatrischen Klinik in Behandlung" oder "nehmen sie diese Medikamente", beides war mit "Ja" zu beantworten und hätte eine Identifizierung als Krankheit ermöglicht.
Wir erleben seit Ende des Konzils eine Kirchenkrise und eine Massenapostasie von Gläubigen und Priestern, die alles übersteigt, was es seit Jahrhunderten, wahrscheinlich seit Bestehen der Christenheit gegeben hat. Es ist nur zu verständlich, daß sich die wenigen glaubenstreuen Priester zuerst um die absoluten Kernbereiche pastoraler Arbeit –Sakramentenspendung und Katechismus- und, sofern sie Muße zur theologischen Tätigkeit haben, sich der Verteidigung der massivst bedrohten Dogmatik und Moral widmen. Für "Luxusdisziplinen" wie die pastoraltheologischen Fächer bleibt da kein Raum, zumal wenn sie wie die Pastoralmedizin auf keine lange Etablierung zurückblicken können. Und doch wird letztlich hier die Entscheidung fallen, ob die verbleibenden Gläubigen treu bleiben, denn für das Leben des Gläubigen sind konkrete Fragen der Lebenshilfe (natürlich auf der Basis des unverfälschten katholischen Glaubens !) auf lange Sicht wichtiger als theoretisch- theologische Dogmatik- und Moraldebatten. Vielleicht können Laien hier wenigstens teilweise subsidiär tätig werden, und Autor hofft, mit diesem Artikel einen Beitrag zu leisten.

Die hier vorgelegte Arbeitshilfe will nicht den gesamten Bereich der zu prüfenden Kriterien abdecken, die erfüllt sein müssen, damit die Echtheit eines behaupteten übernatürlichen Phänomens erwogen werden kann.
In einem neueren Werk unterscheidet Ramon de Luca10 in Anlehnung an ein vorkonzialiares Standardwerk11 5 Quellen für absolut unechte Offenbarungen. 3 mögliche Quellen sind Verstellung, Betrug und der Teufel. Die anderen beiden Quellen werden in Anlehnung an die Terminologie der Hl. Theresia von Avila und des Hl. Johannes vom Kreuz als "Übersteigerte Phantasie" und "Täuschung des Gedächtnisses" bezeichnet.
"Es gibt so lebhafte, tiefe Geister, daß sie, kaum gesammelt, bei der Betrachtung einer Wahrheit mit großer Leichtigkeit ihre Gedanken in inneren Worten und in lebhaften Gesprächen ausdrücken, die sie dann Gott zuschreiben. Die Unterhaltungen sind einfach das Werk des Verstandes, der, von der Tätigkeit der Sinne befreit, vom Lichte natürlicher Erkenntnis begünstigt, so etwas, ja noch viel mehr, ohne jede übernatürliche Hilfe hervorbringen kann. Eine gute Anzahl Menschen reden es sich selbst ein, sie hätten wunderbaren Verkehr mit Gott. Sie beeilen sich, ihre Eindrücke aufzuschreiben oder aufschreiben zu lassen, obwohl in Wirklichkeit dies alles absolut nichts bedeutet". (Johannes vom Kreuz zitiert nach de Luca p. 15; ähnlich Theresia von Avila p. 14).
Wer der den Charismatismus kennt, wie er sich im allgemeinen präsentiert, wird Parallelen ziehen müssen.
Als konkretes Procedere schlägt de Luca (p.26) vor, die betroffene Person, den Inhalt der übernatürlichen Phänomene, die äußeren Begleitumstände und die Früchte zu evaluieren.
An der Person ist wichtig, ob sie ein gesundes Urteil und eine nüchterne Phantasie verfügt, sich von der Vernunft oder von ihren Leidenschaften und Stimmungen leiten läßt und ob sie in ihrer geistigen Wahrnehmung durch Krankheit, Alter oder jugendliche Unreife beschränkt ist. Des weiteren (p.27) ist eine besondere Tugendhaftigkeit der Person eine Empfehlung, ihr rasches Wachsen in den Tugenden nach Beginn der behaupteten übernatürlichen Phänomene eine Unabdingbarkeit. Positiv zu wertende äußere Begleitumstände sind nach de Luca Stigmatisation und Wunderheilungen (p.34).

Der Wiener Pastoralmediziner Niedermeyer unterscheidet zwischen natürlich erklärbaren versus übernatürlichen Phänomenen in den Grenzzuständen des menschlichen Seelenlebens12. "Grundsatz richtiger Kritk muß sein, den übernatürlichen Charakter von Erscheinungen nur dort als beglaubigt zu betrachten, wo eine natürliche Erklärung nicht ausreicht" (p.417). "Der katholische Arzt wie der Seelsorger muß die wissenschaftlichen Tatsachen kennen, die ihn zu eigenem Urteil befähigen" (p. 418). Aufgabe dieser Arbeit ist es, eben diese Tatsachen in praktisch anwendbarer Form bekannt und damit verfügbar zu machen.
In analoger Weise werden an mystische Phänomene erinnernde Near- Death- Experiences in moderner Fragebogen-basierter Diagnostik u.a. durch Auschluß von psychopathologischen Erlebnissen diagnostiziert13.

Von allen möglichen Beurteilungskriterien sollen in dieser Arbeit nur ein Teil betrachtet werden, ein Teil der allerdings sehr "trennscharfe" und relativ leicht zu erhebende Kriterien umfaßt: die geistige Gesundheit der betroffenen Person.
Die Bezeichnung "Übersteigerte Phantasie" und "Täuschung des Gedächtnisses" ist eine deskriptiv-psychologische Beschreibung, die mit der Terminologie und Kenntnis des 16. Jahrhundertes erfolgt. Psychologie und Psychiatrie haben seit dem 16. Jahrhundert und auch seit Niedermeyer Fortschritte gemacht und folgerichtig soll in dieser Arbeit versucht werden, einfache Kriterien vorzulegen, mit denen basierend auf dem heutigen Stande von Psychologie und Psychiatrie ein Nicht-Fachmann rasch und mit genügender Sicherheit eine psychologische ("Konstitution") oder psychiatrische ("Krankheit") Ursache erkennen kann.
Basis der Arbeit ist folgende Annahme: übernatürliche Phänomene unterscheiden sich deutlich von Krankheiten und organischen Funktionsstörungen, die regelhaft mit bestimmten Symptomen und einem bestimmten Verlauf auftreten. Diese Annahme ist nicht trivial; sie besagt zum Beispiel, daß bei einem Betrunkenen, der im Rausch Christus oder einen Heiligen zu sehen meint, von dem Nicht-Vorliegen eines übernatürlichen Phänomens ausgegangen wird, denn Alkohol verändert regelhaft Wahrnehmung und Denken derart, daß es zu solchen Phänomenen kommen kann. Die Annahme erscheint zwar vernünftig14, aber bei näherer Untersuchung nicht absolut haltbar: wer will den den Allmächtigen hindern, wem Er will eine übernatürliche Gnade zu gewähren ?

Immerhin lassen theologische Argumente im besagten Fall ein negatives Urteil wahrscheinlich erscheinen:
-der Apostel Paulus fordert immer wieder zu Nüchternheit und Besonnenheit auf und stellt das darauf beruhende christliche Leben in Gegensatz zu Ekstase und Orgien des Heidentums (z.B. 1 Thess 5,6). Kein Alkoholiker soll Priester oder Bischof werden dürfen (1 Tim 3,2+11; Tit 2,2). Wenn Christus -durch das Wort Seiner Apostel- solche Menschen von der Leitung der Gemeinde ausschließt, ist es wenig wahrscheinlich, daß Er ihnen "direkt" außerordentliche Gnaden oder gar besondere Aufgaben für Seine Gemeinde geben wird.
-Christus und die Apostel warnen ausdrücklich vor falschen Propheten (Mt 7,15; 24,23) oder implizieren ihr Vorkommen (1 Thess 5, 19). Ein falscher Prophet ist einer, der nicht von Christus gesandt ist, wobei nicht unterschieden wird, "woher" der falsche Prophet seine Prophezeiungen hat - Krankheit ist eine Möglichkeit: in der Apostelgeschichte wurde Paulus mehrfach für geisteskrank gehalten, als er vom auferstandenen Christus Zeugnis gab.

 

Letztlich bleibt aber eine Unsicherheit: kann nicht z.B. einem Alkoholiker, der seine Familie ruiniert, ein warnender Engel erscheinen ?
Ein Psychiater berichtet: "Ein schizophrener Mann fühlte sich so elend, daß er intensiv an Selbsttötung dachte. Da hatte er eine Vision: ein etwa menschengroßer lichtvoller Engel schwebte vor ihm und hielt ihm beschwörend - abwehrend die Hände entgegen. Der Patient, halluzinationserfahren, erkannte klar den völlig anderen "Stellenwert" dieser Halluzination."15
Die nachfolgend präsentierten Kriterien decken weiterhin nicht das ganze Spektrum medizinisch möglicher Kriterien ab. Gewisse rein natürliche Parallelerscheinungen wie beispielsweise Nahrungslosigkeit bei sog. "Hungerkünstlern" oder Fälle von Pseudostigmatisierung werden nicht erfaßt16. Es wurde aber versucht, die häufigsten natürlichen Ursachen übernatürlich anmutender Phänomene zu erfassen unter da es besser ist, für 95% der Fälle eine Arbeitshilfe zur Unterscheidung zu haben als gar keine.

Ausdrücklich nicht wird beabsichtigt, Lüge und Betrug aufdecken zu wollen - dies fällt nicht in den Bereich der Medizin sondern der Kriminalistik. Niedermeyer warnt (p. 427): "Die falsche Mystik (Pseudomystik) vermag alle sekundären Begleiterscheinungen des mystischen Lebens nachzuahmen, so daß es oft sehr schwer wird, sie von der echten Mystik zu unterscheiden. Man kann nicht genug vorsichtig sein gegenüber den zahllosen Möglichkeiten, durch die meist geltungsbedürftige Psychopathen und hysterische "Mythomanen" mystische Phänomene vorzutäuschen oder zu autosuggerien wissen. Das Unterscheidende, das innere mystische Erleben, spielt sich im Innenleben des Menschen ab. Aus bestimmten Anhaltspunkten vermag man ein Urteil zu gewinnen, ob es sich um Pseudomystik handelt. Eines der wichtigsten Merkmale liegt im Gehorsam, besonders dann, wenn es sich um Anordnungen handelt, die die Wirkung auf die Außenwelt einschränken oder aufheben. Pseudomystik will um jeden Preis nach außen wirken. Ihr kommt es auf das "Publikum" an. Doch vermag mitunter auch Pseudomystik die Tugend der Demut täuschend zu kopieren. Pseudomystik spekuliert auf Leichtgläubigkeit und Wundersucht ("Mirakulismus") der Menge. (…) Schließlich gibt es auch eine Pseudomystik von dämonischem Charakter (Teufelsmystik, maleficium)."

Es wäre vermessen - und unausführbar - diese Fülle von zu berücksichtigenden Elementen hier zusammenfassen zu wollen, zumal Niedermeyer für den Falle des dämonischen Ursprunges ausdrücklich von der Möglichkeit einer natürlich und präternatürlich-dämonisch gemischten Ätiologie ausgeht: "In manchen Fällen ist es denkbar, daß ein dämonischer Einfluß neben natürlichen Faktoren mitwirkt oder sich sekundär auf solche aufpfropft. Denn manche Äußerungsformen der Psychopathie und Hysterie stellen für dämonische Einflüsse einen günstigen Anknüpfungspunkt dar; die Charakterveränderung der Psychopathen und Hysteriker sind ein "locus minoris resistentiae". In diesem Falle sind die einzelnen Wirkfaktoren schwer voneinander zu trennen; es läßt sich kaum abgrenzen, wo natürliche Faktoren aufhören und dämonische beginnen. (p. 431, vgl. auch p.82)

Mit Rücksicht auf das gesagte sei unterstrichen, daß das Ziel der vorliegenden Arbeitshilfe nicht die abschließende Beurteilung der Echtheit eines behaupteten übernatürlichen Phänomens ist, sondern lediglich, ob es für den öffentlichen Gebrauch im Leib Christi zugelassen werden kann oder nicht: es gibt wie skizziert zu viele Unsicherheitsfaktoren – wer will Gott vorschreiben, wem Er welche Gnaden gewähren dürfe ?

Die Gläubigen einer Gemeinde haben jedoch ein Anrecht darauf, daß die Gemeindeleitung sie vor Irrtum und Trug schützt, so wie sie als Bürger ein Recht auf hygienisch korrekte Lebensmittel und sauberes Wasser haben.

Weiterhin will diese Arbeitshilfe nicht zwischen göttlichen und dämonischen Vorgängen unterscheiden. Übernatürlich scheinende Vorgänge können ihren Ursprung beim Satan, dem Meister der Lüge, haben. Eine dahingehende Unterscheidung kann allerdings da, wo die dämonische Verursachung nicht unmittelbar erkennbar ist, ein zeit- und arbeitsintensives Studium des jeweiligen Phänomens mit eingehender Evaluierung von Inhalt, Begleitumständen und Früchten erfordern, während die vorgelegte Arbeitshilfe rasch -innerhalb 10- 15 Minuten- ein Ergebnis gibt. Nur in dem Falle, daß eine psychische Erkrankung nicht ausgeschlossen werden kann –was nach Überzeugung des Autors nur sehr selten der Fall sein dürfte- wird dem Priester die zeitaufwendige Detailprüfung abverlangt werden können. Weiterhin wird die nachfolgende Arbeitshilfe nicht ihrer Konzeption gemäß verwendet, wenn sie als Rechtfertigung für die Durchführung eines Exorzismus gebraucht wird.

 

 

Der  AUPEUP -Fragebogen  (Studienversion)17

 

Allgemeine Hinweise zur Bearbeitung:

Wenn die Beantwortung eines Items nicht möglich ist (nicht mit genügender Sicherheit erfolgen kann), wird er nicht gewertet.. Da der AUPEUP- Fragebogen redundant aufgebaut ist und nur ein "Ja" oder "Nein" als Antwort liefern soll, kann eine Frage nicht gewertet werden: das Gesamtergebnis wird lediglich im Falle eines Nicht-Auschlusses eines übernatürlichen Vorganges an Gewißheit verlieren.

In der Praxis wird eine Frage nach der anderen abgearbeitet, bis ein Score von 10 Punkten erreicht ist, der mit hinreichender Sicherheit eine psychische Erkrankung annehmen läßt. Soll darüber hinaus der seelsorgerliche Einfluß genutzt werden, die evaluierte Person ärztlicher Behandlung zuzuführen, oder werden "Bonuspunkte" festgestellt, so sollte bzw.(im Falle der Bonuspunkte) muß der gesamte Fragebogen bearbeitet werden.

 

Biographieitems:

 

Die folgenden 3 Items  fragen nach typischen biographischen Auswirkungen psychiatrischer Erkrankungen und schließen von deren Bestehen auf das Bestehen einer psychiatrischen Erkrankung zurück.

 

Item 1

Lebt die Person von einer eigenen Berufstätigkeit ohne finanzieller Hilfe zu bedürfen ?

Ja         Punktwert:    0

Nein     Punktwert:    10

Pensioniert, Hausfrau, Invalide aufgrund körperlicher Erkrankung: Frage nicht werten.

Schwere psychiatrische Erkrankungen gehen regelhaft mit langandauernder Arbeitsunfähigkeit einher. Das Vorliegen einer solchen läßt also mit hinreichender Sicherheit einen krankhaften Ursprung der Phänomene vermuten. Im Falle einer körperlichen Erkrankung oder einer Nicht-Berufstätigkeit ist diese Frage nicht zu werten, da die weitere Abgrenzung des Anteils einer eventuellen psychiatrischen Erkrankung an einer auch körperlich mitbedingten Arbeitsunfähigkeit dem Priester nicht möglich sein wird. Auch  die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit einer nicht im Erwerbsleben stehenden Person wird ihm im allgemeinen nicht möglich sein. 

Wenn die Frage nicht eindeutig mit "Ja" beantwortet werden kann, ist mit "Nein" zu antworten.

 

Item 2

War die Person bereits in einem psychiatrischen Krankenhaus oder in der psychiatrischen Abteilung eines Allgemeinen Krankenhauses länger als 48 Stunden hospitalisiert ?

-vor mehr als einem halben Jahr                                                    Punktwert:   5

-innerhalb der letzten 6 Monate                                                      Punktwert:    8

-zu irgendeinem Zeitpunkt gegen ihren Willen (Zwangseinweisung)  Punktwert:  10

Schwere psychiatrische Erkrankungen gehen regelhaft mit Krankenhauseinweisung  einher. Das Vorliegen einer solchen läßt also mit hinreichender Sicherheit einen krankhaften Ursprung der Phänomene vermuten, insbesondere, wenn es in enger zeitlicher Relation mit diesen steht (Annahme: der Gläubige hat jetzt die Phänomene). Es wird dem Seelsorger nicht zugemutet, den Grund der Krankenhauseinweisung zu erfragen, da das Resultat zu unsicher ist -nur eine Minderheit der Patienten kennen ihre Diagnose und können sie zudem zutreffend formulieren, und von diesen äußern sie einige nicht aus Gründen sozialer Stigmatisierung. Zudem kann ein psychiatrisch nicht-vorgebildeter Priester mit einer aus wenigen Worten bestehenden Diagnose nicht viel anfangen.

Im Einzelfall kann eine Zwangseinweisung z.B. wegen einer Pathologie zustandekommen, die ein übernatürliches Phänomen nicht ausschließt, z.B. einer Alkoholintoxikation mit konsekutiver Fremdaggressivität oder Selbstmordversuch.. Wenn ein solches Ereignis nur kurze Zeit zurückliegt, ist das Urteil "nicht für die Gemeinde" dennoch gerechtfertig, da Seher sich durch ein einwandfreies moralisches Leben auszeichnen müssen. Theoretisch kann aber dieses Ereignis viele Jahre oder gar Jahrzehnte zurückliegen und vor einer Bekehrung stattgefunden haben. In diesem Fall kann diese Frage nicht gewertet werden - es muß immer der konkrete Gläubige in den Blick genommen werden, nicht ein Fragebogen. der den Blick schärfen soll und in der täglichen, von Zeitnot gekennzeichneten Praxis rasche und trotzdem sichere Entscheidungen  ermöglichen will.

 

Aricept (Donepezil),

Benperidol-Generikum,

Ciatyl-Z (Zuclopenthixol),
Clozapin-Generikum,

Dapotum (Fluphenazin),

Decentan (Perphenazin),

Dogmatil (Sulpirid),

Elcrit (Clozapin),

Exelon (Rivastigmin),

Fluanxol (Flupentixol),

Fluphenazin-Generikum,

 

Glianimon (Benperidol),

Haldol (Haloperidol),

Haloperidol-Generikum,

Impromen (Bromperidol),

Leponex (Clozapin),

Lyogen (Fluphenazin),

Lyorodin (Fluphenazin),

Melleril (Thioridazin),

Neogama (Sulpirid),

Nipolept (Zotepin),

Orap (Pimozid),

Reminyl (Galantamin),

Risperdal (Risperidon),

Seroquel (Quetiapin),

Sigaperidol (Haloperidol),

Sulp (Sulpirid),

Sulpirid-Generikum,

Solian (Amisulpirid),

Taxilan (Perazin),

Zeldox (Ziprasidon),

Zyprexa (Olanzapin).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tabelle 1

 

-gesamte Einnahmedauer im Leben (in Wochen): Punktwert:  (je volle Woche = 1 Punkt)

-innerhalb der letzten 6 Monate:   Punktwert zuzüglich 9 Punkte

-ja, mit anschließender Verringerung/ Verschwinden der Phänomene: Punktwert: 15

Das Medikament ist oft die Diagnose. Die genannten Präparate werden bei psychotischen oder hirnorganischen Störungen verschrieben wie z.B. Halluzinationen. Problem: wenn ein echter Visionär an einen atheistischen Arzt oder Psychiater gerät, wird dieser wahrscheinlich eines der genannten Medikamente verschreiben … ohne sachliche Rechtfertigung, aber mit der Folge, daß das Ergebnis des Fragebogens verfälscht wird. Da solche Fälle aber selten sind, wird dieser Item aufrechterhalten und zudem gehofft, daß  dann zugleich Charismen bestehen.
In praxi: erfragen "welche Medikamente nehmen Sie ein ?", notieren und in Tabelle 1 tnachschlagen.

 

Psychopathologieitems:

 

Hier sollen typische Symptome bekannter psychischer Erkrankungen erkannt werden, wobei gemäß dem in der Einleitung begründeten Grundsatz "ein übernatürliches Phänomen unterscheidet sich von einer psychischen Erkrankung" aus dem Vorliegen dieser auf  das Nichtvorliegen jenes geschlossen wird.

 

Item 4

Wirkt die Person "menschlich ausgeglichen", das heißt könnte die Person derzeit aufgrund ihres Charakters -ohne über eine eigentliche Berufung und namentlich den geistlichen Aspekt derselben urteilen zu wollen- z.B. grundsätzlich als Seminarist oder Novizin akzeptiert werden ?

Ja         Punktwert:   -1

Nein     Punktwert:    8

Diese Frage versucht, die Vielfalt der in F2x, F4x und F6x erfaßten Pathologien zu erfassen. Zur Erleichterung wird dem Priester ein ihm vertrauter "Standard" angeboten (Berufungsfähigkeit). Es soll dabei nicht auf die religiöse Seite einer Berufung abgehoben werden. Entscheidend ist, welchen Eindruck die Person derzeit macht und nicht, ob sie früher einmal als Seminarist oder Novizin hätte akzeptiert werden können.

 

Item 5

Ist die Person fähig, alleine zu leben: sich zu waschen, zu kleiden, zu ernähren und die Wohnung zu versorgen ? 

Ja           Punktwert:    0

Nein       Punktwert:  10

Im Zweifel "nein". Vorliegen einer ausschließlich körperlichen Beeinträchtigung: Frage nicht werten.

Schwere psychiatrische Erkrankungen gehen regelhaft mit Unfähigkeit in der Erfüllung der Aktivitäten des täglichen Lebens einher. Das Vorliegen einer solchen Unfähigkeit läßt also mit hinreichender Sicherheit einen krankhaften Ursprung der Phänomene vermuten. Wenn die Frage nicht eindeutig mit "Ja" beantwortet werden kann, ist mit "Nein" zu antworten, da die Fähigeit zur Selbstversorgung fundamental ist.  Im Falle einer körperlichen Erkrankung ist diese Frage nicht zu werten, da die weitere Abgrenzung z.B. des Anteils, den eine eventuelle psychiatrische Erkrankung an einer auch körperlich mitbedingten Arbeitsunfähigkeit hat, dem Priester nicht möglich sein wird. Im Gegensatz zu Item 1 wird dem Priester zugetraut, einzuschätzen, ob eine Person die z.B. in ihrer Familie wohnt, grundsätzlich fähig wäre, alleine zu leben.

 

Item 6

Zeigt die Person seit einiger Zeit erstmals Störungen von Gedächtnis oder Urteilsfähigkeit ?

Ja       Punktwert: 10

Nein     Punktwert:  0

Dementielle Erkrankungen wie die Alzheimer-Erkrankung  können mit Halluzinationen oder Wahn einhergehen. Sie treten in höherem Lebensalter auf, in Einzelfällen auch im 6. Lebensjahrzehnt oder noch früher. Dem Nichtmediziner ist aus dem Alltag bekannt, daß manche ältere Menschen "vergeßlich" und "wunderlich" werden. Ein langjähriger Alkoholismus sowie einzelne organische Erkrankungen wie die Syphilis können ebenfalls zu solchen Veränderungen führen und wird darum hier implizit miterfaßt.

 

Item 7

Hat die Person in den letzten 3 Monaten an einer der folgenden Krankheiten gelitten: eine schwere Schädel-Hirn-Verletzung mit Bruch von Schädelknochen und mindestens mehrtägige Bewußtlosigkeit, Epilepsie, infektiöse Hirnerkrankung, Multiple Sklerose, Schlaganfall, Hirntumor ?

Ja         Punktwert:  5

Nein     Punktwert:  0

Die genannten Krankheiten alleine machen noch keine Halluzinationen oder Wahnvorstellungen, sondern nur, sofern bleibende Schäden bestehen, die sich regelhaft in den im vorherigen Item erfragten Störungen äußern werden. Es handelt sich nur um eine Auswahl der häufigsten und auch Nichtmedizinern meist bekannten Krankheiten, die entsprechende Symptome erzeugen können.

 

Item 8

Nimmt die Person derzeit oder während der letzten 3 Monate Drogen wie Kokain, Haschisch, Heroin, LSD oder Designerdrogen oder eines der folgenden Medikamente ein (in Klammern: Wirkstoffname): Amantadin- Generikum, Comtan (Entacapon), Dopaflex (Levodopa), Dopergin (Lisurid), Isicom (Carbidopa) , Madopar (Levodopa), Nacom (Levodopa), Sinemet (Levodopa), PK-Merz (Amantadin), Pravidel (Bromocriptin), Tregor (Amantadin), Virgyt (Amantadin) ?

Ja         Punktwert: 15

Nein     Punktwert:  0

Drogen stören typischerweise u.a die Wahrnehmung, manche Medikamente können ähnlich wirken.

 

Item 9

Äußert die Person "verrückt" anmutende oder in sich widersprüchliche Ideen ? Beispielsweise von Nachbarn, Verwandten oder der Polizei beobachtet zu werden, übernatürliche Kräfte zu haben, mit Gnaden, Segen oder Radar bestrahlt zu werden, mit Heiligen, Verstorbenen oder der Internationalen Raumstation in Verbindung zu sein, hat sie "ungewöhnliche" körperliche Empfindungen z.B. spürt sie einen wohltuenden Effekt einer Segnung oder quält angeblich der Teufel sie mit körperlichen Schmerzen ?

Ja         Punktwert:    10

Nein     Punktwert:      0

Dieser und die vier  folgenden Items erfragen die typischen Symptome der Schizophrenie, einer häufigen Erkrankung (die nichts mit einer in "zwei Teile gespaltenen Persönlichkeit" zu tun hat). Diese Symptome können korrekt erfragt werden, ohne daß der Anwender des Fragebogens Kenntnisse in Psychiatrie besitzt.Die Beispiele für den Inhalt sind nicht-exklusiv. Wichtigstes Kriterium ist die "Verrücktheit" oder Unlogik der Ideen. Die Tatsache alleine, daß eine Person sich von Gott besonders gesegnet fühlt oder ausnahmsweise irgendeine Botschaft aus dem Jenseits zu empfangen meint, genügt nicht, um "Ja" zu antworten.

 

Item 10

Fühlt sich die Person von außen oder dritten Personen (z.B. von Engeln, Gott, Heiligen, Außerirdischen oder vom Fernsehen) beeinflußt, gesteuert oder kontrolliert ?

Ja         Punktwert:      10

Nein     Punktwert:        0

Dieser Item ist in gewisser Weise –für den Nicht-Psychiater- ein Detail des vorherigen, aber da Patienten diese Gedanken oft nicht spontan äußern, sollte gezielt danach gefragt werden. Wenn die Person keine anderen "verrückt" anmutenden Gedanken hat, wird nur hier mit Ja" kodiert, sonst bei beiden Items. In jedem Fall reicht ein "Ja" bereits aus, um übernatürliche Vorgänge auszuschließen, sofern keine Charismen vorliegen.

 

Item 11

Gibt die Person an, Gedanken lesen zu können, daß ihr Denken von anderen (Gott, Heilige) gemacht oder gesteuert wird ("Gott läßt mich Seine Gedanken denken") oder daß ihre Gedanken von anderen gelesen oder gar gestohlen werden ?

Ja         Punktwert:      10

Nein     Punktwert:        0

Hier gilt dasselbe wie für den vorherigen Item: Dieser Item ist in gewisser Weise –für den Nicht-Psychiater- ein Detail des vorvorherigen, aber da Patienten diese Gedanken oft nicht spontan äußern, sollte gezielt danach gefragt werden. Wenn die Person keine anderen "verrückt" anmutenden Gedanken hat, wird nur hier mit "ja" kodiert, sonst bei beiden Items. In jedem Fall reicht ein "Ja" bereits aus, um übernatürliche Phänomene auszuschließen, sofern keine Charismen vorliegen.

 

Item 12

Berichtet die Person, die Stimmen dritter Personen zu hören (Christus, Engel, Heilige, Arme Seelen, Dämonen…) , die sich untereinander unterhalten, (ihr Anweisungen geben) oder ihr Verhalten kommentieren ?

Ja, Stimmen, die sich unterhalten oder kommentieren    Punktwert          10

Ja, andere Stimmen                                                       Punktwert           6

Nein                                                                             Punktwert:          0

Hier wird nicht nach dem Hören von Stimmen alleine gefragt, sondern nur primär nach  solchen, die die im Nebensatz angefügten Kriterien erfüllen. Dennoch ist dieser Item problematisch. Auch echte Visionäre hören die Stimmen von Gott, Heiligen oder Dämonen,, die sich sogar untereinander unterhalten können, z.B. die Hl. Johanna von Orléans oder der Hl. Pfarrer von Ars. Der Pfarrer von Ars wurde nicht von ungefähr für psychisch krank gehalten und die Hl. Johanna mußte eine mehrwöchige Prüfung über sich ergehen lassen, die vor allem die Items 1, 4, 5 und 6 umfaßte  -evaluiert mit den Mitteln und in der Terminologie des Spätmittelalters. Der Psychiater erkennt eine Erkrankung vor allem an der "Form" der Anweisungen: meist apodiktisch- autoritär und inhaltlich unsinnig.  Glücklicherweise  sind echte Visionäre meist durch Charismen beglaubigt, was in diesem Fragebogen durch Bonuspunkte honoriert wird. Die hier abgefragte Symptomatik ist derart typisch bei psychotischen Erkrankungen, und derartige Erkrankungen sind derart viel häufiger als übernatürliche Phänomene, daß sie trotz ihrer fehlenden Eindeutigkeit als Unterscheidungskriterium aufgenommen wurde in der Hoffnung, daß bei einem echten Visionär Bonuspunkte kompensieren können.

 

Item 13

Sind Sprache und Ausdruck der Person "seltsam", d.h. verwendet sie unverständliche oder neugebildete Worte ohne Sinn, ist der Satzbau "verwirrt" d.h. in seiner Struktur gestört ? Gibt die Person unlogische und widersprüchliche Argumente ?

Ja               Punktwert: 10

Unsicher       Punktwert:  4

Nein           Punktwert:   0

Beispiele dazu in Langversion und Schulungskit (auch zu den in den anderen Items beschriebenen Symptomen).

 

Item 14

Ist die Person von der Realität ihrer Privatoffenbarungen bzw. den zur Debatte stehenden Phänomenen absolut überzeugt ohne sie selber –spontan oder wenigstens auf Anfrage- in Frage zu stellen ?

Ja, stellt sie auch auf Anfrage nicht in Frage     Punktwert: 10

Ja, stellt sie auf Anfrage in Frage                      Punktwert:  4

Nein                                                               Punktwert:   0

Diese Frage zielt auf das wichtigste Kriterium ab, das den Wahn definiert: die absolute, unbedingte Gewißheit von der Richtigkeit der Inhalte. Wahn ist wesentlich schwieriger nach seinen Inhalten zu definieren.Die Präsenz eines echten Wahns ist derart eindrucksvoll, daß auch jemand, der diesem Krankheitsbild noch nie begegnet ist, es als solches erkennen kann: wenn also die Antwort fraglich erscheint, ist mit "nein" zu antworten.

 

Item 15

Haben sich die in den vorhergehenden 6 Items erfragten Phänomene nach zu irgendeinem Zeitpunkt erfolgter Behandlung mit einem der im dritten Item genannten Medikamente verringert ?

Ja         Punktwert: 15

Nein     Punktwert:  0

Dies schließt übernatürliche Vorgänge nach denen in der Einleitung genannten Kriterien derart definitiv aus, daß die Punktwerte nicht gänzlich durch "Bonuspunkte" kompensierbar sind.Es wird nur nach der Besserung der in den letzten 6 Items erfragten Phänomene gefragt und nicht nach der Besserung aller von der Person beschriebenen Phänomene, da die in Item 3 genannten Medikamente als Nebenwirkung u.a.  Müdigkeit und Sedierung haben und so auch bei echten Privatoffenbarungen, die irrtümlich behandelt wurden, eine Verringerung vorgetäuscht werden kann.

 

Bonusitems:

Das Ergebnis dieses Fragebogens kann fehlerhaft sein, da es sich einerseits  auf das Urteil meist atheistischer Ärzte stützt bzw. auf die Fähigkeit des beurteilenden Seelsorgers, die richtigen Fragen richtig zu stellen. Um die daraus resultierende Unsicherheit zu korrigieren, werden hier "Bonuspunkte" eingeführt, die sicherstellen sollen, daß echte Visionäre nicht fälschlich als psychisch krank beurteilt werden. Die nachfolgenden Items fragen Phänomene ab, die bei einer psychischen Erkrankung nicht vorhanden sind.Ziel dieses Fragebogens ist es, katholische Pastoraltheologie zu betreiben und nicht schlechte Psychiatrie. Die folgenden Fragen werden nahzu immer mit "nein" zu beantworten sein und es wird nicht behauptet, echte Privatoffenbarungen gingen regelhaft mit Charismen einher.

 

Item 16

Zeichnet sich die Person nach Urteil sie seit mehreren Jahren und sehr gut kennender, selber gutkatholischer Personen (Priester, Gemeindeverantwortungsträger) durch außerordentliche theologische und moralische Tugenden aus ? "Ich habe nie jemandem getroffen, der so christlich dachte und handelte ?", ohne einen ironischen Unterton, ausgesprochen in echter Wertschätzung.

Ja                 Punktwert:  -3

Teilweise      Punktwert:  -1

Nein             Punktwert:  0

Es muß die Person betrachtet werden, nicht ein Fragebogen. Psychische Erkrankung ist, allgemein gesprochen, eine Störung der Funktion des Gehirns vergleichbar einer gestörten "Software" eines Computers mit dem Resultat Fehlfunktionen, von denen einige in den obigen Items aufgeführt. Zu positiven Höchstleistungen, die die Mitwirkung eines gesunden Gehirnes verlangen, sind psychisch Kranke ab einem bestimmten Schweregrad ihrer Erkrankung nicht mehr in der Lage. Wenn die Person es dennoch ist, so sind wahrscheinlich die obigen Items fehlerhaft angewendet, z.B. ungenaue Befragung oder irrtümliche Behandlung/ Krankenhauseinweisung.

 

Item 17

Berichten glaubwürdige Zeugen (Priester, Gemeindeverantwortungsträger) Charismen der Person ?

Ja, betreffend die Verletzung physikalischer Gesetzmäßigkeiten18.                  Punktwert:  -8

Ja, betreffend die Verletzung biologisch-medizinischer Gesetzmäßigkeiten19.  Punktwert: -6

Ja, betreffend andere Phänomene20.                                                              Punktwert: -4

Nein                                                                                                               Punktwert:  0

(Bei mehreren Charismen ist der betragsmäßig höchste Punktwert zu verwenden).

Charismen  beweisen das Vorliegen eines übernatürlichen Vorganges. Es werden verschiedene Punkwerte vergeben, da die konkrete Ermittlung, ob ein Charisma vorliegt, bei den unterschiedlichen "Klassen" möglicher Wunder unterschiedlich sicher ist. Eindeutig Naturgesetze verletzende Phänomene sind etwa Elevationen, Bilokationen. Nahrungslosigkeit gilt als Verletzung biologisch-medizinischer Gesetzmäßigkeiten.
Eine Wunderheilung gibt nur dann 6 "Bonuspunkte"= Negativpunkte, wenn sie eindeutig auf natürliche Weise nicht erklärbar ist, d.h. es sich um ein organisches Leiden mit ausgeprägten anatomisch nachweisbaren pathologischen Veränderungen handelte. Rein funktionelle Leiden können zwar auch durch unmittelbares Eingreifen der Übernatur geheilt werden, geben aber maximal 4 Bonuspunkte ("andere Phänomene"). 
Diese Unterscheidung ähnelt der Einteilung von Niedermeyer (p. 433f) und Bon21: miracula contra naturam z.B. die Rettung der Jünglinge im Feuerofen (Dan 3, 49f) = Verletzung physikalischer Gesetzmäßigkeiten, miracula supra naturam z.B. die Auferweckung des Lazarus (Joh 11) und miracula praeter naturam z.B. die plötzliche Heilung einer Wunde mit momentaner Narbenbildung.
"Andere Phänomene" beinhaltet auch Heilung funktioneller Störungen.
Die Unterschiedlichkeit der Punktwerte resultiert auschließlich  aus der unterschiedlichen Sicherheit der Feststellung des jeweiligen Phänomens, es wird nicht behauptet, eine prophetische Vorhersage sei weniger "wunderbar" als eine Krankenheilung oder eine Elevation.

 

Ergebnis:

Die in den einzelnen Items erlangten Punktwerte sind algebraisch zu addieren und abhängig vom Gesamtpunktwert kann das Vorliegen einer psychischen Krankheit und der konsekutive Ausschluß eines übernatürlichen Phänomens erfolgen:

Gesamtpunktwert 10 oder mehr: mit hinreichender Sicherheit Ausschluß möglich und daher ist das Phänomen nicht zum öffentlichen Gebrauch in der Gemeinde zuzulassen.
Gesamtpunktwert 5 bis 9: Ausschluß erscheint wahrscheinlich und daher sollte das Phänomen nicht zum öffentlichen Gebrauch in der Gemeinde zugelassen werden.
Gesamtpunktwert unter 5: ein Auschluß ist nicht möglich.

In Abhängigkeit von seiner sonstigen Arbeitsbelastung kann der Seelsorger bei einem Punktwert zwischen 5 und 9 vom Nicht-Vorliegen eines übernatürlichen Phänomens ausgehen bzw. –bei entsprechenden Ressourcen- eine zeitaufwendige auch theologische Kriterien einschließende Einzelfallprüfung unternehmen.

 

 

Exemplarische Verwendung des AUPEUP- Fragebogens an psychiatrischen Patienten

 

Nachfolgend soll exemplarisch der AUPEUP-Fragebogen auf alle 5 im Beobachtungszeitraum von einem Jahr (Mai 2003 bis April 2004) im Krankenhaus, an dem Autor arbeitete, konsekutiv ihm zur Kenntniss gekommenen Patienten mit einer "mystischen" Symptomatik angewendet werden. (Bei allen ist also nach Item 2 ein Punktwert von 8 zu zählen, im folgenden und in der Auswertung nicht eigens gewertet)22:

Monsieur P, * 1982, aufgenommen am 20. 9. 2002, Entlassung Juli 2003.
Tabak- und Alkoholmißbrauch, IQ 84, berentet als psychisch Kranker (Item 1: 10 Punkte). Seit 2002 erneut schwere psychotische Symptome mit ständigem Wahnerleben im Rahmen einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie. Er hat optische Halluzinationen z.B. gibt an Personen zu sehen, die ihn mit Spritzen bedrohen. Medikation Tercian, Risperdal (Item 3: >15 Punkte), Zoloft und Valium in wechselnder Dosierung.
Er ist unfähig alleine zu leben, eine Ergotherapie wurde nach mehreren Monate abgebrochen, da der Patient verspätet zur Therapie erschien, an Konzentrationsstörungen litt, unsorgfältig und unaufmerksam arbeitete, die Reihenfolge der Arbeitsschritte nicht einhielt, z.B. nicht die Trocknung einer Frabe abwartete, ehe er die nächste auftrug (Item 4: 8 Punkte; Item 5: 10 Punkte; Item 6: Punkte). Er hat Stimmungsschwankungen, droht gelegentlich Gewalt an.
Am 31. 5. 2003 nahm er an der Hochzeit seines Bruders teil. Am 1.6. 2003 (Sonntag), nachdem er ferngesehen hatte, sah er die Hl. Jungfrau erscheinen. Jacques Chirac sei aus der Hl. Jungfrau hervorgekommen, er habe eine Wasserpistole gehabt. Sie bat Jacques Chirac, ihm (Monsieur Pr.) eine Botschaft zu überbringen: "Du bist nicht auferstanden, Du bist nicht in einer Sekte" (Item 9: 10 Punkte; Item 15: 15 Punkte).
Da keine Charismen bestehen, ergibt sich der Gesamtpunktwert auf >64 Punkte.

Monsieur B * 1953, lebt alleine unter Vormundschaft, hat 2 Kinder im Alter von 23 und 25 Jahren und ist berentet (Item 1: 10 Punkte). Aufgenommen am 29. 4. 2003 per Zwangseinweisung (Item 2: 10 Punkte) wegen Verhaltensauffälligkeiten mit massiver Gewalt gegen Gegenstände in seiner Wohnung nach Anruf der Nachbarn unter Einschreiten der Polizei. Einweisungsdiagnose "akute wahnhafte Episode". Verweigert körperliche Untersuchung in der Aufnahmesituation.
Seit 1994 dem Spital bekannt, zahlreiche Krankenhausaufenthalte. Medikation Ciatyl-Z Depotinjektion alle 4 Wochen, im Spital umgestellt auf Risperdal per os (Item 3: >15 Punkte), zusätzlich Benzodiazepine.
Auf Station ist er in der ersten Zeit sehr schweigsam, Gespräch unmöglich mit ihm, beginnt dann den Krankenschwestern "Anträge" zu machen (Item 4: 8 Punkte). Fühlt sich verfolgt, gibt an, eine Mission zu haben, fühlt sich besonders von der Hl. Jungfrau beschützt. Gibt an, angenehme Stimmen zu hören, spricht mit nicht vorhandener dritten Person.
Im weiteren Verlauf bedroht er gelegentlich Patienten und Personal, hält sich zugleich für den Sohn Gottes und den Heiligen Geist, fühlt sich beeinflußt (Item 10: 10 Punkte). Wird bei Frustrationen rasch aggressiv, auch physische Gewalt. Am 8. 5. erstmalig von Station entwichen, kommt alleine zurück. Hält sich später für Hitler, der begnadigt worden sei und unter falschem Namen lebe (Item 9: 10 Punkte).
Da keine Charismen bestehen, ergibt sich der Gesamtpunktwert auf >61 Punkte.

Madame F * 1923, aufgenommen per Zwangseinweisung (Item 2: 10 Punkte) am 17. 12. 2003 wegen Verhaltensauffälligkeiten, Weglaufen aus dem Altenheim. Herkunft französisches Überseeterritorium, Muttersprache Eingeborenensprache, beherrscht Französisch gut.
Vorerkrankungen Depression sowie derzeit Altersdemenz (Item 4: 8 Punkte). Unbehandelter Bluthochdruck, da sie sich kategorisch weigert, irgendein Medikament einzunehmen. Räumlich und zeitlich desorientiert (kennt weder den Wochentag noch den Namen der Stadt, in der sie sich befindet), Denken verwirrt und unlogisch. Fühlt sich krank, aber will nicht auf Station verbleiben. (Item 1:10 Punkte; Item 5: 10 Punkte; Item 6: 10 Punkte).
Sie betet stundenlang Rosenkranz, gibt an, Gott in "Blitzen" gesehen zu haben, diese von Gott selber gesandten "Blitze" ließen sie auch Jesus und Maria sehen, Jesus sei manchmal wütend.
Da keine Charismen bestehen, ergibt sich der Gesamtpunktwert auf 48 Punkte.

Madame C * 1945 lebt mit Ehemann und Sohn (Item 1 nicht wertbar), eine schwangere Tochter lebt mit ihrem Freund. Zwangseinweisung am 8. 4. 2004 wegen einer manischen Episode (Item 2: 10 Punkte). Letzte Krankenhausentlassung am 23. 3. 2004, Aufnahme aus selbem Grund. Übergewichtige Diabetikerin.
Bei Aufnahme und in der folgenden Woche gibt Madame Co. an, Christus halte sich im Nachbarraum (Zimmertoilette) auf, sie sähe ihn, sie sei stärker als er, sie könne ihre andere behinderte Tochter und die ganze Welt heilen (Item 9: 10 Punke). Trägt Kreuz von 3cm Länge sichtbar auf dem Pullover. Kann sich alleine waschen und kleiden, ißt alleine.
Rededrang, Überaktivität, geht in Station und Garten ruhelos umher, findet nachts keinen Schlaf. Nachts manchmal desorientiert (findet ihr Zimmer nicht) (Item 4: 8 Punkte).
Medikation Téralithe, Levothyrox, Rivotril, Noctran, Zyprexa (Item 3: >15 Punkte), Amarel, Transipeg.
Da keine Charismen bestehen, ergibt sich der Gesamtpunktwert auf >43 Punkte.

Monsieur G * 1977, früherer Obdachloser, lebt seit 1 ½ Jahren im Konkubinat (Item 4: 8 Punkte), keine Kinder, arbeitslos (Item 1: 10 Punkte).
Aufgenommen am 13. 4. 2004 nach Selbstmordversuch, vorheriger Krankenhausaufenthalt vom 23. 3. bis 5. 4. 2004 unter der Diagnose einer paranoid- halluzinatorischen Schizophrenie. Starker Raucher. Aktuelle Medikation Tercian, Zyprexa (Item 3: >15 Punkte), Deroxat.
Gibt an, mit den Heiligen zu sprechen, insbesondere mit 2 Heiligen: mit Gott und dem Teufel. Wollte sich umbringen weil niemand ihm glaubte. Lokalisiert die Heiligen in der Toilette, die ans Krankenzimmer angrenzt.
Da keine Charismen bestehen, ergibt sich der Gesamtpunktwert auf >33 Punkte.

Zu beachten ist, daß bei den obigen Kasuistiken die "mystischen Phänomene" als solche grundsätzlich nicht in den entsprechenden Items (z. B. Item 9) gewertet wurden, sondern nur andere zugleich aufgetretene Symptome.
Die geschilderten 5 Kasuistiken sind schwere Krankheitsbilder, bei denen das Vorliegen einer psychischen Krankheit leicht zu erkennen ist, zumal der Priester immer auch Inhalt und Träger der behaupteten Phänomene beurteilen wird, die in allen diesen 5 Fällen offenbar nicht vom Gott Jesu Christi stammen können.
In der gemeindlichen Realität werden die Krankheitsbilder meist leichter und diskreter sein – genaue Erfragung der einzelnen Kriterien des AUPEUP-Fragebogens wird aber im allgemeinen einen Punktwert von 10 ergeben, der eine Erkrankung annehmen und so ein übernatürliches Phänomen ausschließen läßt.

 

 

Exemplarische Verwendung des AUPEUP- Fragebogens an echten Begnadeten

 

Die meisten echten Marienerscheinungen (Lourdes, La Salette, Pontmain, Fatima, Heede u.a.) der Neuzeit wurden Kindern gewährt, für die der AUPEUP-Fragebogen nicht konzipiert ist.
Eine der wenigen Erwachsenen, die gewürdigt wurde, die Hl. Jungfrau von Angesicht zu sehen, war die Hl. Catherina Zoé Labouré. Auch wenn zur Zeit diese Erscheinung in der "rue du Bac" in Deutschland wenig bekannt ist23, bietet es sich an, den AUPEUP- Fragebogen exemplarisch für Catherine Z. Labouré während der Erscheinungen auszufüllen24.

Item 1: Catherine Z. Labouré lebte vor ihrem Ordenseintritt von eigener Berufstätigkeit als Köchin und Kellnerin in dem Pariser Arbeiterrestaurant ihres Bruders. (Laurentin p.29; Bernet p.61-64) (genauer gesagt: sie führte das Restaurant ihres Bruders, der ihr außer Kost und Logis keinen Lohn gewährte ... ).

Item 2: Nein.

Item 3: Nein.

Item 4: Ja: Sie war Novizin zur Zeit der Erscheinungen und verblieb Ordensfrau bis zum Tode.

Item 5: Ja: Bereits mit 12 Jahren konnte sie die Haushaltsführung des väterlichen Hofes übernehmen (Laurentin p. 13-19; Bernet p. 30- 37)