Theologisches 15

Wolfgang B. Lindemann, Rezension von

Christian A. Schwarz, Natürliche Gemeindentwicklung in der katholischen Kirche. Vorwort von Paul- Michael Zulehner, D&D Medien – Patris- Verlag 2003, 128. S., ISBN 3-87620-257-4

in: Theologisches, Jahrgang 35,  Nr. 10 (Oktober 2005), p. 672- 678

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Gemeindewachstum – bei Katholiken kaum ein Thema. Was kann eine Gemeinde tun, damit sie quantitativ und qualitatif wächst ? Es gibt in den USA eine große protestantische Gemeindewachstumsbewegung, die allmählich auch über den Ozean gelangt, so in dem vorliegenden Buch, das ursprünglich intendiert „ökumenisch“ (de facto evangelisch) entstanden ist1 und jetzt –nach Auflage in 11 Sprachen- auch in einer „katholisierten“ Version mit einem Vorwort des Wiener Theologen Paul- Michael Zulehner vorliegt.

Sein Autor Schwarz will zeigen, wie eine Gemeinde angeleitet werden kann, mehr dem Evangelium zu entsprechen und mehr Gläubige zu haben. Eigentlich genau, was wir heute brauchen, nimmt doch seit dem Konzil die Zahl der praktizierenden Katholiken rasant ab, werden immer mehr Pfarreien in Pfarrverbände aufgelöst.

Woher hat Schwarz Anworten auf eine Lage, die auch in protestantischen Landeskirchen nicht besser ist ?!?

Aus Beobachtung und Analyse sehr vieler Gemeinden: stagnierender, schrumpfender und ... wachsender. Das gibt es auch heute, in bibeltreuen amerikanischen Denominationen, hierzulande in Freikirchen (die meist weder von der Öffentlichkeit noch der „offiziellen“ katholischen Ökumene wahrgenommenen werden).

Schwarz ist Schüler eines der führenden Köpfe der US- Gemeindewachstumsbewegung : C. Peter Wagner, Professor für Church Growth am Fuller Theological Seminary2 in Pasadena/ Californien und hat selber als Gründungsdirektor des „Institutes für Natürliche Gemeindeentwicklung“ 3 (ING) in den Jahren 1994- 1996 an 1000 Gemeinden eine wissenschaftliche Studie zu Art und Umfang ihres Gemeindelebens durchgeführt.

1000 Gemeinden aller Konfessionen in 32 Ländern nahmen teil: ein standardisierter Fragebogen wurde in 18 Sprachversionen von jeweils 30 Gemeindemitgliedern ausgefüllt und 4.2 Millionen Antworten computerunterstützt statistisch ausgewertet.

Bis 2003 wurden weitere 24 000 Gemeinden mit derselben Methodik untersucht. Das vorliegende Buch präsentiert die aufbereiteten und im biblischen Kontext theologisch interpretierten Ergebnisse.

Schwarz individualisiert 8 „Faktoren“, in denen sich wachsende von schrumpfenden Gemeinden unterscheiden.

Der wohl wichtigste ist „ganzheitliche Kleingruppen“: Die Aufteilung der Gesamtgemeinde in Kleingruppen, in denen neben Gebet und Lobpreis auch Ausbildung und, sehr wichtig, gegenseitiger Beistand geschehen, ist bei wachsenden Gemeinden deutlich häufiger als bei schrumpfenden. Relevant für das Gemeindewachstum ist, daß Kleingruppenwachstum und, gegebenenfalls, -teilung ausdrücklich gefördert wird4.

Von der Relevanz von „gabenorientierte Mitarbeiterschaft“ haben wohl die meisten Katholiken noch nie gehört, und doch ist dies der wohl wichtigste Faktor für die individuelle Lebenszufriedenheit der Christen und in der bibeltreuen evangelischen Pastoraltheologie längst ein zentrales Konzept. Schwarz5 versteht darunter, daß gemeindliche Aufgaben bevorzugt von den Gemeindegliedern übernommen werden, die dafür auch begabt sind. Und daß ein Aufgabenfeld lieber brachliegen gelassen wird, als es einem dafür nicht begabten Christen anzuvertrauen, da dies sowohl für ihn eine schwere Last als auch für die Erledigung der Aufgabe und die Anziehungskraft der Gemeinde langfristig schädlich wäre: So sollte eine Pfarrsekretärin begabt für Organisation sein, während Mitglieder des Krankenbesuchteams eine „Ader“ für den Umgang mit Leidenden brauchen und die jeweiligen „Wirte“ der Hauskreise sollten begabte Gastgeber sein (diese - insgesamt etwa 25- geistliche Begabungen werden in den 4 biblischen „Gabenlisten“ Röm 12, 1 Kor 12, Eph 4, 1 Petr 4 ausdrücklich genannt). Mehr

Weniger überraschen sollte es, daß in wachsenden Gemeinden „leidenschaftliche Spiritualität“ deutlich stärker ausgeprägt ist. Schwarz merkt kritisch an, daß die Sekten wohl aus demselben Grund anziehen: ihre Mitglieder sind begeistert ... Eher überrascht, daß zwar ein „inspirierender Gottesdienst“ häufiger in wachsenden als schrumpfenden Gemeinden zu finden ist, aber es für das Gemeindewachstum gleichgültig ist, ob sich dieser in Sprache, Ablauf und Zeiten mehr an Nichtchristen oder mehr an Gläubige richtet. Auch ist die Form des Gottesdienstes (traditionell, modern, charismatisch) per se nicht mit Gemeindewachstum oder –schrumpfen gekoppelt: es gibt wachsende Gemeinden mit traditionelleren oder säkulareren Gottesdienstformen. (Schwarz zieht die Schlußfolgerung nicht, ab es folgt natürlich, daß erstes Kriterium für Gottesdienst und Spiritualität –ein schreckliches Wort- sind, ob sie der katholischen Lehre entsprechen, und nicht, ob sie den Leuten gefallen).

Zweckmäßige Strukturen“ sind ein weiterer Faktor, wobei diese natürlich nicht leicht zu definieren sind. Schwarz meint, daß gemeindliche Strukturen dem Aufbau und Wachstum der Gemeinde dienen sollen, was z.B. entmündigende Leitungstrukturen, unangemessene Veranstaltungszeiten oder demotivierende Finanzkonzepte nicht tun. Wachsende Gemeinden haben häufiger Verantwortliche für die einzelnen Arbeitsbereiche. In der Originalausgabe ist ein schönes Beispiel für ein motivierendes Finanzkonzept: für die Hauskreisarbeit soll ein neuer hauptamtlicher Mitarbeiter eingestellt werden. Sein Gehalt wird nur zu 20% (statt zu 100%) aus dem Gemeindehaushalt aufgebracht, der Rest muß durch Spenden von den Hauskreismitgliedern, die von seiner Arbeit profitieren, hereinkommen (p. 115 ev.) Das Beispiel in der katholisierten Ausgabe zeigt, wie dysfunktionell die durchschnittliche katholische Gemeinde doch ist: um die Leser nicht zu überfordern, die sich wohl unter Hauskreisarbeit –ganzheitliche Kleingruppen sind einer DER Schlüssel zum Gemeindewachstum, s.o.- überhaupt nichts vorstellen können, ist stattdessen Beispiel der Ausbau des Jugendraumes, der primär von den Nutzern finanziert werden soll (p. 115).

Wenn eine Gemeinde wachsen will, sollte sie Evangelisierung betreiben. Diese Binsenweisheit (die aber trotzdem selbst in traditionell- katholischen Gemeinden meistens nicht beachtet wird – welche betreibt schon gezielt Mission ?) wird von Schwarz wesentlich vertiefter beschrieben: Erfolg bringt „bedürfnisorientierte Evangelisation“, d.h. Evangelisation, die an den Bedürfnissen der Nichtchristen anknüpft6. Beispiele bedürfnisorientierter Mission sind ein von der Gemeinde für alle Welt eingerichteter Kochkurs, eine Jugendsportgruppe oder ein Seniorenbesuchsdienst, die vordergründig säkular ablaufen, aber gelegentlich missionarische Elemente enthalten7. Vor allem aber: es sind nicht alle Christen Evangelisten ! Zwar ist jeder zum christlichen Zeugnis aufgerufen, aber nur etwa 10% aller Christen sind wirklich begabt für Evangelisation. Die letzteren sollten ausdrücklich in die Evangelisation ihrer Gemeinde eingebunden werden ... die ersteren 90% dagegen ausdrücklich nicht, sondern ihre Aufgabe in einem anderen Arbeitsbereich finden.

Evangelisierung richtet sich an Menschen, und ohne Worte kann das Evangelium oft besser gepredigt werden – das ist nicht neu. Schwarz identifiert den Faktor „liebevolle Beziehungen“: in wachsenden Gemeinden sind die Beziehungen zwischen Gemeindemitgliedern besser, evaluiert wurde etwa, wie oft sie sich untereinander einladen, wie großzügig mit Komplimenten umgegangen oder wieviel in der Gemeinde gelacht wird.

Wer sich mit Menschen befaßt, weiß wie unermeßlich schwierig es ist, Verhaltensweisen oder gar Einstellungen zu verändern – ob es nun in der Psychotherapie ist, in der Gesundheitserziehung oder, für weniger edle Zwecke, im Marketing. Zwar ist Evangelisierung grundsätzlich kein Menschenwerk, sondern nur Mitwirken mit dem Heiligen Geist. Aber erstens sind besondere übernatürliche Gnaden fast definitionsgemäß selten und nicht planbar, und zweitens befaßt sich Pastoraltheologie mit dem „menschlichen“ Anteil der Evangelisierung. Und die folgt eben zunächst den üblichen psychologischen und soziologischen Gesetzmäßigkeiten. Und offenbar geht das auch unter „gutwilligen Christen nicht von selbst: es braucht die „bevollmächtigende Leitung “, das 8. Prinzip: es meint „Leiter wachsender Gemeinden konzentrieren ihre Arbeit darauf, andere Christen zum Dienst zu befähigen. (...) Sie befähigen,unterstützen, motivieren, begleiten die einzelnen, damit sie zu dem werden, was Gott mit ihnen vorhat“ (p. 22 ev).

Schwarz findet, daß eine Gemeinde um so wahrscheinlicher wachsen wird, je besser ihre „Werte“ in allen 8 Faktoren sind, und sofern keiner der 8 Faktoren gänzlich „unterbelichtet“ ist. Und wenn sie in allen 8 Faktoren einen bestimmten, überdurchschnittlich hohen „Schwellenwert“ überschreitet, wird sie mit Sicherheit wachsen.

„Die eigentliche Pointe dieser Untersuchung ist, daß es nicht ein einzelner Faktor ist, der zum Wachstum einer Gemeinde führt, sondern das Zusammenspiel aller acht Elemente. Keine Gemeinde, die qualitatives und quantitatives Wachsdum erleben möchte, darf auch nur auf eines dieser Elemente verzichten. Es ist einfach nicht wahr, wenn uns manche engagierten Christen z.B. sagen: „Allein durch Gebet können wir etwas zur Gemeineentwicklung beitragen.“ Diese Christen setzen einen Teilaspekt des Qualitätsmerkmals „Leidenschaftliche Spiritualität“ absolut und spielen diesen gegen andere Elemente aus. Wenn eine solche Auffassung richtig wäre, dann hieße es doch: Auch ohne Liebe, auch ohne den Einsatz von Gaben, auch ohne Evangelisierung etc. ist Gemeindentwicklung möglich. Eine solche Anschauung ist nicht nur empirisch völlig unhaltbar, sondern auch biblisch gesehen geradezu als „Irrlehre“ einzustufen. Viel Gebet, aber keine Liebe, keine Gaben, keine Evangelisierung ? Was sollte das für ein merkwürdiges Gebilde sein ? (...) Weder die Kleingruppenarbeit noch der Gottesdienst noch die Leitung noch die Strukturen noch irgendein anderes Element ist „der“ Schlüssel zum Gemeindewachstum. „Der“ Schlüssel liegt erwiesenermaßen im harmonischen Zusammenspiel aller acht Elemente.“ (p. 38)

Daß das nicht einfach zu erreichen ist, weiß Schwarz sehr wohl (p. 41), auch wenn er an anderer Stelle (p. 126f) das genaue Gegenteil suggeriert. Aber : „Wir gehen nicht von der Frage aus: Wie kriegen wir mehr Menschen in den Gottesdienst ? Wir fragen vielmehr: Wie können wir in jedem der acht genannten Qualitätsbereiche Wachstum erfahren ?“ (p. 43).

Schwarz ist „Praktiker“, Pastoraltheologe ... daher liefert er gleich 10 Aktionsschritte, zur Umsetzung in die gemeindliche Praxis.

Bezeichnenderweise beginnt er mit der Stärkung der geistlichen Motivation – nebenbei bemerkt kann man sich auch dies von säkularen Trainingsprogrammen z.B. in der Verkäuferschulung abschauen.

Anschließend soll die Gemeindeleitung die ein oder zwei der genannten Faktoren identifizieren, die am schwächsten entwickelt sind. Das ING bietet die Erhebung eines Gemeindeprofils an: 30 Gemeindemitglieder füllen einen standardisierten Fragebogen aus, dies wird anschließend computerunterstützt in Relation zu den bisher 25 000 anderen Gemeinden gesetzt und die Minimumfaktoren recht sicher identifiziert.

Dann gilt es, diese zu verändern ... auch dafür hält das ING Materialien vor; natürlich kann der Gemeindeleiter auch mit eigener Phantasie tätig werden. Wichtig ist, daß möglichst die „Stärken“ der Gemeinde verwendet werden, um die „Schwächen“ zu beheben, z.B. kann über eine funktionierende thematische Hauskreisarbeit der Anteil der 10% evangelistisch begabten Gemeindemitglieder herausgefunden und in einen entsprechenden neuen Dienst integriert werden.

Wenn die Veränderung hinreichend scheint –was eine Qualitätskontrolle voraussetzt- wendet man sich dem nächsten Minimumfaktor zu.

Für Gemeindewachstum genügt also beileibe nicht ein Vortrag oder ein Seminarwochenende. Aber das ist in der Wirtschaft oder dem Mannschaftssport analog genauso, wir sollten nicht erwarten, daß Gott uns Christen die Arbeit abnimmt, besteht doch gerade unsere Würde darin, daß wir mit Seinem Werk mitarbeiten dürfen. Jesus selber bildete die ersten Jünger aus; einer von diesen, Barnabas, wurde zum Mentor für Paulus (Apg 9, 27; Apg 11;25f) , welcher später Timotheus (Apg 16,1- 3) und Titus (2 Kor 8,23) trainierte ...

Schwarz findet eine sehr gute theoretisch- theologische Begründung für das « Natürliche Gemeindewachstum » in den zahllosen Gleichnissen Jesu und der Apostel aus der Landwirtschaft (p. 8f):

Der Evangelist ist wie der Bauer, der sät, bewässert, Unkraut fernhält – ohne diese Tätigkeit gäbe es nur das als Ernte, was zufällig vom letzten Jahr noch oder vom Wind verweht wächst. So hierzulande: kaum eine katholische Gemeinde betreibt gezielt Mission, und daher finden nur sehr wenige Menschen zum Glauben. Aber: Paulus schreibt „ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber gab Wachstum“ ( 1Kor 3, 6). Keiner sollte sich evangelistische Erfolge selber zuschreiben, wie der Bauer das Wachstum der Pflanzen nicht selber macht.

Viele andere « nebenbei » präsentierte Erkenntnisse sind für sich schon von unschätzbarem Wert : So sind kleine Gemeinden (weniger als 200 Seelen) nachweislich mehr als zehnmal effizienter in der Neuevangelisierung als große (mehr als 1000 Seelen). Diese Rezension gibt in jedem Fall nur einen Teil des Inhaltes wieder – wer das Originalbuch liest, wird viele weitere wichtigste Einsichten erhalten.

Es kann nicht deutlich genug gesagt werden, daß allen Aussagen von Schwarz ein großer, wahrscheinlich weltweit einzigartiger empirischer Datenbestand zugrundelegt ... und damit weit darüber hinausgeht, wie beispielsweise in traditionell- katholischen Gemeinschaften Pastoraltheologie betrieben wird: Ein älterer Priester lehrt Fundamentaltheologie und  berichtet „nebenbei“ in einer Semesterwochenstunde seine seelsorgerlichen Erfahrungen, gestützt auf ein vorkonziliares Pastorallehrbuch wie Pruner Pastoraltheologie8, das entweder Inhalte lehrt, die in Kirchenrecht oder Liturgik gehören (Ehehindernisse, Gottesdienstorganisation) oder ebensolche individuellen Erfahrungen des Autors bringt ... und um die geringe Frucht so betriebener Pastoral weiß9: „Der seelsorgerlichen Arbeit ist es eigen, daß sie über die Enderfolge in Ungewißheit bleibt und darum leicht unter dem Eindruck der Unfruchtbarkeit leidet, so daß manchmal sich Mutlosigkeit einstellen möchte. (...) Seelsorgsarbeit ist eben Zukunftsarbeit gleich der Erziehung, und wie der Seelsorger aufbaut auf dem Grunde, den andere gelegt haben, so muß er zufrieden sein, wenn er nach bestem Können ut sapiens architecta das Fundament für die weitere Arbeit seiner Nachfolger legt“. Man mag sich seit den Zeiten Pruners –vor fast 100 Jahren- damit trösten, die nächste Generation sähe die Früchte unserer Mühe, wie man analog argumentiert, die wahre Größe des Konzils sei noch gar nicht erfaßbar und der neue Kairos der Kirchengeschichte käme erst noch mit seinem neuen Pfingsten. Die reale Welt sieht anders aus - Ideologie bleibt auch dann Ideologie, wenn sie sich einer christlichen Terminologie bedient.

Schwarz dagegen zeigt empirisch abgesicherte Wege auf, dieses „nach bestem Können“ besser zu machen.

Erfahrung des Priesters als alleinige Quelle für eine erfolgversprechende Pastoraltheologie ist schlicht zu störanfällig. Das ist auch in anderen Fachgebieten so; in der Medizin wurden oft Behandlungsverfahren, die Sinn zu machen schienen und allgemein etabliert waren, umgestoßen: in 1980er Jahren entdeckte man, daß Magengeschwüre nicht nur „psychisch“, sondern Infektionskrankheit sind (Helicobacter pylori) – und derzeit erkennt man, daß Nahrungsstop und Magensonde bei der akuten Pankreatitis wenig wichtig sind.

Diese Therapien leuchteten ein, man meinte gute Erfahrung damit zu haben ... waren aber zwar nicht völlig falsch, doch beileibe nicht das Optimum. 

Vor diesem grundsätzlich hochpositivem Befund verblaßt die eigentlich nötige Kritik:

Es geht nicht darum, daß sich heterodoxe Ideen in Text (z.B. ist „katholisch“ mehr als nur „biblisch begründet“) und Vorwort10 finden. Die „Katholisierung“ des Buches ist zwar auf vielen Seiten spürbar, aber oft unvollständig oder verfehlt, wie wenn auf p. 24 das allgemeine Priestertum aller Getauften angeblich durch das Konzil „wiederentdeckt“ wurde, als ob es nicht vorher ein wesentlich aktiveres Laienapostolat gegeben hätte11 als es heute durch Ökumenismus und Allerlösungslehre auch nur theologisch möglich wäre. Die Photos sind dieselben geblieben, oft zum Nachteil – z.B. stärkt man die geistliche Motivation besser durch Ignatianische Exerzitien oder die Verehrung des Altarsakramentes als indem Leute in Freizeitkleidung mit Blick nach unten sich gegenseitig die Hände auflegen. (Einbandbild + p. 107) – aber das übersteigt wohl den Horizont der selber „charismatischen“ Bearbeiter. Auch sind die vorgeschlagenen –an sich guten !- Materialien zur Arbeit an den 8 Faktoren rein evangelisch und enthalten –wie Autor aus eigener Lektüre weiß- in Nebensätzen handfeste theologische Irrtümer.

Fachlich hätte man sich mehr über die statistische Auswertung der Originaldaten gewünscht.

Wahre Hindernisse zur Neuevangelisierung dagegen sind oft sehr elementar: Sätze wie „Jesus ist der einzige Weg zum Himmel“ oder „Nur die katholische Religion ist wahr“ würden bei den meisten „praktizierenden Katholiken“ Widerspruch finden. Und bei zahllosen Priestern, zumindest steht er nicht im Zentrum ihrer Arbeit. Sie haben im Studium gelernt, daß die Bibel nicht wahr und die Moral veraltet ist, daß Christus nicht allmächtig und in den Sakramenten nicht gegenwärtig ist. Bezeichnenderweise ist ein akademisches Theologiestudium des Pastors laut Schwarz (p.23) hoch gekoppelt an das Schrumpfen der Gemeinde. Paulus schreibt im Brief an die Gemeinde in Rom ganz zurecht: “Wie sollen sie nun den anrufen, an den sie nicht glauben ? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben ? Wie sollen sie von Ihm hören, wenn niemand  predigt ?” (Röm 10, 14). Oder wie sollen sie glauben, von dem sie eine falsche und unzureichende Vorstellung bekommen ?

Hier liegt die tieferen Gründe für den Kollaps der katholischen Kirche. Und natürlich in dem Fehlen einer echten Pastoraltheologie, der dieses nicht nur jedem Geistlichen empfohlene Buch den Weg weist.

 

Wolfgang B. Lindemann

Anmerkungen

1 Christian A. Schwarz, Die natürliche Gemeindeentwicklung nach den Prinzipien die Gott selbst in seine Schöpfung gelegt hat, C&P Verlag Emmelsbühl – Oncken Verlag Wuppertal und Kassel 1996, 128. S., ISBN 3-928093-48-7. Oft ist sie klarer als die hier rezensierte „katholisierte“ Ausgabe; sie wird mit „p. X ev“ zitiert

1 Das gibt es ! www.fuller.edu . Es mutet diese bibeltreue protestantische Lehranstalt wie eine andere Welt an, so verpflichten sich die Studenten schriftlich, keine intimen Beziehungen außerhalb der Ehe zu haben.

3 www.nge-deutschland.de   und www.cundp.de

4  Obwohl man katholische Gemeinden mit Hauskreisarbeit mit der Lupe suchen kann, praktizieren doch so unterschiedliche überpfarrliche geistliche Gemeinschaften wie Emmanuel oder, in geringerem Maße, das Opus Dei und manche Säkularinstitute genau dies. 

5 er steht dem Charismatismus nahe und hat eine entsprechene Terminologie; man spricht besser von geistlicher Begabung, was nicht à priori übernatürliches impliziert, sondern auch natürliche Begabungen meinen kann z.B. Führungseigenschaften, die nur eben im Heiligen Geist verwendet werden.

6 dieses zentrale Konzept wird im Buch selber nicht ausdrücklich erläutert. Näheres z.B. Christian A. Schwarz „Grundkurs Evangelisation. Leise werben für die Gute Nachricht“. C&P- Verlag Emmelsbüll oder unter www.wolfganglindemann.net/html/gabentest.html  

7 Das Opus Dei arbeitet nach diesem Prinzip, typischerweise richtet es Ausbildungsstätten ein wie Landwirtschafts- Hauswirtschafts- oder Berufsschulen, an denen „nebenbei“ Evangelisation geschieht.

8 Lehrbuch der Pastoraltheologie, Erster Band: Das Priesteramt. Gottesdienst und Sakramentenspendung. / Zweiter Band: Das Vorsteheramt. Einzel- und Gemeinschaftsseelsorge.  Von Prälat Dr. Joh. Ev. von Pruner. Dritte Auflage. Völlig neu bearbeitet von Dr. Joseph Seitz Pfarrer in Wachenzell bei Eichstätt. Paderborn Schöningh 1920 (1. Band) und 1922 (2. Band).

9 Pruner Band 1 p. 31

10 z.B. die aberranten – und zum Buchinhalt unpassenden- Ausführungen des nicht für seine Orthodoxie bekannten Zulehner, die traditionellen Formen des innerkirchlichen Umgangs mit Menschen seien Ausdruck eines überholten Autoritätsdenkens, das die Freiheit des Menschen nicht respektiere – so als ob Menschen ein Recht hätten, Gottes Gebote nicht zu befolgen und die katholische Religion nur ein „Angebot“ ist, während in Wirklichkeit wir zwar in dieser Welt eine äußere Freiheit haben, aber unsere eigentliche Freiheit die ist, zwischen zwei Bona zu wählen (bedeutet doch jede Handlung gegen Gottes Willen direkt oder indirekt Leid für andere Menschen) und die Kirche dazu da ist, die Lehre Christi zu tradieren.

11 pars pro toto: die Legio Mariae oder die katholische Aktion

Vor- und Rückseite des rezensierten Buches.

Die vielen Abbildungen im Buch erläutern den Inhalt weiter - darum werden einige von ihnen hier wiedergegeben: Mehr Bilder

Die Idee ist einfach: man schaut sich viele Gemeinden rund um die Welt an - und versucht von ihnen zu lernen: was ist in wachsenden, stagnierenden oder schrumpfenden  Gemeinden jeweils anders ?

Eine der wesentlichen Aufgaben einer “ganzheitlichen Kleingruppe”: der persönliche Austausch und Beistand.

Wenn die Gemeindemitglieder nur innergemeindliche Aufgaben übernehmen, für die sie auch geistlich begabt sind, wird die Gemeinde eher wachsen. Wie kann ein Christ seine geistlichen Begabungen herausfinden ? Lesen Sie hier !

“Liebevolle Beziehungen” drücken sich auch durch Frohsinn aus !

Teil einer “bevollmächtigenden Leitung” ist es, die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gemeinde für ihre Aufgabe zu schulen - z.B. die Sänger der Schola zu ermuntern, an einem Gregorianik- Seminar teilzunehmen.

Vor- und Rückseite einer der vielen fremdsprachigen Übersetzungen !

Vor- und Rückseite der “evangelischen” Originalausgabe

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