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Wolfgang B. Lindemann in Theologisches, Jahrgang 35, Nr. 12, p. 793- 816 Dezember 2005
Dienen die Konzilsdekrete über Ausbildung und Dienst der Priester dem Gemeindewachstum ?
Die Pastoralsynode einer Diözese wie die, die der damalige Bischof Sarto und spätere Papst Pius X. 1888 für sein Bistum Mantua abhalten ließ, muß natürlich nach ihren pastoralen Ergebnissen beurteilt werden. Und ebenso wird normalerweise ein Pastoralkonzil –auch wenn es deren erst eines in der Kirchengeschichte gab- nach seinen pastoralen Früchten beurteilt werden müssen. Nun sind die in zeitlicher Folge auf das II. Vaticanum eingetretenen Zerstörungen derart extrem gravierend1, daß bei Anwendung dieses Kriteriums das Urteil feststünde. Wer das Konzil trotzdem verteidigen will, muß dementsprechend entweder diese Destruktion leugnen. Das ist grundsätzlich möglich, indem man die vorkonziliare Kirche schlechtredet (z.B. den Gläubigen Oberflächlichkeit oder Formalismus unterstellt -ganz im Gegensatz dazu stehen Berichte von Zeitzeugen hier) oder die nachkonziliare schönredet (z.B. die Gläubigen seien heute viel überzeugter als früher oder, konträr dazu, mit unbiblischen Theorien vom „anonymen Christen“ den Massenabfall verharmlost oder gar theologisch mit Relativismus und Allerlösungslehre für irrelevant erklärt).
Oder es bietet sich als weitere theoretische Möglichkeit der „Konzilsrettung“ an, zwar nicht die Destruktion zu leugnen, aber sie nur als vorübergehend zu erklären, als Durchgangsstadium, an dem das oft „mystisch“ überhöhte Konzil (der Kairos göttlicher Offenbarung, der Wendepunkt der Kirchengeschichte, Beginn der dritten kirchengeschichtlichen Epoche, das neue Pfingsten ...) nicht Schuld sei, die wahren Früchte würden wir erst noch sehen, ja könnten wir noch gar nicht erfassen, denn ein Konzil könne erst nach Jahrhunderten beurteilt werden.
Alle 3 Strategien werden angewandt; meistens –trotz ihrer teilweisen Widersprüchlichkeit- in Kombination, sowohl von eloquenten professionellen Theologen wie von hohen und höchsten kirchlichen Leitern.
Dieser Artikel soll dagegen die Konzilsdekrete selber untersuchen: können sie aus pastoraltheologischer Sicht für die nachkonziliare Entwicklung (mit-)verantwortlich gemacht werden ? Fördern oder hemmen sie das Gemeindewachstum ?
Es wird also im Folgenden nicht untersucht, ob die Konzilsdokumente zweideutig sind oder nicht, ob sie teilweise mit der überlieferten Lehre in Widerspruch stehen oder nicht, ob die Konzilsväter von einer kleinen heterodoxen Minderheit manipuliert wurden oder nicht – sondern es wird die Frage behandelt, ob die Konzilsdokumente selber (und nicht ihre Interpretation) aus pastoraltheologischer Sicht dem Gemeindeaufbau und –wachstum dienen. (Wie dagegen in Priesterseminaren nach dem Konzil “aufgeräumt” wurde, haben Zeitzeugen so beschrieben, es deckt sich mit meinen persönlichen Erlebnissen mit einem diözesanen Priestereminar mehr ).
Material und Methoden
Aus Ökonomisierungsgründen wird in dieser Arbeit nicht die ganze Papierflut der Konzilsdokumente analysiert, sondern primär das Dekret über die Ausbildung der Priester (Optatam totius = OT) vom 28. 10. 1965 und das Dekret über Dienst und Leben der Priester (Presbyterorum ordinis = PO) vom 7. 12. 1965, da die Priester als von Christus selber vorgesehene Gemeindeleiter offenbare Schlüsselpersonen für das Gemeindewachstum sind. Herangezogen wird auch das Dekret über die Hirtenaufgaben der Bischöfe in der Kirche (Christus Dominus = CD), besonders Nr. 28- 35 (Diözesanklerus und Ordensleute) sowie einige andere Konzilsaussagen z.B. in der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium = SC, ohne daß bei der Behandlung dieser übrigen Konzilstexte Vollständigkeit angestrebt wurde. Die Konzilstexte wurden im lateinischen Original sowie in der offiziellen deutschen Übersetzung eingesehen2.
In der US-amerikanischen bibeltreuen evangelischen Pastoraltheologie gibt es eine fast unüberschaubare Fülle an Gemeindewachstums-Literatur. Es ist für uns Katholiken bitter, daß in allen diesen oft sehr interessanten Materialien regelmäßig Beispiele erfolgreicher Mission und Gemeindeaufbaus in Lateinamerika wiederkehren, wo die US-amerikanischen bibeltreuen Freikirchen seit dem Konzil ungeheure Erfolge erzielt haben3.
Die Church- growth4 Bewegung entwickelt sich in den USA etwa seit 1970; seitdem sind viele ihrer Bücher und Materialien über den Ozean gelangt; naturgemäß wurden vor allem die bedeutendsten Vertreter mit ihren wichtigsten Werken in die Sprachen der alten Welt übersetzt.
Konkret untersucht diese Arbeit, inwieweit die genannten Konzilsdekrete den Prinzipien entsprechen, die
1. Robert E. Logan in „Mehr als Gemeindewachstum. Prinzipien und Aktionspläne zur Gemeindeentwicklung“ 5 sowie
2. Christian A. Schwarz in „Die natürliche Gemeindeentwicklung“ 6 (kürzlich in Theologisches rezensiert: hier)
als relevant für das Gemeindewachstum empirisch begründet und biblisch abgesichert darlegen.
Es wird auch das Buch von C. Peter Wagner „Die Gaben des Geistes für den Gemeindeaufbau“ 7 herangezogen.
Des weiteren wird in toto auf ein größeres Corpus deutschsprachiger evangelikaler Gemeindeaufbau- Schriften zurückgegriffen, ohne daß diese systematisch mit den untersuchten Konzilsdekreten in Beziehung gesetzt würden. In erster Linie sind dabei die folgenden Produktionen des von Schwarz gegründeten „Institutes für Natürliche Gemeindeentwicklung“ 8 (früher „Ökumenisches Gemeinde-Institut) zu nennen:
Schwarz, Grundkurs Evangelisation. Leise werben für die Gute Nachricht, C & P Verlag 1993, 120pp
Schwarz& Berief- Schwarz, Grundkurs Evangelisation, Leiterhandbuch C& P Verlag 1994, 70pp
Logan& George, Das Geheimnis der Gemeindeleitung. Leiterschaftstraining für Pastoren und ihre wichtigsten Mitarbeiter, C & P- Verlag 21995, 164 pp
Schwarz, Der Liebe- Lern- Prozess. Die Revolution der Herzen, C & P- Verlag 62003, 128 pp.
Schalk, Leichter leben lernen. Die 6 Geheimnisse eines erfolgreichen Lebens nach Gottes Plan, C& P- Verlag 2003, 152 pp
Schwarz, Der Gabentest. So entdecken Sie Ihre Gaben, C & P- Verlag 71994, 160 pp. mehr
Schwarz, Die 3 Farben deiner Gaben. Wie jeder Christ seine geistlichen Gaben entdecken und entfalten kann, C& P- Verlag 2001, 156 pp. mehr
Schwarz& Berief- Schwarz, Das Gruppenleiter- Handbuch zu ‚Die 3 Farben deiner Gaben’, C& P- Verlag 22004, 62 pp.
Schalk, Das Gabenberater- Handbuch zu ‚Die 3 Farben deiner Gaben’, C& P- Verlag 2002, 44 pp.
Schalk& Haley, Das Prozess- Handbuch zu ‚Die 3 Farben deiner Gaben’, C& P- Verlag
Diese Titelliste 9 wird auch wiedergegeben, um einen Eindruck dieser Pastoraltheologie zu geben. Die Autoren hängen miteinander zusammen; Schwarz hat 3 Monate bei Wagner studiert, Logan dessen Erkenntnisse verwendet und zeitweise an der von Wagner mitbegründeten „Faculty of Church Growth“ des Fuller Theological Seminary in Pasadena/ Kalifornien gelehrt sowie ein Büchlein in Schwarz’ C& P- Verlag 10 herausgebracht.
Wagner war erst Pastor und dann Leiter einer Missionsorganisation in Bolivien (unter Katholiken...), Logan sehr erfolgreicher Gemeindeaufbau-Pastor in Kalifornien: er gründete die „Community Baptist Church“, die es in 11 Jahren von Null auf 1200 Gottesdienstbesucher –von denen viele vorher keine Kirche betreten hatten- brachte zuzüglich 6 Tochtergemeinden. Beide gingen dann mit großem Erfolg in die akademische Pastoraltheologie, beide untersuchen systematisch schrumpfende, stagnierende und wachsende Gemeinden und sprechen jedes Jahr auf Fortbildungen zu hunderten Pastoren – Wagner hat sich zum führenden Kopf der US- Gemeindeaufbaubewegung entwickelt, Logan ist die Nummer 2. Schwarz hat keine persönliche Erfahrung als Pastor, geht aber ansonsten genauso vor. Ihre Erkenntnisse stammen aus der Praxis und sind für die Praxis bestimmt – es handelt sich um alles andere als graue Theorie oder Deskription des Status quo in einer säkular- sozialpsychologischen Terminologie, wie oft an offiziös katholischen pastoraltheologischen Lehrstühlen hierzulande.
Eine ihrer Erkenntnisse ist, daß wachsende Gemeinden oft keine „theoretische“ Erklärung für ihr Wachstum haben. Sie haben eine bestimmte Theologie, einen bestimmten „Stil“, die Gemeindeleitung trifft bestimmte Entscheidungen – und sie wachsen. Intuitiv oder zufällig machen ihre Pastoren es richtig – und durch Vergleich mit anderen Gemeinden findet solche Pastoraltheologie heraus, was hier richtig bzw. da falsch gemacht wurde. Die Praxis ist die Großmutter der Theorie, mit dem Zwischenglied Erfahrung. Natürlich haben die Konzilsväter niemals die Erkenntnisse von Wagner, Logan oder Schwarz kennen können - Wagner begann ja erst in den 70er Jahren zu publizieren. Aber wachsende Gemeinden gab es immer schon und es könnte sein, daß die Konzilsväter „intuitiv“ oder aus ihrer pastoralen Erfahrung oder unter dem Einfluß professioneller Theologen- „Periti“ das richtige „getroffen“ haben – oder auch nicht. Eben dies soll untersucht werden: inwieweit solche universell gültigen Gemeindewachstumsprinzipien durch das Konzil erkannt, benannt und für die Pastoral empfohlen wurden.
Ich kenne keine vergleichbare Gemeindeaufbau- Literatur aus katholischer Autorenschaft, deswegen wird hier auf die evangelikalen Autoren zurückgegriffen. Zentrale Frage ist natürlich, inwieweit sich deren Ergebnisse auf die katholische Kirche übertragen lassen. Dazu mehr bei der Detailuntersuchung – aber es sei schon gesagt, daß eine solche Übertragbarkeit in weitem Umfang angenommen werden kann, auf die damit verbundenen theologischen Probleme wird unten kurz eingegangen.
In Frankreich tragen Therapieempfehlungen der zuständigen Institution ANAES 11 stets einen von A (höchster) bis D (niedrigster) reichenden „Gewißheitsgrad“. Analog dazu soll schon hier die „Gewißheit“ der Ergebnisse dieser Arbeit bewertet werden. Vor allem zwei Umstände schränken diese ein: zum einen wird an die katholische Kirche die Meßlatte evangelikaler Pastoraltheologie angelegt. Es gibt zwar viele gute theoretische und empirische Argumente dafür, daß die Ergebnisse evangelikaler Gemeindewachstums-Forschung auch unter Katholiken gültig sind – einige werden unten genannt- aber es ist doch festzuhalten, daß bisher keine Validierung an katholischen Gemeinden vorliegt 12 .
Dies ist eine theoretische Arbeit verfaßt von einem Autor, der niemals eine Gemeinde geleitet hat. Gemeindewachstum ist weniger eine theoretische Wissenschaft als eine Kunst – ausgehend von Basisrichtlinien muß ein Gemeindeleiter täglich dutzende von Entscheidungen treffen und Handlungen ausüben, die alle gemeinsam über längere Zeiträume mit dazubeitragen werden, daß die Gemeinde wächst. Andererseits soll hier aber auch nicht ein einzelner Geistlicher kommentiert oder mit guten Ratschlägen versehen werden, sondern lediglich in einer Grobanalyse die Verwendung von Grundprinzipien des Gemeindewachstum überprüft werden. Auch ein Nichtarzt kann grundsätzlich die Qualität von uns Ärzten beurteilen.
Schließlich wurden nicht alle Konzilsdokumente analysiert, sondern nur die für die Thematik am wichtigsten erscheinenden OT OP und Teile von CD und SC – wenn also nachstehend gelegentlich steht „das Konzil hat ...“ ist dies formal nicht völlig korrekt, selbst wenn die Durchsicht der anderen Dekrete, namentlich über Laienapostolat, Missionstätigkeit und die Kirche in der Welt von heute keine wesentlichen Änderungen erwarten ließen.Anbetracht des, wie sich zeigen wird, insgesamt negativen Urteils ist es aber doch vielleicht gut zu wissen, daß die Ergebnisse dieser Arbeit nur einen Gewißheitsgrad von maximal „B“, vielleicht sogar nur „C“ –um in der „Skala“ der ANAES zu bleiben- beanspruchen können.
Ergebnisse
In diesem Abschnitt werden wichtige Grundgedanken der genannten evangelikalen Pastoraltheologen kurz –zu kurz !- dargestellt und anschließend deren Vorkommen in den untersuchten Konzilsdokumenten überprüft.
Wagner, Logan und Schwarz: Glaube und Leitung
Nach Wagner muß der Pastor einer Gemeinde unbedingt nur zwei geistliche Begabungen haben: „Wenn 25 der in diesem Buch behandelten 27 Gaben für einen erfolgreichen Gemeindeaufbau- Pfarrer nicht wichtig sind, dann müssen die verbleibenden zwei Geistesgaben, die er braucht, von großer Bedeutung sein. Es handelt sich dabei um die Gabe des Glaubens und die Gabe der Leitung. Die Gabe des Glaubens ist eine besondere Fähigkeit, die Gott einigen Gliedern am Leib Christi gibt, die sie befähigt, mit einem außergewöhnlichen Maß an Zuversicht den Willen Gottes für die zukünftige Entwicklung der Arbeit zu erkennen. Christen mit der Gabe des Glaubens sind gewöhnlich mehr an der Zukunft als an der Vergangenheit interessiert. Sie sind zielorientierte Menschen, die nicht vor Schwierigkeiten zurückschrecken, sondern immer das Potential sehen, das in einem Menschen oder einer Sache steckt, wie es in 1 Korinther 13, 2 heißt. Sie können wie Noah auf trockenem Grund eine Arche bauen, und lassen sich weder durch Kritik noch durch Spott von ihrer festen Erwartung abbringen, daß Gott die Flut kommen lassen wird. (...) Alle mir bekannten Pfarrer von großen, wachsenden Gemeinden haben diese Gabe. Manchmal werden sie „Visionäre“ oder „Innovatoren“ genannt. Sie sehen, wo Gott sie hinführen will, auch wenn sie noch keine Ahnung haben, auf welchem Weg sie dorthin gelangen werden“ (Wagner p. 97f).
„Die Gabe des Glaubens läßt den Gemeindeaufbau- Pfarrer wissen, wohin er gehen soll. Die Gabe der Leitung läßt ihn wissen, wie er dorthin gelangt. Die Gabe der Leitung ist eine besondere Fähigkeit, die Gott einigen Gliedern am Leib Christi gibt, die sie befähigt, in Übereinstimmung mit Gottes Absichten für die Zukunft seiner Gemeinde Ziele zu setzen und diese Ziele anderen so zu vermitteln, daß sie freiwillig und in Harmonie zusammenarbeiten, um zur Ehre Gottes diese Ziele zu erreichen. Leiter brauchen Nachfolger. Wenn die Leiterschaft auf einer geistlichen Gabe beruht (im Gegensatz zu mancher gesetzlichen Macht), dann geschieht diese Nachfolge freiwillig. Obwohl umsichtige Leiter ihren Nachfolgern nie zu weit vorausgehen, gehen sie doch immer voran. Echte Leiter manipulieren andere Menschen nicht. Man hat Vertrauen zu ihnen, daß sie wissen, wohin sie gehen werden, und was der nächste Schritt ist. Die meisten Menschen sind auf solche Leiter angewiesen. Die besten Leiter sind solche, die entspannt an eine Sache herangehen. Sie wissen, was getan werden muß, und sie wissen auch, daß sie es nicht selber tun können. So entwickeln sie Begabungen auf dem Gebiet der Delegation. (...) Pfarrer von wachsenden Gemeinden sind eher „Rancher“ als „Hirten“: Auch Rancher achten darauf, daß ihre verschiedenen Herden die Betreuung bekommen, die sie benötigen. Aber sie veranlassen andere, dies zu tun. Sie selbst zeigen oft wenig persönliches Interesse für die Probleme des einzelnen Schafes. Pfarrer, die das Hirtenmodell bevorzugen, werden sich mit kleinen Gemeinden zufriedengeben müssen (...) Auf der anderen Seite haben Gemeinden mit Pfarrern, die dem Rancher- Modell entsprechen, sehr viel mehr Wachstumspotential. Aber Gott liebt beide, Hirten wie Rancher“ (Wagner p. 98f).
„Ein solches System (Delegation von direkter direkter Betreuung der Gemeindeglieder WL) funktioniert hervorragend in der „Gardon Grove Community Church“. Ihr Pfarrer, Robert Schuller, hat, wie die meisten Pfarrer von großen, wachsenden Gemeinden, nicht die Gabe des Hirtendienstes. Wenn er dazu neigen würde, schlaflose Nächte zu verbringen, weil er sich ständig um das persönliche und geistliche Wohlergehen von jedem einzelnen seiner 9000 aktiven Gemeindeglieder sorgen würde, wäre er wahrscheinlich längst in einer Gummizelle gelandet. Er hätte gar nicht mehr die Energie, große Träume zu träumen, wie zum Beispiel vom Neubau einer größeren Kirche oder von neuen Fernsehproduktionen oder vom Aufbau eines professionellen Seelsorgedienstes oder von der Gründung neuer Gemeinden“ (Wagner p. 93).
Bei Logan und Schwarz ziehen sich diese beiden Grundprinzipien –Leiterschaft eines Pastors, der ein Gemeindeaufbau- Ziel, eine Vision vorgibt und verfolgt- durch ihre gesamten Bücher – fast auf jeder Seite faßbar. Schwerpunktmäßig widmet ihnen Schwarz 2 der 5 Buchkapitel, Logan 4 von 10.
Am Anfang des Opus Dei 1928 stand eine solche Vision des Gründers 13 – deren auch „menschlicher Anteil“, zeigt sich schon daran, daß er noch 1930 schrieb „Nie wird es Frauen im Werk geben, nicht einmal im Scherz“ 14 .
Bevor aber untersucht wird, ob diese Prinzipien in OT und PO vorkommen, einige Erläuterungen:
Mit „Glaube“ ist hier nicht die klassische Katechismusdefinition „alles für wahr halten, was die Kirche zu glauben vorlegt“ gemeint – obwohl mit Sicherheit Wagner, Logan und Schwarz eine Formel der Form „alles für wahr halten, was in der Bibel steht“ unterschreiben würden. Diese klassische Definition ist insoweit unglücklich, als sie implizit suggeriert, der katholische Glaube sei ein System abstrakter Lehrsätze ... und mehr nicht. Natürlich läßt sich der Glaube in solchen Lehrsätzen –griechisch Dogmata- ausdrücken, keine Frage. Aber der Glaube als solcher ist doch nicht nur ein theoretisch- intellektuelles Zustimmen, sondern notwendig eine Lebenshaltung oder –einstellung, basierend auf diesen Lehrsätzen. Zum Beispiel mag ein ansonsten nicht- praktizierender älterer Katholik auf Befragen antworten, er glaube, daß Jesus im Altarsakrament gegenwärtig ist – er hat das im vorkonziliaren Katechismusunterricht noch so gelernt und diese Meinung bewahrt. Aber die nächste Frage „machen Sie denn manchmal einen Besuch des Allerheiligsten in einer Kirche“ wird „echten“ von „falschem“ Glauben scheiden: antwortet er „Nein“, so handelt es sich hier offensichtlich zumindest nicht um die „Vollform“ des Glaubens. Die mir persönlich beste Definition von „Glaube“ ist daher die folgende: „Seine ganze Existenz auf Jesus Christus aufbauen, wie Ihn uns die katholische Kirche predigt“. Das beinhaltet das Für-wahr-Halten der Dogmen, aber legt den Akzent dort, wo ihn Wagner et al. auch legen: Im täglichen Leben immer wieder in Übereinstimmung mit Jesu Willen handeln und planen – auch gegen menschliche Evidenz. Für einen Laien ist es nicht trivial, möglichst täglich in der Messe eine Kniebeuge zu machen vor einem anscheinend normalen Stück Brot. Oder keine nichtehelichen Intimbeziehungen zu haben und deshalb sich als sozialer Außenseiter fühlen zu müssen. Das tun wir, weil wir Jesu Wort vertrauen, der uns dies lehrte (Und nicht weil es viele gute menschlich faßbare Gründe dafür gibt). Und analog soll ein Gemeindeaufbau- Pastor Jesus bitten, ihm eine „Vision“, eine „Zielvorstellung“ für die Gemeinde zu geben – und dann unbeirrbar an ihrer Verwirklichung arbeiten.
Weiterhin gebrauchen Wagner, Logan und Schwarz in extenso den Begriff „Geistesgabe“ oder „Gabe“, womit sie das Wort „Charisma“ übersetzen. Ich halte dieses Wort für einen der schwierigsten Termini des Neuen Testamentes – er kann hier nicht hinreichend diskutiert werden. Hier stellt sich nur die Frage: Leitet der Heilige Geist häretische Gemeinden, die Katholiken „abwerben“, indem er deren Leitern „Charismen“ gibt ? Das ist undenkbar – der Heilige Geist ist katholisch, auch wenn man sicher konzedieren kann, daß in Einzelfällen Akatholiken seiner besonderen Hilfe teilhaft werden können; wenn man sich erinnert, daß gerade heute auch die allermeisten Katholiken, Laien aber auch Kleriker, oft- aber nicht immer- schon aus Unwissenheit materielle Häretiker und in jedem Falle Sünder sind, verliert dieses Skandalon auch an Schärfe. Glücklicherweise unterscheiden die evangelikalen Autoren nicht sauber zwischen den „natürlichen“ und „übernatürlichen“ Anteilen der von ihnen beschriebenen „Geistesgaben“. Das ermöglicht es, zur Vereinfachung –und nur dazu- im folgenden anzunehmen, daß es sich nicht um eine übernatürliche, sondern um eine rein natürliche Begabung handelt, die lediglich für das Evangelium eingesetzt wird. Ich tituliere daher hier stets „geistliche Begabung“ wenn „Charisma“ gemeint ist, was übrigens eine „übernatürliche Komponente“ wenigstens nicht ausschließt 15.
Wo OT und PO vom Glauben sprechen (namentlich OT 14 +16), steht entweder die theoretische Theologie im Vordergrund, die Anwendung der Lehre der Kirche auf die Menschheitsprobleme (OT 16) sowie die Rettung, die durch den Glauben erfolgt (PO 4). Priester sollen nach PO 6 den Gläubigen helfen, was Gott von ihnen will – Formulierung und Kontext intendieren wohl mehr die moraltheologische Beratung oder das Finden der persönlichen Lebensberufung.
Einzelne Stellen wie OT 6 lassen dagegen einmal diese „Art“ von Glauben aufblitzen, die Wagner et al meinen: „Gott läßt es ja seiner Kirche nicht an Dienern fehlen, wenn man die Fähigen auswählt ...“: das Gründen der eigenen Existenz auf Jesus Christus gerade in den Entscheidungen des Alltags.
Auch PO 14 verlangt eigentlich dieses Leben mit Jesus Christus: aus den zahllosen möglichen Tätigkeiten sollen die Priester die auswählen, die Jesu Willen entsprechen, dabei geht es nicht um das Meiden der Sünde, sondern um die Wahl zwischen zwei an sich guten Handlungen, von denen aber nur eine ausgeführt werden kann. Kriterium dafür soll die Heilssendung der Kirche sein.
OT, PO und CD 28- 35 unterscheiden nicht zwischen der Leitung versus Seelsorge im eigentlichen Sinne – Priester sollen z.B. nach OT 4 und 19 für beides kompetent sein; damit geraten Pfarrer rasch genau in die „Falle“, die nach Wagner in vielen Fällen weiteres Gemeindewachstum verhindert.
Stellen, in denen ausdrücklich von Entwicklung eines Zieles, einer Vision für eine konkrete Gemeinde die Rede ist, fehlen in OT PO und CD 28-35.
Die Lektüre von OT 19 ist aufschlußreich, welche Tätigkeiten von einem Priester primär erwartet werden: Katechese und Predigt, Sakramentenspendung, leibliche und geistliche Barmherzigkeit sowie Seelenführung, dazu sollen sie nach OT 20 die pädagogischen, psychologischen und soziologischen Hilfsmittel gebrauchen.
Die Entwicklung einer Zielvorstellung für die gesamte ihnen anvertraute Gemeinde fehlt. Gemeinde wird nicht als ein Gesamtorganismus erfaßt, der ungeheure Chancen für koordinierte Arbeit und Synergieeffekte bietet. Nicht das Leiten einer Gruppe, sondern der einzelne Gläubige ist im Blick der Konzilsdokumente. Mehr nicht.
Gemeindewachstums- Prinzipien nach Robert E. Logan  Prof. Dr. Robert E. Logan !
1. Glaube und Gebet, die durch Vision beflügelt sind: „Wir mögen Vision definieren als ‚die Fähigkeit, Dinge zu sehen, die nicht sind’. Zumindest Dinge, die –noch- nicht sind. (...) Wahre Vision entläßt uns eine Zeitlang aus der falschen Realität, die unser Alltagsleben zur Plage macht und ermöglicht uns einen Einblick in die Realität, die, aus Gottes rein realistischer Perspektive, bereits in Erfüllung gegangen ist. (...) Um eine Vision zu bekommen, sind unerläßlich: Gebet, das freisetzt, und Offensein für eine Not oder Gelegenheit. (...) Bete in der Autorität Jesu Christi, daß deine Augen geöffnet werden, um die Realität des Himmels durch die Vision, die Gott dir geben möchte, zu sehen ! (...) Zum Dienst Jesu Christi gehört sein Erbarmen mit den verlorenen Schafen um ihn herum. (Zitat Mt 9, 36f WL). Wie oft reißen wir den letzten Teil dieses Abschnitts aus seinem Zusammenhang und reden lediglich von der Notwendigkeit, für Arbeiter zu beten. Wir müssen für Arbeiter beten, aber es ist doch faszinierend, zu beachten, daß der eigentliche Auslöser für dieses Prinzip das Erbarmen war, das Jesus beim Anblick verlorener Menschen verspürte“ (Logan p.29 –33). „Eine Vision besteht aus zwei voneinander unabhängigen Bestandteilen: Glaube und Ausdauer. Das Alte Testament ist durchzogen von Beispielen, wie jede dieser Komponenten zur Erfüllung der Mission beitragen (z.B. Abraham oder die Eroberung Jericho’s nach 7- tägigem Umziehen der Stadt WL)“ (p. 37).
Nach OT 14 soll das ganze persönliche Leben der Priesterkandidaten auf den Glauben gegründet werden (ohne weitere Präzisierung). „Die Lösung der menschlichen Probleme im Lichte der Offenbarung suchen“ OT 16 meint aufgrund des Kontextes (Beschreibung der theologischen Studien) wohl die Probleme der Menschheit – nicht die des einzelnen Menschen, denen die Lösungen „in angepaßter Weise mitzuteilen“ sind. Niemand kann ohne Glauben gerettet werden (PO 4), man „muß die ewige Wahrheit des Evangeliums auf die konkreten Lebensverhältnisse anwenden“ – insgesamt wird hier aber die allgemeine katechetische Ausbildung intendiert, nicht Glaube im Sinne des genannten Prinzips. Schon eher in PO 6 – die Priester sollen den Gläubigen helfen, zu erkennen, was in den wichtigen und den alltäglichen Ereignissen von der Sache her gefordert ist und was Gott von ihnen will. Die klarste Stelle in OT und PO bezüglich der zentralen Bedeutung von Glaube und Vision ist wohl noch PO 14: Angesichts der vielen Geschäfte und vielfältigen Probleme der Menschen können die Priester von zahlreichen Verpflichtungen überfordert werden, aber die Lebenseinheit bewahren „wenn sie in der Ausübung des Amtes dem Beispiel Christi des Herrn folgen, dessen Speise es war, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hatte, um sein Werk zu vollenden.(...) Um die Einheit ihres Lebens auch konkret wahrzumachen, müssen sich die Priester all ihr Tun und Lassen vor Augen halten und prüfen, was Gottes Wille ist, ob und wieweit es nämlich mit den Richtlinien der Kirche für ihre Heilssendung übereinstimmt.“
Es ist nicht zu übersehen, daß OT und PO hier weit hinter dem zurückbleiben, was Logan vorsieht, sie erkennen damit dieses Prinzip bestenfalls ansatzweise.
2. Effektive pastorale Leiterschaft: „Als Sportsfreund erkenne ich, wie viele Ähnlichkeiten zwischen der Arbeit als Pastor und der als Trainer existieren. So wie der Trainer sein Team zum Sieg hin trainiert, genauso tut es der Pastor, um seine Gemeinde zum Blühen zu bringen“ (Logan p. 51). Nach Logan setzen erfolgreiche Trainer (und Pastoren !) herausfordernde, aber erreichbare Ziele, rekrutieren Athleten für das Team, spornen das Team zur Bestleistung an und kultivieren den Teamgeist. Von den Gemeindegliedern erwartet Gott (z.B. Hebr 13, 17; 1 Thess 5, 12f), daß sie ihren Leitern folgen (oder sich andere suchen) – und daß auch die Leiter sich höheren Leitern unterstellen, Logan denkt an eine Mentor- oder Supervisorbeziehung.
OT 4 wünscht die Ausbildung der Priester zu „wahren Seelenhirten“ (animarum pastores) nach dem Vorbild Christi des Lehrers, Priesters und Hirten. Sie sind nach OT 8 + 9 wiederum den Bischöfen und dem Papst unterstellt, PO 1 äußert sich ähnlich und sieht die zentrale Rolle des Priesters bei der Erneuerung der Kirche, während PO 2 die Mitarbeit aller Gläubigen ausführt, in der hierarchischen Ordnung. PO 7 und CD 28 wünschen, daß die vorgesetzten Bischöfe den Priestern Helfer und Ratgeber sind „im Dienst der Belehrung, der Heiligung und der Leitung des Gottesvolkes“, ebenso ältere Priester für jüngere. PO 9 spricht von der Verantwortung der Laien für die Priester, die über die bloße Gefolgschaft hinausgeht.
An der –auch funktional begründeten- Betonung der kirchlichen Hierarchie mangelt es nicht in OT, PO und CD. Allerdings haben diese Konzilsdekrete wieder schwerpunktmäßig den einzelnen Gläubigen oder Priester im Auge,der seinem jeweiligen Hirten untergeordnet sein soll. Daß eine Gemeinde eine Mehrzahl von Gläubigen ist und die Kunst der Leiterschaft eben ist, diese gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten zu lassen, fehlt. Damit bleibt bereits im Ansatz ein ungeheures Potential ungenutzt, das eine Gruppe von Christen aufgrund Synergieeffekten entfalten könnte. Folglich wird dieses Prinzip bestenfalls ansatzweise vom Konzil erkannt und empfohlen.
3. Eine Dienstphilosophie, die in das kulturelle Umfeld paßt: „ ‚Den Heiden ein Heide’ zu sein (nach 1 Kor 9, 19-23 WL) unterstreicht, wie wichtig es ist, den Menschen, die du zu erreichen suchst, zuzuhören. Welche Nöte quälen sie ? Welche Barrieren halten sie davon ab, auf das Evangelium zu reagieren ? (...) Das vorherrschende Ziel des unvoreingenommenen Zuhörens ist es, deine Zielgruppe kennenzulernen. Dabei hilft es, sich innerlich präzise die Person vorzustellen, die du erreichen willst. Bill Hybels nennt diese Versinnbildlichung den ‚Unerreichten Harry’ (...). Weshalb geht er nicht in die Gemeinde ? Unter welchen Umständen würde er kommen ? Welche Art Predigtstil, welche Themen, welche Art Musik, welche Art Atmosphäre würde ihn anziehen ? (...) Einer der größten Fehler, die du bei der Gemeindegründung machen kannst, ist die Einstellung, eine Gemeinde für jedermann zu sein. Keine Gemeinde kann es jedem recht machen. Jede erfolgreiche Gemeinde hat einer bestimmten Bevölkerungsschicht etwas Besonderes zu geben. (...) Alle möglichen Gemeinden werden benötigt, um alle möglichen Leute zu erreichen. (...) Behalte im Kopf, daß deine Erfolgschancen am größten sind, wenn kulturell dir ähnliche Leute den größten Teil deiner Zielgruppe ausmachen. Vielleicht hast du (...) die besondere Gabe, die Brücke zu einer kulturell anders gelagerten Gruppe zu schlagen. Aber die meisten von uns haben diese Gabe einfach nicht“ (Logan p. 86 – 88).
OT 1 läßt dieses Prinzip anklingen: Die große Verschiedenheit der Völker und Gebiete erlaubt nur die Aufstellung allgemeiner Normen für die Priesterausbildung, die örtlich und zeitlich anzupassen sind.
OT 9 unterstreicht die Gesinnung des Dienstes, OT 15 wünscht die Kenntnis zumal derjenigen philosophischen Forschungen, die beim eigenen Volk bedeutenderen Einfluß ausüben; die Alumnen sollen über die charakteristischen Erscheinungen der heutigen Zeit gut Bescheid wissen und auf das Gespräch mit den Menschen ihrer Zeit entsprechend vorbereitet werden, die Irrtümer in ihren Wurzeln erkennen und wiederlegen. OT 16 wünscht auch eine Kenntnis der anderen Religionen, die in ihrem jeweiligen Gebiet verbreitet sind.
PO 3 und 10 formulieren auch Teile dieses Prinzips: die Priester sollen allen alles werden wie Paulus, die Lebensverhältnisse der Menschen sollen ihnen vertraut sein, sie sollen mit dem psychologischen und sozialen Charakter der Bevölkerung vertraut sein um wie Paulus allen alles zu werden. CD 30 wünscht die Kenntnis der Lebensverhältnisse der Menschen ihrer Pfarreien und erinnert, daß die Pfarrer alle Einwohner ihrer Gemeinde missionarisch erreichen sollen, gegebenenfalls mit Hilfe von Laien. PO 8 spricht von Priestern, die „sogar Handarbeit verrichten und damit selbst am Los der Arbeiter teilhaben“
Dieses Prinzip ist insgesamt nur im Ansatz vorhanden: die Kenntnis der Zielgruppe ist nach Logan nur der erste Schritt zur Formulierung von „Angeboten“, die eben diese Zielgruppe ansprechen. Inhaltliche, liturgische wie auch mehr karitative Angebote wie z.B. Seniorenmittagessen oder Säuglingspflegekurse für junge Mütter, je nachdem. Völlig fehlt, daß sich ein Priester oder eine Gemeinde eine bestimmte Zielgruppe setzt – obwohl es dafür in der Kirche immer schon Beispiele gab, z.B. Sprachgruppen- oder berufsständische Seelsorge.
„Arbeiterpriester“ erwerben natürlich eine genaue Kenntnis ihrer „Zielgruppe“, erfüllen aber nicht dieses Gemeindeaufbau-Prinzip, da diese Kenntnis nicht umgesetzt wird in entsprechende „Angebote“ für diese Zielgruppe. Der Arbeiterpriester steht am Fließband neben anderen Arbeitern, übernimmt vielleicht aufgrund seiner besseren Ausbildung rasch eine gewerkschaftliche Führungsposition – und fällt für den Gemeindeaufbau aus, was Gegenstand dieses Artikel ist, auch wenn damit die Frage des Arbeiterpriesters nicht erschöpfend behandelt ist (auch ein kontemplativer Priestermönch trägt nicht direkt zum Gemeindewachstum bei).
4. Verherrlichender und besinnlicher Lobpreis: Logan gibt Empfehlungen für die Gestaltung von Wortgottesdiensten, die er unter dem Obergriff „Lobpreis“ faßt. Solcher Lobpreis im Stil auf die Zielgruppe sein, von einem Lobpreisteam mit den Merkmalen „suchende Haltung, demütiges Herz, offensichtliche Gabe, treuer Geist, musikalische Fähigkeit- Rhythmusgefühl, klare Stimme“ während des Gottesdienstes getragen sein. Das Lobpreisteam ist in die Gottesdienst- Planung einzubeziehen, jeder Gottesdienst sollte geprobt werden und es muß immer wieder neu überprüft werden, ob er „ankommt“. Gibt es ein klar definiertes Thema jedes Gottesdienstes, beziehen sich alle Elemente auf das Thema, sind die Übergänge weich ? Stellt der Lobpreis Gott in die Mitte, und ist er auf die Bibel begründet sowie auf aktive Teilnehmer ausgerichtet ? Sind Feier und Besinnlichkeit gut ausgewogen ? Diese –und weitere- Fragen soll der Pastor bei der Planung berücksichtigen.
Es ist klar, daß sich zumal für traditionsverbundene Katholiken diese Thematik anders darstellt – das Heilige Messopfer ist ja auch viel mehr als nur menschlich gemachter Gottesdienst.
Dieses Prinzip wird in den Konzilsdokumenten vielfach erwähnt: OT4, OT 8 „in der aktiven Teilnahme an den heiligen Geheimnissen der Kirche, vor allem in der Eucharistie und im Stundengebet“, in OP 2, PO 5, dort auch „in Lobgesängen und geisterfüllten Liedern dem Herrn in ihren Herzen zu singen“.
Das Konzil hat damit insgesamt dieses Gemeindeaufbau- Prinzip erkannt und empfohlen.
Auch wenn SC 34 dagegen in diesem Kontext abstrus erscheint: „Die Riten mögen den Glanz edler Einfachheit an sich tragen und knapp, durchschaubar und frei von unnötigen Wiederholungen sein“. Abgesehen davon, daß solche „Rationalisierung“ unbiblisch ist – siehe die Vorschriften zum Schmuck des Heiligtums und zur Priesterweihe in 2 Mos 25- 31 und die Opfervorschriften 3 Mos 1- 17 + 24: für Gott das Schönste und Beste und keine „Einfachheit“, die auch dann unangemessen bleibt, wenn sie plötzlich als „edel“ bezeichnet wird-, ist sie wirklich nicht mit den auf Logan p. 95- 117 dargelegten Lobpreis- Erfahrungen Logan’s zur Deckung zu bringen. Liturgie und Lopreis sind per Definition “Selbstzweck” - sie sollen Gott verherrlichen um Seiner selbst willen. Darum ist es ein Widerspruch in sich, sie “rationell” gestalten zu wollen - wenn man keine Zeit zum Lobpreis hat, läßt man ihn besser ganz.
5. Umfassende Jüngerschaftsausbildung: Nach Logan verlangt Gemeindeaufbau mehr als nur physische Anwesenheit im Sonntagsgottesdient. Die Christen sollen sich zu Mitarbeit in der Gemeinde verpflichten, ihre geistlichen Begabungen entdecken und einsetzen, in allen Bereichen ihres Lebens wachsen, wovon die katechetische Ausbildung nur ein Teilbereich ist.
OT 2 wünscht „eine immer höhere Bildung der Christgläubigen in Predigt und Katechese“, mit eifrigem Gebet und christlicher Buße. OT 8 wünscht umfassende Ausbildung: Frömmigkeit, stark werden in den Tugenden, Eifer alle Menschen für Christus zu gewinnen, auch OT 10 und 11 sprechen von zu erlangender menschlicher Reife, PO 3 geht in dieselbe Richtung, PO 6 sieht den Priester als Erzieher im Glauben zu christlicher Reife.
Auch dieses Prinzip wurde offenbar vom Konzil erkannt und empfohlen.
6. Ausbau eines Netzwerkes von Zellen: möglichst jedes Gemeindeglied soll einem Hauskreis von 5 bis maximal 15 Personen angehören, die von einem Laienleiter geleitet werden und in denen alle Aspekte gemeindlichen Lebens intensiv und persönlich gelebt werden: Gebet und Lobpreis, gegenseitige Hilfe, Austausch, geselliges Beisammensein und auch katechetische Fortbildung sowie sogar Neuevangelisierung (z.B. durch Einladung von Nichtchristen zu Zelltreffen). Der Pastor –oder bei großen Gemeinden ein zwischengeschalteter Leiter- koordiniert diese Hauskreisarbeit, gibt allgemeine Richtlinien, wählt Leiter aus und hilft bei Schwierigkeiten. Die Zellen sollen zwar alle ähnliche Ziele erfüllen, dürfen jedoch so verschieden sein wie ihre Mitglieder. Sie vermehren sich durch Teilung, wobei der bisherige Co- Leiter neuer Leiter wird.
OT 6 formuliert eine Form dieses Prinzipes: „ ... soll man die Alumnen in passender Weise in kleinere Gruppen aufteilen, um so die Ausbildung der einzelnen persönlicher gestalten zu können.“ PO 6 wünscht, daß die Priester die Jugend, die Eheleute und Eltern in Freundeskreisen versammeln, „damit sie einander helfen, ihr oft schweres Leben leichter und vollkommener christlich zu meistern“. PO 8 sieht dasselbe für die Priester untereinander vor: gemeinsame Stärkung und Erholung, Förderung gemeinsamen Lebens in Zusammenwohnen oder zumindest häufigem und regelmäßigem Zusammenkommen, besonders für Priester, die in die Mission gehen (PO 10).
Dieses Prinzip wurde vom Konzil erkannt, wenn auch, was die Laien und die Gemeindearbeit angeht, nicht vollständig. Es wird nicht gesagt, daß alle oder der Großteil der Gemeindeglieder in solche „Zellen“ integriert werden sollen, es wird suggeriert, der Priester sei deren direkter Leiter, was solche Zellen de facto wegen Arbeitsüberlastung praktisch unmöglich machen würde (400 Gottesdienstbesucher zu 60% in Hauskreise zu 10 Personen aufgeteilt, die sich zweiwöchentlich treffen, ergäbe daß der Gemeindepriester jeden Tag abends zugleich 2 Kreise leiten müßte16 ). Dies macht deutlich, wie wichtig das folgende Prinzip ist:
7. Aufspüren und Entwickeln von Leitern: Der Pastor soll Verantwortliche für alle gemeindlichen Dienste finden und ihnen beim Erlernen der jeweiligen Aufgabe helfen: Evangelisation, Lobpreisteam, Hauskreise, Krankenbesuchsteam ... und vieles mehr verlangt nicht nur Sachkompetenz, sondern immer zuerst Begeisterung für Jesus Christus, was auf verschiedenste Weise vermittelt werden kann.
OT 2 wünscht, daß sich alle Glieder der Gemeinde und besonders Verantwortungsträger –auch Laien- um die Förderung von Berufungen bemühen. Implizit beinhaltet OT 11 –die Alumnen sollen allmählich lernen, mit den Laien zusammenzuarbeiten- dies (Zusammenarbeit heißt übertragen von Verantwortung und damit mittelbar Übergabe von Leitung an Laien), freilich nicht ausdrücklich. Deutlicher dagegen in PO 9: Zusammenarbeit mit Laien, deren Erfahrung und Zuständigkeit anerkennen. „Ebenso sollen sie vertrauensvoll den Laien Ämter zum Dienst in der Kirche anvertrauen, ihnen Freiheit und Raum zum Handeln lassen, ja sie sogar in kluger Weise dazu ermuntern, auch von sich aus Aufgaben in Angriff zu nehmen“, analog CD 30. PO 11 legt Bischöfen, Priestern, Eltern und Lehrern das Wecken und Fördern von Berufungen ans Herz.
Dieses Prinzip ist ansatzweise vorhanden. Alle Laien sollen geistliche Berufungen fördern – aber Leitungsaufgaben sind nicht darauf beschränkt, wie das Konzil ja selber weiß. Man kann das „ermuntern, Aufgaben in Angriff zu nehmen“ als „Aufspüren und Entwickeln von Leitern verstehen – aber es fehlt die nötige Klarheit.
8. Mobilisieren von Gläubigen gemäß ihrer geistlichen Gaben: Gemeindeglieder sollen zuerst entdecken, auf welchen Gebieten sie Gott begabt hat (orientiert an den 4 biblischen „Gabenlisten“ in Röm 12, 1 Kor 12, Eph 4, 1 Petr 4) und anschließend ihre Tätigkeit im gemeindlichen Dienst entsprechend finden. Es sei besser, eine Tätigkeit unausgefüllt zu lassen, als daß sie jemand z.B. aus „Pflichtbewußtsein“ übernimmt, der für sie nicht begabt ist.
OT 2 spricht von „Gaben“ (dotes), die den Priesterkandidaten von Gott verliehen würden, allerdings infolge des „tatkräftigen Zusammenwirken des ganzen Gottesvolkes zur Förderung der Berufungen“, was insofern mit Logan’s Sicht harmonisiert werden könnte, als er davon ausgeht, daß nur Christen geistliche Begabungen haben und sie diese normalerweise unter Mithilfe der Gemeinde entdecken werden, diese also oberflächlich betrachtet mitkausal ist. Nach OT 6 sollen nur „geeignete“ Kandidaten zur Weihe zugelassen werden – man kann das als entsprechend „geistlich begabte“ verstehen.
Nach OP 6 sollen die Priester die Gläubigen anleiten, mit der Gnadengabe, die jeder empfangen hat, einander zu dienen. Ebenso OP 8 „die vielfältigen Charismen der Laien, schlichte wie bedeutendere, mit Glaubenssinn aufspüren, freudig anerkennen und mit Sorgfalt hegen.“
Auch wenn OT und OP nicht die –sehr schwierige, aber glücklicherweise auch zunächst praktisch wenig relevante- Frage nach dem Verhältnis „übernatürlich“ versus „natürlich“ bei „Gaben“ oder „Charismen“ nicht klärt, so erkennen und empfehlen doch OT und OP dieses Prinzip vollständig. Gläubige sollen einen Dienst entsprechend ihrer geistlichen Begabung übernehmen – und Priester sollen Ihnen helfen, diese zu finden. Was leider wieder fehlt, ist der Bezug auf die Gemeinde als „Organismus“, in der diese für das geistliche Gemeinwohl einzusetzen sind und deren immenses Potential wieder nicht erfaßt wird.
9. Angemessene und produktive Planung: „Setze Ziele, die Ausdruck des Glaubens sind (...) wie Gott deine Kirche (i.S. von Gemeinde WL) haben möchte und wohin sie sich nach Gottes Willen innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre entwickeln soll. Beschreibe die Art von Menschen, die deine Gemeinde erreichen kann, die Bedürfnisse, die gedeckt werden können, und das Wachstum, das stattfinden wird. (...) Woran erkennst du, ob deine Gemeinde effektiv ist ? (...) Wie werden die vorgegebenen Ziele erreicht ? (...) Ist das Modell, das dir vorschwebt, realistisch und erreichbar ?“ (Logan p. 237f.). Die große Vision muß über konkrete Ziele in detaillierte Planung umgesetzt werden.
Nach OT 2 soll die Förderung von Berufen methodisch und systematisch geplant werden, unter Verwendung aller „geeigneten“ psychologischen und soziologischen Instrumente. Finanzielle Aspekte der Planung visieren PO 17 und PO 20.
Dieses Prinzip wird von OT und PO de facto nicht erkannt – Berufungsförderung und Finanzen sind wirklich ein insgesamt zu unbedeutender Teilbereich gegenüber dem, was eigentlich für Logan Gemeindeleitung ausmacht: Ziele wären „nächstes Jahr machen 30% unserer Gläubigen Ignatianische Exerzitien“ „werden 40% in einen Hauskreis integriert“ „kennen 60% ihre geistliche Begabung und übernehmen die Hälfte davon einen entsprechenden gemeindlichen Dienst“ das ist hundertfach mehr als nur das ins Auge fallende Minimum „Geld“ und „Neupriester“.
10. Gemeinden gründen, die sich vervielfachen: Eine Gemeinde soll immer jetzt über die Gründung einer Tochtergemeinde nachdenken – nicht erst nächstes Jahr; vielleicht ausgenommen ganz junge (jünger als 12 Monate) oder wirklich dreivierteltote Gemeinden. Neue Gemeinden haben mehr Dynamik als bestehende und sind meistens kleiner – zwei Gründe, weswegen sie leichter Menschen anziehen. Neue Gemeinden unterscheiden sich immer wenigstens ein bißchen von der Muttergemeinde und ziehen auch damit andere Menschen an. Heranreifende Christen können in neuen Gemeinden Verantwortung übernehmen auf Stellen, die in der Muttergemeinde schon besetzt sind.
In OT 2 ist zwar nicht von Gemeindegründung die Rede, aber es heißt immerhin „das Werk der Berufsförderung soll großzügig die Grenzen der Diözesen, der Völker, der Ordensfamilien und der Riten überschreiten und (...) jenen Gegenden Hilfe bringen, in denen Arbeiter (...) besonders dringend benötigt werden. Ebenso PO 10: die Priester sind für den Dienst an der ganzen Menschheit bestimmt und sollen auch dorthin gehen, wo man ihrer bedarf. In- und Exkardinierung sollen dementsprechend erleichtert, auch andere Formen als die klassische Territorialpfarrei genutzt werden. CD 32 erwähnt als Kriterium für die Gründung oder Schließung von Gemeinden das Heil der Seelen.
Dieses Prinzip wurde vom Konzil nur sehr teilweise erfaßt und empfohlen. Man mag einwenden, dies sei bei über vorkonziliarem 80% Messbesuch aufgrund fehlenden Bedürfnissess in katholischen Gegenden auch nicht zu erwarten – jein: Abgesehen davon, daß auch damals die meisten Katholiken nicht in „praktizierenden“ Regionen lebten, geht es hier vor allem darum, daß das Konzil die missionarische Anziehungskraft neuer und –nach Prinzip 3- an verschiedene Zielgruppen gerichteter Gemeinden nicht erkannt hat. Selbst in einem 1000- Einwohner- Dorf ist Platz für drei solche „spezialisierte“ Gemeinden mit jeweils einem Leitungspriester statt einer großen mit drei Priestern. Das muß nicht immer die formale kanonische Errichtung neuer Pfarreien sein, sondern kann dynamisch- pragmatisch durch Untergemeindebildung mit Pfarrvikaren oder abgeordneten Kaplänen geschehen, in größeren Städten auch durch Kategorialseelorge und das wird von PO immerhin konzidiert 17 .
Gemeindewachstums- Prinzipien nach Christian A. Schwarz Dr. Christian A. Schwarz !
Vereinfacht gesagt, identifiziert Schwarz 8 „Qualitätsmerkmale“ von Gemeinden: je höher die „Qualität“ einer Gemeinde in jedem dieser 8 Bereiche ist, desto wahrscheinlicher ist es, daß sie Wachstum erfahren wird sofern kein Merkmal ganz gering ist – wenn alle diese Merkmale einen bestimmten, recht hohen aber realistischerweise erreichbaren „Wert“ übersteigen, kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß diese Gemeinde wachsen wird. Schwarz legt großen Wert darauf, daß Gemeindewachstum –Menschen finden zu Jesus- nicht menschlich gemacht wird: menschliche Tätigkeit stellt nur die Voraussetzungen bereit, analog wie ein Bauer durch seine Arbeit nur die Voraussetzungen für das Wachstum der Pflanzen schafft, das –in der Biologie mittelbar- von Gott dem Schöpfer kommt. In den zahllosen Gleichnissen Jesu, die mit Bildern aus der Landwirtschaft geistliche Wirklichkeiten beschreiben18 , sieht Schwarz die theoretisch- theologische Begründung seines Modelles. Er hat diese Erkenntnisse –welche „Qualitätsmerkmale“ relevant sind- zunächst empirisch in einer großen Studie an 1000 Gemeinden in 32 Ländern entdeckt und mittlerweile an nach seinen Angaben weiteren 24000 Gemeinden bestätigt gefunden. Die Qualität wird Fragebogen- basiert computerunterstützt evaluiert. Die 8 Qualitätsmerkmale sind:
1. Bevollmächtigende Leitung meint „Leiter wachsender Gemeinden konzentrieren ihre Arbeit darauf, andere Christen zum Dienst zu befähigen. (...) Sie befähigen,unterstützen, motivieren, begleiten die einzelnen, damit sie zu dem werden, was Gott mit ihnen vorhat“ (Schwarz p. 22).
Über die Leiterschaft des Priesters vergleiche vorigen Abschnitt unter 2. „Bevollmächtigend“ erscheint in PO 9 und CD 30: Priester sollen Laien Verantwortungen anvertrauen und ihnen Handlungsfreiheit geben. Ansatzweise wurde dieses Prinzip also vom Konzil erkannt und empfohlen.
2. Gabenorientierte Mitarbeiterschaft: „... beruht auf der Einsicht: Gott hat selbst bestimmt, welche Christen nach seinem Plan welche Dienste am besten wahrnehmen sollten. Die Aufgabe der Gemeindeleitung ist es lediglich, den Gemeindegliedern dabei zu helfen, ihre gottgegebenen Gaben ausfindig zu machen und einen Dienst zu finden, der zu diesen Gaben paßt“ (Schwarz p. 24) 19 (näheres zu dem „wie“ des Erkennens der eigenen geistlichen Gaben unter www.wolfganglindemann.net/html/gabentest.html) .
Dieses Prinzip wurde in OT und PO erkannt; näheres siehe vorigen Abschnitt unter 8 .
3. Leidenschaftliche Spiritualität: „Leben die Christen ihren Glauben mit Hingabe, mit Elan, mit Feuer, mit Begeisterung ? Weil sich an dieser Stelle, quer durch alle Frömmigkeitsrichtungen, zwischen wachsenden und schrumpfenden Gemeinden signifikante Unterschiede zeigten, nannten wir das entsprechende Qualitätsmerkmal „leidenschaftliche Spiritualität“ (Schwarz p. 26).
PO 12 + 13 + 18 beschreibt diese „leidenschaftliche Spiritualität“, die der Priester –und mittelbar auch die Gläubigen- besitzen sollen, nach PO 16+ 17 soll sich dies beispielsweise an der freudigen Bejahung des Zölibats und einer materiell bescheidenen Lebensführung äußern.
Dieses Prinzip wurde mithin vom Konzil erkannt und empfohlen.
4. Zweckmäßige Strukturen: „Wer sich auf diesen Ansatz eingelassen hat, überprüft gemeindliche Strukturen fortwährend daraufhin, inwieweit sie einer immer besseren Selbstorganisation des Organismus Gemeinde dienen. Was diesem Anspruch nicht gerecht wird (etwa entmündigende Leitungsstrukturen, unangemessene Gottesdienstzeiten, demotivierende Finanzkonzepte), wird geändert bzw. abgeschafft. (...) Eines von 15 dieser Unterprinzipien, aus denen sich das Qualitätsmerkmal ‚Zweckmäßige Strukturen’ zusammensetzt, ist das „Bereichsleiter- Prinzip (...) Ich habe diesen Punkt zur Illustration ausgewählt, weil er mir als besonders typisch für das erscheint, worum es bei diesem Qualitätsmerkmal insgesamt geht: die Schaffung von Strukturen, die eine fortwährende Multiplikation der Arbeit ermöglichen. Leiter sind nicht nur dazu da zu leiten, sondern weitere Leiter hervorzubringen“ (Schwarz p. 28f).
PO 17 wünscht eine sachgerechte Verwaltung der Kirchengüter, gegebenenfalls auch durch kompetente Laien.PO 20 will Benefiziumseinkünfte an das ausgeübte Amt und dessen geistlichen Zweck binden. Weitere Anweisungen zur Finanzverwaltung gibt PO 21. CD 31+ 32 will die Errichtung und Besetzung der Pfarreien unabhängiger von seelsorgsfremden Einflüssen machen, CD 34 +35 will die Integration der Ordensleute in die Diözesen und namentlich deren seelorgliche Zielsetzungen verbessern.
Ansatzweise erkennt und empfiehlt das Konzil dieses Prinzip – es fehlt die systematische Anwendung auf alle Bereiche des gemeindlichen Lebens, nicht nur bei den Finanzen (bei denen dies natürlich besonders leicht ist).
5. Inspirierender Gottesdienst: „Das Wort ‚inspirierend’ bedarf der Erläuterung. Es versteht sich im wörtlichen Sinne von inspiratio und meint eine Inspiriertheit, die von Gottes Geist kommt. Allerdings hat der Heilige Geist, wo er wirklich wirkt (und nicht nur als wirksam postuliert wird), konkrete Auswirkungen auf die Form der Gottesdienstgestaltung und natürlich auf die wahrnehmbare Atmosphäre. Es ist das übereinstimmende Urteil der Besucher solcher Veranstaltungen,daß der Gottesdienstbesuch „Spaß macht“ ! (...) Wo Gottesdienste inspirierend gefeiert werden, läßt sich beobachten, daß sie scheinbar ‚von selbst’ die Menschen anziehen“ (Schwarz p. 31).
Zu diesem Prinzip in OT und PO siehe auch vorigen Abschnitt unter 4. Dieses Prinzip wurde vom Konzil erkannt – auch wenn andere Aussagen ausgerechnet in der Liturgiekonstitution dem widersprechen:
„Sie (die Riten WL) seien der Fassungskraft der Gläubigen angepaßt und sollen im allgemeinen nicht vieler Erklärungen bedürfen“ (SC 34). Sehr interessant sind diesbezügliche Erkenntnisse Schwarz’: „Viele Christen sind überzeugt, ein primär auf kirchenferne Besucher ausgerichteter Gottesdienst („seeker service“), wie er zum Beispiel von der Willow Creek Community Church (deren Pastor der oben genannte Bill Hybels ist WL) und etlichen von ihr inspirierten Gemeinden in allen Teilen der Welt so vorbildlich vorexerziert wird, sei ein Gemeindewachstumsprinzip. Ich habe mir unzähligen Pastoren gesprochen, die gerade dabei sind, ihre eigene Gottesdienste in einen „seeker service“ umzuformen, ohne sich ernstlich zu fragen, ob diese Form der Evangelisation –erwiesenermaßen eine von Tausenden unterschiedlichen guten Möglichkeiten- in ihrer Situation überhaupt angemessen ist. Sie gehen einfach davon aus, daß es sich beim „seeker service“ um ein allgemeingültiges Prinzip handle. Das ist es aber erwiesenermaßen nicht. Bei unserer Forschung wählten wir u.a. alle Gemeinden aus, die angaben, die Aussage, daß sich ihre Gottesdienste in erster Linie an Nichtchristen wenden, treffe „sehr stark“ zu. Ergebnis war, daß diese Aussage auf so gut wie keine Gemeindekategorie zutrifft, weder auf wachsende noch auf schrumpfende, weder auf qualitativ überdurchschnittliche noch unterdurchschnittlich entwickelte Gemeinden (...). Das heißt nicht, daß die genannten „seeker services“ nicht eine wunderbare Form von Evangelisation seien, über deren Nachahmung man sich ernsthaft Gedanken machen kann. Es heißt lediglich, daß sich hinter dieser Form kein Gemeindewachstumsprinzip verbirgt. Wir können unsere Gottesdienste ganz auf Christen oder ganz auf Nichtchristen ausrichten, wir können sie in einer „kanaanäischen“ oder „säkularen“ Sprache feiern, wir können sie in liturgisch geordneter oder freier Form zelebrieren – all das ist für den Gemeindeaufbau nicht entscheidend. Entscheidend ist ein anderes Kriterium: Ist der Besuch des Gottesdienstes für die Besucher eine „inspirierende Erfahrung“ (...) Die Antworten auf die elf Fragen zum Thema Gottesdienst, die wir den Gemeinden vorlegten, wiesen alle in die gleiche Richtung“ (Schwarz p. 30f).
Die evangelikalen Autoren sprechen hier lediglich über Wortgottesdienste, nicht über das wesenhaft andere Heilige Messopfer. Das hindert nicht –es ist sogar zu empfehlen- für Nichtchristen spezielle solche Wortgottesdienste anzubieten – und genau das geschah ja im Grunde auch in der Alten Kirche, wenn Nichtchristen aufgrund der Arkandisziplin nach der Vormesse den Kirchenraum verließen. Völlig verfehlt ist SC 34 dagegen, weil es sehr effizient der Minderheit der nach Heiligkeit strebenden Gläubigen die Möglichkeit zum geistlichen Wachstum nimmt –und es wird immer eine Minderheit sein, sagt doch Jesus selber “Das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn” (Mt 7,14) und Thomas von Aquin führt weiter aus: “Da also die ewige Seligkeit das Maß der menschlichen Natur durchaus überschreitet und zumal noch in Anbetracht der Tiefe des Falles und der durch die Erbsünde verursachten Verderbnis, sind es wenigere, die gerettet werden” (S.th Ia, q 23 a7) Ein liturgisch reicher Ritus, in dem eben nicht alles „verstehbar“ ist, gibt eben dazu Anlaß, ganz abgesehen davon, daß er effizient erinnert, daß das Messopfer eben keinesfalls „verstehbar“ ist. Diese „Demokratisierung“ der Liturgie –Anpassung an die meist innerlich stark säkularisierte Mehrheit der Gläubigen- führt zu einer Nivellierung nach unten, wie so viele andere Erzeugnisse der Massenkultur auch, sei es McDonald beim Essen oder Soap- Operas im Fernsehen. Und gibt nicht die gewünschten Erfolge. Hier ist ein schönes Beispiel für die Widersprüchlichkeit der Konzilstexte. (Es ist mir nebenbei bemerkt unbegreiflich, wie Erzbischof Lefebvre diesen Text unterschreiben konnte).
6. Ganzheitliche Kleingruppen: „Die Erforschung des Gruppenlebens wachsender und schrumpfender Gemeinden in allen Teilen der Welt brachte nicht nur zum Vorschein, daß die fortwährende Multiplikation von Kleingruppen ein allgemeingültiges Gemeindewachstumsprinzip ist, sondern gab uns gleichzeitig Aufschlüsse darüber, wie ein Kleingruppenleben aussehen sollte, das sich positiv auf Qualität und Wachstum einer Gemeinde auswirkt. Als entscheidender Faktor stellte sich die ‚Ganzheitlichkeit’ der Gruppen heraus. Das bedeutet: Hier wird nicht nur über Bibeltexte geredet, sondern hier werden geistliche Impulse und das alltägliche Leben der Christen fortwährend in Beziehung zueinander gesetzt. Die Teilnehmer solcher Gruppen haben die Möglichkeit, sich mit den Fragen, die sie wirklich bewegen, in die Gemeinschaft einzubringen (...) Wir konnten feststellen, daß es ein enormer Unterschied ist, ob z.B. die Gemeindeleitung über ‚Evangelisation’ oder ‚liebevolle Beziehungen’ oder ‚gabenorientierte Mitarbeiterschaft in ihren Gremien berät – oder ob jeder Christ, der in einer Kleingruppe integriert ist, durch einen Prozeß geht, in dem er existentiell erleben kann, wie das, was sich mit diesen Begriffen verbindet, im Leben der Gruppe praktisch wird“ (Schwarz p. 32f).
Viele katholische überpfarrliche Bewegungen arbeiten mit diesem Prinzip – z.B. die Gemeinschaft Emmanuel oder, mit Einschränkungen, das Opus Dei. Idealerweise werden jedoch die Katholiken einer Ortsgemeinde neben der immer recht anonymen Sonntagsmesse in solche Hauskreise von etwa 10 Personen integriert.
Dieses Prinzip wird OT und PO grundsätzlich erkannt, siehe vorigen Abschnitt unter 6.
7. Bedürfnisorientierte Evangelisation: „Es kommt darauf an, zwischen Christen, denen Gott die Gabe der Evangelisation gegeben hat, und solchen, denen er andere Gaben gegeben hat, zu unterscheiden. (...) Bei einer unserer früheren Studien bestätigte sich exakt die von C. Peter Wagner vertretene These, daß dies für lediglich 10% der Christen gilt. (...) Schlüssel für den Gemeindeaufbau ist, daß die Gemeinde ihre evangelistischen Angebote ganz auf die Fragen und Bedürfnisse der Nichtchristen einstellt“ (Schwarz p. 34f).
Die entsprechenden Bedürfnisse sind –sehr wichtig- legitime, aber zunächst einmal „ungeistliche“ Bedürfnisse von Nichtchristen etwa nach Ausbildung oder Freizeitgestaltung (nichtlegitimes Bedürfnis wäre z.B. Ansehen gewaltverherrlichender Filme). Das Opus Dei arbeitet in seinen zahlreichen Ausbildungsstätten sehr nach diesem Prinzip: es eröffnet eine Hauswirtschaftsschule, ein Studentenheim oder eine Berufsschule in der nebenbei ein geistliches Angebot besteht. Historisch ist ein klassisches Beispiel die Evangelisierung Europas durch die Klöster: Stätten höherer Kultur, mit einer Schule versehen, zogen sie von alleine die noch heidnische Umgebung an, Kinder wurden ihnen von oft noch heidnischen Eltern zur Erziehung –und Christianisierung anvertraut ... Persönlich verwende ich dieses Prinzip auf meiner evangelistisch ausgerichteten Homepage: dort werden gratis Informationen aller Art für eine berufliche Zukunft als Arzt in Frankreich für frustrierte deutsche Kollegen (mein „unerreichter Harry“ s.o.) geboten ... und nebenbei von Jesus Christus gesprochen.
CD 30 wünscht, daß jede Gemeinde auch in ihrer Umgebung missionarisch tätig sei: „Zudem sei die Seelsorge immer von missionarischem Geist beseelt, so daß sie sich in gehöriger Weise auf alle, die in der Pfarrei wohnen, erstreckt. Wenn aber die Pfarrer gewisse Personengruppen nicht erreichen können, sollen sie andere, auch Laien, zu Hilfe rufen“. Es wird keine direkte Verbindung zur Evangelisation gezogen, aber die Priester sollen nach PO 3 + 10 sowie CD 30 die Lebensverhältnisse der in ihren Pfarreien lebenden Menschen kennen und wie Paulus „allen alles werden“.
Dieses Prinzip wird vom Konzil de facto nicht erkannt – der Wille zur Mission durch jede Ortsgemeinde ist da, auch der Wunsch, die Lebensverhältnisse der Menschen zu kennen: es fehlt der entscheidende Schritt, beides zu kombinieren.
8. Liebevolle Beziehungen: „Wachsende Gemeinden haben im Durchschnitt einen meßbar höheren ‚Liebesquotienten’ als stagnierende und schrumpfende. Um diesen ‚Liebesquotienten zu erheben, fragten wir u.a. danach, wieviel Zeit die Gemeindeglieder außerhalb gemeindlicher Veranstaltungen mit anderen Christen verbringen ... wie oft sie sich untereinander zum Essen oder Kaffeetrinken einladen ... wie großzügig in der Gemeinde mit Komplimenten umgegangen wird ... inwieweit dem Pastor die persönlichen Probleme seiner Mitarbeiter bekannt sind ... wie viel in der Gemeinde gelacht wird, etc. (...) Glaubwürdig gelebte Liebe verleiht einer Gemeinde eine sehr viel größere – da gottgewirkte- Ausstrahlungskraft als evangelistische Programme, die ausschließlich auf verbale Mittel setzen. Menschen wollen nicht Vorträge über Liebe hören, sie wollen erleben, wie sich christliche Liebe konkret im Alltag auswirkt“ (Schwarz p. 36).
Dieses Gemeindeaufbau- Prinzip wird in OT und PO ständig bemüht – man könnte beinahe jeden zweiten Abschnitt als Beleg anführen (z.B. OT 5, 9, 19, PO 3, 8 + 9) ob es nun der Umgang der Priester untereinander, mit den Gläubigen oder der Gläubigen unter sich ist und man wird sicherlich vorraussetzen können, daß OT und PO um die Anziehungskraft von Gemeinden mit solchen Beziehungen wissen.
Dieses Prinzip wird damit vom Konzil erkannt und empfohlen.
Diskussion
4 der 10 von Logan vorgelegten Gemeindeaufbau- Prinzipien erkannte und empfahl das Konzil: „Verherrlichender und besinnlicher Lobpreis“, „Umfassende Jüngerschaftsausbildung“, „Ausbau eines Netzwerkes von Zellen“, „Mobilisieren von Gläubigen gemäß ihrer geistlichen Gaben“.
4 weitere hat es ansatzweise (aber ungenügend !) erfaßt: „Glaube und Gebet, die durch Vision beflügelt sind“, „Effektive pastorale Leiterschaft“, „Eine Dienstphilosophie, die in das kulturelle Umfeld paßt“, „Aufspüren und Entwickeln von Leitern“
De facto nicht erkannt wurden: „Angemessene und produktive Planung“ und „Gemeinden gründen, die sich vervielfachen“.
Logan sagt nicht mit derselben Deutlichkeit wie Schwarz, daß alle 10 Gemeindeaufbau- Prinzipien vorhanden sein müssen, aber aus dem ganzen Aufbau seiner Argumentation, aus dem Gesamtinhalt seiner beiden verwendeten Schriften –sowie bei Verwendung des gesunden Menschenverstandes, der eventuell in der Wirtschaft oder im Sport die Augen offen gehalten hat- wird doch deutlich, daß alle seine 10 Prinzipien zu verwenden sind, wenn eine Gemeinde wachsen soll. Jedenfalls verwundert es nicht, daß bei Fehlen der Mehrheit dieser Prinzipien (nur 4 von 10 wurden im Konzil identifiziert) das erwünschte kirchliche Wachstum bei Anwendung der Konzilsdekrete ausblieb.
5 der 8 von Schwarz identifizierten Gemeindeaufbau- Pinzipien wurden vom Konzil erkannt und empfohlen: „Gabenorientierte Mitarbeiterschaft“, „Leidenschaftliche Spiritualität“ „Inspirierender Gottesdienst“, „Ganzheitliche Kleingruppen“, „Liebevolle Beziehungen“.
Ansatzweise (aber ungenügend !) erkannt wurde das Prinzip „Bevollmächtigende Leitung“, de facto nicht „Zweckmäßige Strukturen“ und „Bedürfnisorientierte Evangelisation“.
Nach den Erkenntnissen von Schwarz geschieht Gemeindewachstum dann, wenn jedes der 8 Prinzipien mit einem „Minimalerfolg“ angewendet wird: keines darf fehlen, aber „Stärken“ in einem Bereich können durch „Schwächen“ in einem anderen kompensiert werden. Da drei Prinzipien ungenügend erkannt wurden, ist es nicht verwunderlich, wenn unter Anwendung der Konzilsdekrete Gemeindewachstum ausbleibt. Wie so viele Dinge (Automotoren, U-Boot-Jagd, lebende Zellen...) funktioniert Gemeindewachstum eben nur, wenn alle Teilelemente vorhanden sind und wenigstens einigermaßen funktionieren. (Mehr zum “Wie” des Gemeindewachstums: hier).
Noch deutlicher wird dieser negativer Befund, wenn die zentrale Insuffizienz betrachtet wird, die selbst den vom Konzil erkannten und empfohlenen Prinzipien anhaftet: es fehlt durchweg das Verständnis der Gemeinde als eines Organismus, der als ganzer zu behandeln und zu leiten ist. Erstes Ziel sind die Individuen – und dabei bleibt es im wesentlichen, auch wenn ausnahmsweise wie in PO 6 auch einmal von „kirchlicher Gemeinschaft“ und „Auferbauung der christlichen Gemeinschaft“ die Rede ist. Es ist geradezu tragisch, daß selbst für so wichtige –und für das Gemeindewachstum so immens fruchtbare- Prinzipien wie „Gabenorientierte Mitarbeiterschaft“ (Schwarz) bzw. „Mobilisieren von Gläubigen gemäß ihren geistlichen Gaben“, die vom Konzil voll erkannt wurden, der eigentlich winzige, aber entscheidende Schritt zur Verwendung in der Gemeinde nicht getan wurde. Und noch daß diese Verwendung von Priestern geplant und koordiniert werden muß, nicht irgendwie, sondern im Einklang mit einem Ziel: Priesterliche Aufgaben sind laut Konzil Katechese und Homiletik, Liturgie und Sakramentenspendung, caritative Arbeit (leiblich wie geistig) und die Kunst der Seelenführung. Dazu noch Dialogfähigkeit. Und das war’s. Daß es sich hier primär um (zugegeben: vom Priester zu beherrschende !) Methoden im Dienste einer Vision, einer Zielvorstellung handelt, ist außerhalb des Horizontes der betrachteten Dokumente. Und gerade dieses Prinzip „Glaube und Leitung im Sinne von Zielorientierung“ ist so elementar und zentral, daß es nicht nur bei Wagner ganz oben steht, sondern bei Logan und Schwarz im Grunde in jedem der Prinzipien faßbar ist: stets geht es darum, die Gemeinde als ganze wie deren Glieder so zu verändern, daß sie den einzelnen 10 bzw. 8 Prinzipien mehr entsprechen.
Diese Erörterung berücksichtigt nicht die historische Entwicklung; ob das Konzil gegenüber vorkonziliaren pastoraltheologischen Konzepten einen Fortschritt darstellt, wird nicht untersucht. Papst Pius X. beispielsweise „leistete” sich Anweisungen, die aus der Sicht von Wagner, Logan und Schwarz als „K.O.-Kriterien“ gelten würden, z.B. untersagte er Priesteramtskandidaten Tageszeitungen zu lesen oder verbot Frauen das Singen im Kirchenchor. Damit trägt man nicht zum Gemeindeaufbau bei. Andererseits ist es bei einem Großunternehmen, das vor der Pleite steht, unwesentlich, ob die dafür verantwortlichen Strategiepapiere besser als die noch früheren sind – oder ob deren Autoren subjektiv richtig gehandelt haben. Dieser Artikel will zur Überwindung der Krise beitragen und nicht nur Geschichtswissenschaft sein. Und schon gar nicht wird behauptet, traditionell- katholische Gemeinschaften würden dies besser als das Konzil machen – dasselbe „Raster“ läßt sich auch an sie anlegen und sie werden nicht automatisch besser darstehen als das Konzil. Soll hier gegen alles und jeden zu Felde gezogen werden ? Nein- wer würde so etwas auch tun wollen ? Vielmehr ist es so, daß die Kritik aus den Verhältnissen selber kommt: aus der rapide voranschreitenden Entchristlichung unseres Umwelt. Eine Gemeinde erfüllt dann ihren Zweck, wenn sie qualitativ und quantitativ wächst. Wenn nicht, gilt es die Gründe zu finden, und das versucht diese Arbeit mit einer neuen Methodik. Die „Kritik“ kommt aus den Verhältnissen – diese Arbeit soll dagegen konstruktiv sein und suchen, wie man es besser machen kann.
Festzuhalten ist auch, daß wesentliches Kennzeichen von OT und PO ihre „Offenheit“ ist. Die Dekrete wollen gerade nicht eine detaillierte Normierung von Priesterausbildung und –dienst geben und sie betonen wiederholt, daß neue Erkenntnisse aufzunehmen sind. Ausdrücklich als zu integrieren genannt werden zwar primär säkulare Fächer wie Psychologie und Soziologie – aber 1965 existierte nirgendwo auf der Welt eine Church Growth Bewegung wie sie seit den 70er Jahren namentlich von Wagner begründet wurde. PO 13 + 22 ermutigt neue Wege der Seelsorge, PO 19 fordert zu pastoraltheologischen Studien und Fortbildungen auf. Zwar hat die katholische Christenheit hier eine Entwicklung verschlafen, auch weil sie seitdem mit durch ebendasselbe Konzil ausgelösten massivsten inneren Problemen voll beschäftigt ist, aber andererseits kann man sicherlich sagen, daß die oben skizzierten evangelikalen Pastoraltheologien dem Konzil nicht entgegenstehen, sondern durchaus –abgesehen von der notwendigen „Katholisierung“- als in seiner Intention begriffen werden können.
Ist die ganze Methodik dieser Arbeit –Ergebnisse evangelikaler Pastoraltheologie auf katholische Dokumente anzuwenden- nicht in sich verfehlt ? Ich denke nicht, da in kleinerem Umfang in der praktischen Theologie eine solche Vorgehensweise immer schon üblich war, gutes Beispiel ist die Homiletik: Die sicherlich nicht des Modernismus verdächtige Pastoraltheologie von Schubert 20 verweist (p. XI, p. 82) auf das anglikanische Prediger- „Naturtalent“ Spurgeon. Die rhetorischen Schriften Cicero’s hatten einen zentralen Platz in den Artes liberales der Universitäten des christlichen Mittelalters – und daß er Gladiatorenspiele veranstaltete, notorischer Ehebrecher war und offen als sein Lebensziel „Bekanntwerden“ = „Publicity“ angab, änderte daran nichts. Ein theologisches Problem stellt sich nur, wenn man nicht sauber genug zwischen menschlichem und göttlichen Anteil bei Evangelisation und Seelsorge unterscheidet. Die Bekehrung der Herzen durch den Heiligen Geist ist das eine, nicht von Menschen gemachte und das wußten begnadete katholische Missionare wie der Hl. Pfarrer von Ars oder der Hl. Ludwig Maria von Montfort nur zu gut. Andererseits aber wünscht Gott unsere Mitarbeit an Seinem Werk – und Er hat Gesetzmäßigkeiten in Seine Schöpfung gelegt, die wir erkennen und nutzen können, für mehr oder weniger edle Zwecke. Katholiken können von heidnischen oder evangelischen Autoren diese Gesetzmäßigkeiten lernen und damit den menschlichen Teil der Arbeit im Weinberg Gottes besser tun – mehr nicht (aber das ist doch schon eine ganze Menge !). Diese Arbeit wendet lediglich auf die gesamte Seelsorge an, was in dem Teilbereich „Homiletik“ der Pastoral immer schon Usus war: die Verwendung nichtkatholischer Autoren 21 . Das stellt natürlich diverse Probleme und schon gar nicht soll behauptet werden, die Schriften von Wagner, Logan und Schwarz –die alle in Nebensätzen handfeste Häresien enthalten- seien der Stein der Weisen, ist aber grundsätzlich möglich.
Neben der Konzilsbeurteilung war aber auch Ziel, die bibeltreue evangelikale Pastoraltheologie vorzustellen – die von der „offiziellen“ auf die „unbiblischen Protestanten“ etwa der Landeskirchen (die selber in voller Auflösung sind) fixierten Ökumene nicht einmal wahrgenommenen wird - mit dem Impuls, sich der Krise mit diesen modernen Gegenmitteln zu stellen. Man kann es besser machen. Der Massenabfall ist weder schicksalhaft noch unabänderlich und das Heilmittel ist –neben der Entfernung häretischer Kirchenleiter- grundsätzlich sehr einfach: von den Gemeinden und geistlichen Bewegungen lernen, die auch heute wachsen. Ich wäre glücklich, wenn zwar die Schlußfolgerungen über das Konzil völlig falsch wären, aber di |