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Wolfgang B. Lindemann, Rezension von Jean- Pierre Dickès „Die Verwundung, Der konziliare Umbruch erlebt in einem französischen Seminar“, Edition Kirchliche Umschau 2000, Theologisches, Jahrgang 31, Nr. 9, p. 389-391 (September 2001) ISBN 3-934692-02-8
Wie kam es zu der heutigen Krise der Kirche ? Schreiber dieses hat als Student 1 ½ Jahre auf dem Laienflur eines „modernen“ Priesterseminars gewohnt ... und später „traditionelle“ Seminare wie in Wigratzbad und –ohne „Lefebvrist“ zu sein- Ecône kennenlernen können. Ihm drängte sich spontan der Eindruck auf „das sind zwei verschiedene Religionen“. Nun, hinsichtlich Seminardisziplin, Curriculum und Frömmigkeit setzen traditionelle Seminare im wesentlichen vor dem Konzil übliches, in Jahrhunderten bewährtes fort. Dr. med. Jean Pierre Dickès, ein Allgemeinmediziner aus Nordfrankreich, hat in einem autobiographischen Buch gestützt auf Tagebuchaufzeichnungen beschrieben, wie er als Seminarist des ersten Studienjahres die konziliaren Reformen im Priesterseminar St. Sulpice bei Paris erlebte, eines der führenden Seminare Frankreichs. Die deutsche Übersetzung des 1998 bei Clovis erschienenen Buches liegt jetzt vor. Der bekannte französische Publizist Gérard Leclerc hat das Vorwort geschrieben, in Frankreich hat es bereits 3 Auflagen erlebt.
Dickès hat das Studienjahr 1965/ 1966 in St. Sulpice verbracht. Bei seinem Eintritt war die Welt scheinbar noch intakt, als er gegen seinen Willen am Jahresende entlassen wurde, war die Revolution vollzogen.
Dickès beschreibt die stückweise Demontage der Seminarinstitutionen: Die Komplet wird abgeschafft, erst während des Präsidentschaftswahlkampfes, dann endgültig, die Messe wird fakultativ (was heißt, daß viele Seminaristen sie nicht mehr täglich besuchen) und in der Landessprache gefeiert, die priesterliche Kleidung der Ausbilder verschwindet, der gregorianische Choral erlischt, die Seminarkapellen werden ihres Schmuckes beraubt, das Stillschweigen im Haus weicht lärmenden Radiogeräten ... In den Vorlesungen übertreffen sich die Lehrer in Kirchenkritik, alles muß geändert werden, an die Stelle von Thomas von Aquin treten Teilhard de Chardin und die Evolutionstheorie, Seminaristen stellen so ziemlich jedes Dogma der katholischen Religion in Zweifel ... und vieles andere mehr. Selbst Beleidigungen und Beschimpfungen fehlen nicht.
Motor dieser Veränderunge sind die Seminaroberen selber, der vielbeschworene „Geist des Konzils“ und eine gut organisierte Gruppe aus einem Spätberufenenseminar, die alle aus der „Arbeitswelt“ kommen, meist gewerkschaftlich aktiv gewesen waren (in sozialistischen oder kommunistischen Verbänden !) und deren einziges Ziel es ist, als „Arbeiterpriester“ wieder dahin zurückzukehren, von wo sie gekommen. Sie manipulieren gezielt das Seminar, zunächst mit Tolerierung der Oberen, während konservativ eingestellten Seminaristen, die eine gegensätzliche „Pressure-groupe“ bilden wollen klargemacht wird, daß für „Sondergruppen“ im Seminar kein Platz sei ... Schließlich übertreiben sie es und werden fast alle am Jahresende entlassen ... zum Ausgleich dafür aber auch die konservativen Kandidaten, darunter Dickès, unter oft lächerlichen Vorwänden. Die Veränderungen bleiben.
Die Übersetzung ins Deutsche hätte an einigen Stellen besser sein können; so war Louis Veuillot kein „Polemiker“ (S. 77), sondern der Chefredakteur einer der führenden katholischen Zeitungen Frankreichs im 19. Jahrhundert, er hat u.a. maßgeblich zur Anerkennung Lourdes beigetragen. Gelegentlich imponieren direkte Fehler („Tintin in Amerika“ statt „Tim in Amerika“ S. 221) oder Ungeschicklichkeiten („Hochwürden Olier“ S. 14, „Lizenz in Philosophie“ statt besser „akademischer Grad“ o.ä.) und wer die französische Originalausgabe kennt, wird sich des Eindruckes nicht erwehren können, daß das Buch im Original sprachlich eleganter ist als die Übersetzung. Auch hätten mehr Hintergrundinformationen zu den französischen Institutionen, Personen und Ereignissen des Zeitgeschehens gegeben werden sollen. Die Erwähnung, daß ein Seminarist Mitglied der CGT ist, wird erst zum Skandal wenn man weiß, daß dies eine kommunistische und damals moskauhörige Gewerkschaft ist. Diese Mängel sind verzeihlich, hat doch kein professioneller Übersetzer daran gearbeitet.
Heute werden in ganz Frankreich soviele Priester jährlich geweiht wie vor dem Konzil in St. Sulpice neue Kanndidaten eintraten. Das Buch schließt mit der Frage „Wann wird das Volk Gottes Rechenschaft verlangen ?“, der sich Rezensent nur anschließen kann, hat doch sein eigenes Abenteuer in einem modernen Seminar damit ein Ende gefunden, daß er einen Beschwerdebrief an den Ortsbischof schrieb mehr, da der Rektor ihn u.a. davon überzeugen wollte, man dürfe ohne Trauschein zusammenleben und bräuche nicht einmal jährlich zu beichten. (Natürlich geschah nichts, was nicht verwundert, wenn Häretiker wie Lehmann und Kaspar Kardinal werden können). Es sind dieselben Mechanismen, wie sie H.H. Prof. May in seinem Werk „Die deutschen Bischöfe angesichts der Glaubensspaltung des 16. Jahrhundertes“ beschrieben hat. Wer unsere trübe kirchliche Gegenwart verstehen will, greife zu diesem Buch.
C) Homepage von Wolfgang Lindemann aus Hamburg
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