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Theologisches, Jahrgang 33, Nr. 4, p. 183- 188 (April 2003)
Zu Jahresbeginn 2003 rauschten Meldungen durch die Medienwelt, erstmals sei ein geklonter Mensch geboren worden. Die aus Frankreich stammende Sekte der Raelianer behauptete, Forscher der Sekte hätten in den USA ein geklontes Baby zur Welt gebracht. Ein italienischer Fortpflanzungsmediziner kündigte ebenfalls für die nächsten Monate die Geburt eines von seiner Arbeitsgruppe geklonten Kindes an.
Mit dem Fachausdruck „Klonen“ wird im wissenschaftlichen Sprachgebrauch die künstliche Vermehrung von Erbgut verstanden: Alle Lebewesen bestehen aus lebenden Zellen. Jede Zelle trägt eine Kopie ihres eigenen Bauplans, der bei der Zellteilung an die Tochterzellen weitergegeben wird. Der Bauplan oder das Erbgut ist in der Desoxyribonucleinsäure (DNS) niedergelegt. Die einzelnen „Informationseinheiten" der DNS, die z.B. den Aufbau eines einzelnen Eiweißes bestimmen, heißen Gene. Bei der geschlechtlichen Fortpflanzung paaren sich eine mütterliche Eizelle und eine väterliche Samenzelle, die beide je die Hälfte des Erbgutes enthalten. Man kann heute einzelne Gene isolieren, verändern und in Zellen wie Hefe oder Bakterien einführen. Dies ermöglicht etwa die Produktion von Arzneimitteln: So produzieren Menschen, die an Zuckerkrankheit leiden, zuwenig körpereigenes Insulin. Die Therapie besteht im Prinzip darin, das nötige Insulin von außen zuzuführen. Früher war man zur kostspieligen Aufreinigung von tierischen Insulinen aus Bauchspeicheldrüsen von Rindern oder Schweinen gezwungen. Heute kann man menschliches Insulin in den erforderlichen Mengen erhalten, indem das Insulingen in Bakterien eingeführt, so daß diese Insulin herstellen.
Etwas völlig anderes ist es, nicht ein einziges Gen, sondern einen ganzen Organismus zu klonen, ihn künstlich und ungeschlechtlich zu vermehren Das Wort „Klonen" ist durch die moderne Gentechnik bekannt geworden. Es sei aber hingewiesen, daß Klonen bereits seit Jahrtausenden betrieben wird: natürliche Klone sind eineiige Zwillinge, die entstehen, wenn sich eine befruchtete Eizelle im Mutterleib in zwei nicht-zusammenhängende Tochtereizellen teilt. Im Elsaß sind von jährlich 13500 Geburten stets einige Hundert eineiige Zwillinge. Künstliches Klonen ist eine Standardmethode in der Landwirtschaft, als „Ablegerbildung" bezeichnet. Viele Pflanzen können aus einem ihrer Teile eine neue Pflanze regenerieren, z.B. sprossen aus einem auf dem Boden aufgebrachten Blatt Wurzeln ins Erdreich und Triebe in die Luft. Apfelbäume und andere Obstbäume werden so kultiviert. Wenn das Wort Klonen in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt ist, dann wegen der in der Tat brandneuen Verbindung mit gentechnischen Methoden, die Klonen in einem Ausmaß ermöglichen, wie es bisher technisch unmöglich war.
Das sensationelle Schaf „Dolly“ war das erste im eigentlichen Sinne geklonte Tier, das menschliche Erfindungskraft hervorgebracht hat. Seitdem wurden andere Tierarten erfolgreich geklont, u.a. Rinder und Mäuse. Der letzte Erfolg ist die Klonierung des Schweines. Am 18. 8. 2000 berichtete eine japanische Arbeitsgruppe1, daß einem erwachsenen Schwein Zellen aus der Haut entnommen und deren Zellkern in eine Eizelle eingeführt wurde. Stromstöße regten sie an, sich zu teilen, sie wurde einem weiblichen Schwein eingepflanzt und führte zur Geburt des ersten geklonten Schweines namens Xena.
Etwas völlig anderes als das Klonen eines Tieres ist das Klonen eines Menschen. Entsprechende Ankündigungen und Vorversuche häuften sich schon seit einiger Zeit:
Im Dezember 1998 machte eine südkoreanische Forschergruppe von sich reden, als sie auf einem Fachkongress angab, weltweit erstmals einen Menschen geklont zu haben 2 3 4 . Die Wissenschaftler berichteten, sie hätten einer Frau eine Eizelle entnommen, deren Zellkern entfernt, und durch einen anderen Zellkern einer Körper-zelle derselben Frau ersetzt. Die entstandene neue Zelle wurde von ihnen anschließend dazu angeregt, sich wieder zu teilen, so daß ein Embryo entstand. Nach 2 Teilungen, als der Embryo 4 Zellen besaß, wurde das Experiment abgebrochen und der Embryo abgetötet. Die Forscher gaben als ihre Motivation an, sie hätten grundsätzlich erproben wollen, ob die bisher nur bei Tieren wie Schafen und Mäusen beschriebenen Klonierungstechniken auch beim Menschen anwendbar seien. Eine künstliche Erzeugung eines geklonten Menschen -was die Wiedereinführung in die Gebärmutter einer Frau und die Austragung der Schwangerschaft bis zur Geburt erfordert hätte- sei von ihnen nicht beabsichtigt worden.
In Südkorea erhob sich auf diese Nachricht ein Sturm der Entrüstung. Bürgerbewegungen formierten sich und verlangten das gesetzliche Verbot solcher Experimente, das Parlament wurde aufmerksam.
Das Klonierungsexperiment wurde von einem Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Kim Bo Sung und Lee Bo Yeon am Zentrum für künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation) am Kyunghee Universitätskrankenhaus in Seoul durchgeführt. In Südkorea existieren landesweit etwa 80, miteinander in scharfer wirtschaftlicher Konkurrenz stehende Zentren für künstliche Befruchtung. Es wurde daher verschiedentlich der Verdacht geäußert2, das Zentrum wolle in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken, um mehr Kundinnen anzuziehen. Dies ist ein schönes Beispiel, welche Vielfalt von oft wenig edlen Motiven Wissenschaftler leiten kann.
Im Jahre 2000 berichtete die US-Biotechnikfirma ACT, sieben Frauen, die sich freiwillig als „Eizellspenderinnen“ zur Verfügung gestellt hatten, nach einer aufwendigen Hormontherapie in einer Operation insgesamt 71 Eizellen entnommen zu haben, von denen sie 39 für üble Experimente nutzten. (Die Frauen hatten keinen medizinischen Vorteil). Mehreren dieser Eizellen entfernten sie den Zellkern und setzten den Kern einer Zelle eines anderen Menschen ein. Unter Verwendung derselben Technik wie bei der Erzeugung von „Dolly“ brachten sie sie dazu, sich im Reagenzglas zu teilen, so daß Embryonen entstanden, denen Firmenchef Michael D. West das Menschsein absprach. (Dies hört man oft von entsprechenden Forschern). Die auf diese Weise geklonten Embryonen sollten von vorneherein nicht in einer normalen Schwangerschaft ausgetragen zu werden, sondern als Quelle für menschliche Embryonale Stammzellen genutzt und dabei getötet werden5.
Im Frühjahr 2001 kündigte der italienische Forscher Antinori an, kinderlosen Ehepaaren zu einem Kind verhelfen zu wollen, indem er einen der Ehepartner klone. Er hat sich schon 1994 einen traurigen Ruf erworben, indem er eine 62-jährige Frau durch künstliche Befruchtung schwanger werden ließ 6. Mittlerweile kündigt er die Geburt eines geklonten Babys für die nächste Zeit an, und die Sekte der Raelianer will –ohne allerdings einen schlüssigen Beweis zu erbringen- bereits ein geklontes Baby zur Welt gebracht haben.
Neben ethischen Gründen wird die Klonierung von Menschen schon deswegen auch in Fachkreisen abgelehnt, da sie (derzeit ?) technisch sehr schwierig ist, und bei Tieren die allermeisten geklonten Nachkommen vor der Geburt sterben und die geborenen meistens krank sind7. Biologie ist letztlich zu kompliziert um sie mit derart doch vergleichweise simplen Techniken manupulieren zu können. Die italienische Ärztekammer drohte Antinori unverzüglich mit Berufsverbot, wenn er auf italienischem Boden Klonierungsexperimente durchführe. Der Deutsche Ärztetag lehnt die Forschung an menschlichen Embryonen und embryonalen Stammzellen ab, während die „Deutsche Forschungsgemeinschaft“ dazu neigt, dies zu billigen.
Neben diesen gravierenden rein medizinischen Problemen stellen sich natürlich tiefergehende moralische Bedenken in den Wege, die das kirchliche Lehramt in mehreren Stellungnahmen 8 9 10 zum Ausdruck gebracht hat und die hier zusammengefaßt dargestellt werden sollen:
Menschliches Leben ist von der Empfängnis an zu schützen. Im Moment der Befruchtung der weiblichen Eizelle durch die männliche Samenzelle entsteht ein neuer Mensch, dessen Rechte, und an erster Stelle das Lebensrecht, absolut zu respektieren sind. Die Klonierung von Menschen ist ihrer Methode nach die tyrannischste und ihrem Zweck nach zugleich die sklavischste Form von Gen-Manipulation. Sie will die Zweigeschlechtlichkeit zu einem rein funktionellen Rest machen, der an die Tatsache gebunden ist, daß man eine Eizelle braucht, deren Kern entnommen wurde, um dem Klon-Embryo Platz zu schaffen, und die — zumindest bis jetzt — eine weibliche Gebärmutter benötigt, in der sich ihre gesamte Entwicklung vollzieht.
Es kommt zur radikalen Instrumentalisierung der Frau, die auf wenige rein biologische Funktionen (Eizellen- und Gebärmutterverleih) reduziert wird.
Durch Klonierung entarten die grundlegenden menschlichen Beziehungen: Kindschaft, Blutsverwandtschaft, Familie und Elternschaft. Eine Frau kann Zwillingsschwester ihrer Mutter sein, sie braucht keinen biologischen Vater zu haben und kann Tochter ihres Großvaters sein.
Die menschliche Klonierung ist auch im Hinblick auf die Würde der klonierten Person negativ zu beurteilen, kommt sie doch zur Welt aufgrund ihres Kopie-Seins eines anderen Wesens. Diese kann ein tief wurzelndes Leiden des klonierten Menschen verursachen, dessen Identität durch die Gegenwart seines „anderen Ich“ in Frage gestellt wird.
Menschliches Klonen zerstört die Voraussetzung, die für jedes menschliche Zusammenleben nötig ist: den Menschen immer als Ziel und Wert und niemals nur als reines Mittel oder Objekt zu behandeln.
Leider sind unter Wissenschaftlern Meinungen wie die die des Vizepräsidenten des Verbandes Deutscher Biologen, Dr. Rüdiger Marquardt häufig, die dieser in der Vereinszeitschrift „Biologen heute" 1997 (damals in Bezug auf „Dolly") ausgesprochen hat: „Leider gingen in der kollektiven Empörung über Horden geklonter Mindermenschen die nachdenklichen Töne völlig unter. Erst Wochen später wurde die Frage diskutiert, ob das Klonen nicht dann in Erwägung gezogen werden müsse, wenn es die einzige Möglichkeit für kinderlose Ehepaare darstellt, Kinder mit ihrem Erbgut zu haben. Eine Frage, deren Beantwortung gar nicht so einfach ist"11.
Als Biologe müßte Herr Marquardt wissen, daß durch Klonen nur die Kopie eines Ehepartners erzeugt werden kann - aber nicht Nachkommen mit dem Erbgut des Ehepaares, d.h. ein von Vater und Mutter gemischtes Erbgut. Das ist ein qualitativer Unterschied. Es sei auch daran erinnert, daß nach katholischer Lehre die Eltern nur den Körper des Kindes zeugen, die Geistseele12 wird von Gott bei jeder Zeugung neu erschaffen 13.
Nach Ansicht des Autors dieses kann die (von der Öffentlichkeit scharf verurteilte) Klonierung von Menschen nicht unabhängig von der von weiten Kreisen befürwortete Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen gesehen werden 14 15 und es sollte bei der Suche nach den beidem gemeinsamen geistigen Hintergrund für diesen Zerfall der öffentlichen Moral der Einfluß der Evolutionstheorie auf Wissenschaftler nicht unterschätzt werden, die keinen Raum mehr läßt für eine prinzipielle Scheidung von Mensch und Tier und von Befürwortern der geschilderten Mißbräuche als Mit-Rechtfertigung angeführt wird und jedenfalls keinesfalls „gleichgültig“ für die katholische Religion ist 16 . Als das erste Schaf „Dolly“ geklont wurde, lautete die Schlagzeile einer deutsche Boulevardzeitung „Schafe geklont – sind jetzt Menschen dran ?“. Autor gibt zu, dies damals für übertrieben gehalten und die Mächte des Bösen unterschätzt zu haben. Bleibt zu hoffen und zu beten, daß sich Gesetzgeber finden werden, die die Königsherrschaft Christi über die Gesellschaft 17 respektieren und solche Aktivitäten einem Ende zuführen
Anmerkungen
1 Onishi A, Iwamoto M et al., Pig cloning by microinjection of fetal fibroblast nuclei, Science 289, p. 1101 (18. 8. 2000)
2 Korean report sparks anger and inquiry, Science 283, S. 16f (1. 1.1999)
3 Reports casts doubt on korean experiment, Science 283, S. 618f (29. 1.1999)
4 Wolfgang B. Lindemann, Erstmals Menschen geklont, Der Fels 9/1999, p. 257f. (September 1999)
5 Anonymus, Company gets funds to clone Baby, Science 289, p. 2271 (29. 9. 2000)
6 John Pickel, Experts assail plan to help childless couples, Science 291, p. 2061 (16. 3. 2001)
7 Rudolf Jaenisch, Ian Wilmut, Don’t clone Humans !, Science 291, p. 2552 (30. 3. 2001)
8 Kongregation für die Glaubenslehre, Donum vitae, Rom 1987
9 vgl. auch Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae Nr. 60-63, Vatikan 1994
10 Academia pontifica pro vita „Reflexionen über Klonierung“ Nr. 4, Rom 1997
11 Biologen heute, Mitteilungen des Verbandes Deutscher Biologen e.V. und biowissenschaftlicher Fachgesellschaften, 3/97, p. 2
12 ihre Existenz als Glaubensgut siehe z.B. das Athanasische Glaubensbekenntnis: „.... nam, sicut anima rationalis et caro unus est homo, ita Deus et homo unus est Christus“.
13 Kongregation für die Glaubenslehre, Donum vitae 5, Rom 1987
14 siehe z.B. G. Klinkhammer, „Embryonale Stammzellforschung, Unterschiedliche Wertvorstellungen“, Deutsches Ärzteblatt Jg. 98, Heft 39 p. 1986 (28. 9. 2001)
15 Wolfgang B. Lindemann, Stammzellenforschung – Fluch oder Segen ? , Der Fels 2/2002, p. 48-50 (Februar 2002)
16 Wolfgang B. Lindemann, Ist die Evolutionstheorie gleichgültig für die katholische Religion ?, Theologisches, Jahrgang 30 Nr. 5/6, p. 175-186
17 Papst Leo XIII., Enzyklika "Immortale Dei" über die christliche Staatsordnung; Papst Pius XI., Enzyklika "Quas Primas" über das allgemeine Königtum Christi
C) Homepage von Wolfgang Lindemann aus Hamburg
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