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Pädophilie erkennen und reagieren 1
Sexueller Mißbrauch von Kindern („Pädophilie“) ist ein Anliegen der Aktion „Kinder in Gefahr“. In diesem Artikel soll nach der Darlegung einiger grundlegender Fakten über Pädophilie erläutert werden, wie der jugendpsychiatrisch nicht vorgebildete Laie einen Fall von Pädophilie in seiner Umgebung mit einiger Sicherheit erkennen kann und vor allem wie er persönlich zu Gunsten des betroffenen Kindes einzugreifen vermag, sowohl bezüglich des direkten Schutzes vor weiteren Übergriffen als auch hinsichtlich eines pädagogischen Verhaltens, das es dem Kind ermöglicht, die Erlebnisse besser zu verarbeiten und möglichst folgenlos zu überwinden.
Autor dieses hat nach einer mehrjährigen Tätigkeit als Vertreter in der Allgemeinmedizin in einer einjährigen Anstellung als Assistenzarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Erfahrungen mit dieser traurigen Form von Kindesmißhandlung sammeln können, durch die klinische Tätigkeit und ich zitiere eine mir bekanntgewordene interne Studie an allen 65 im letzten Jahrzehnt wegen sexuellen Mißbrauchs in einer anderen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelten jungen Patienten (von insgesamt 321).
Ein kompetentes Handeln zugunsten eines sexuell mißbrauchten Kindes verlangt mehr als die Lektüre eines Artikels; Autor dieses ist daher bereit, interessierten, mit Kindesmißbrauch direkt konfrontierten Lesern in persönlicher Beratung (eMail oder telephonisch) soweit möglich Hilfestellung zu geben.
Bereits das Erkennen eines solchen Falles gehört im Grunde in die Hände des Fachmannes, das sei voraussschauend gesagt: in Frankreich verbrachte kürzlich ein unschuldiger Familienvater mehrere unangenehme Tage in Untersuchungshaft, weil aufgrund einiger fehlgedeuter Photos eines Familienfestes übereifrige Nachbarn und Polizeibeamte in ihm einen Kinderschänder sahen; glücklicherweise klärte sich alles auf – dieser Artikel soll jedenfalls nicht dazu dienen, Pädophilie da zu sehen, wo sie nicht ist. Der Leser zögere nicht, mich gegebenenfalls zu kontaktieren – und im Zweifel lieber abwarten und weitere Informationen zu sammeln, ehe etwa juridische Schritte eingeleitet werden.
Fakten über Pädophilie
Eine umfassende Darstellung von Ursachen, Arten und Folgen von sexuellem Kindesmißbrauch würde nicht nur den Rahmen dieses Artikels sprengen, sondern auch die Grenzen des berechtigten Schamgefühls der Leserschaft. Die entsprechenden Handlungen muten teilweise so wiederlich an und erregen solch ein Gefühl der Verzweiflung und des Mitleides gegenüber den Opfern, daß es besser ist, sie hier nicht im Detail zu schildern.
Andererseits kann nur der einen Fall von Pädophilie erkennen, der mehr als nur elementare Grundkenntnisse besitzt, daher werden die pädophilen Akte, Täter- und Opferprofile, so wiederlich bzw. so bestürzend sie auch sind, andeutungsweise geschildert werden müssen.
Als sexuellen Mißbrauch bezeichnet man die Einbeziehung von Minderjährigen in sexuelle Aktivitäten, deren Funktion und Tragweite sie nicht überschauen können, sexuelle Mißhandlungliegt vor, wenn diese unter Gewaltanwendung gegen den Willen des Kindes geschehen.
Zunächst 7 weit verbreitete irrige Meinungen über Pädophilie.
1. Pädophilie ist selten.
Falsch. Jedes dritte Mädchen und jeder fünfte Junge erleben vor dem 18. Lebensjahr eine pädophile Handlung irgendeiner Form, auch wenn schwere = mit deutlichen Folgen für das Kind einhergehende Handlungen glücklicherweise deutlich seltener sind – in den USA geben etwa 5- 10% aller Frauen an, inzestuöse Erfahrungen zu haben, die durchschnittlich über 2 bis 3 Jahre andauerten.
2. Opfer sexuellen Mißbrauchs sind Jugendliche.
Falsch. Die Pädophilieopfer sind meist zwischen 4 und 11 Jahren alt, 1/5 ist jünger als 6 Jahre.
Die 65 Kinder meiner Abteilung waren zum Zeitpunkt der Tat zwischen 2 und 14 Jahre alt, im Mittel 6 ½ Jahre.
3. Der Täter ist ein Unbekannter.
Falsch. In 85% der Fälle kennt das Kind den Täter: ein Verwandter, ein Freund der Familie, ein Nachbar. Bei 40% der Kinder ist der Täter der eigene Vater. Nur 3% der Täter sind Frauen.
Unter der 65 Kindern meiner Abteilung war kein einziges von einer Frau sexuell mißbraucht worden.
4. Der Täter ist brutal und verletzt das Kind physisch.
Falsch. Üblicherweise wird keine physische Gewalt angewendet. Der Täter verwendet vielmehr Überredung, Drohung und Bestechung. Allerdings hinterläßt derartige psychische Gewaltanwendung oft nicht minder schwere Folgen als physische Gewalt.
5. Der sexuelle Mißbrauch ist ein einmaliger Vorgang, der sich nicht wiederholt.
Falsch. In fast 90% der Fälle wird das Kind mehrfach mißbraucht. Dem Täter gelingt es lange, das Kind zum Schweigen zu verpflichten, oft bis in die Pubertät.
6. Die pädophilen Handlungen geschehen im Wald, im Park oder auf Spielplätzen.
Falsch. Sie geschehen meist im normalen Wohnmilieu des Kindes oder bei einem Verwandten oder Freund.
7. Das Kind erfindet den sexuellen Mißbrauch.
Falsch. In den allermeisten Fällen lügt das Kind nur, um die Fakten zu verkleinern oder zu verbergen, Kinder im Vorschulalter erheben praktisch nie falsche derartige Anschuldigungen, da sie dazu intellektuell noch gar nicht in der Lage wären; zudem wird der Mißbrauch primär aus oft sehr eindrucksvollen Verhaltensauffälligkeiten des Kindes vermutbar. Größere Vorsicht muß man erst bei Heranwachsenden ab etwa 12 Jahren walten lassen.
Von den 65 Kindern in der Studie hatten nur 4 eine falsche Anschuldigung erhoben, die meist für den Erfahrenen aus dem Fehlen typischer Symptome vermutbar war.
Die Heilige Maria Goretti war ein leider recht typisches Opfer sexuellen Mißbrauchs2: Der Täter Alexander Serenelli kam als Sohn des Wohnungsnachbarn, der dieselbe Küche benutzte, aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Er begnügte sich erst nur mit Drohung bzw. Überredungsversuchen und unerwünschten, aber noch nicht direkt sexuellen Berührungen einen Monat vor der Bluttat. Dies fand im häuslichen Milieu von Maria statt, die noch keine 12 Jahre alt war und es gelang ihm, sie zum Schweigen zu bringen, ehe er sie einen Monat später in der elterlichen Wohung ermordete. Sie schwieg aus Angst, den häuslichen Frieden zu stören – die Situation ihrer verwitweten Mutter und 6 Geschwister war prekär und als älteste Tochter fühlte sie eine besondere Verantwortung – viele Kinder schweigen aus solchen (falschen) Schuldgefühlen. Ihre Heiligkeit zeigte sich in ihrem Widerstand „lieber sterben als sündigen“, den sie seinem Ultimatum „entweder Intimkontakt oder Tod“ entgegensetzte sowie in der Vergebung, die sie sterbend ihrem Mörder gewährte.
Alexandre Serenelli wiederum wies einige häufige Tätercharakterzüge auf: er war zu gehemmt, um sich erwachsenen Frauen zu nähern, lebte sozial isoliert und seine schwer depressive Mutter starb früh, so daß er vernachlässigt aufwuchs.
Was für Menschen werden zu Tätern ? Solche, die sich von Kindern sexuel angezogen fühlen und das selber auch spüren, wohl etwa 1% der Bevölkerung. Viele von ihnen wissen um die Gefährlichkeit dieser Neigung und ihre moralische Verwerflichkeit und werden daher niemals zum Täter werden. Bei anderen dagegen sind moralische Hemmungen schwächer oder die Neigung zu stark – es ist interessant zu wissen, daß es jetzt am Universitätskrankenhaus Charité in Berlin eine eigene vorbeugende Therapie für solche Männer gibt. Unter dem Titel „Lieben Sie Kinder mehr als es ihnen lieb ist ?“ wird Männern mit pädophilen Neigungen –besonders solchen, die noch kein Täter geworden sind- eine recht wirksame Vorbeugetherapie vorgeschlagen. Jeder Leser, der solche Neigungen in sich verspürt, ist eingeladen, an dieser Therapie teilzunehmen: www.kein-taeter-werden.de . Eine Neigung als solche ist noch lange keine Sünde – dazu gehört immer die Handlung und die freie Einwilligung. Viele Menschen haben Neigungen, die moralisch inakzeptabel sind, ob es nun Jähzorn oder Voyeurismus oder Homosexualität sind, geben ihnen aber nicht nach. Im Gegenteil ist der Kampf gegen eine solche Neigung ein Tugendakt.
Erkennen von Pädophilie
Grundsätzlich kann sexueller Mißbrauch eines Kindes durch die Aussage des Kindes bemerkt werden oder, was gerade bei jüngeren Kindern der häufigere Weg ist, durch meist massive und oft plötzlich auftretende Auffälligkeiten im Verhalten des Kindes. In einzelnen Fällen können auch einmal körperliche Symptome wegweisend sein, wie Verletzungen im Intimbereich oder die Erkrankung an einer Geschlechtskrankheit.
Bei Kindern jeden Alters (vor der Pubertät) entsteht der Verdacht auf Pädophilie, wenn sie Kenntnis und Umgang mit der Geschlechtlichkeit zeigen, die deutlich nicht ihrem Alter entspricht. Dazu zählt die detaillierte, verbalisierte Kenntnis von Intimverkehr, sexualisiertes Verhalten wie lange Küsse auf den Mund oder genitale Partien oder Verführungsversuche an anderen Kindern oder Erwachsenen, außerordentliche Neugier über geschlechtliche Themen oder, besonders bei Jungen, besondere Furcht davor, homosexuell zu werden.
Häufig weigern sich Kinder, sich zu entkleiden (z.B. beim Sport oder Schulschwimmen), wollen keine Duschkabinen oder Toiletten betreten (= die Orte, an denen sie mißbraucht wurden). Sie können außergewöhnliche Angst vor Männern haben und schließlich sind allgemeine Symptome einer Depression des Kindes wie Schlafstörungen in Form von Einschlaf- und Durchschlafstörungen oder Albträumen, Ängste, oder Schulschwierigkeiten häufig.
Dazu treten allgemeine Symptome, die auf das Vorliegen einer tiefgreifenden Traumatisierung des Kindes hinweisen:
Bei kleinen Kindern (bis 7- 8 Jahren) treten Einnässen und Einkoten auf, Daumenlutschen oder Bettnässen, Nahrungsverweigerung oder erhöhte Nahrungskonsumation.
Bei älteren Kindern (ab 7 – 8 Jahren) kommt es häufiger zum Weglaufen, Vernachlässigung der eigenen Hygiene oder im Gegenteil übertriebene Sauberkeit, die Ängste und depressiven Symptome können zu Selbstmordversuchen oder zu Alkohol- und Drogenkonsumation führen.
Solche Auffälligkeiten werden eine Befragung des Kindes veranlassen, ob „irgendetwas“ vorgefallen sei. Auffälligkeiten sind nützliche Hinweise, aber letztlich muß das Kind berichten, was geschehen ist. Darum folgen nun einige Grundregeln für das Gespräch mit einem möglicherweise mißbrauchten Kind.
Aus juristischer Sicht ist es wichtig, daß jede Form von Beeinflussung unterbleibt. Fragen der Form „war es so“ „hat der Mann das und das getan“ „warst du in deinem Zimmer“, die eine bestimmte Antwort indirekt nahelegen, haben zu unterbleiben (sog. Suggestivfragen). Stattdessen sind offene Fragen zu wählen: „wie war es“ „was ist geschehen“ „wer hat was getan“ „wo warst du“. Fragen, die zum „Erfinden“ von Fakten anregen („Wie könnte es gewesen sein“) sind aus naheliegenden Gründen ebenfalls zu unterlassen (sog. Konjunktivfragen).
Die Befragung über die Fakten sollte nur ein- oder zweimal stattfinden, grundsätzlich nach der sogenannten „Trichter-Technik“: zunächst allgemeine Fragen, die zunehmend präzisiert werden. Sehr achtzugeben –und nicht ganz einfach !- ist auf das Vermeiden von indirekter Beeinflussung des Kindes: die positive Reaktion (Gestik, Mimik, Tonfall), wenn das Kind antwortet, was der befragende Erwachsene erwartet und umgekehrt (sog. Konditionierung): Es ist darauf zu achten, daß der Frager immer gleichmäßig freundlich, zugewandt und interessiert bleibt, um nicht das Kind indirekt zu beeinflussen. Der Einsatz anatomischer geformter Puppen, an denen das Kind zeigt, was ihm geschehen ist, sollte eher bei der Erstbefragung unterbleiben; bei dem späteren therapeutischen Bemühen um das Kind –nachdem es seine Aussagen bei der Polizei zu Protokoll gegeben hat- steht dem nichts mehr entgegen.
Das Bemühen um das Kind hat natürlich zuerst zum Ziel, diesem zu helfen, statt lediglich den Täter vor Gericht zu bringen. Es ist darum wichtig, daß schon eine erste Befragung für das Kind ein positives Erlebnis ist. Dabei ist es wichtig, daß der Erwachsene dem Kind glaubt, dem Kind klar sagt, daß das Geschehen nicht seine Schuld ist und daß er es sehr bedauert aber froh ist, daß es davon erzählt und er dem Kind helfen will. Das Kind kann noch nicht bereit sein, den Namen des Täters zu nennen, daher sollte nicht gezielt danach gefragt werden.
Es ist nicht einfach, einem Kind in einer so schwerwiegenden Sache sofort aufs Wort zu glauben, auch wenn man weiß, daß Kinder bei pädophilen Akten fast nie lügen. Grundsätzlich ist die Glaubwürdigkeit je höher, je jünger das Kind ist und je stärker die oben angeführten Verhaltensauffälligkeiten sind. Darüberhinaus kann die Glaubwürdigkeit des Berichtes des Kindes abgeschätzt werden: der Bericht ist um so glaubwürdiger, als er detailreich ist, für Pädophilie spezifische Details enthält (z.B. genaue Schilderung der pädophilen Akte im einzelnen), wenn das Kind angibt, der Täter habe ihm verboten, davon zu sprechen und wenn das ganze Geschehen in der alltäglichen Lebenssituation des Kindes verankert wirkt.
Ein besonders trauriger Aspekt ist, daß Kinder, die wegen anderer Probleme bereits auffällig sind, häufiger als „normale“ Kinder zusätzlich Opfer von Pädophilie werden. Teilweise ist der gemeinsame Grund das Ursprungsmilieu: wenn Eltern etwa ihren erzieherischen Auffälligkeiten aufgrund eigener Defizite nicht nachkommen können, so wird das Kind auffällig werden ... und aufgrund ebendieser Defizite werden die Eltern häufiger ein ebenfalls „defizitäres“ Umfeld haben, z.B. Freunde mit dubiosem Hintergrund, die dann zu Tätern werden. In der mir bekanntgewordenen Studie an 65 Kindern kam über die Hälfte aus zerbrochenen Familien und etwa zwei Drittel kam aus einem solchen eindeutig defizitären familiären Milieu (im Sinne einer deutlich reduzierten elterlichen Fähigkeit, Erziehungsaufgaben wahrzunehmen, bei knapp der Hälfte der Kinder entstammte wenigstens ein Elternteil ebenfalls einem solchen Milieu). Selten manipuliert ein Elter das Kind zu falschen Pädophilie-Anschuldigungen gegen den anderen.
13 der Kinder hatten Eltern, die selber sexuell mißbraucht worden waren, bei 15 war wenigstens ein Elternteil alkoholabhängig. Schließlich kamen nur 22 der 65 Kinder wegen des sexuellen Mißbrauchs in Behandlung – alle anderen waren schon in der Kinderpsychiatrie bekannt, als zusätzlich die Pädophilie bekannt wurde.
Nicht immer liegt die Verantwortung –nicht unbedingt im Sinne einer moralischen Schuld, sondern mehr begriffen als „Vermeidbarkeit“- bei den Eltern, auch nicht wenn die Eltern selber pathologisch agieren und ihre Erziehungsaufgaben nicht wahrnehmen; so der 5-jährige Charly, der aufgrund schwerer elterlicher Erziehungsfehler bei uns wegen Hyperaktivität in Behandlung war (die Mutter war mit 15 schwanger geworden von einem 12 Jahre älteren Mann, der wiederholt zu Haftstrafen verurteilt worden war). Eine zeitlang wurde Charly in einer Gastfamilie untergebracht ... und in eben dieser Gastfamilie wurde er von dem „Gastvater“ sexuell mißbraucht. Dazu können die Eltern nun wirklich nichts, mag auch ihre Lebensweise und Erziehungsstil pathologisch sein.
Ein solcher Fall, daß der Aggressor nicht aus dem unmittelbaren Lebensmilieu der Eltern kommt sondern z.B. aus der weiteren Nachbarschaft, ist nicht selten; man könnte als Erklärung annehmen, daß verhaltensauffällige Kinder von Pädophilen als besonders „leichte“ oder „gefahrlose“ Opfer wahrgenommen werden. Ein Unglück kommt eben selten allein.
Reagieren auf Pädophilie
Zunächst geht es natürlich um die Abwendung von weiterer Gefahr für das Kind bzw. für andere Kinder (durch Erkennen und, soweit möglich, Therapie des Täters) sowie um die Sühnung des Verbrechens. Daher stehen beim Bekanntwerden der pädophilen Akte zunächst die juristischen Maßnahmen im Vordergrund: eine Anzeige nimmt jede Polizeidienststelle entgegen. Weitere Ansprechpartner sind Jugendamt oder Staatsanwaltschaft sowie Kinderschutzorganisationen3; auch die frühzeitige Kontaktaufnahme mit einem niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater oder die Vorstellung in der Poliklinik/ Ambulanz einer entsprechenden Klinik ist zu empfehlen – niemand kann mit diesem massiven Problem alleine fertigwerden. Die Terminvereinbarung geschieht per Telephon, die Adressen finden sich in den „Gelben Seiten“ bzw. bei der Telephonauskunft. Wenn Zweifel besteht, ob die gefundene Klinik die nächstgelegene und damit „zuständige“ ist, einfach anrufen und danach fragen.
Wichtiger noch als der akute Schutz des Kindes und die straftrechtliche Ahndung des Verbrechens ist die Hilfe für das Kind, die Erlebnisse zu verarbeiten. Diese Hilfe läßt sich unterteilen in einen allgemeinen pädagogischen Umgang mit dem Kind –der sich nicht grundsätzlich davon unterscheidet, wie mit einem auf andere Weise traumatisierten Kind umzugehen ist- und spezifischen, auf das Geschehen „Pädophilie“ abgestimmten Reaktionen. Keine Sorge, die nachfolgenden Ratschläge sind auch für den medizinischen Laien praktizierbar und außerdem steht Autor dieses für Fragen und Hilfestellungen aller Art zur Verfügung.
Einige Hinweise zum allgemeinen pädagogischen Umgang: In Familie, Kindergarten oder Schulklasse sollte der normale routinemäßige Tagesablauf aufrechterhalten werden – das gibt dem Kind Sicherheit. Das Kind sollte bei sich bietender Gelegenheit gelobt werden, seine positiven Leistungen anerkannt werden – das baut sein Selbstvertrauen wieder auf. Wenn die Gefahr weiterhin besteht –z.B. bei unbekanntem, noch von der Polizei gesuchten Täter- sollten die anderen Kinder vorsichtig gewarnt werden – sie sollten so viele Informationen erhalten, daß sie einen Täter erkennen und ihn meiden können ... aber nun doch nicht mehr, als es ihrem Alter entspricht.
Spezifische Hilfen für ein mißbrauchtes Kind sind z.B. die folgenden Hinweise: das Kind loben und ihm affektive Zuwendung zukommen lassen, aber es niemals ohne seine Erlaubnis berühren. Bei entsprechenden Gelegenheiten –Umkleideraum, Dusche etc.- unterstreichen, daß das Kind sich alleine aus- und anzieht und niemand das Recht hat, es dazu zu zwingen. Wenn das Kind sich nicht entkleiden will, es möglichst d.h. sofern es die Situation erlaubt nicht dazu zwingen und möglichst sollte das Kind sich ohne Zuschauer entkleiden dürfen und sollen. Damit das Kind sein Selbstvertrauen wiederfindet –und schlimmstenfalls einem erneuten Mißbrauchsversuch besser widerstehen kann- sollte es auch ermuntert werden, auszudrücken wenn es etwas angenehm oder unangenehm findet und man kann mit ihm einüben, klar „Ja“ oder „Nein“ zu sagen: „Nein“ verlangt eine gerade Haltung, ernsten Gesichtsausdruck, die Hände unbeweglich an den Körperseiten und wird mit tieferer, entschiedener und lauter Stimme gesprochen. Dementsprechend ein „Ja“ mit einem Lächeln, dem Gegenüber entgegengestreckten offenen Händen mit sanfter und heller Stimme.
Die Aufarbeitung des Geschehens ist mehr als nur das Kind das Erlebnis immer und immer wieder berichten zu lassen; eine bessere Methode ist das Geschehen nachzuspielen, z.B. mit Puppen, wobei ein wenig gelenkt werden kann, daß der Kriminelle im Spiel ein schlechtes Ende nimmt.
Schlußfolgerungen
Im heidnischen Griechenland war Pädophilie gesellschaftlich toleriert und Teil des Alltags, oft verbunden mit Homosexualität. Der Athener Philosoph und General Xenophon (mehr zu ihm: hier) berichtet völlig unbefangen:
„Alle, die er erwischte, ließ Seuthes schonungslos niederstechen. Episthenes aus Olynthos war ein Liebhaber von Knaben; als er sah, wie ein schöner, eben zum Jüngling herangewachsener Knabe, der einen Schild trug, gerade sterben sollte, lief er zu Xenophon und bat ihn, einem schönen Knaben zu Hilfe zu kommen. Dieser ging zu Seuthes und bat ihn,den Knaben nicht zu töten, indem er zugleich die Art des Episthenes schilderte; er habe einmal eine Kompanie aufgestellt, indem er auf nichts anderes sah, als ob einer schön sei; mit diesen zusammen bewährte er sich als tapferer Mann. Seuthes fragte: „Wärest du wohl, Episthenes,auch bereit, für diesen zu sterben ?“ Er bot den Nacken dar und sagte „Hau zu, wenn es der Knabe verlangt und dafür dankbar sein will !“. Darauf fragte Seuthes den Knaben, ob er jenen an seiner Stelle töten solle. Der Knabe ließ es nicht zu, sondern bat, sie beide am Leben zu lassen. Darauf sagte Episthenes, den Knaben umarmend; „jetzt mußt du mit mir um diesen kämpfen; ich werde ihn nicht loslassen.“ Seuthes lachte und ließ es gut sein“ 4.
Wenn die öffentliche Tolerierung, ja Billigung mit der christkatholischen Prägung der abendländischen Völker ein Ende fand – und sich mit dem Rückfall ins Heidentum, dem wir seit dem Ende des Konzils zusehen, wieder einstellt- so doch leider nicht das Problem selber. Das Herz des Menschen ist hart, stellt Jesus Christus fest und die Folgen der Erbsünde, die Konkupiszenz, verbleiben auch den Getauften. Die Patienten meiner Abteilung kamen aus dem Südosten des Département Vendée in Westfrankreich; bis zum Konzil nicht zuletzt als Erbe der Volksmissionen des Heiligen Ludwig Maria von Montfort eine der katholischsten Gegenden Frankreichs, in den Dörfern praktizierten in der Größenordnung 80% der Katholiken, der Bischof von Luçon erteilte bis etwa 1972 zweimal jährlich je etwa 30 Neupriestern die heiligen Weihen (Heute ist das leere Seminar teils ein Cybercentrum, teils eine Bauruine und die unter 40-jährigen praktizieren vielleicht zu 2%, aller bunten Plakate zum trotz, auf denen das bischöfliche Ordinariat von „neuen Aufbrüchen“ schwärmt). 13 Kinder in der genannten Studie im gleichen geographischen Raum hatten ein Elternteil, das ebenfalls als Kind mißbraucht worden war, weitere 3 einen Großelter. Pädophilie existierte leider auch in der offiziös katholischen Vendée, unter der Oberfläche und oft kaum bemerkt. Ein Onkel nahm seine kleine Nichte auf den Schoß, deren Rock und die „geographische“ Nähe erlaubten „unauffällig“ entsprechende Handlungen, mochte auch der Dorfpfarrer –was bei der damals noch durchweg gutkatholischen Geistlichkeit ohne weiteres vorausgesetzt werden kann- von der Kanzel gegen die Sünden wider die Reinheit wettern.
Der Kampf gegen Pädophilie hat neben der direkten Erkennung und Hilfe für die Opfer noch eine zweite Axe: gesellschaftliches Lobbying, wie es die DVCK betreibt: Protestbriefkampagnen, Demonstrationen, Unterschriftensammlungen, Sensiblisierung von Politikern und was die christliche Phantasie noch ersinnt. Ich denke, jedem katholischen Laien und vor allem jedem in der Seelsorge tätigen Geistlichen sollte dies ein Anliegen sein, an dem er nach seinen Möglichkeiten teilnimmt; das muß nicht viel Arbeit verlangen (es gibt zu viele wichtige Dinge, für die sich der Katholik einsetzen kann, und nicht jeder wird alles tun !), aber sicher kann jeder Laie ein oder zweimal jährlich an einer Protestbriefkampagne oder einer Unterschriftenaktion teilnehmen, und jeder Geistliche entsprechende Aktionen hin- und wieder seinen Schäfchen empfehlen. Normalerweise sollte dies Teil des pastoraltheologischen Lehrstoffes sein, aber dazu braucht es katholischere theologische Fakultäten, als wir sie heute haben. Es ist leider illusorisch zu meinen, es würde je eine Gesellschaft ohne Pädophilie geben; wie es auch in dieser Welt nie eine Gesellschaft ohne Ehebruch, Raub oder Mord geben wird – der Mensch ist zu sehr zur Sünde geneigt, nur wenige Menschen nehmen die Gnadenmittel der Kirche als Hilfe in Anspruch und der Teufel tut das Übrige, uns fallen zu lassen. Wir können aber lindern, in der Erwartung der besseren Welt die bei Jesu Widerkunft kommen wird.
Anmerkungen
1 dieser Artikel ist der elfjährigen Jeanne- Marie Kegelin gewidmet, jüngstes von 8 Kindern, die ich persönlich aus der Eccleisa-Dei Gemeinde in Straßburg kenne und die im Juni 2004 von einem bereits wegen Pädophilie vorbestraften aber vorzeitig haftentlassenen Mann entführt, vergewaltigt und brutal ermordet wurde um noch während der Gebetsoffensive traditionsverbundener Katholiken in ganz Frankreich in einem Fluß in Ottrott aufgefunden zu werden, während die kirchenfeindliche französische Gendarmerie damit beschäftigt war, die Mit-Seminaristen ihres Bruders im Seminar der Petrusbruderschaft wegen angeblicher Täterschaft zu verhören (25% der Gendarmerie- Offiziere sind Freimaurer, man hoffte wohl, einen neuen kirchlichen Pädophilie-Skandal zu finden).
2 nach Artur Riedel SJ, Maria Goretti. Märtytin der Reinheit, Johannes- Verlag Leutesdorf, 11. Auflage 1982, 42 S. Vinzenz Ruef, Die wahre Geschichte von der hl. Maria Goretti, Miriam- Verlag, 11. Auflage Jestetten 1992.
3 z.B. die Organisation Hänsel & Gretel www.haensel-gretel.de
4 Xenophon, Anabasis, VII, 4, 6- 11
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