Wolfgang B. Lindemann, Pädophilie: erkennen und reagieren, Kultur und Medien, Mitteilungsblatt der Aktion Kinder in Gefahr, Februar 2006, p. 2- 4   
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Pädophilie: erkennen und reagieren

Die Bekämpfung des Sexuellen Mißbrauch von Kindern ("Pädophilie") ist ein Anliegen der Aktion "Kinder in Gefahr". Dieser Artikel soll grundlegende Fakten darlegen und erläutern, wie der jugendpsychiatrisch nicht vorgebildete Laie einen Fall von Pädophilie mit einiger Sicherheit erkennen und zu Gunsten des Kindes eingreifen kann, zum direkten Schutz als auch um dem Kind pädagogisch zu helfen, die Erlebnisse möglichst folgenlos zu überwinden.

Autor dieses hat nach einer mehrjährigen Tätigkeit als Vertreter in der Allgemeinmedizin in einer einjährigen Anstellung als Assistenzarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Erfahrungen mit dieser traurigen Form von Kindesmißhandlung sammeln können, durch die klinische Tätigkeit sowie durch eine interne Studie an allen 65 im letzten Jahrzehnt wegen sexuellen Mißbrauchs in der Abteilung behandelten 3021 jungen Patienten. Er steht für Fragen und Auskünfte zur Verfügung.

Fakten über Pädophilie

Eine umfassende Darstellung von Ursachen, Arten und Folgen von sexuellem Kindesmißbrauch würde nicht nur den Rahmen dieses Artikels sprengen, sondern auch die Grenzen des berechtigten Schamgefühls der Leserschaft. Die entsprechenden Handlungen muten so widerlich an und erregen solch ein Gefühl der Verzweiflung und des Mitleides, daß es besser ist, sie nicht im Detail zu schildern.

Andererseits kann nur der einen Fall von Pädophilie erkennen, der mehr als nur elementare Kenntnisse besitzt, daher werden die pädophilen Akte, Täter- und Opferprofile andeutungsweise geschildert werden müssen.
Als sexuellen Mißbrauch bezeichnet man die Einbeziehung von Minderjährigen in sexuelle Aktivitäten, deren Funktion und Tragweite sie nicht überschauen können, sexuelle Mißhandlung liegt vor, wenn diese unter Gewaltanwendung gegen den Willen des Kindes geschehen.

Zunächst 7 weit verbreitete irrige Meinungen über Pädophilie.

1. Pädophilie ist selten.
Falsch. Jedes dritte Mädchen und jeder fünfte Junge erleben vor dem 18. Lebensjahr eine pädophile Handlung irgendeiner Form, auch wenn schwere = mit deutlichen Folgen für das Kind einhergehende Handlungen glücklicherweise deutlich seltener sind - in den USA geben etwa 5- 10% aller Frauen an, inzestuöse Erfahrungen zu haben, die durchschnittlich über 2 bis 3 Jahre andauerten.

2. Opfer sexuellen Mißbrauchs sind Jugendliche.
Falsch. Die Pädophilieopfer sind meist zwischen 4 und 11 Jahren alt, 1/5 ist jünger als 6 Jahre.
Die 65 Kinder meiner Abteilung waren zum Zeitpunkt der Tat zwischen 2 und 14 Jahre alt, im Mittel 6 1/2 Jahre.

3. Der Täter ist ein Unbekannter.
Falsch. In 85% der Fälle kennt das Kind den Täter: ein Verwandter, Nachbar, Freund der Familie. Bei 20- 40% der Kinder ist der Täter der eigene Vater. Nur 3% der Täter sind Frauen.
Unter den 65 Kindern meiner Abteilung war keines von einer Frau sexuell mißbraucht worden.

4. Der Täter ist brutal und verletzt das Kind physisch.
Falsch. Üblicherweise wird keine physische Gewalt angewendet. Der Täter verwendet vielmehr Überredung, Drohung und Bestechung. Allerdings hinterläßt derartige psychische Gewaltanwendung oft nicht minder schwere Folgen als physische Gewalt.

5. Der sexuelle Mißbrauch ist ein einmaliger Vorgang, der sich nicht wiederholt.
Falsch. In fast 90% der Fälle wird das Kind mehrfach mißbraucht. Dem Täter gelingt es lange, das Kind zum Schweigen zu verpflichten, oft bis in die Pubertät.

6. Die pädophilen Handlungen geschehen im Wald, im Park oder auf Spielplätzen.
Falsch. Sie geschehen meist im normalen Wohnmilieu des Kindes oder bei einem Verwandten oder Freund.

7. Das Kind erfindet den sexuellen Mißbrauch.
Falsch. In den allermeisten Fällen lügt das Kind nur, um die Fakten zu verkleinern oder zu verbergen, Kinder im Vorschulalter erheben nie falsche Pädophilie- Anschuldigungen, da sie dazu intellektuell noch gar nicht in der Lage wären; der Mißbrauch wird meist aus oft eindrucksvollen Verhaltensauffälligkeiten des Kindes vermutbar. Größere Vorsicht muß man erst bei Heranwachsenden ab etwa 12 Jahren walten lassen.
Von den 65 Kindern meiner Abteilung hatten nur 4 eine falsche Anschuldigung erhoben, die meist für den Erfahrenen aus dem Fehlen typischer Symptome vermutbar war.

Erkennen von Pädophilie

Grundsätzlich kann sexueller Mißbrauch eines Kindes durch die Aussage des Kindes bemerkt werden oder, was gerade bei jüngeren Kindern der häufigere Weg ist, durch meist massive und oft plötzlich auftretende Auffälligkeiten im Verhalten des Kindes. Selten können auch körperliche Symptome wegweisend sein, wie Verletzungen im Intimbereich oder Auftreten einer Geschlechtskrankheit.

Bei Kindern jeden Alters (vor der Pubertät) entsteht Verdacht auf Pädophilie, wenn sie Kenntnis und Umgang mit der Geschlechtlichkeit zeigen, die deutlich nicht ihrem Alter entspricht. So die detaillierte, verbalisierte Kenntnis von Intimverkehr, sexualisiertes Verhalten wie Küsse auf den Mund oder genitale Partien oder Verführungsversuche an anderen Kindern oder Erwachsenen, außerordentliche Neugier über geschlechtliche Themen oder, besonders bei Jungen, besondere Furcht, homosexuell zu werden.

Häufig weigern sich Kinder, sich zu entkleiden (beim Sport oder Schulschwimmen, wollen keine Duschkabinen oder Toiletten betreten (= die Orte, an denen sie mißbraucht wurden). Sie können außergewöhnliche Angst vor Männern haben und schließlich sind allgemeine Symptome einer Depression des Kindes wie Schlafstörungen in Form von Ein- und Durchschlafstörungen oder Albträumen, Ängste, oder Schulschwierigkeiten häufig.

Dazu treten allgemeine Symptome, die eine Traumatisierung des Kindes anzeigen:

Bei kleinen Kindern (bis 7- 8 Jahren) Einnässen und Einkoten, Daumenlutschen oder Bettnässen, Nahrungsverweigerung oder erhöhte Nahrungskonsumation.

Ältere Kindern laufen weg, vernachlässigen oder übertreiben die Hygiene, die Ängste und depressive Symptome können zu Selbstmordversuchen oder zu Alkohol- und Drogenkonsumation führen.

Solche Auffälligkeiten werden eine Befragung des Kindes veranlassen, ob "irgend etwas" vorgefallen sei: Letztlich muß das Kind berichten, was geschehen ist. Darum nun einige Grundregeln für das Gespräch mit einem möglicherweise mißbrauchten Kind.

Juristisch gesehen ist es wichtig, daß jede Form von Beeinflussung unterbleibt. Fragen der Form "war es so" "hat der Mann das und das getan" "warst du in deinem Zimmer", die eine bestimmte Antwort indirekt nahelegen, haben zu unterbleiben (sog. Suggestivfragen). Stattdessen offene Fragen: "wie war es" "was ist geschehen" "wer hat was getan" "wo warst du". Fragen, die zum "Erfinden" von Fakten anregen ("Wie könnte es gewesen sein") sind aus naheliegenden Gründen ebenfalls zu unterlassen (sog. Konjunktivfragen).

Die Befragung über die Fakten sollte nur ein- oder zweimal stattfinden, grundsätzlich nach der sogenannten "Trichter-Technik": zunächst allgemeine Fragen, die zunehmend präzisiert werden.  Sehr wichtig -und nicht ganz einfach !- ist das Meiden indirekter Beeinflussung des Kindes: die positive Reaktion (Gestik, Mimik, Tonfall), wenn das Kind antwortet, was der befragende Erwachsene erwartet und umgekehrt (sog. Konditionierung): Es ist darauf zu achten, daß der Frager immer gleichmäßig freundlich, zugewandt und interessiert bleibt, um nicht das Kind indirekt zu beeinflussen. Der Einsatz anatomischer geformter Puppen, an denen das Kind zeigt, was ihm geschehen ist, sollte eher bei der Erstbefragung unterbleiben; bei dem späteren therapeutischen Bemühen um das Kind -nachdem es seine Aussagen bei der Polizei zu Protokoll gegeben hat- steht dem nichts mehr entgegen.

Das Bemühen um das Kind hat natürlich zuerst zum Ziel, diesem zu helfen, statt lediglich den Täter vor Gericht zu bringen. Es ist darum wichtig, daß schon die erste Befragung für das Kind ein positives Erlebnis ist: Der Erwachsene soll dem Kind glauben, dem Kind klar sagen, daß das Geschehen nicht seine Schuld ist und daß er es sehr bedauert aber froh ist, daß es davon erzählt und er dem Kind helfen will. Das Kind kann noch nicht bereit sein, den Namen des Täters zu nennen, daher sollte nicht gezielt danach gefragt werden.

Es ist nicht einfach, einem Kind in einer so schwerwiegenden Sache sofort aufs Wort zu glauben, auch wenn man weiß, daß Kinder bei pädophilen Akten fast nie lügen. Grundsätzlich ist die Glaubwürdigkeit je höher, je jünger das Kind ist und je stärker die genannten Verhaltensauffälligkeiten sind. Darüber hinaus kann die Glaubwürdigkeit des Berichtes des Kindes abgeschätzt werden: der Bericht ist um so glaubwürdiger, als er detailreich ist, für Pädophilie spezifische Details enthält (z.B. Schilderung der Akte), wenn das Kind angibt, der Täter habe ihm verboten, davon zu sprechen und das ganze Geschehen im Alltag des Kindes verankert wirkt.

Ein besonders trauriger Aspekt ist, daß Kinder, die wegen anderer Probleme bereits auffällig sind, häufiger als "normale" Kinder zusätzlich Opfer von Pädophilie werden. Teilweise ist der gemeinsame Grund das Ursprungsmilieu: wenn Eltern etwa ihren erzieherischen Auffälligkeiten aufgrund eigener Defizite nicht nachkommen können, so wird das Kind auffällig werden ... und aufgrund ebendieser Defizite werden die Eltern häufiger ein ebenfalls "defizitäres" Umfeld haben, z.B. dubiose Freunde, die dann zu Tätern werden. Von den genannten 65 Kindern meiner Abteilung kam über die Hälfte aus zerbrochenen Familien und etwa zwei Drittel kam aus einem solchen eindeutig defizitären familiären Milieu (im Sinne einer deutlich reduzierten elterlichen Fähigkeit, Erziehungsaufgaben wahrzunehmen, bei knapp der Hälfte der Kinder entstammte wenigstens ein Elternteil ebenfalls einem solchen Milieu). Selten manipuliert ein Elter das Kind zu falschen Pädophilie-Anschuldigungen gegen den anderen.

Eltern von 13 Kindern, waren selber sexuell mißbraucht worden, bei 15 war wenigstens ein Elternteil alkoholabhängig. Schließlich kamen nur 22 der 65 Kinder wegen des sexuellen Mißbrauchs in Behandlung - alle anderen waren schon in der Kinderpsychiatrie bekannt, als die Pädophilie bekannt wurde.

Nicht immer liegt die Verantwortung - im Sinne von "Vermeidbarkeit"- bei den Eltern, auch nicht wenn die Eltern selber pathologisch agieren und ihre Erziehungsaufgaben nicht wahrnehmen; so der 5-jährige Charly, der aufgrund schwerer elterlicher Erziehungsfehler bei uns wegen Hyperaktivität in Behandlung war (die Mutter war mit 15 schwanger geworden von einem mehrfach vorbestraften Kriminellen). Eine zeitlang wurde Charly in einer Gastfamilie untergebracht ... und in eben dieser Gastfamilie wurde er von dem "Gastvater" sexuell mißbraucht. Dazu können die Eltern nun wirklich nichts, mag auch ihre Lebensweise und Erziehungsstil pathologisch sein.

Ein solcher Fall, daß der Aggressor nicht aus dem unmittelbaren Lebensmilieu der Eltern kommt sondern z.B. aus der weiteren Nachbarschaft, ist nicht selten; man könnte als Erklärung annehmen, daß verhaltensauffällige Kinder von Pädophilen als besonders "leichte" oder "gefahrlose" Opfer wahrgenommen werden.

Reagieren auf Pädophilie

Zunächst geht es natürlich um Abwendung weiterer Gefahr für das Kind bzw. für andere Kinder (durch Erkennen und, soweit möglich, Therapie des Täters) sowie um die Sühnung des Verbrechens. Daher stehen beim Bekanntwerden der pädophilen Akte zunächst die juristischen Maßnahmen im Vordergrund: eine Anzeige nimmt jede Polizeidienststelle entgegen. Weitere Ansprechpartner sind Jugendamt oder Staatsanwaltschaft; auch die frühzeitige Kontaktaufnahme mit einem niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater oder die Vorstellung in der Poliklinik/ Ambulanz einer entsprechenden Klinik ist zu empfehlen - niemand kann mit diesem massiven Problem alleine fertigwerden. Die Terminvereinbarung geschieht per Telephon, die Adressen finden sich in den "Gelben Seiten" bzw. bei der Telephonauskunft. Wenn Zweifel besteht, ob die gefundene Klinik die nächstgelegene und damit "zuständige" ist, einfach anrufen und danach fragen.

Wichtiger noch als der akute Schutz des Kindes und die strafrechtliche Ahndung des Verbrechens ist die Hilfe für das Kind, die Erlebnisse zu verarbeiten. Diese Hilfe läßt sich unterteilen in einen allgemeinen pädagogischen Umgang mit dem Kind -der sich nicht grundsätzlich davon unterscheidet, wie mit einem auf andere Weise traumatisierten Kind umzugehen ist- und spezifischen, auf das Geschehen "Pädophilie" abgestimmten Reaktionen. Keine Sorge, die nachfolgenden Ratschläge sind auch für den medizinischen Laien praktizierbar und außerdem steht Autor dieses für Fragen und Hilfestellungen aller Art zur Verfügung.

Zum allgemeinen pädagogischen Umgang: In Familie, Kindergarten oder Schulklasse sollte der routinemäßige Tagesablauf weiterbestehen - das gibt Sicherheit. Das Kind sollte oft gelobt werden, seine Leistungen anerkannt werden - das baut sein Selbstvertrauen wieder auf.

Spezifische Hilfen für ein mißbrauchtes Kind sind dem Kind affektive Zuwendung zukommen lassen, aber es niemals ohne seine Erlaubnis berühren. Bei entsprechenden Gelegenheiten -Umkleideraum, Dusche etc.- unterstreichen, daß das Kind sich alleine aus- und anzieht, ohne Zuschauer und daß niemand das Recht hat, es dazu zu zwingen. Wenn das Kind sich nicht entkleiden will, sofern es die Situation erlaubt nicht dazu zwingen.

Damit das Kind sein Selbstvertrauen wiederfindet -und schlimmstenfalls einem erneuten Mißbrauchsversuch widerstehen kann- sollte es auch ermuntert werden, auszudrücken wenn es etwas angenehm oder unangenehm findet und man kann üben, klar "Ja" oder "Nein" zu sagen: "Nein" in gerader Haltung, ernster Gesichtsausdruck, Hände unbeweglich an den Körperseiten und wird mit tieferer, entschiedener und lauter Stimme gesprochen. Dementsprechend ein "Ja" mit einem Lächeln, dem Gegenüber entgegengestreckten offenen Händen mit sanfter und heller Stimme.

Die Aufarbeitung des Geschehens ist mehr als nur das Kind das Erlebnis immer und immer wieder berichten zu lassen; eine bessere Methode ist das Geschehen nachzuspielen, z.B. mit Puppen, wobei ein wenig gelenkt werden kann, daß der Kriminelle im Spiel ein schlechtes Ende nimmt.

Wolfgang B. Lindemann

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