Varia 16

Lindemann, Wolfgang B. Als Praxisvertreter nach Frankreich: Es gibt ein Leben nach der Klinik. Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 11 vom 17.03.2006, Seite A-732 STATUS (bzwl. Seite C 604) nachfolgend der ursprünglich eingereichte Volltext
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Als Praxisvertreter nach Frankreich

Praxisvertretungen in der Allgemeinmedizin – in Frankreich ein Arbeitsmarkt für junge Ärzte, den es in Deutschland nicht vergleichbar gibt.
Nach abgeschlossener Weiterbildung verbringt ein junger französischer Allgemeinmediziner normalerweise einige Zeit als Praxisvertreter: er vertritt niedergelassene Kollegen während Urlaub, Fortbildung oder Krankheit. Nach PJ und AiP in Straßburg habe ich entdeckt: „Il y a une vie après l’hôpital“.Es gibt ein Leben nach dem Krankenhaus !

Eine Vertretung dauert von einem Tag bis –bei längeren Krankheiten oder Schwangerschaftsvertretungen- mehrere Monate, meistens ein oder zwei Wochen. Man findet Vertretungen über Schwarze Bretter oder Internetseiten der départementalen Ärztekammern durch spezialisierte Vermittlungsagenturen (gratis, es zahlt der Niedergelassene) oder einfach durch persönliche Kontakte.

Es gibt keine bürokratischen Hemmnisse: man unterzeichnet einen Vertrag mit dem Niedergelassenen, dieser informiert die Präfektur und lokale Ärztekammer – das war’s.

Bevor man beginnt, zeigt einem der Niedergelassene die Praxis und erklärt das –meist vorhandene- Praxis- Computerprogramm (das ist auch das schwierigste). Eine solche Übergabe dauert 1 bis 2 Stunden – französische Allgemeinmedizinpraxen sind einfacher als deutsche- und dann legt man am vorgesehen Tag los. Das Berufsbild der „Arzthelferin“ gibt es in Frankreich nicht; wenn, dann haben Praxen eine Sekretärin, aufgrund der Kosten im allgemeinen nur Gemeinschaftspraxen von 2 oder mehr Ärzten:  Sie kennt natürlich die Patienten, die Räumlichkeiten und Abläufe. Es ist aber auch ohne sie auszukommen.

Man ersetzt den Niedergelassen in jeder Hinsicht: Sprechstunde, Hausbesuch ... macht aber eine „kleinere“ Medizin als dieser, da man natürlich die Medikation „eingestellter“ Patienten nicht modifiziert und bei schwierigeren Fällen zwar eine Diagnostik einleitet, doch ehe die Ergebnisse da sind, die Vertretung meist schon zu Ende ist. Vielleicht ein Drittel sind Rezepterneuerungen, ein Drittel Husten Schnupfen Durchfall und bei einem Drittel der Fälle muß man etwas mehr nachdenken. Bei ernsteren Bildern schickt man die Patienten zum Facharzt oder in die Notaufnahme. Ein Vertreter, der die Patienten weniger gut kennt, überweist häufiger als ein Niedergelassener.

Wie in Frankreich üblich, hat man viel Zeit für die Patienten und  macht weniger technische Untersuchungen. Man behandelt zwischen 15 und 25 Patienten am Tag – mehr als 25 pro Tag ist sehr selten und für hierzulande Stress. Dementsprechend kurz sind die eigentlichen Sprechzeiten: meist etwa 5 Stunden am Tag (etwa 15 Minuten pro Patient), dazu noch etwa 1 bis 2 Stunden Hausbesuche. Dafür muss man recht lange in der Praxis erreichbar sein, zwischen 8:00 und 20:00 oder wenigstens zwischen 8:30 und 19:00. Wenn man weiter weg von der eigenen Wohnung vertritt, kann das lästig werden. Es ist üblich, dass Ärzte auf dem Land dem Vertreter ihre eigene Wohnung zur Verfügung stellen, gratis und mit gefülltem Kühlschrank.

Der Bedarf an Praxisvertretern ist viel größer als das Angebot und die Bezahlung gut: zwischen 60 und 80% der Bruttoeinnahmen, meistens 70% und es wird ein tägliches Minimum von 10 Konsultationen gleich 200.- Euro garantiert (die Patienten bezahlen sofort, meistens eine Pauschale von 20.- € und erhalten es von der Kasse zurück). Vorsicht, darauf sind noch Sozialabgaben, Rentenversicherung und Steuern zu zahlen, und man findet auch nicht für jede Woche des Jahres eine Vertretung – in den Schulferien könnte man vier zur selben Zeit machen, in anderen Jahreszeiten ist der „Markt“ schwieriger.

Bis zur Abschaffung des AiP genügte die deutsche Vollapprobation, um in Frankreich médecin généraliste zu sein und Vertretungen machen zu können. Die neuen Regelungen sind noch nicht völlig klar, aber grundsätzlich kann jeder deutsche Allgemeinmediziner mit zumindest begonnener Weiterbildung in Frankreich als Vertreter tätig werden. Natürlich kann man sich auch gleich niederlassen (Stichworte: völlige Niederlassungsfreiheit, keine Budgetierungen, Kosten für Praxiseinrichtung nur 10- 15 000.- €), aber es ist sehr zu empfehlen, erst einige Jahre zu vertreten, da die Medizinsysteme, die Medikamentennamen, die Diagnosegewohnheiten etc. doch recht verschieden sind. Die französischen Allgemeinmediziner sind auch besser ausgebildet als wir, zumindest zu Beginn ihrer Assistenzarztzeit. Ich sollte als AiP in der Neurologie –auf einer Stelle, die für einen angehenden Allgemeinmediziner vorgesehen war- alleine, ohne Facharzt vor Ort, Nachtdienst in der pädiatrischen Notaufnahme und in der kardiologischen Intensivstation machen ... 

Ein Praxisvertreter ist Freiberufler und muss Buchhaltung, Steuererklärung etc. auf Französisch führen – das will auch gelernt sein. Damit ein solcher beruflicher Neuanfang fern von Ausbeutung,  Reglementierung  und  bürokratischer Gängelung anderen Kollegen leichter fällt, habe ich auf meiner Homepage www.wolfganglindemann.net Informationen zu einem Neubeginn als Arzt in Frankreich zusammengestellt.

  • Wolfgang B. Lindemann
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    WL in einer französischen Arztpraxis !

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