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Der Beste kann aus allen freien Weiterbildungsstellen und -orten frei auswählen, der zweite aus allen minus einer (diejenige, die der erste genommen hat), der hundertste aus den, die die 99 vor ihm nicht genommen haben und so weiter, bis dann die letzten das Nachsehen haben. Es gibt etwa doppelt soviel Kandidaten für die Facharztweiterbildung als Plätze, so daß der Druck hoch ist, möglichst gut abzuschneiden, zumal man ja nicht nur irgendeinen Facharzt machen will, sondern den evtl. seit Jahren gewünschten. Wer will schon Hautarzt werden, wenn ihn die Gynäkologie interessiert ? (und umgekehrt). Die Franzosen nehmen oft ein ganzes zusätzliches Jahr Studium auf sich, um sich anhand von Altfragensammlungen auf diese Auswahlprüfung vorzubereiten - es werden nämlich ähnlich wie bei uns im 2. Staatsexamen alle Fächer abgefragt. Das begünstigt diejenigen, die wohlhabende Eltern haben, und es sich leisten können, ein Jahr ‘dranzuhängen. (Das zu erwähnen ist nicht unwichtig, da das eigentliche Ziel dieser “concours” -die es in allen Bereichen des französischen Lebens gibt- einmal war, Objektivität und Chancengleichheit herzustellen). Ich habe noch nicht einen französischen Kollegen kennengerlent, der dieses System gut findet. Seit 2005 ist nun die Allgemeinmedizin auch als “Facharzt” anerkannt - und das ist zunächsteinmal ein Nachteil für die angehenden Allgemeinmediziner: sie müssen nämlich jetzt auch für den concours pauken. Es gibt zwar genug Stellen für Allgemeinmediziner, aber bisher blieb man in der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner in der Gegend, in der man auch studiert hatte - das ist nun anders. Die Besten können sich den Ort frei auswählen, die Nachfolgenden wählen unter dem, was diese übrig gelassen haben. Da kann es passieren, daß man rasch hunderte Kilometer weit weggeschickt wird. Und um das zu verhindern ... heißt es pauken.
Der zweite wichtigste Unterschied: die Facharztweiterbildung gilt als ein Teil des Studiums (“troisième cycle”) und der Assistenzarzt (“interne”) ist rechtlich noch Student und NICHT ein Arzt. Ein “interne” ist etwas mehr als ein deutscher AiP -besonders gegen Ende der Weiterbildung- und etwas weniger als ein deutscher Assistenzarzt. Ein “interne” ist nicht in der Ärztekammer Mitglied, darf keine eigenen Rezepte ausstellen und nur unter Aufsicht und Verantwortung eines approbierten Arztes arbeiten. Ansonsten sind die Aufgaben und Verantwortlichkeiten ungefähr dieselben ... nur die Rechte des französischen “interne”, besonders des an einer Uniklinik tätigen, sind noch bescheidener. (Bemerkung: “interne” wird NICHT mit “Internist” übersetzt. Es gibt einen interne de cardiologie, interne de dermatologie, interne de chirurgie und auch einen interne de radiologie etc, sogar einen interne de pharmacie (ein Apotheker). Interne heißt auf deutsch Assistenzarzt, mit der obigen Einschränkung). Mehr zum “interne” hier .
Der größte Vorteil dieses Systems ist, daß nach bestandenem concours am Ende des ersten Studienjahres die gesamte weitere Ausbildung gesichert ist: man wird nicht als halbausgebildeter -und damit völlig nutzloser- Mediziner aus der Universität entlassen, sondern beendet das Studium mit einer arbeitsmarktfähigen Qualifikation, und das obendrein noch recht jung. Französische Allgemeinmediziner können mit 26 Jahren fertig sein und sich niederlassen - und sie verstehen sich auf ihr Fachgebiet, da sie nicht soviel Ballast lernen müssen, der für die tägliche Praxis unwichtig ist, z.B. Rektoskopien oder Ultraschalldiagnostik. Das ist nicht zu unterschätzen. Der größte Nachteil dieses Systems ist vor allem bei den Fachärzten sichtbar: die Fachgebiete müssen so kleingehalten werden, daß sie in 4- 5 Jahren erlernt werden können - darüber hinaus ist wirklich niemanden mehr der interne- und damit Studentenstatus zuzumuten. Und -ein ganz gravierender Nachteil- es ist praktisch unmöglich, einen zweiten Facharzt zu machen. Wieviele deutsche Chefärzte gibt es, die Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sind. Oder Arzt für Innere Medizin und Kardiologie. Die Franzosen sind da wesentlich enggleisiger. Und wer einmal Allgemeinmediziner ist, bleibt es auch, er hat kaum eine realistische Möglichkeit, noch Facharzt zu werden (es gibt “Brücken” “passerelles” zwischen der Allgemeinmedizin und einzelnen Fachgebieten, besonders der Psychiatrie, aber die dauern jahrelang, hängen von günstigen Zufällen ab und sind mit bürokratischen Hindernissen gespickt). Wenn ich oben von “nur” Allgemeinmediziner gesprochen habe, so hat das seinen Grund ... ursprünglich -noch bis Anfang der 70er Jahre- war man nach den 6 Jahren Studium Allgemeinmediziner, für die praktische Ausbildung hatte die Zeit als “externe” d.h. die Stationspraktika an den Vormittagen gesorgt. Wer weiterkommen wollte, suchte sich einen Job als “interne”, der zu Anfang von den großen Professoren selber vergeben wurde. Ein Interne war damals -noch bis in die 60er Jahre- eine Art Volontärsarzt, der gegen Kost und Logis im Ärztewohnheim “internat” gratis schuftete. (Mehr zur Institution “Internat” hier und hier). Dann wurde der concours d’internat eingeführt und zugleich eine Assistenzarztzeit für angehende Allgemeinmediziner, die damals “résidanat” genannt wurde und jedem automatisch offenstand, der alle Prüfungen bis einschließlich des 6. Studienjahres geschafft hatte. Natürlich standen die “internes de spécialité” hoch über den “résidants”. Die Ausbildung der Internes findet nur an Unikliniken statt, die Résidants dagegen sind an den übrigen staatlichen Krankenhäusern. Seit den 1990er Jahren verbrachten auch die Résidants ein halbes Jahr an einem Unikrankenhaus, meist in der Notfallaufnahme, wo ihre allgemeine Kompetenz sehr geschätzt wird. Noch bis in Ende der 90er Jahre durften aber die Résidants während ihres halben Jahres am Universitätskrankenhaus Straßburg nicht in der Ärztekantine essen, sondern hatten nur Zutritt zur Kantine der Krankenschwestern. Das liegt ganz auf der Linie “die Klugen werden Facharzt, die Dummen bleiben Allgemeinmediziner”. Mittlerweile wandeln sich aber die Mentalitäten, auch parallel zu der ständigen Verlängerung der Ausbildungszeit der “résidants” und, vor allem, zur Erhebung der Allgemeinmedizin in den Rang eines Fachgebietes (“spécialité”). Als ich 1998 kam, hatte gerade der letzte Jahrgang mit einem nur 2-jährigen Résidanat abgeschlossen, meine französischen Jahrgangskollegen mußten bereits 2 1/2 Jahre Assistent sein und mittlerweile sind es 3 Jahre. Und wie gesagt ist seit 2005 auch der concours für alle verbindlich, d.h. alle Studenten müssen nach dem 6. Studienjahr diesen ablegen und die Stellen für die Weiterbildung in Allgemeinmedizin werden auch nach dem concours vergeben ... und der Allgemeinmediziner auch ein “Facharzt”.
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