Oberregierungsrat a.D. Dipl. Ingenieur Wilhelm Overhoff

Geboren 23.12.1933, verstorben 3. 6. 2008, verheiratet, drei Kinder, 6 Enkel, Diplomingenieur, Tätigkeiten in der Privatwirtschaft, im Öffentlichen Dienst, zuletzt als Dezernent beim Ministerium des Inneren in Brandenburg, etwa 20 Veröffentlichungen in Fachzeitschriften.

Herr Wilhelm Overhoff lebte in Dülmen unweit des Grabes des Seligen Anna- Katharina Emmerick, die er sehr verehrte und war mir über 10 Jahre freundschaftlich verbunden.

Wilhelm Overhoff in seinem Wohnzimmer. Der beste Nachruf ist vielleicht der Hinweis auf sein letztes Buch mit einem Vorwort von Weih- bischof Ziegelbauer: Sie finden hier das Inhalts- verzeichnis und den gesamten Text als pdf.

Sel. Anna-Katharina Emmerick

Herr Overhoff hat mir bereits zwei Leserbriefe geschrieben: Zuschrift 1 und Zuschrift 2 .

Im Frühjahr 2001 hat er in einem Brief an den H.H Domkapitular Buckstegen (Münster) seine tiefe Sorge über die kirchliche Lage ausge- drückt: der Brief.
... und im Herbst 2001 hat er einen dankbaren Brief an einen Mitarbeiter der Studiengemeinschaft “Wort und Wissen” gerichtet:
hier

Lernen Sie das Denken dieses heraus- ragenden katholischen Akademikers besser kennen:

2 Word- Dokumente von ihm als Gratisdownload:

Genuine Irrlehrer in christlichen Medien” 12. 4. 2004 (4 Seiten pdf) hier

Leserbriefe an die Herausgeber des “Fels” und von “Theologisches” vom Frühjahr 2001 betreffend die Evolutionstheorie: hier (pdf)

Ein solches Buch entsteht natürlich nicht von einem Tag zum anderen. Lesen Sie zwei Vorversionen (als Download gratis verfügbar):

Version vom Frühjahr 2000 (24 Seiten): hier

Version vom November 2001 (61 Seiten): hier

Herr Overhoff am Grab der Sel. A.K. Emmerick.

Hier nun der Volltext meiner Rezension des Buches “Ungebundene Beobachtungen zum alten und neuen Zeitgeist”:

(Der Printtext ist hier )

Wilhelm Overhoff „Ungebundene Beobachtungen zum alten und neuen Zeitgeist“ AT Edition Münster 2004 (www.at-edition.de), 246 Seiten   ISBN 3- 89781-072-7  10.90 €     => Inhaltverzeichnis und Leseprobe: hier

Weisheit eines Lebens, so könnte man dieses Büchlein von Wilhelm Overhoff aus Dülmen bei Münster zusammenfassen. Bittere Weisheit; in seiner Jugend sah er blühende kirchliche Landschaften, wo jetzt nur rauchende Ruinen sind.

Bis 85% Sonntagsmeßbesuch in der Hitlerzeit (p. 5), dann Abfall und erneut steigende Kirchenbesucherzahlen bis zu einem Höchststand von 73% 1965 (p. 91f)  – in katholischen Gegenden wie dem Münsterland ging jeder zur Messe: „Wenn jemand seinerzeit seine Sonntagspflicht nicht erfüllte, galt er als Egozentriker, den man doch weitgehend mied“ (p. 1).

In fast jedem katholischen Haus brannte ein rotes Licht vor einer blumengeschmückten Herz- Jesu oder Herz- Marienfigur (p. 164), Gebete wie „Müde bin ich, geh zur Ruh’“ oder zum Schutzengel waren in jeder katholischen Familie üblich und normale katholische Frauen und Mütter selbstverständlich tiefgläubig (p. 105f), Lehrer hielten Schüler zum Besuch der Maiandachten an (p. 73). „(Es) galt trotz Aufklärung, Freimaurertum, Nationalsozialismus und Marxismus im großen und ganzen Gott als Schöpfer des Lebens. Seine Gebote wurden auch weitgehend gehalten, z.B. ‚Gedenke, dass du den Sabbat heiligst. Du sollst nicht die Ehe brechen.“  (p. 91f) und man stand Schlange vor den Beichtstühlen (p. 154) - Ebenso in anderen katholischen Gegenden wie dem Elsaß (p. 234).

Wilhelm Overhoff (Jahrgang 1933) ist Diplomingenieur, war zuletzt Dezernent im Innenministerium in Brandenburg und ist den Lesern von „Theologisches“ vielleicht durch seine Leserbriefe u.a. in der „Tagespost“ oder seine Tätigkeit im IK Münster bekannt.

                 

Am Grab der Seligen Anna Katharina Emmerick  lebend (p. 245) will Overhoff Ursachen der Krise verstehen und Heilmittel vorschlagen. 2 Leitmotive durchziehen das Buch:

1. „Die Evolutionstheorie ist die Ursache der Zerstörung“. Lassen wir den Autor selber sprechen: „Damals gab es nur ein Fernsehprogramm. Beliebt waren nicht zuletzt die naturkundlichen Sendungen an Sonntagnachmittagen. Weil alles so neu war, saß die Nation zu dieser Zeit vor dem Fernsehgerät. Hier wurden immer wieder die genialen Leistungen des Schöpfers herausgestellt, bis es dann zu einem verhängnisvollen Paradigmenwechsel kam durch die einseitige und ausschließliche Verbreitung der Philosophie des Evolutionismus durch den gottlosen Prof. Haber. Der bisher geglaubte Schöpfergott wurde nun lupenrein verschwiegen, alles mechanisch durch Zufallsmutation und Selektion gedeutet und erklärt. Nach Abschluß dieser langen Sendereihe wußten alle Bescheid. Nicht von Gott, aus dem Urschlamm (Ursuppe) war der Mensch hervorgekrochen. Es begann die Zeit des anderen Denkens, auch in der Kirche. Nicht mehr Thomas, sondern Darwin, Heidegger und vor allem der Atheistenpapst Sigmund Freud bekamen in theologischen Fakultäten und Priesterseminaren den Status von Kirchenlehrern, weil man sie im Besitz unwiderlegbarer naturwissenschaftlicher Wahrheiten glaubte. Karl Rahner vollzog die hoministische Wende. Kirchliche Büchereien (ich selbst habe zeitweise eine geleitet) wurden vom vermeintlich alten Gedankengut entstaubt und durch Werke vorwiegend psychoanalytischen Inhaltes ersetzt. Vom selben Geist war auch die seinerseits noch sehr bedeutende kirchliche Bildungsarbeit durchdrungen. Heute zählen die damals geprägten Jugendlichen schon zur Generation der Großeltern.

Im November 2002 wurde in Bonn die Ausstellung „Geschichte des Sonntags“ gezeigt. Die Kurve der sonntäglichen Gottesdienstbesucher stieg bis Mitte der sechziger Jahre steil an, stagnierte kurz um dann wohl nicht zufällig wenige Jahre später umso steiler abzufallen. Nach FOCUS 16/ 2004 gingen vor 40 Jahren 73% der Katholiken noch regelmäßig in die Kirche, heute nur noch 10% mit absteigender Tendenz. Oft wird angenommen, die Ursache liege im Wohlstand nach dem Motto „ein voller Bauch studiert nicht gern“, was insofern nicht stimmen kann, als zur Zeit steigender Kirchenbesucherzahlen die Not schon längst behoben war. Allseits durchdrungen vom evolutionistisch Denken (sic) kann heute die wahre Ursache des Abfalls nicht mehr begriffen werden.“ (p. 91f):

Wo ist der innere Zusammenhang zwischen Evolutionstheorie und Glaubensabfall ? Overhoff würde wohl folgendes antworten:

Zum einen wird der Schöpfergott wenn nicht abgeschafft, doch in eine nebelhafte Ferne verschoben: die Welt wird ohne Gott erklärbar, auch wenn natürlich am Beginn des Universums im „Urknall“ nach wie vor ein Schöpfer stehen kann ... kann – aber nicht muß. Overhoff schreibt „Das Wegreißen der wichtigsten Stütze, den Glauben an den alleinigen Schöpfer der Himmels und der Erde durch den geistlosen Evolutionismus, ist verantwortlich für den Zusammenbruch der christlichen Glaubenswelt in den vergangenen Jahrzehnten, ja, es ist die Gefahr für den Menschen schlechthin“ (p. 75, ähnlich p. 147, p. 151 u.a. )

Wenn der Schöpfergott fällt – und es genügt, wenn seine Relevanz im allgemeinen Bewußtsein ausfällt, mag er auch theoretisch weiterhin denkbar sein- so fällt auch die Schöpfungsordnung, die Erschaffung des Menschen aus Leib und Geistseele, der Sündenfall, die Erbsünde und schließlich die Notwendigkeit der Erlösung durch Jesus Christus. (p. 216, p. 145, p. 150 u.a.).

Verwundert es also, daß 94% der Niederländischen Pastoralhelfer(innen) nicht an die Gottheit Jesu Christi glauben ? (p. 68).

Und schließlich wird im evolutionären Kontext ein relevanter Teil der biblischen Zeugnisse unhaltbar, auch des Neuen Testamentes, z.B. Jesu oder Petrus’ und Paulus’ Bezugnahme auf Noah und die Sintflut als historische Ereignisse (Mt 24, 38f, 2 Petr 2, 5, Heb 11, 7) ... und ist einmal die Wahrheit der Bibel in einem Bereich in Frage gestellt, so wird jedem Zweifel an der biblischen Überlieferung die Tür geöffnet – und genau das sehen wir ja in der modernen historisch- kritischen Exegese, für die Overhoff Beispiele gibt (pp 146, 184f, 216, 223 u.a.).

Folgerichtig gibt Overhoff allerorten Argumente gegen die Evolutionstheorie, fachlich- naturwissenschaftliche wie, gelegentlich, philosophische, die Kapitel 19-21, 27+28 sind besonders der Evolutionskritik gewidmet. Seiner ingenieurwissenschaftlichen Vorbildung entsprechend liefert er vor allem Wahrscheinlichkeitsabschätzungen: wie wahrscheinlich ist die zufällige Entstehung dieser oder jener biologischen Struktur und die Möglichkeit einer schrittweisen Entstehung, wie von der Evolutionstheorie gefordert. Überflüssig zu sagen, daß er durchweg zu dem Schluß kommt, das sei beim jeweiligen Beispiel unmöglich – man vergesse nicht, daß ein Ingenieur per definitionem ein Konstrukteur ist und darum vielleicht besser als andere Berufsgruppen um die immensen Schwierigkeiten des „Schaffens“ weiß. 

Overhoff kennt die geläufige deutschsprachige evolutionskritische Literatur, vor allem die der Studiengemeinschaft Wort und Wissen1,  und erörtert den Unterschied von Mikroevolution (Anpassung im Rahmen der Variation eines vorhandenen Erbgutes) und Makroevolution (Anpassung durch hypothetische Entstehung neuen Erbgutes) sowie das Grundtypkonzept: die heutigen biologischen Arten sind nicht die geschaffenen Arten –offenbar nicht, ist doch in historischer Zeit vielfach die Entstehung neuer biologischer Arten beobachtet worden- sondern größere taxonomische Einheiten, meist zwischen Gattung und Familie, z.B. die Hundeartigen, die Pferdeartigen etc., aus denen sich die heutigen biologischen Arten durch Anpassung und Spezialisierung vorhandenen Erbgutes entwickelt haben, z.B. Wolf, Fuchs und Kojote bei den Hundeartigen oder Pferd, Esel und Zebra bei den Pferdeartigen. Arten innerhalb eines Grundtyps sind grundsätzlich miteinander kreuzbar, über Grundtypgrenzen hinweg nicht.

Ist die Evolutionstheorie wirklich die zentrale Ursache für die Apostasie ? Fern sei es dem Schreiber dieses, die Wirkung der Evolutionstheorie unterschätzen zu wollen. Wenn er trotzdem diese Aussage nicht vorbehaltlos unterschreiben würde, dann nur aus dem Grunde, daß Ursachen für soziopsychologische Phänomene grundsätzlich methodisch schwer zu ermitteln sind – und wohl meist multifaktoriell sind, auch wenn sicherlich eine Ursache dominieren kann. War der Vertrag von Versailles Ursache für den Aufstieg Hitlers, oder die Weltwirtschaftskrise, oder das „Vakuum“ nach dem Sturz der deutschen Monarchien ? Das ist schwer zu sagen, und ähnlich schwer dürften die sozialpsychologischen Ursachen der heutigen kirchlichen Lage zu ermitteln sein. Daß die Evolutionstheorie eine wesentliche Rolle spielt, steht natürlich außer Frage.

Das zweite Leitmotiv des Buches ist die Widerlegung des heutigen Relativismus und der Allerlösungslehre von einem moralischen Standpunkt aus:

Overhoff geht dabei weit zurück, an die Wurzeln der heutigen Lage: die „Reformation“ und die Rechtfertigungslehre Luthers: dessen Irrlehre „sündige fest, glaube nur fester“ gab vielen Fürsten seiner Zeit –die für die Ausbreitung des Protestantismus so wichtig wurden- ein reines Gewissen, alles mögliche Üble zu tun, wie er in Kapitel 7 ausführt: Man lese dort auch die von Overhoff zitierten Aufrufe Luthers zu Mord und Raub gegen Bauern und Juden.

„Als er (Luther WL) jedenfalls, wohl aus seinem Lebenswandel ableitend, verkündete „Die Frau möge sich je nach Umständen auch einen anderen halten. Also tut der Mann minder“, schrieb ihm Herzog Georg von Sachsen: „Mein Luther, behalte Du dein Evangelium, das unter der Bank hervorgezogen ist, wir wollen bei dem Evangelium Christi bleiben“ (p. 51).

Wer wird die Kinder erziehen, die aus solchen Verbindungen unweigerlich entstehen ? Es ist einfach nur absurd, daß jemand, der solche üblen Dinge tut, in den Himmel kommt, wenn er nur „fest glaubt“ – was ist das überhaupt für ein „Glaube“, der mit so einem Verhalten einhergehen könnte ! Und noch absurder ist es, welches Ansehen Luther genießt ... und wie systematisch dieser „dunkle“ Teil seiner Person und Ideologie übersehen wird.

Folgerichtig sieht Overhoff eine Linie von Luther über Hegel und Darwin zum Atheismus, z.B. durch die moderne, im protestantischen Milieu entstandene Bibeltheologie (Kap. 8).

Die Evolutionstheorie ist dann gewissermaßen der Schlußstein: „Das Böse umfasst aber in jedem Falle bei Mensch und Tier auch das „Recht des Stärkeren“. Begriffe wie Moral oder gar Sünde kommen im Vokabular des Evolutionismus nicht vor. Evolution wird nach dem Evolutionsglauben nur durch die vorzugsweise Vermehrung der durch Zufall komplexer bzw. intelligenter gewordenen Gene bewirkt. Jedes Mittel, das angeblich diesem Zweck dient, selbst Betrug, Mord, Lüge, Verführung, Ehebruch, Übervorteilung und alle nur denkbaren Übel sollen erforderlichenfalls eingesetzt werden, um den von der Vermehrung auszuschließen, dem (sic) der vermeintliche Evolutionssprung nicht beglückt hat. Sünde ist auch für den theistischen Evolutionisten ein überholter Begriff. Denn entweder ist sie als willkommener Evolutionsfaktor zu begrüßen, oder ein Rudiment aus der Phylogenese, das niemand, am wenigsten der Mensch zu verantworten hat“ (p. 154).

Kann man klarer sagen, daß die Evolutionstheorie eben nicht gleichgültig für die katholische Religion ist ... und daß der ethische Relativismus „jeder handelt nach seinem autonomen Gewissen“ unmenschlich, gemein und grausam ist ?

Und umgekehrt hindern moralische Verfehlungen –Sünde- die Annahme des Schöpfers, des Glaubens: p. 227 „... ist es meist die Moral, die Christus und vor allem seinen Geboten keine Geltung zukommen läßt.“

Ein Zitat von Sir Arthur Keith auf p. 95 „Die Evolution ist unbewiesen. Wir glauben aber daran, weil die einzige Alternative dazu der Schöpfungsakt eins (sic) Gottes ist, und das ist undenkbar“.

Dagegen steht das Pauluswort „Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Habgierige, keine Trinker, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes erben“ von Papst Johannes Paul II. in der Generalaudienz am 6. 12. 2000 ausgelegt. (p. 163). Warum ? Nun, wenn ein Mensch, der sich so verhält, in den Himmel kommen könnte, ohne zuvor bekehrt zu sein, dann würde er sich ja im Himmel weiter so verhalten wollen – und dann wäre der Himmel ganz schnell kein Himmel mehr, sondern bestenfalls eine zweite Erde. Irgendwann aber müssen die Gerechten doch Ruhe finden dürfen – Gott muß sie schützen, indem Er eben nicht jeden in den Himmel läßt !

Overhoff hat verstanden, warum die Evangelien Jesu Macht berichten: „Wunder und Zeichen haben eine Funktion vergleichbar der notariellen Beglaubigung. Beglaubigt wird primär die Botschaft Christi, nämlich dass Gott lebt, alles sieht, hört und kann.“ (p. 199f). Deswegen geschehen auch heute Privatoffenbarungen und Wunder, wie in Fatima oder die Charismen des Hl. Pater Pio (Kapitel 31 und 32)

Krasser Gegensatz sind  Leute wie Kardinal Kasper: „Wahrheit und Dogmen sind kein starren Größen“ (p. 35) oder des Lehmann-Lehrers Rahner, nach dem Christus nicht der Erlöser ist (p. 147ff) O-Ton Rahner „Ein neu aus dem sogenannten Neuheidentum gewonnener Christ bedeutet mehr als wenn wir zehn Altchristen noch halten. Waren die Christen vor Rahner wirklich so wertlos ? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen !“ (p. 241).

Kardinal Lehmann teilt, nach eigener Aussage, alle wesentlichen Aussagen des „lieben Hans“ (Hans Küng) – was er auf dem Katholikentag 2004 öffentlich so sagte (p. 33f).

Die kirchliche Krise betrifft auch Rom z.B. die vatikanische Sternwarte „So schrieb (2000) der Direktor der vatikanischen Sternwarte im L’Osservatore Romano, Coyne, dem Modetrend einer positivistischen Wissenschaft folgend, dass ein allmächtiger und allwissender Gott nicht mehr dem heutigen Wissensstand entspricht“ (p. 23).

Overhoff vergleicht nicht Johannes Paul II. mit unwürdigen Renaissancepäpsten wie Alexander VI. oder Innozenz VIII. (die er auf p. 50 warnend zitiert), aber ist nicht blind für Abweichungen des aktuellen Lehramtes von Bibel und katholischer Tradition, so zitiert er die Ansprache von Papst Johannes Paul II. vom 1. 11. 1996 an die Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften:  „Evolution ist mehr als eine Hypothese“.  Ein Manfred Eigen ist Mitglied dieser Akademie, der u.a. gesagt hat „Die Molekularbiologie hat dem Schöpfungsmystizismus ein Ende gesetzt. Sie hat vollendet, was Galilei begann“ (p. 68f).

„Es ist aber auch eine Anfrage an die derzeitige Kirchenleitung, nicht selbst zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben, durch Annahme der Evolutionstheorie (Nr. 33.), durch die zumindest nach außen erscheinenden synkretischen Vorgänge von Assisi oder jüngst in Aachen mit den Verstößen gegen das erste Gebot ...“ (p. 245). Tröstlich dagegen ist die an dieser Stelle zitierte Vision der Seligen Anna Katharina Emmerick über die großenteils abgebrochene Peterskirche, die wieder aufgebaut werden wird, denn die festen Grundsteine hatten die Abbrechenden nicht erschüttern können.

Die Krise der Kirche ist so immens –was sich an den bloßen Zahlen des Glaubensabfalls ausdrückt- daß selbst ein Wilhelm Overhoff sie nur schwer in ihrem ganzen Ausmaß erfaßt: Er verweist auf Dei Verbum des II. Vatikanums „Denn was die Apostel nach Christi Gebot immer und überall gepredigt haben, das haben später unter dem Anhauch des göttlichen Geistes sie selbst und apostolische Männer uns als Fundament des Glaubens schriftlich überliefert, nämlich das viergestaltige Evangelium nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes“ (p. 234) ... ohne daß ihm die Schwächen dieses Textes, der auf den ersten Blick gut klingt, bewußt sind, die in einem Vergleich mit dem ursprünglich Schema der Vorbereitungskommission aber sofort deutlich werden: „Hier hieß es nämlich: ' (...) die Kirche hielt beständig fest, so wie sie es auch heute noch tut, daß sie als menschliche Autoren jene Männer haben, deren Namen im Kanon der hl. Bücher stehen, nämlich Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, der Lieblingsjünger des Herrn'. Der endgültige Text hält also nur noch am apostolischen Ursprung explizit fest, nicht aber daran, daß die traditionell genannten Apostel bzw. Apostelschüler auch die wahren Autoren sind, denn die Worte (...) können auch so ausgelegt werden, als seien hier einfach die Namen der Evangelien, nicht unbedingt aber die wahren Verfasser genannt.“2

Jedenfalls referiert Overhoff zutreffend die wichtigsten Argumente für die Frühdatierung und historische Wahrheit der Evangelien, z.B. in den Kapiteln 30, 35 und 36.

 Mehr Belege für berichtete Fakten wären wichtig – nicht weil der Autor unglaubwürdig wäre, sondern weil sie so mehr Gewicht bekämen: Daß ein Caritas-Direkter 750 000.- DM Jahresgehalt haben soll, ist skandalös (p. 74) oder daß nach einer Umfrage an 1000 Studenten der Päpstlichen Universität Gregoriana die Hälfte von ihnen den Häretiker Karl Rahner für den größten Theologen aller Zeiten hält, weit vor Thomas von Aquin (p. 147).

Es hat mich sehr erschreckt, daß „schon seit Jahren Wissenschaftler an der New Yorker Cornell- Universität mit bisher schon beachtlichen Erfolgen an einer künstlichen Gebärmutter (basteln), einer Muttermaschine, die eines Tages menschliche Embryonen als Rohlinge mit unterschiedlichem Verwendungszweck herstellen soll“ (p. 111) und ich würde mir darum einen Beleg wünschen, genauso wie für p. 109 „Kurt Schumacher ... schärfster Kontrahent Adenauers ... nannte die Kirche die fünfte Besatzungsmacht, was im damaligen Deutschland ein vernichtendes Urteil war.“

Texte und Fakten, die ich kenne, sind allerdings -ohne Quellenangabe- richtig zitiert, so daß man wohl grundsätzlich von der Richtigkeit der nicht-belegten Angaben ausgehen kann: „Der Neandertaler, hypothetisch in unsere (sic) Computerzeitalter versetzt, würde sich vielleicht als der bessere Intelligenzler erweisen“ (p. 87), aber nicht jeder ist mit diesem Topos evolutionskritischer Literatur vertraut. Ebenso das evolutionskritische Zitat aus einem Vortrag von Kardinal Ratzinger an der Sorbonne (p. 215), das die Vertrautheit des Kardinals mit der gängigen evolutionskritischen Literatur der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“ zeigt.

Belegen zwingt zu genauem Recherchieren ... und würde vielleicht kleine Ungenauigkeiten vermieden haben:  Der Ort der Vendée/ Westfrankreich, an dem am 28. 2. 1794 die Revolutionstruppen des Generals Cordellier eines (von vielen !) Massakern verübten, heißt Les Lucs-sur-Boulogne, 110 der 564 dort Ermordeten waren Kinder unter 8 (nicht 7) Jahren, allerdings kamen einige auch durch Erschießen oder Erstechen zu Tode, wie der Hw. H. Pfarrer, der den Truppen entgegenging in der irrigen Hoffnung, parlementieren zu können. Heute ist im Ort, 40 km südlich von Nantes, eine Gedenkstätte mit Mahnmal, die auf Betreiben von Philippe de Villiers, einer der wenigen katholischen Politiker Frankreichs (einer seiner Töchter ist Schwester bei von der Petrusbruderschaft betreuten Altritus- Dominikanerinnen vom Heiligen Geist mit dem Mutterhaus in Pontcalec) und eine der großen Hoffnungen für dieses gottlose Land, errichtet und im September 1993 von Alexander Solschenyzin eingeweiht wurde

In meiner Heimatstadt Hamburg durften meines Wissens immer schon Katholiken wohnen –erst Recht 1900, auch wenn es auf p. 51 anders steht – das wäre in einer Stadt des internationalen Seehandels auch wohl kaum anders möglich gewesen. Allerdings durften bis zur Besetzung der Stadt durch Napoleon 1805 keine katholischen Gottesdienste in Hamburg gefeiert werden ... außer in den exterritorialen Kapellen diplomatischer Gesandtschaften katholischer Staaten, von denen einige wie das Großherzogtum Toskana zur Zeit des Sel. Niels Stensen nur zu diesem Zwecke ein Konsulat in Hamburg unterhielten.

Der Ausdruck „Missing link“ steht regelmäßig auch da im Singular, wo der Plural gefordert wäre  (z.B. p. 135 oder p. 139), das erweckt den unberechtigten Eindruck, der Autor verstünde kein Englisch ... Leider bestehen ungewöhnlich viele Druckfehler; das Lektorat war offenbar nicht das beste und die Verwendung der neuen Rechtschreibung wird Patrioten betrüben. Aber das sind Nebensächlichkeiten.

Herr Overhoff hat ein sehr kenntnisreiches Buch verfaßt, das die trübe kirchliche Lage besser verstehen hilft und dem weite Verbreitung zu wünschen ist.

Wolfgang B. Lindemann

Anmerkungen

 

1 www.wort-und.wissen.de 

2  Matthias Gaudron, "Die Entstehung der Evangelien. Das Kindheitsevangelium nach Lukas", Edition Kirchliche Umschau 2003, 214 S., ISBN 3-934692-19-2   p. 31f   Eine Rezension dieses Buches von mir in Theologisches findet sich hier

 

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