Ein Pfarrer hat mir eine kritische (aber wie ich finde, unberechtigte, siehe dazu meine Antwort unten) Zuschrift auf meinen Artikel über Karl Rahner gesandt:
Immerhin scheint er meine Antwort akzeptieren zu können - ich habe nämlich 10/ 2005 erneut eine diesmal weniger kritische Leserzuschrift von ihm erhalten:
hier

dimanche 9 mai 2004

Hochwürdiger Herr Pfarrer Dr. E   ,

 

vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 28. 4. 2004 zu meinem Artikel „Karl Rahner und die Evolutionstheorie“ in der aktuellen Ausgabe von „Theologisches“.

Ich habe in der Tat mit Widerspruch zu den von Ihnen „angemahnten“ Sätzen gerechnet und sie daher auch mit einer Literaturangabe belegt. Den fraglichen Artikel von Dr. Berger, auf den ich mich beziehe, füge ich in Anlage bei, damit die Diskussion mit einem fundamentum in re geführt werden kann. (Die entscheidenden Passagen sind in der Kopie markiert).

Im einzelnen: wenn ich dem Studenten und schon Ordensmann unreif-flegelhaftes Verhalten vorwerfe, so meine ich damit natürlich ein Verhalten, das über das hinausgeht, was bei jungen und weniger jungen Leuten aller Couleur normal ist, d.h. gelegentliche Späße, Albernheiten etc oder eine Unsicherheit über die eigene Berufung und was der Dinge mehr sind. Und das ist bei Rahner nach den von Dr. Berger angeführten Beispielen eindeutig der Fall, zumal man bei einem Ordensmann sicherlich einen etwas höheren Maßstab als Normalität anlegen darf und sich daher Rahner’s Verhalten noch stärker ins negative kontrastiert. Ich kenne Seminaristen aus traditionellen Seminaren und kann guten Gewissens sagen, daß ein solches Verhalten wie das Rahner’s bei ihnen undenkbar ist, weniger wegen der Seminardisziplin, sondern einfach, weil ein Christ, mag er auch noch jünger sein, bestimmte Formen der Höflichkeit und des Respektes sowie der Bescheidenheit einhält, wenn er auch nur einigermaßen ernsthaft Christ ist.

Allerdings gebe ich zu, daß die Zusammenfassung der von Dr. Berger beschriebenen Verhaltensweisen Rahner’s unter dem „Etikett“ „unreif-flegelhaft“ möglicherweise suboptimal ist. Aus Platzgründen konnte ich nicht die Fakten selber schildern und habe dann lange nach einem Ausdruck gesucht, der dies zutreffen wiedergibt um auf „unreif-flegelhaft“ zu verfallen, den ich vor allem deswegen gewählt habe, weil er immer noch eine gewisse Entschuldbarkeit impliziert (auf die Sie in Ihrem Anschreiben ja etwas einseitig anspielen): ein junger Student, der sich über einen Professor erhaben dünkt und dies auf spöttische Weise zum Ausdruck bringt, ist sicherlich kein Heiliger, aber auch noch kein Todsünder: zutreffender wäre es wahrscheinlich gewesen, zu schreiben „beleidigendes Benehmen“ – aber das hätte, wie gesagt, die implizite Exkulpierung nicht ermöglicht.

Des weiteren argumenterien Sie, daß der Charakter eines Menschen im wesentlichen sehr früh festgelegt sei und sich daher nicht wandeln könne. In der Psychiatrie –ich bin zur Zeit Assistenzarzt in der Psychiatrie- würden wir das „Persönlichkeitsstruktur“ nennen, Christa Meves hat in ihrem Buch „Charaktertypen – Wer paßt zu wem“ eine recht brauchbare popularisierte Form der Lehre von den Persönlichkeitsstrukturen vorgelegt, angewendet auf die Bedürfnisse der Eheberatung. Und in der Tat ist diese psychische Struktur schon im Säuglingsalter deutlich angelegt, wie der „Altmeister“ der Humanethologie Irenäus Eibl- Eibesfeldt, ein Schüler von Konrad Lorenz, festhält, in seinem Standardwerk „Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie“ 3. überarbeitete Auflage 1997 (leider habe ich so rasch nicht die Seite gefunden, ich weiß, daß ich das dort vor einem Jahr gelesen habe).

Nach dem gesagten ist es sicherlich offensichtlich, daß ich mich mit meiner Äußerung, Rahner habe sich nie entscheidend gewandelt, nicht auf den „unwandelbaren“ Anteil des Menschen Rahner beziehen werde. Tatsache ist aber, daß wir, vor allem aus der Offenbarung, wissen, daß der Mensch aus natürlichem Leib und übernatürlicher Geistseele zusammengesetzt ist. Die Persönlichkeitsstruktur gehört dabei als Leistung des Zentralnervensystems selbstverständlich zum Bereich des Leibes.

Ich hoffe schon, daß ich mit den Schwächen und Fehlern anderer nachsichtig umgehe – sonst könnte ich sicherlich nicht täglich Alkohol- und Drogenabhängige und andere Patienten mit Störungen, die auch eine „moralische Komponente“ haben, behandeln. Bei Rahner sind die Verhältnisse aber ganz besondere: wie das Editorial von Dr. Berger ausführt, wird dieser Häretiker in einem unglaublichen Male glorifiziert, sowohl bezüglich seiner häretischen Theologie, als auch als Mensch. In der erweiterten Online-Version des Editorials (auf der Homepage von „Theologisches“ einsehbar) berichtet Berger, daß beispielsweise vom Jesuitenorden ein Rahnerwein vertrieben wird und ein Poster, gedacht es bei „Gottesdiensten“ (katholische Messen feiern diese Leute ja schon lange nicht mehr ... glücklicherweise, muß man in diesem Falle sagen) an die Wand zu hängen. Da ist es doch sicherlich legitim und vor allem außerordentlich nützlich für das Heil der Seelen, der übernatürlichen Geistseelen der Leser, einmal die wahre Persönlichkeit dieses angeblichen „Kirchenlehrers der dritten kirchengeschichtlichen Epoche“ zu unterstreichen. Jesus Christus warnt uns vor den falschen Propheten. Das ist etwa so, wie die Presse das Recht hat, über Personen des öffentlichen Lebens Dinge zu schreiben, die sie über Privatleute nicht schreiben dürfte. 

Mir scheint, daß die Formulierung „Menschen wandeln sich“ auch in der Umgangssprache existiert und da gerade auf den –glücklicherweise existierenden- wandelbaren Teil unseres Menschseins abzielt, vor allem auf den, für den unsere Geistseele verantwortlich zeichnet. Wenn zum Beispiel ein notorischer Ehebrecher –das gibt es- plötzlich zu Gott findet und dann seiner Frau treu bleibt. Oder ein Spötter und Atheist zum frommen Katholiken wird. Oder ein überzeugter Nazi nach dem Krieg zum Glauben an Jesus Christus fand. In diesen Fällen bleiben natürlich Charakter und Temperament dasselbe, aber der Mensch ist trotzdem gewandelt ... Sie werden die Bibel kennen, so kann ich es mir ersparen, Ihnen biblische Belege z.B. aus den Paulusbriefen anzuführen.

Mir scheint ebenfalls Ihr Rechtfertigungsansatz für das Verhältnis von Rahner zu Frau Rinser nicht suffizient zu sein. Abgesehen davon, daß etwas psychoanalytisch-psychodynamisch angehauchte Erklärungsmodelle für ein Verhalten immer hochspekulativ und damit fraglich sind –und noch fraglicher, wenn sie wie es in der säkularen Psychologie aufgrund des methodischen Atheismus üblich ist, die Existenz der Geistseele, der Gnade, der Willensfreiheit uws. à priori ignorieren- scheint mir Ihre Erklärung nicht tragfähig: Rahner hat doch an normalen Universitäten studiert, promoviert und doziert und in der Seelsorge gearbeitet. Da ist er doch auch mit Frauen in Berührung gekommen. Und sicherlich doch auch in der eigenen Familie mit seinen Schwestern bzw. Nichten. Ob sein Verhalten nicht aus einer sündhaften Haltung kam, die ich hier –um nun doch nicht allzusehr persönlich anzugreifen- lieber nicht näher bezeichnen möchte, aber die jedenfalls nichts damit zu tun hat, daß ihn das „Phänomen Frau“ außerordentlich „verwirrt“ hätte ? Jesuiten sind keine so reine „Männergesellschaft“ wie klausurierte Bendektiner o.ä. sondern ein Orden mit einem wahren Minimum an Gemeinschaftsleben. Tragisch ist das sicherlich, aber nicht in dem von Ihnen angedeuteten Sinne ... Bitte lesen Sie nach, was Dr. Berger über das Verhältnis Rahner- Rinser berichtet – da ist “lasziv” sicher angemessen und nur eine gewähltere Bezeichnung als „unrein“ oder schlimmeres.

Zu Luise Rinser: Dr. Berger apostrophiert sie im selben Editorial als „zweifelhafte Schriftstellerin“, so weit wollte ich nicht gehen und mich auf Rahner beschränken. Was Sie über Frau Rinser schreiben, bestätigt aber eigentlich diese Apostrophierung und Ihre Erklärung „so war sie eben“ scheint mir da zu sehr Resignation zu sein. Jeder ist zu Keuschheit und Reinheit gerufen, auch eine geschiedene Schriftstellerin. Die „Weiblichkeit“ gegenüber Männern in Koketterie und Flirt zu instrumentalisieren ist eine Form von Unwahrhaftigkeit und in den nicht seltenen Fällen, wo der angezielte Mann das nicht als „Spiel“ erkennt, sehr rasch eine Form von Gewalt die in ihrer Schwere ohne weiteres vergleichbar ist, wenn ein Mann seine größere Körperkraft ausnützend eine Frau brutal zusammenschlägt, so daß sie einige Tage arbeitsunfähig ist.

Ich will Ihnen gerne glauben, daß Sie als Pfarrer in der aktuellen deutschen Kirche nur selten Bekehrungen sehen und um so mehr alle Arten von Glaubensferne und moralischem Fehlverhalten. Ich denke, da ist die Versuchung groß, die eigenen „inneren“ Normen was richtig und gut –katholisch- ist anzupassen, herabzusetzen. Das geht uns Laien ja nicht anders und was mich betrifft, habe ich vor 8 Jahren die Konsequenz gezogen und mich der katholischen Tradition angeschlossen und erst dort wirkliche katholische Normalität –die in einer normalen Gemeinde bis zum Konzil wirklich „Standard“ war und deren wirkliche Norm die Kirchenväter und Heiligen sind- gefunden und davon ungeheuerlich menschlich wie geistlich profitiert, auch wenn die Gemeinden der katholischen Tradition sicher insgesamt nur ein Notbehelf sind.

Sie bezeichnen sich selber als „Seelsorger“, was Sie als Pfarrer ja auch sind. Sie definieren das Wort nicht weiter, aber ich möchte versuchen, anhand des Bedeutungswandels dieses Wortes noch einmal zu zeigen, was ich mit den obigen Ausführungen meine. Ich betone, daß ich Ihnen kein bestimmtes Verständnis des Wortes „Seelsorger“ unterstelle – Sie haben sich ja nicht weiter geäußert. Es ist nur so, daß die Bedeutungsverschiedenheit desselben Wortes „Seelsorger“ sehr gut meine Ausführungen illustriert:

Unsere Mainstream- Gegenwartskultur weiß nichts von einer unsterblichen Geistseele und identifiziert stattdessen die „Psyche“, d.h. alle höheren Leistungen unseres Gehirns wie Emotionen, Gedächtnis, Vorlieben usw. mit „Seele“. Eine Krankheit hat „seelische“ Ursachen, wenn sie z.B. Folge von Ängsten oder unverarbeiteten Konflikten ist. Ein „Seelsorger“ in diesem Kontext ist eine Art Psychotherapeut- Psychologe, der sich um das menschliche Wohlergehen bemüht, zu dem auch religiös anmutende Handlungen gehören mögen.

Als Christ rechne ich all dies zum leiblichen Teil des Menschen, der zudem noch eine unsterbliche, übernatürliche Geistseele besitzt, die, nebenbei bemerkt, nicht erkranken kann. Die „Krankheiten“ der Geistseele sind die Sünde und der Irrtum. Der Tod der Geistseele ist der Stand der Todsünde, in dem nach menschlichen Ermessen ein großer Teil unserer Zeitgenossen ist, und was immer die entscheidende Motivation für christliche Mission war: zwar hat jeder Mensch die Möglichkeit, Gott und das natürliche Sittengesetz zu erkennen und auch die erforderlichen Gnaden dafür, aber in der Realität verfehlen unzählige Menschen dieses Ziel. Und Gott hat in Jesus Christus eine weitere, zusätzliche Chance für jeden einzelnen Menschen gegeben, Ihn zu finden und nach Seinem Willen zu leben. Es ist unvergleichlich leichter, das natürliche Sittengesetz einzuhalten, wenn man um die Liebe Jesu zu uns weiß und daß uns Auferstehung und ewiges Leben erwarten. Den Zustand der Seele im Stande der Todsünde hat sehr schön Theresa von Avila in ihrer „Seelenburg“ beschrieben ... und eigentliche Aufgabe des priesterlichen Seelsorgers ist eben dieser „Übergang“ vom Tod zum Leben der Seele, die Seele aus dem Stand der Todsünde in den Stand der Gnade zu führen. Und ihr zu helfen, im Stand der Gnade zu verharren und zu wachsen. Da der Mensch aus Leib und Seele besteht, ist dafür natürlich eine Sorge um den ganzen Menschen, auch dessen leiblichen Teil, zu dem die wie oben definierte Psyche gehört, nötig. In vielen Bereichen läßt sich das auch nicht genau trennen, ein schönes Beispiel ist die Suchttherapie: wir Ärzte kommen von der medizinisch-leiblichen Seite indem wir beispielsweise im akuten Entzug entspannende Medikamente geben und später z.B. Medikamente, die die „Lust“ auf Alkohol oder Tabak dämpfen und dabei doch wissen, daß noch wichtiger Motivation und Lebensperspektive des Patienten sind. Und der Priester wird eher von der Liebe Gottes auch zum Alkoholiker reden, von der Kraft, die Gebet und Sakramente geben, wird im Bußsakrament eine auch moralische Revision des Lebens versuchen. Beides gehört dazu, idealerweise.

Es mag Ihnen hart und unangemessen vorkommen, wenn ich so kurzerhand schreibe, daß viele Menschen im Stande der Todsünde leben und infolgedessen verlorengehen werden, es sei denn, sie ändern sich ... zumal wir in einer Zeit leben, in der eine neue Häresie die Runde macht, die „Allerlösungslehre“ („rédemption universelle“ auf Französisch = alle kommen in den Himmel, da ja Gott so barmherzig ist). Nun, nach einem Jahr in der Psychiatrie habe ich derart viel schreckliches gesehen, moralisch schreckliches, wohl gemerkt: Jeder Mensch, ob er Christus kennt oder nicht, ist gehalten zu wissen, daß er nicht das Recht hat, seine schwangere Ehefrau einfach zu verlassen oder den Ehemann zu betrügen. Oder seine Eltern zu bestehlen. Oder Frau und Kinder zu verlassen, um mit einem Mann homosexuell zu leben. Oder oder oder. Das sind elementare Gebote des natürlichen Sittengesetzes, und jeder Mensch hat die erforderlichen Gnaden von Gott, diese Gebote auch zu halten. Wieviele Patienten habe ich gesehen, denen genau dies zugefügt wurde und dann mit Depression oder anderen psychischen Folgekrankheiten zu uns in Behandlung kamen, weil ihre Kräfte überschritten wurden. Die Menschen, die ihnen dies zufügen, werden nur dann in den Himmel kommen, wenn sie ihr Fehlverhalten einsehen und bereuen. Und dazu soll sie der Seelsorger führen. Denn wenn solche Leute unbekehrt = ungewandelt in den Himmel kämen, würden sie sich auch im Himmel weiter so danebenbenehmen – und dann wäre der Himmel sehr schnell kein Himmel mehr sondern bestenfalls eine zweite Erde, wenn nicht eine Hölle. Das ist gute thomistische Lehre.

Ich fühle mich zwar, wie gesagt, nicht angesprochen, wenn Sie äußern, daß die Verteidiger des rechten Glaubens „oft“ zur persönlichen Herabsetzung und Verunglimpfung neigen, möchte aber doch dem ganz entschieden widersprechen: meine durchgehende, langjährige Beobachtung in 15 Jahren bewußten katholischen Lebens ist, daß es außer demokratischen Politikern keinen anderen Berufstand gibt, der so systematisch manipuliert, lügt, verleumdet und diffamiert wie häretische Theologen und Kleriker. Ich habe  vor einiger Zeit in Theologisches eine Rezension eines von einem Kollegen verfaßten Buches veröffentlicht über dessen Erfahrungen in dem berühmten französischen Priesterseminar St. Sulpice –Heilige wie Ludwig Maria Grignion von Montfort haben dort studiert- zu der Zeit, Ende der 60er Jahre, als der nachkonziliare Zusammenbruch begann, der ja bis heute anhält. Ich lege Ihnen die Rezension bei; es sind auch für heute typische Vorkommnisse in dem Buch beschrieben.

Ich hoffe nun, auf Ihr Anschreiben überzeugend geantwortet zu haben; da Sie promovierter Theologe sind, habe ich keine Belege für meine theologischen Äußerungen angeführt, kann das aber gerne nachholen, wenn Ihnen all das zu „veraltet“ oder „rechts“ oder was auch immer erscheinen sollte. Ich gehe davon aus, daß Sie all das zumindest intellektuell kennen. Bitte nehmen Sie mich gegebenenfalls beim Wort. Falls Sie einen Zugang zum Internet haben, sind Sie sehr herzlich eingeladen, mich auf meiner Homepage www.wolfganglindemann.net zu besuchen.

Ich verbleibe mit freundliche Grüßen in dieser Osterzeit, laudetur Jesus Christus

C) Homepage von Wolfgang Lindemann aus Hamburg

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